Amnesty Journal Türkei 26. April 2026

Türkei: Sexualisierte Gewalt in Textilfabriken – Frauen wehren sich

Frauen sitzen an Nähmaschinen in einer Textilfabrik, sie tragen Kopftücher.

Gewalt und Belästigung nicht ausgeschlossen: Näherinnen in einer türkischen Textilfabrik

Sexualisierte Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz kommen in türkischen Textilfabriken häufig vor: Fast jede zweite von 100 befragten Arbeiterinnen ist betroffen. Doch manche Arbeiterinnen beginnen, sich zu wehren.

Aus Malatya Özlem Temena und Carmen Maiwald

Emine Aslan* kann sich an das Gesicht von Hüseyin* nicht mehr erinnern. Nicht mal mehr schemenhaft. Ganz so, als hätte sie sein Gesicht aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Muss sie heute an ihn denken, sieht sie "eine kleine, mickrige Ratte" vor sich, sagt Aslan. 

Emine Aslan arbeitete in einer Textilfabrik in Malatya, einer Großstadt im Osten der Türkei. Hüseyin war ihr Kollege. Ein Vorarbeiter. Drei Jahre lang arbeitete Aslan in der Jeansfabrik, bis sie keinen anderen Ausweg mehr sah als zu kündigen. Über Monate folgte ihr der Vorarbeiter überallhin. Sie standen gemeinsam an der Packstation, warteten in derselben Schlange in der Kantine, aßen am selben Tisch. "Er war immer in meiner Nähe", sagt Aslan. 

Aslans Geschichte ist eine Geschichte über Macht: über Körper, Arbeit, Existenz. Viele Frauen in der Türkei teilen diese ­Geschichte – vor allem diejenigen, die in Textilfabriken arbeiten.

Überstunden und niedrige Löhne

Die türkische Textilindustrie beschäftigt rund eine Million Menschen, etwa die Hälfte davon sind Frauen. Berichte zeigen seit Jahren, dass diese Arbeit geprägt ist von Überstunden, niedrigen Löhnen und mangelndem Arbeitsschutz. Dennoch boomt das Geschäft. Die Türkei zählt zu den größten Bekleidungslieferanten weltweit, Deutschland ist ein wichtiger Abnehmer: 2024 war die Türkei nach China und Bangladesch das drittwichtigste Herkunftsland für Kleidung in Deutschland. Doch während immer mehr Mode verkauft wird, bleiben die Bedingungen in den Fabriken unverändert schlecht.

Wie schwierig die Arbeit für Frauen ist, zeigt erstmals eine Studie im Auftrag der türkischen Textil- und Lederarbeitergewerkschaft Birtek-Sen, an der eine der Autorinnen dieses Artikels, Özlem Temena, beteiligt war. Mehrere Monate lang wurden dafür 116 Textilarbeiterinnen in Südostanatolien zu ihren Arbeitsbedingungen interviewt. Mehr als 42 Prozent der Befragten berichteten, dass sie am Arbeitsplatz bereits von Männern belästigt worden seien. Fast jede zweite Frau. 

Emine Aslan ist eine von ihnen. Sie trägt an diesem Morgen im Dezember ­einen roten Strickpullover mit einem ­Pinguin auf Skiern. Aslan lebt in Malatya, wo im Winter oft wochenlang Schnee liegt. Heute ist es ungewöhnlich mild. Zur Begrüßung kommt sie in Schlappen aus ihrem Container gelaufen. Malatya wurde 2023 besonders hart von Erdbeben getroffen. Aslans Zuhause wurde unter Schutt begraben. Seither lebt sie mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann auf 21 Quadratmetern in einer Box aus Stahl.

Eine Frau sitzt in der Küche eines Wohncontainers, sie trägt Kopftuch.

Sie sorgte dafür, dass ihr Peiniger entlassen wurde: Emine Aslan* in der Küche ihres Wohncontainers.  

Aslan hat Tee gekocht und wendet Börek in ihrer einzigen Pfanne. Ihre Stimme ist laut wie krachender Donner. Doch als sie beginnt, ihre Geschichte zu erzählen, klingt sie fast ein bisschen heiser. In ihren letzten Monaten in der Fabrik begann Aslan jeden Arbeitstag auf die gleiche Weise: Vor Schichtbeginn nahm sie den Bus. Sie stieg aus, verband ihr Handy mit kabellosen Kopfhörern, rief eine Kollegin an, wartete, bis diese sich am anderen Ende meldete, versteckte den Knopf im Ohr unter ihrem Hijab und betrat erst dann die Fabrik. Telefonieren war während der Arbeit verboten. Doch die Frauen nutzten ihre Handys nicht zum Plaudern, sondern zum Schutz.

In den dunklen Ecken der Fabrik

Es habe mit Blicken angefangen, erzählt Aslan. Und auf die Blicke folgten die ersten Sprüche des Vorarbeiters: "Soll ich dir Blumen kaufen?", "Wenn dir warm ist, dann kann ich dich ausziehen." Und irgendwann: "Was ist unter deinem Rock?" Der Mann folgte ihr überallhin, bis zur Toilette, in die dunklen Ecken der Fabrik – und bedrängte sie dort.

Während Emine Aslan erzählt, spült sie hastig Geschirr in der engen Küche ­ihres Zuhauses. Ihre Hände kommen nicht zur Ruhe, so als mache das Schrubben die Erinnerungen erträglicher. 

Eines Nachts nach ­ihrer Schicht hat Aslan ihre erste Panikattacke. "Es war dunkel auf dem Nachhauseweg, und auf einmal habe ich gedacht: Vielleicht kann er mir folgen", sagt Aslan. Der Vorarbeiter hatte sich längst in ihre Gedanken ­geschlichen. Aslan lief los, stürzte und schlug sich das Knie auf. "Auch wenn er nicht da war, hatte ich Angst. Ich konnte nicht mehr schlafen", sagt Aslan. Der Vorarbeiter hatte ihre Träume in Alpträume verwandelt. "Ich hatte nie zuvor so etwas erlebt", sagt Aslan: ­"Eigentlich habe ich immer noch Angst." Der Vorarbeiter hatte ihr die Leichtigkeit genommen. 

Den Vorarbeiter mit den Vorwürfen der Belästigung zu konfrontieren, ist Emine Aslan bis heute nicht möglich. Zu groß ist ihre Angst, dass er sich rächen könnte. Er steht stellvertretend für ein System, das größer ist als ein einziger Täter.

Aslan entschied, ihrem Mann von den Übergriffen zu erzählen, und meldete sie beim Management der Textilfabrik. Doch es passierte nichts. Der Vorarbeiter blieb überall, wo Aslan war. Das war der Zeitpunkt, an dem Emine Aslan drei Paar Bluetooth-Kopfhörer kaufte. Eines für sich, zwei für Kolleginnen. Sobald sich der Vorarbeiter einer Kollegin näherte, schlug sie am Telefon Alarm. Die anderen Frauen eilten dann sofort herbei. Wenn ein Mann einer Frau zur Toilette folgte, stellten sie sich ihm in den Weg. Mit den Bluetooth-Kopfhörern unter ihren Hijabs bauten die Frauen ein eigenes Warnsystem auf. "Es ist eine Überlebensmethode", sagt Aslan. "Wir mussten sie finden. Du weißt nie, was dir passieren kann."

Keine Fabrik in der Türkei ist ein sicherer Ort für eine Frau.

Esmer
Özer
Juristin
Eine junge türkische Frau mit Kopftuch, Brille, Lederjacke, Wollpulli.

Unterstützt von Übergriffen betroffene Arbeiterinnen: Juristin Esmer Özer

#MeToo machte 2017 weltweit sichtbar, wie verbreitet sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch sind, und ermu­tigte Betroffene erstmals, massenhaft ­öffentlich zu sprechen. In den Medien ­dominierten dabei vor allem Fälle aus ­öffentlichkeitsnahen Branchen wie der Film-, Kultur- und Medienwelt, in denen prominente Namen Aufmerksamkeit garantierten. Dagegen blieben Übergriffe in weniger glamourösen, oft prekären Arbeitsfeldern wie der Textilindustrie weitgehend unsichtbar, obwohl strukturelle Abhängigkeiten dort die Gewalt und den Machtmissbrauch besonders fördern. 

"Keine Fabrik in der Türkei ist ein sicherer Ort für eine Frau", sagt die Juristin Esmer Özer. Sie arbeitet mit der Textil­gewerkschaft Birtek-Sen zusammen und unterstützt Arbeiterinnen, die Arbeitsrechtsverstöße und sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz erleben. Übergriffe seien keine Ausnahme, sondern Teil eines Systems, sagt Özer. Und das System schütze die Täter. Es fehle an Beweisen, heiße es meist von Vorgesetzten, wenn Frauen die Übergriffe meldeten, doch wüssten die männlichen Kollegen genau, in welchen Bereichen der Fabriken keine Kameras hingen und wo niemand hinschaue. 

Viele Frauen schweigen aus Angst

Hinzu kommt laut Özer fehlendes Vertrauen in die Justiz. Die Mitarbei­ter*in­nen der Behörden seien häufig nicht geschult, sondern geprägt von misogynen Haltungen der Gesellschaft. Gewalt gegen Frauen werde häufig als private Angelegenheit abgetan. Viele Frauen würden deshalb schweigen – aus Angst vor einer Justiz, die sie nicht als Opfer sieht, sondern allenfalls als fragwürdige Zeuginnen oder, schlimmer noch, als die Schuldigen, weil sie angeblich zu kokett seien und Männern Hoffnung machten, weil sie die falsche Kleidung trügen oder zu viel Make-up. 

Sevin Elibol, rahmenlose Brille und ­tätowierte Augenbrauen, arbeitet bereits seit zehn Jahren in der Textilindustrie, drei davon in derselben Fabrik wie Emine Aslan. Was Aslan über den Vorarbeiter ­erzählt, kann sie bestätigen. Irgendwann schrie Elibol laut, als sie sah, wie Aslan ­belästigt wurde. "Hör auf zu schreien", riefen damals manche Kollegen. "Dich belästigt niemand, du bist hässlich, du siehst aus wie ein Mann."

"Belästigung geht oft von Vorgesetzten aus, sie fühlen sich sicher, denn die Frauen sind ihnen ausgeliefert. Sie entscheiden darüber, ob wir unsere Jobs verlieren oder nicht", sagt Elibol. Ein anderer Teamleiter habe Nacktfotos von Kolleginnen auf seinem Handy herumgezeigt. Heute sagt Elibol neuen Kolleginnen: ­"Beschwer dich. Ich stehe hinter dir." Die meisten tun es trotzdem nicht. Sie haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie die Fälle melden, oder einen Eintrag auf der staatlichen digitalen Verwaltungsplattform e-Devlet zu bekommen. 

E-Devlet, auf Deutsch elektronischer Staat, sammelt fast alle persönlichen Daten einer Person – von Ausweis, Adresse und Familienstand über Gesundheitsakten bis hin zu Arbeitsverhältnissen und Gewerkschaftszugehörigkeit. Offiziell soll das Portal die Verwaltung erleichtern, doch Arbeitgeber*innen lassen sich die Profile vor einer Neueinstellung zeigen, berichten die Arbeiterinnen. Bestimmte Zahlenkombinationen im Profil, so sagen sie, geben Rückschlüsse auf das Sozialverhalten. Vorgesetzte vergeben Codes bei "unmoralischem Verhalten", bei Streit, Diebstahl, Fehlern. Diese Codes würden an die Sozialversicherungsanstalt gemeldet und tauchten anschließend im digitalen Profil auf. Mit bestimmten Codes sei es unmöglich, eine neue Anstellung zu finden. So richten die Unternehmen, sie sprechen ein Urteil. Unter den Arbei­ter*in­nen gelten manche Zahlenkombinationen als "sozialer Tod". 

Eingeschränkte Toilettenpausen

In Fatma Demirs* Akte steht der Zahlencode "45". Die 44-Jährige hat an ihrem Kühlschrank in ihrer Küche in Malatya ­einen Familienstammbaum aus Foto­magneten arrangiert: ihre drei Kinder, die Großeltern, ihr Ehemann – sogar die Hauskatze. Sie und Aslan umarmen sich wie Schwestern. Zehn Jahre lang nähte Demir Gesäßtaschen an Jeans – in derselben Fabrik, in der auch Aslan arbeitete. "Sie haben meine Jahre gefressen", sagt Demir, als sie an ihrem Küchentisch sitzt. Einige Jahre lang ist sie gemeinsam mit Aslan morgens im Bus zur Fabrik gefahren. Dann musste Demir die Fabrik verlassen. Sie wurde gefeuert und in ihrer Akte tauchte die Nummer "45" auf, angeblich wegen ­eines Streits, den sie ­angezettelt haben soll. Demir ist sich hingegen sicher, dass ihr die Nummer anhaftet, weil sie sich über die Arbeitsbedingungen beschwerte. 

"Wir mussten ständig für alles um ­Erlaubnis bitten, selbst für den Gang zur Toilette", erzählt Demir. Teamchefs hätten die Zeit gestoppt und sich beschwert, wenn Frauen wegen ihrer Periode mal länger brauchten. In der Studie zu den ­Arbeitsbedingungen in der südostanatolischen Textilindustrie gaben 74 Prozent der befragten Textilarbeiterinnen an, dass ihre Toilettenpausen eingeschränkt wurden. 

"Es ist kein Leben für uns Frauen in den Fabriken. Wir existieren dort nur", sagt Demir. Einmal wartete sie morgens am Drehkreuz des Fabrikeingangs und sah, wie ein Kollege einer Frau ans Gesäß fasste. Die Frau schrie, doch niemand half ihr. Von da an sei es der Frau sehr schlecht gegangen, sie sei beim Warten in der Schlange vor dem Drehkreuz immer nervös gewesen und habe sich ständig umgedreht, um sicherzugehen, dass kein Mann hinter ihr stand. 

Angst und Scham

"Oft sprechen die Frauen von einer Freundin, die etwas erlebt habe", sagt die Juristin Esmer Özer: "Und irgendwann ­sagen sie dann: Diese Freundin bin ich." In konservativen Regionen der Türkei wie Malatya sei es für Frauen besonders schwierig, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, weil Jungfräulichkeit und gesellschaftliche Ehre wichtig seien und die Scham und Angst vor ­gesellschaftlicher Ausgrenzung daher ­besonders groß. Mehr als die Hälfte der Frauen, die in der Umfrage angaben, ­belästigt worden zu sein, entschieden, die Vorfälle nicht zu melden.

Eine lange Gasse zwischen Wohncontainern, in der ein Kind mit einem Dreirad spielt.

Leben in der Box: Eine Containerstadt, die in Malatya nach den schweren Erdbeben errichtet wurde.

In den vergangenen Jahren habe die Regierungspartei AKP Strukturen geschaffen, die Frauen unterdrückten, sagt Özer. Dazu zählten der Austritt des Landes aus der Istanbul-Konvention des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, zunehmender Druck auf Frauenorganisationen und die Infragestellung des Gewaltschutzgesetzes 6284 zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Die Fabriken seien eine Türkei im Kleinformat: konservativ, patriarchal, von klaren Machtverhältnissen geprägt. 

"Es braucht mehr politischen Druck auf die Türkei, damit menschenrechtliche Standards entlang der Lieferketten eingehalten werden", fordert Carmen Traute von Amnesty International Deutschland. Gewerkschaften dürften nicht behindert werden, denn sie seien oft die einzigen Schutzorte für Frauen. Doch hat die Europäische Union gerade erst ihre Lieferkettenrichtlinie zum Schutz von Menschenrechten noch vor dem Inkrafttreten deutlich abgeschwächt. Übrig geblieben sind minimale Einflussmöglichkeiten für Betroffene und maximale Freiheit für Unternehmen. 

Ein aktueller Amnesty-Bericht zeigt, wie Textilarbeiter*innen weltweit unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten, bedroht und eingeschüchtert werden – und wie sehr internationale Modemarken von dieser systematischen Ausbeutung profitieren. 

Emine Aslan fand drei weitere Frauen, die der Vorarbeiter belästigt hatte. Sie sammelte Zeugenaussagen und ging ­damit erneut zum Management. Nach Monaten der Schikanen wurde der Mann schließlich gefeuert. Aslan konnte aber trotzdem nicht in der Fabrik bleiben. Selbst als der Vorarbeiter längst nicht mehr in ihrer Nähe war, hatte sie immer noch Angst. Sie kündigte, trat einer Gewerkschaft bei und klärt seither Frauen über Belästigung auf. "Ich habe selbst erst nicht verstanden, was mir da geschieht. Anderen Frauen soll es nicht so gehen. Sie sollen wissen, dass sie nicht allein sind", sagt sie. Emine Aslan hat #Metoo in die Textilfabriken von Malatya geholt. 

*Namen von der Redaktion geändert

Weitere Informationen zum Thema Frauenrechte findest du auf der Website der ehrenamtlichen Amnesty-Themengruppe "Menschenrechtsverletzungen an Frauen". Hier gibt es mehr Informationen zu Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie.

Weitere Artikel