Syrien nach Assad: Filmemacherin über Chaos und neue Freiheiten
Szene aus dem Film "5 Seasons of Revolution" (Syrien)
© No Nation Films
Im Jahr 2023 veröffentlichte eine syrische Regisseurin unter dem Pseudonym Lina den Film "5 Seasons of Revolution" (2023), der vom brutalen Ende des Arabischen Frühlings handelt. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen seit dem Sturz der Regierung Assad im Dezember 2024.
Interview: Fabian Lutz
2025 haben Sie Syrien besucht. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen?
Ich war in verschiedenen Städten und habe dort Filmaufnahmen gemacht: in Aleppo, Hama, Homs und Damaskus. Ich wollte die Orte, die ich lange nicht mehr besucht hatte, mit eigenen Augen sehen. Und natürlich wollte ich Menschen treffen, darunter meine alte Tante in Damaskus. Ich wusste nicht, ob ich sie noch einmal lebend wiedersehen würde. Es war ein Tsunami an Informationen und Emotionen. Alles traf mich mit maximaler Intensität. Ich hatte Ängste und Sorgen, war aber gleichzeitig total glücklich. Ich war überwältigt von den Veränderungen in Syrien und der Komplexität der Situation.
Hatten Sie als kritische Filmemacherin und Aktivistin keine Angst, zurückzukehren?
Nein, seitdem Assad weg ist, besteht für mich als Regisseurin keine Gefahr mehr. Ich wurde von seinen Sicherheitskräften gesucht, von niemand sonst. Als ich über die libanesische Grenze kam, gab es keine Kontrollen, auf der syrischen Seite war niemand zu sehen. Es gibt offenbar einfach andere Prioritäten. Das Land steckt im totalen Chaos. Eine Filmemacherin interessiert da niemand. Noch dazu bin ich nachts angekommen, während eines Stromausfalls. In Syrien herrscht eine große Energiekrise. Es war stockdunkel, keine Lichter oder Menschen in den Gebäuden, in denen ich sonst meinen Stempel für die Einreise bekommen hätte, nur Mondlicht, die Schatten der Gebäude und die Lichter unserer Autos. Auch viele andere Kontrollpunkte, die ich gesehen habe, waren geplündert, zerstört oder einfach verlassen. Eine Ruinenlandschaft. Ich hatte Syrien jahrelang nur in meinen Albträumen gesehen. In diesem Moment war es, als würde ich in einen Abgrund fahren. Ich habe zwei Tage gebraucht, um den Gedanken loszuwerden, dass ich gleich aufwachen würde.
Szene aus dem Film "5 Seasons of Revolution" (Syrien)
© No Nation Films
Haben Sie Syrien zusammen mit anderen Filmemacher*innen besucht?
Ich kam zwar allein, war aber nicht allein. So viele Menschen, die lange im Exil gelebt hatten, darunter viele Journalist*innen und Dokumentarregisseur*innen, sind nach Syrien zurückgeflogen. Wir mussten uns gar nicht koordinieren, wir haben uns einfach gefunden und zusammen gefilmt. In Damaskus gab es viele Diskussionsrunden, Konzerte und auch Filmvorführungen – ein wahrer Marathon kultureller Aktivitäten. Es wurden Filme gezeigt, die unter Assad verboten und zuvor nur im Ausland zu sehen waren. Die Menschen in Syrien zögern nicht, sich endlich uneingeschränkt äußern und organisieren zu können. Auch, weil sie nicht wissen, wie lange sie diese Freiheiten noch haben werden.
War "5 Seasons of Revolution" auch zu sehen?
Nein, noch nicht. Wir sind vorsichtig. Die Situation im Land ist noch sehr unsicher. Ein paar der Menschen, die im Film vorkommen, leben in Syrien und wollen dort bleiben.
Sie haben für den Film das Pseudonym Lina verwendet. Warum ist diese Anonymität wichtig?
Ich veröffentliche meine Arbeit an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Namen. Im Fall des Films geht es auch um die Sicherheit der darin gezeigten Menschen, die in dieser unsicheren Situation sehr vorsichtig sein müssen. Deshalb bleibe auch ich vorsichtig.
Planen Sie einen weiteren Film über Ihre neuen Eindrücke?
Aktuell habe ich zu viel zu tun, um ein weiteres Projekt zu starten. Ich will aber auf jeden Fall auf mein Filmmaterial zurückkommen. Einige Filmemacher*innen, die ich kenne, filmen im Moment alles Mögliche und entscheiden später, was sie mit dem Material machen. Das ist ein kluges Vorgehen, denn was du heute filmst, kann morgen verschwunden sein. Ich war im Januar 2026 noch mal in Syrien und plane eine weitere Reise für dieses Frühjahr oder den Sommer.
Was haben Sie von den Protagonist*innen Ihres Films gehört?
Die meisten sind ebenfalls zurückgekehrt – sie waren entweder zu Besuch dort oder sind sogar wieder hingezogen. Ich will sie bei meiner nächsten Reise auf jeden Fall treffen.
Denken Sie, dass Ihr Film in naher Zukunft auch in Syrien gezeigt werden kann?
Ich bin mir nicht sicher, wie ich "nahe Zukunft" definieren soll. Momentan ist die Lage nicht sehr stabil, aber es hat ja auch keine Eile. Wir achten jetzt erst einmal auf unsere eigene Sicherheit, aber ich hoffe, dass wir den Film dort in absehbarer Zukunft zeigen können.
Fabian Lutz ist freier Autor und Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Lina (Pseudonym) wurde in Damaskus geboren, studierte an der Universität Essex und arbeitet heute als Dokumentarfilmerin, Journalistin und Kamerafrau. Vor "5 Seasons Of Revolution" hat sie vier Dokumentarkurzfilme gedreht.
Zur aktuellen Menschenrechtslage in Syrien findest Du hier weitere Informationen. Über Frauenrechte und Widerstand nach Assad und die Aufarbeitung von Verschwindenlassen in Syrien kannst Du hier weiterlesen.