Amnesty Journal Russische Föderation 02. Mai 2022

"Salam" heißt Frieden

Eine ältere Frau mit grauen Haaren trägt ein Kleid und eine Halskette; sie sitzt an einem Schreibtisch und unterhält sich; an ihrer rechten Hand trägt sie einen Ring; hinter ihr auf einem Regal stehen gerahmte Fotos.

Swetlana Gannuschkina im August 2021 in Moskau

Swetlana Gannuschkina ist eine der führenden Persönlichkeiten der russischen Menschenrechts­bewegung. Seit mehr als 30 Jahren setzt sie sich für Flüchtende ein, nun stellt sie sich in Moskau gegen den russischen Angriffskrieg.

Von Bernhard Clasen

An dieses eine "Salam" erinnert sich die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina noch sehr gut: Anfang der 1990er Jahre besuchte sie Bergkarabach, als dort Armenien und Aserbaidschan Krieg gegeneinander führten und Zehntausende Menschen ihr Leben verloren. Gannuschkina war Teil einer Delegation von Menschenrechtler_innen und wollte sich nicht von einer Seite vereinnahmen lassen. Sie zog auf eigene Faust los, ging durch einen Wald, immer weiter, bis sie die Stimme ­einer Frau hörte. Die Frau winkte ihr fröhlich zu, lud sie in ihren Garten ein und sagte "Salam". An diesem in Aserbaidschan verbreiteten Gruß erkannte Gannuschkina, dass sie sich nicht mehr auf der armenischenen Seite der Front befand.

Viel gesprochen wurde beim Tee nicht, dazu reichten die Russischkenntnisse der Aserbaidschanerin nicht aus. Doch gab sie Gannuschkina zum Abschied eine kleine Tasche voller Äpfel aus dem Garten mit. Als die Menschenrechtlerin wieder auf der armenischen Seite war, beäugten alle die Äpfel voller Argwohn, als ob sie vergiftet wären. Niemand wollte sie anrühren. Doch dann fasste sich eine Frau ein Herz und nahm sich einen Apfel. Der Bann war gebrochen, eine Stunde später waren alle Äpfel aufgegessen.

Amnesty-Video mit Swetlana Gannuschkina:

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Trotz großer Gefahr nach Tschetschenien

Die Mathematikerin Swetlana Gannuschkina ist seit mehr als 30 Jahren eine führende Persönlichkeit in der russischen Menschenrechtsbewegung. Die Friedensarbeit zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Unzählige Male hat die mittlerweile 80-Jährige unter großen Gefahren Tschetschenien besucht, sie setzte sich auch gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen gegen die Abschiebung von Tschetschen_innen aus Deutschland nach Russland ein.

In der Flüchtlingsarbeit ist sie seit Ende der 1980er Jahre aktiv, als armenische und aserbaidschanische Flüchtlinge nach Moskau kamen. Ihre Organisation, das seit drei Jahrzehnten im Bereich der Flüchtlingshilfe arbeitende Komitee Bürgerbeteiligung, setzt sich mittlerweile nicht nur für Bin­nenvertriebene aus dem Kaukasus, sondern auch für Flüchtlinge aus Usbekistan, dem Iran und anderen Staaten ein. Das ­Komitee wird seit dem 20. April 2015 vom russischen Staat als "ausländischer Agent" gelistet und musste zuletzt auch eine Hausdurchsuchung hinnehmen, kann aber noch legal arbeiten.

Für das, was jetzt geschieht, gibt es keine Entschuldigung

Swetlana
Gannuschkina
Russische Menschenrechtsaktivistin

Immer wieder geht Gannuschkina auf die Straße. Als sie im Juli 2019 auf dem Roten Platz in Moskau daran erinnern wollte, dass ihre Mitarbeiterin Natalia Estemirowa zehn Jahre zuvor in Tschetschenien ermordet worden war, wurde sie festgenommen und zu einer Geldstrafe verurteilt. Es war nicht der einzige Mord an Weggefährt_innen Gannuschkinas. Auch ihr Mitarbeiter Wiktor Popkow, ihr Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und die mit ihr befreundete Journalistin Anna Politkowskaja wurden ermordet.

Nun ist es der russische Überfall auf die Ukraine, der Gannuschkina hart getroffen hat. "Das ist ein absoluter Albtraum", sagte sie wenige Tage nach Kriegsbeginn. "Für das, was jetzt geschieht, gibt es keine Entschuldigung." Zusammen mit weiteren Menschenrechtler_innen rief sie zum sofortigen Ende des Krieges auf. Es blieb nicht bei Worten. Gannuschkina äußerte auch auf der Straße ihren Unmut gegen den Krieg. Es folgten eine Festnahme und eine Geldstrafe in Höhe von umgerechnet 80 Euro.

Doch Gannuschkina lässt sich davon nicht beeindrucken und ignoriert die staatliche Vorgabe, den Krieg als "Sonderoperation" zu bezeichnen. Womöglich braucht diese Frau, die so vielen Menschen geholfen hat, deshalb bald selbst Hilfe.

Komitee Bürgerbeteiligung im Netz: www.refugee.ru

Ein ausführliches Interview mit Swetlana Gannuschkina ist hier zu finden.

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