Artikel 10. Dezember 2018

#ToxicTwitter – Hass gegen Frauen im Netz

Viele Frauen laufen bei einer Demo, eine Frau mit weißem Kopftuch in der Mitte streckt die Arme zum Klatschen in die Luft

Demonstration im Rahmen eines landesweiten Streiks von Frauen am Internationalen Frauentag. Bilbao, Spanien, 8. März 2018

Auf der ganzen Welt nutzen Menschen soziale Medien, um ihre Meinung zu äußern, zu diskutieren, Informationen auszutauschen, sich zu vernetzen. Sie können dadurch aber auch zur Zielscheibe werden. 2018 haben Frauen eindringlich darauf hingewiesen, dass ihr Recht auf Meinungsfreiheit in den sozialen Medien bedroht ist, weil sie zunehmend Gewalt und Anfeindungen ausgesetzt sind.

Amnesty International dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in den verschiedenen Regionen der Welt. Mit dem Internet ist eine neue, virtuelle Region entstanden, in der Amnesty für die Menschenrechte eintritt. Dabei geht es vor allem um das Recht auf Meinungsfreiheit. Eine Online-Plattform, die in Deutschland besonders für gesellschaftspolitische Diskussionen genutzt wird, ist Twitter.

Amnesty ­International veröffentlichte 2018 eine Studie über Gewalt und Anfeindungen im Netz ("Toxic Twitter: A toxic place for women"), die auf Interviews mit Twitter-Nutzerinnen beruht. Zahlreiche Frauen berichteten Amnesty International, dass Gewalt und Übergriffe auf Twitter florieren und dies selten geahndet wird. Ihr Recht, sich frei, gleich und ohne Angst zu äußern, wird ­dadurch stark beeinträchtigt.

Die Stimmen von Frauen werden geschwächt, denn diese Erfahrungen führen zu Selbstzensur und dazu, dass Frauen ihre Online-Kommunikation einschränken oder Plattformen wie Twitter ganz verlassen.

Ausgerechnet in dem Moment, in dem Frauen auf der ganzen Welt ihre Macht als Kollektiv nutzen, um sich öffentlich zu äußern, und ihre Stimmen mithilfe der sozialen Medien verstärken, ist Twitter nicht in der Lage, die Menschenrechte angemessen zu schützen und Gewalt und Anfeindungen wirkungsvoll zu bekämpfen. Anstatt Frauen zu ermöglichen, durch ihre Beiträge weltweit Veränderungen anzustoßen, werden viele von ihnen wieder in die Sprachlosigkeit gedrängt.

Frauen werden auf Twitter auf unterschiedliche Weise angefeindet und Gewalt ausgesetzt: Sie erhalten direkte oder indirekte Androhungen körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Aspekte ihrer Identität können zur Zielscheibe werden, z. B. durch rassistische oder transfeindliche Angriffe.

Weitere Formen der virtuellen Gewalt richten sich gegen das Recht auf Privatsphäre: Beim sogenannten Doxxing werden personenbezogene Daten zusammengetragen und ohne Zustimmung der Person veröffentlicht. In anderen Fällen werden persönliche Fotos oder Filmaufnahmen von Frauen ohne deren Einwilligung ins Netz gestellt. Ziel der Gewalt und Belästigung ist es, ein frauenfeindliches Klima im Netz zu schaffen. Frauen sollen sich schämen, eingeschüchtert, abgewertet und herabgesetzt werden und letztlich verstummen. 

Zeichnung dreier Ausrufezeichen

BEI EINER UMFRAGE IN ACHT LÄNDERN GABEN 23% DER FRAUEN AN, ONLINE-ANFEINDUNGEN ERLEBT ZU HABEN.

Amnesty hat 2018 am Beispiel von Twitter auf diese gefährliche Entwicklung in den sozialen Medien aufmerksam gemacht, die die uneingeschränkte Teilhabe von Frauen im öffentlichen Raum gefährdet. Der Bericht "Toxic Twitter" zeigt auf, in welchen Situationen Frauen zur Zielscheibe von Gewalt und Übergriffen werden.

In einigen Fällen werden sie ­angefeindet, weil sie sich deutlich zu bestimmten – oft feministischen Themen – äußern. Manchmal trifft es sie, weil sie bekannte Persönlichkeiten sind. Von Gewalt und Anfeindungen im Netz sind Menschen jeglichen Geschlechts betroffen, Frauen werden jedoch häufig in sexistischer und frauenfeindlicher Weise angegriffen.

Die Gewaltandrohungen sind oft sexualisiert und beziehen sich auf den Körper der Frau. Frauen, die in ihrem Alltag mehrfache Diskriminierung erfahren, z. B. aufgrund ihrer Hautfarbe oder einer Behinderung, geben an, dass sich Gewalt und Anfeindungen auch im Netz gegen die unterschiedlichen Aspekte ihrer Identität richten. Dies gilt auch für Menschen, die nicht den Geschlechternormen entsprechen. 

Die von Twitter aufgestellten Regeln bezüglich Hasskommentaren und Fehlverhalten sollen der Orientierung dienen und klarstellen, welches Verhalten die Firma auf ihrer Plattform akzeptiert. Die Richtlinie des Unternehmens zu Hass schürendem Verhalten ("Hateful Conduct Policy") führt viele Formen von Verstößen gegen Frauenrechte auf.

Sie nützt den Betroffenen jedoch wenig, wenn Verstöße in der Praxis nicht konsequent verfolgt werden. Viele Frauen berichteten Amnesty International, sie hätten Fehlverhalten bei Twitter gemeldet, doch habe das Unter­nehmen nicht darauf geantwortet und nichts dagegen unternommen.

Diese Mischung aus Untätigkeit und Inkonsequenz führt letztlich dazu, dass Frauen abgeschreckt werden, die Vorfälle überhaupt zu melden. Zumal die Last der Anzeige bei den Frauen liegt, die Opfer von Gewalt und Anfeindungen geworden sind. Das ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch emotional belastend.

Wenn Frauen negative Erfahrungen beim Melden eines Vorfalls machen oder andere ihnen von negativen Erfahrungen berichten, werden sie sich kaum die Mühe machen, dem Unternehmen solche Vorfälle zu melden.

Frauen haben das Recht auf ein Leben ohne Diskriminierung und Gewalt. Sie haben auch das Recht, sich frei zu äußern, und zwar sowohl offline als auch online. Wenn Frauen sich zu Selbstzensur gezwungen sehen oder mundtot gemacht werden, kann dies weitreichende negative Folgen haben: Denn es schränkt ihr Recht ein, am öffentlichen Leben teilzunehmen und sich online ungehindert zu Wort zu melden. Dies gilt insbesondere für junge Frauen und Frauen aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen. 

Twitter muss im kommenden Jahr endlich handeln, um seiner Verantwortung zum Schutz der Menschenrechte gerecht zu werden – insbesondere der Rechte auf Freiheit von Diskriminierung und Meinungsfreiheit. Das Unternehmen muss auf die Klagen der Frauen hören und konkrete Maßnahmen ergreifen, um Menschenrechtsverstößen keinen Vorschub zu leisten.

Dem bisherigen Ausmaß an Gewalt und Übergriffen gegen Frauen kann ein Riegel vorgeschoben werden. Als allererstes muss Twitter die eigene Richtlinie zu Hasskommentaren und Fehlverhalten anwenden. Das Unternehmen behauptet zwar, es dulde "kein missbräuchliches Verhalten, das eine ­andere Person belästigt, einschüchtert oder in Angst versetzt, um sie zum Verstummen zu bringen". Doch genau das sind die Erfahrungen, die viele Nutzerinnen machen.

Twitter sollte also klarer darlegen, was als Gewalt und Fehlverhalten eingestuft und wie mit Beschwerden umgegangen wird. Es sollte sehr viel mehr Eigeninitiative zeigen, um Nutzer_innen zu informieren und die Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen der Plattform bekannter zu machen.

Zum Beispiel könnte Twitter auf seiner Plattform umfassend und aussagekräftig über Form und Häufigkeit von Gewalt und Übergriffen – sowohl gegen Frauen als auch gegen andere Gruppen – informieren und transparent darstellen, wie das Unternehmen damit umgeht. 

Das würde dazu beitragen, dass Frauen sich auf Twitter sicherer fühlen und sich ohne Angst frei äußern könnten. Wenn soziale Medien wie Twitter Frauen nicht endgültig zum Schweigen bringen wollen, müssen sie endlich Maßnahmen gegen diese Probleme ­ergreifen und Online-Plattformen zu sicheren Orten für alle machen. 

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