Ex-Kriegsgefangener aus der Ukraine: "Versuchen, ein Mensch zu bleiben"
War drei Monate lang Soldat und fast 21 Monate lang in russischer Gefangenschaft: Wladyslaw Malai, Hamburg, Winter 2026
© Sitara Celina Rajh
Wladyslaw Malai war Student in Mariupol, als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff. Er meldete sich freiwillig zur Armee. Dann geriet er in Gefangenschaft und erlebte die Hölle. Nun ist er in Hamburg und versucht, ins Leben zurückzufinden.
Aus Kyjiw und Hamburg von Keno Verseck, Fotos: Sitara Celina Rajh
An einem kalten Winterabend kurz nach Neujahr sitzt Wladyslaw Malai in Militärkleidung in seiner Wohnung in Hamburg. Er hat Tee gemacht, Gebäck steht auf dem Tisch, es ist gemütlich warm. Durch die Fenster blickt man in einen verschneiten Garten. Eine schöne Winteridylle. Malai ist mit seinen Gedanken woanders. Er ist bei seinen Kameraden in der Ukraine, an der Front. "Ich denke die ganze Zeit an sie", sagt er. "Ich will zu ihnen."
Am Tisch sitzt eine ukrainische Aktivistin, die ihn unterstützt. Sie sagt, sie verstehe ihn. Aber er müsse erst operiert werden, damit die Granatsplitter endlich aus Kopf, Hals und Körper herauskämen. Und er müsse in der Physiotherapie ein Gymnastikprogramm betreiben. Für seine Schulter und seine Knie. Malai nickt. "Du hast recht", sagt er, und lächelt bitter: "Gymnastik. Aber nicht so wie dort." Mit der "dortigen Gymnastik" meint Malai die Folter bei Verhören in russischen Gefängnissen.
Jura in Mariupol
Wladyslaw Malai, geboren im Jahr 2000, stammt aus der südostukrainischen Stadt Mariupol. Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, studierte er dort Jura. Am 24. Februar, dem ersten Tag des Krieges, meldete er sich als Freiwilliger bei der ukrainischen Armee. Militärische Erfahrung hatte er nicht. Als Soldat kämpfte er erst in verschiedenen Teilen der Stadt. Später gehörte er zu den Verteidigern des Stahlwerks Asow. Am 20. Mai 2022 war er unter den letzten ukrainischen Soldaten im Stahlwerk, die sich ergaben und in Gefangenschaft amen. Fast 21 Monate verbrachte er in russischen Gefängnissen. Am 8. Februar 2024 wurde er im Zuge eines Gefangenenaustauschs freigelassen und kehrte in die Ukraine zurück.
Seit 2022 kamen bei solchen Austauschen zwischen der Ukraine und Russland mehrere Tausend ukrainische Soldaten frei. In der ukrainischen Öffentlichkeit gehören die Austausche und die Kriegsgefangenschaft zu den Themen, die die Menschen emotional bewegen. Bilder von ausgemergelten Soldat*innen, die unter Tränen mit Angehörigen sprechen, zählen zu den ergreifendsten Szenen des Krieges. Die Behandlung ukrainischer Kriegsgefangener ist in den Augen der Ukrainer*innen zu einem Synonym für die Menschenrechtsverletzungen Russlands geworden. Doch die meisten ehemaligen ukrainischen Kriegsgefangenen sprechen in der Öffentlichkeit kaum über das, was ihnen angetan wurde.
Wladyslaw Malai ist einer der wenigen, der sprechen möchte. Nicht über alles, und nicht auf einmal. Es braucht Zeit, es braucht Vertrauen. Aber Malai möchte seine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der für seine Entscheidung, sein Land zu verteidigen, einen unvorstellbar hohen Preis bezahlte. Und der dennoch sagt: "Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn ich abgehauen wäre, statt zu kämpfen."
Drei Monate Stadtverteidigung
Malais Vater arbeitete in Mariupol als Energietechniker im Stahlwerk Asow, seine Mutter als Lehrerin an einer Schule. Er und sein jüngerer Bruder besuchten ein Gymnasium. Nach dem Abitur begann Malai mit dem Studium. Er wollte später Finanzjurist werden. In der Familie wurde lange Zeit Russisch gesprochen. Dennoch, sagt Malai, habe er sich immer als Ukrainer verstanden. Ein tiefer Einschnitt sei für ihn das Jahr 2014 gewesen, als Russland die Krim annektierte und der Krieg im Osten der Ukraine begann. Auch in Mariupol gab es damals Kämpfe. "Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass sie sich das Recht nehmen, uns einfach zu überfallen", erzählt Malai. Er habe schon damals geahnt, dass weitere Angriffe folgen würden.
In der Nacht des 24. Februar 2022 habe er nicht geschlafen, erinnert er sich. "Ich saß frühmorgens am Laptop und wurde von Explosionen aufgeschreckt. Ich malte mir aus, was passieren würde, wenn die Russen in die Stadt kommen. Ich dachte daran, wie sie in unser Haus kommen. Es war eine schreckliche Vorstellung. In dem Augenblick entschied ich, mich als Freiwilliger zur Armee zu melden."
Malai wurde der Territorialverteidigung zugeteilt, den lokalen Verbänden der Reservist*innen und Freiwilligen. Er erhielt eine kurze Einweisung, eine Waffe und das Kommando über einen Trupp von acht Leuten, die eine Kreuzung an einer großen Busstation bewachen und verteidigen sollten. Seiner Mutter hatte er nichts gesagt, seinem Vater die Entscheidung in festem Ton mitgeteilt. "Mein Vater versuchte, mir das Ganze auszureden, aber dann sagte er auch: 'Ich bin stolz, einen Sohn wie dich zu haben'", erzählt er. "Dieser eine Satz meines Vaters hat mir geholfen, die Zeit der Gefangenschaft zu überleben."
Die Folgen von Misshandlung und Folter begleiten Wladyslaw Malai noch länger.
© Sitara Celina Rajh
Wenn Malai von den drei Monaten der Stadtverteidigung berichtet, dann hat er Mühe, chronologisch und geordnet zu sprechen. Stockend erzählt er von Kellern voller Menschen, die bei einem Bombardement einstürzten, von einer toten Schwangeren, von unmenschlichen Schreien brennender Menschen, vom Geruch der Verwesung, von Zivilpersonen, die in "humanitären Korridoren" von Russen erschossen wurden. Und er erzählt, wie er sich selbst Granatsplitter aus Armen und Beinen zog, wie er russische Soldaten im Kampf erschoss und Panzer sprengte, wie das Stahlwerk Stück für Stück in Schutt und Asche geschossen und gebombt wurde. "Ich habe in diesen Monaten das Gefühl für die Zeit verloren", sagt er. "Sie kommen mir vor wie ein einziger endloser Tag."
500 Leute in einer Baracke für 150
Wladyslaw Malai ist fast zwei Meter groß. Er ist stämmig, hat eine tiefe Stimme. Manche seiner Kameraden sagen über ihn, dass er sehr mutig sei und auch ein wenig verrückt, weil er trotz vieler Verletzungen weitergekämpft habe. Für ihn ist die Verteidigung Mariupols weder eine Helden- noch eine Antikriegsgeschichte. Er erzählt, dass er vor dem Bösen nicht kapitulieren wollte. Er hätte weitergekämpft bis zum Tod, sagt er. Doch das Oberkommando der Streitkräfte gab Mitte Mai 2022 den Befehl zur Kapitulation. Am 20. Mai ergaben sich die letzten 531 Soldaten aus dem Stahlwerk, darunter Malai. Russland hatte zugesichert, sie gemäß der Genfer Konvention für Kriegsgefangene zu behandeln. Er habe kein Wort geglaubt, sagt Wladyslaw Malai. Er sollte recht behalten.
Er kam anfangs in das berüchtigte Lager Oleniwka in der von Russland besetzten Region Donezk, ein Lager, das wegen eines Massakers an ukrainischen Gefangenen im Juli 2022 weltweit bekannt wurde. "Wir waren dort 500 Leute in einer Baracke für 150", erzählt Malai. "Es gab keine Betten, wir schliefen auf dem Boden, wo gerade Platz war. Die Toilette bestand aus einem Loch. Zu essen bekamen wir einmal am Tag ein ekelhaftes Stück Brot und heißes Wasser mit ein paar Kartoffelstückchen darin." Sie seien in Oleniwka häufig verhört worden, sagt Malai. "Wir wurden dabei oft geschlagen, aber so, dass keine Spuren blieben. Man merkte, dass sie das trainiert hatten. Ich denke, das waren Leute vom russischen Geheimdienst."
Vor und nach den brutalen Verhören betete Wladyslaw Malai.
© Sitara Celina Rajh
Anfang Juli 2022 wurde er in ein anderes Gefangenenlager verlegt. Malai möchte nicht sagen, welches es war – er fürchtet Nachteile für Kamerad*innen, die er noch dort vermutet. Aber er erzählt von der Hölle, die er dort durch- und schließlich überlebte, von den fast täglichen Gewalttaten und der Folter bei Verhören, vom Gang durch Spaliere aus prügelnden Wärtern und bissigen Hunden, von Schlägen, Elektroschocks und Waterboarding, von vermummten Schlägertrupps und extrem gewalttätigen Durchsuchungen der Häftlingsbaracken. Seine Worte sind kaum zu ertragen. "Dort kann man lernen, wie Menschen gebrochen werden", sagt Malai.
Er habe die Taktik gewählt, sich in Verhören als einfältiger junger Mann auszugeben, der zufällig ins Asow-Stahlwerk geraten sei und dort niemanden gekannt habe. "Wenn ich zu den Verhören musste, habe ich jedes Mal gebetet. Es waren die inständigsten Gebete, die ich jemals gesprochen habe. 'Bitte, lieber Gott, mach, dass es heute nicht so grausam wird und dass ich durchhalte!' Und wenn es vorbei war, habe ich wieder gebetet, und ich war jedes Mal unfassbar froh, dass ich wieder nichts gesagt hatte."
"Wozu das alles?"
Nach dem Gefangenenaustausch im Februar 2024 kam Malai für drei Monate in ein Krankenhaus in Kyjiw. Auf Anraten ukrainischer Ärzte schickte ihn die Armee zu einem längeren Rehabilitationsaufenthalt nach Hamburg, wo er zusammen mit anderen verletzten Soldat*innen und ehemaligen Kriegsgefangenen medizinisch und psychologisch versorgt wird. Er wartet auf mehrere Operationen an Kopf, Hals und Knie. Außerdem ist er wegen einer Teillähmung der rechten Schulter, wegen Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung, sowie einer Posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlung.
Manchmal spricht Malai darüber, wie ihn der Krieg und die Gefangenschaft verändert haben. Er sagt: "Das Schlimmste ist die Gewalt und dass es so schwer ist, sie aus dem Kopf zu bekommen. Man muss versuchen, ein Mensch zu bleiben." Manchmal spricht er darüber, dass er nichts bereut.
Hat Russland ihn gebrochen? Wie kann man nach solchen Erfahrungen in Gefangenschaft weiterleben? Malai sagt: "Nein, solange ich dort gefangen war, haben sie mich nicht gebrochen. Beim Austausch kam ein Augenblick der Euphorie." Er stockt. "Und dann kommt der Moment, in dem man nichts mehr versteht. Und manchmal auch nicht mehr leben möchte. Ich wollte mein Land verteidigen. Und deswegen haben sie mir das angetan. Warum? Wozu das alles?"
Er schweigt. Es ist erdrückend. Dann setzt er neu an und sagt: "Ich …" Er stockt wieder und macht eine Geste, die besagt, dass es nun besser ist, das Aufnahmegerät auszuschalten.
Keno Verseck ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder. Zur Menschenrechtslage in der Ukraine findest Du hier weitere Informationen.