Amnesty Journal Afrika 08. Mai 2026

Afrika: KI-Fakevideos mit Prominenten stärken autoritäre Machthaber

Der Präsident Burkina Fasos, Ibrahim Traoré, trägt die ikonische Mütze, die an Che Guevara erinnert, ein Beret – hinter ihm stehen Menschen und weht eine Flagge.

Echtheit ist Nebensache: In Videoclips wird der Präsident Burkina Fasos, Ibrahim Traoré, als Heilsbringer gepriesen.

Afrikanische Machthaber nutzen KI-generierte Videos von Prominenten, um für sich zu werben. Obwohl die Clips klar als Fälschungen zu erkennen sind, erreichen sie Millionen Menschen.

Von Frank Odenthal

Der alte Herrscher besteigt unter dem Jubel seines Volkes einen Hügel. Bei Sonnenuntergang schweift sein Blick über das weite Land. Oben wartet schon sein Nachfolger. Auf Knien nimmt er den Segen des Macht­habers entgegen, der ihm nicht nur das Land, sondern auch all seine Macht zu übertragen scheint.

Was wie eine Szene aus dem Disney-Trickfilm "Der König der Löwen" anmutet, ist die Anfangssequenz eines Musik­videos, in dem die US-Superstars R. Kelly und Rihanna dem Präsidenten von Burkina Faso, Ibrahim Traoré, huldigen. Doch etwas unterscheidet das Video von dem Hollywoodfilm: Im Hintergrund steigen Rauchsäulen auf, Explosionen und bedrohlich wirkende Männer in Uniformen säumen die Straßen, immer wieder sind Maschinengewehrsalven zu hören. Traoré erscheint angesichts dessen als eine Art Lichtgestalt, als Heilsbringer. 

Bedürfnis nach starkem Anführer

Das Video ist eine Fälschung. Ibrahim Traoré putschte sich im September 2022 in dem westafrikanischen Staat an die Macht. Er kokettiert offen damit, in die Fußstapfen des ehemaligen Präsidenten Thomas Sankara treten zu wollen, der nach seiner Ermordung 1987 als "afrikanischer Che Guevara" verklärt wurde und vielen noch heute als politisches Vorbild gilt. Traoré übernahm das Markenzeichen des Revolutionärs, das markante rote Beret. Und wie Sankara steht auch er für einen Panafrikanismus, der den gesamten Kontinent dazu aufruft, die Abhängigkeiten von den ehemaligen Kolonialmächten hinter sich zu lassen.

Clips wie diese wenden sich vor allem an ein junges Publikum, sagt Alphonce Shiundu. Er arbeitet in Nairobi für die Nichtregierungsorganisation Africa Check, die den Wahrheitsgehalt von Veröffentlichungen im Internet überprüft. "Viele junge Menschen romantisieren Sankara und sehen in Traoré einen legitimen Nachfolger. Für sie ist er ein Hoffnungsträger." Die KI-generierten Videos stillen laut Shiundu ein Bedürfnis nach einem starken Anführer, der die Jugend in eine bessere Zukunft führt. Denn von den alten, korrupten Eliten versprechen sie sich nichts mehr. Dass die Videos auf Englisch sind, was in Burkina Faso nur von wenigen gesprochen wird, weil Französisch die offizielle Amtssprache ist, schmälert ihre Wirkung nicht. "Sie lassen sich in den sozialen Medien problemlos untertiteln, sodass die Inhalte trotzdem verstanden werden", sagt Shiundu. 

144 Millionen Aufrufe

Das Musikvideo von R. Kelly und Rihanna ist bereits auf den ersten Blick als Fälschung zu erkennen: Die Köpfe der US-Popstars wurden nachträglich hineinkopiert, die Bewegungen wirken unnatürlich, und selbst Traoré ist KI-generiert. Die Macher sprechen auf ihrem anonym betriebenen YouTube-Kanal von "emotional storytelling". Sie setzen bewusst auf Stars der Popkultur, um Emotionen zu wecken und speziell die junge Generation zu erreichen. Im Netz haben Clips wie dieser längst ein Millionenpublikum, auch jenseits der Landesgrenzen von Burkina Faso. "Einen wie Traoré brauchen wir auch in unserem Land", heißt es in Kommentaren von User*innen aus Nigeria, Uganda, Namibia, dem Senegal.
Sogar der Papst gibt seinen Segen

Der Erfolg der Fake-Videos ist anderen afrikanischen Machthabern nicht verborgen geblieben. In Mali lässt sich Assimi Goita, der 2021 durch einen Militärputsch an die Macht kam, von Beyoncé als Befreier des Volkes feiern. Und im krisengeschüttelten Sudan präsentieren sich die Anführer beider Bürgerkriegsparteien mittels gefälschter Videos als einzig legitime Führer des Landes. Das US-amerikanische New Lines Magazine machte Hunderte KI-generierte Videos dieser Art im Netz ausfindig. Auf YouTube stießen die Journalist*innen allein für Ibrahim Traoré auf 560 Videoclips mit insgesamt mehr als fünf Millionen Zuschauer*innen. Und auf Tiktok kamen die oben genannten ­Potentaten insgesamt auf 144 Millionen Aufrufe.

Die Machthaber selbst geben dabei in der Regel nur den Anstoß, sagt die ugandische Journalistin Jan Ajwang, die für Media Focus on Africa Fake-Videos untersucht. "Der Großteil sind aufwändig produzierte Fan-Videos, die dann viral gehen. Inwieweit Politiker darauf noch Einfluss nehmen, ist unklar."
Von dem eingangs beschriebenen ­Video sind inzwischen Varianten mit weiteren Prominenten im Netz verfügbar – natürlich ohne deren Einverständnis: Auch Justin Bieber, Eminem, Ed Sheeran, Céline Dion oder der längst verstorbene Tupac huldigen dem burkinischen Präsidenten. In einem Clip gibt sogar der Papst Ibrahim Traoré seinen Segen. Bislang sind die Betroffenen nicht juristisch gegen die Fälschungen vorgegangen.

Die Jugendlichen sollen sich fragen: Wieso sehe ich diesen Clip? Wem nützt das?

Alphonce
Shiundu
Africa Check

Dass vor allem Diktatoren und Militärführer mit solchen Videos ihre Machtansprüche untermauern und sich zu Idolen der Jugend aufschwingen, ist fatal: Jungen Menschen werden damit autori­täre Rollenbilder vermittelt. Die Macht­haber reklamieren für sich das Recht des Stärkeren. "Wenn ich Jugendlichen in Kenia von den Folterkammern erzähle, die es hier vor 20 Jahren gab, sagt ihnen das nichts", stellt Alphonce Shiundu fest. "Sie wurden in einer Zeit geboren, in der es normal ist, seine Meinung auf Facebook, Twitter und Tiktok frei zu äußern. Die dunklen Zeiten haben sie nicht erlebt." Umso wichtiger sei es, junge Menschen dafür zu sensibilisieren, dass nicht jede Person, die im Internet als Vorbild präsentiert wird, auch wirklich zum Vorbild taugt, sagt Shiundu. In seiner Heimat Kenia beobachtet er, wie Politinfluencer*innen die Regierung schlecht redeten und Jugendliche aufforderten, sich vom Westen ab- und sich stattdessen China zuzuwenden, das in Afrika Straßen baue und Industrie ansiedele. Menschenrechts­verletzungen und mangelnde Freiheit in China würden nicht thematisiert. 

KI-Workshops in Schulen

Africa Check arbeitet in mehreren Ländern des Kontinents. Die Teams bieten in Schulen Workshops an, in denen ­Jugendliche lernen, wie sie KI-generierte Clips erkennen und von authentischem Material unterscheiden können. "Wir wollen, dass sie eine kritische Haltung entwickeln. Sie sollen lernen, Fragen zu stellen: Wieso sehe ich diesen Clip? Was bewirkt er bei mir? Werde ich wütend? Stelle ich Dinge infrage? Wem nützt das?" Die jungen Menschen müssten sich ihrer emotionalen Verfasstheit bewusst werden, sagt Shiundu, denn nur dann könnten sie das Gesehene richtig einordnen.

Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz gehen jedoch nicht nur Jugendliche gefälschten Meldungen auf den Leim. Das zeigte sich im Februar 2025 in Kenia: Dort verschickte ein Staatssekretär des Außenministeriums ein Video, das vorgab, vom Nachrichtensender CNN zu stammen. Der gefälschte Beitrag pries das Eingreifen Kenias in den Bürgerkrieg im benachbarten Sudan. Die Täuschung flog auf, die Regierung war blamiert, und der Staatssekretär musste sich öffentlich entschuldigen. 

Frank Odenthal ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Zur allgemeinen Menschenrechtslage in Afrika kannst Du Dich in diesem Amnesty-Bericht informieren.

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