Amnesty Journal Russische Föderation 01. Januar 2020

Feine Stiche

Zwei rote Gipsadrücke von zwei Gesichtern liegen auf einer weißen Fläche.

Gezeichnet. Nur wer eine lebenslange Freiheitsstrafe in Russland verbüßt, lässt sich das Gesicht tätowieren. Skulptur von Mayana Nasybullova.

Die sibirische Künstlerin Mayana Nasybullova stickt die Tätowierungen von Strafgefangenen nach. Mit diesen Kunstobjekten will sie auf die inhumane Situation in russischen Gefängnissen aufmerksam machen.

Von Beate Scheder

Als Teenager kam Mayana Nasybullovas Bruder mit dem Gesetz in Konflikt. Mit 15 wurde er zu acht Jahren verurteilt, sechs davon verbrachte er im Gefängnis und erlebte dort Gewalt, von Aufsichtspersonen wie Mitgefangenen. Er war traumatisiert, wurde selbst aggressiv, was ihm wiederum Respekt verschaffte. Wie die Tätowierungen, die er sich dort stechen ließ, zeichneten die Jahre hinter Gittern ihn für immer: Danach ein normales Leben zu führen, war unmöglich.

Ausgehend vom Schicksal ihres Bruders und von den Bildern auf seiner Haut, begann die Künstlerin zu recherchieren. Fast schon eine russische Tradition seien Folter und Unterdrückung im Gefängnis, sagt sie. Sie sei allgemein akzeptiert, sogar von den Strafgefangenen selbst. In deren Tätowierungen erkenne sie einen Ausdruck ihrer Sehnsucht nach den einfachen, menschlichen Dingen: "Man kann die wahren Gefühle der ­Gefangenen in ihnen lesen – ihren großen Schmerz, der kein Ende findet."

Nicht immer lassen sich die Tattoos leicht lesen, manche sind verstörend. Unter den Tätowierungen ihres Bruders gibt es etwa ein Hakenkreuz – das in russischen Gefängnissen seit Sowjetzeiten für Anarchie und eine extrem negative Einstellung gegenüber dem Staat steht. Das furchteinflößendste Motiv ist für Nasybullova der Schriftzug auf seiner Brust: "Solange ich lebe, bist du von Trauer erfüllt".

Niedergang der freien Gesellschaft

Mayana Nasybullova, 1989 geboren, bezeichnet ihr Projekt "Nazlo Rodine" ("Der Heimat zum Trotz") als ein Statement über den Niedergang der freien Gesellschaft in ihrer Heimat. "Mein Ziel ist es, von der Geschichte und Gegenwart des Strafvollzugs in Russland zu erzählen und zu vermitteln, wie wichtig es ist, sich damit zu beschäftigen", sagt sie. "Man muss darüber reden."

Im Zentralgefängnis Wladimir saßen zu Sowjetzeiten politische Gefangene ein. Nasybullova zeigt auf ihrem Bild dazu zwei Tattoos: Totenköpfe und die Abkürzung "БОГ". Totenköpfe symbolisieren eine negative Einstellung gegenüber dem Staat, БОГ ist das Wort für "Gott", aber auch die Abkürzung für die Formel "wurde vom Staat verurteilt". Zudem weist die Kombination von Hammer und Sichel, die für die streng atheistische UdSSR stehen, mit dem Wort "Gott" auf den tiefen Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit des Systems hin.

Wer sein Gesicht tätowiert, tut das in der Gewissheit, sich nie wieder in die Gesellschaft eingliedern zu müssen. Oder zu können. Nur lebenslang Verurteilte tragen Tätowierungen so gut sichtbar, wie hier den Schriftzug "voller Liebe". Wer lebenslänglich bekommen hat, kann seine Liebe keinem mehr geben, behält sie ganz für sich.

Einige der Tätowierungen finden sich bei Straftätern über die Jahrhunderte und Landesgrenzen hinweg. Die Blume, die von ­einem kleinen Schwert durchbohrt wird, gehört zu diesen ­Motiven. Ihre Bedeutung: "Tod dem Staatsanwalt".

"Nazlo Rodine" ist ein Appell für mehr Menschlichkeit: in den Gefängnissen, wo Folter und Erniedrigung die Regel sind, aber auch in der russischen Gesellschaft, in der ehemalige Strafgefangene noch immer schwere Diskriminierungen erfahren.

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