Sharon Dodua Otoo und die Kraft politischer Literatur
Sharon Dodua Otoo lebt seit 2006 in Berlin und engagiert sich dort auch.
© Paulina Hildesheim / laif
Ironischer Sprachwitz und politische Kritik: Ein Porträt der Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo.
Von Till Schmidt
"Dürfen Schwarze Blumen malen?" Die Antwort auf diese rhetorische Frage steht fest. Doch als Sharon Dodua Otoo zu ihrer Rede ansetzt, wird es noch eine Weile dauern, bis das letzte Wort fällt. Mehr als siebzehn Minuten lang diskutiert die Schriftstellerin Arbeitsbedingungen für Schwarze Künstler*innen, zu denen sie auch fehlende Kitabetreuung, gesundheitliche Risiken und rassistische Aggressionen zählt. Einfach Blumen zu malen, das sei "für viele von uns" nicht "der ganz entspannte Alltag", sondern eine "radikale Vorstellung", sagt Otoo. Ob Schwarze nun Blumen malen dürfen, fragt sie am Ende ihrer Rede ein weiteres Mal. Die Antwort fällt knapp aus: "Ja. Je mehr, desto besser."
Otoo hielt ihre Rede 2020 zur Eröffnung des Bachmannpreises. Dieser gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Otoo hatte den Wettbewerb 2016 als kaum bekannte Schriftstellerin gewonnen. Ins Rennen gegangen war sie mit einem unkonventionellen Text: Ihre Kurzgeschichte "Herr Gröttrup setzt sich hin" ist voller ironischem Sprachwitz, pointierter Diskurskritik und nuancierter politischer Alltagsbeobachtung. Otoo war die erste Schwarze Gewinnerin des seit 1977 verliehenen Preises.
Politisch engagiert
Sharon Dodua Otoo wurde 1972 in London geboren, wohin ihre Eltern aus Ghana eingewandert waren. Sie studierte dort unter anderem Germanistik. Seit 2006 lebt sie mit ihren vier Söhnen in Berlin. Jahrelang war Otoo politisch aktiv bei antirassistischen Vereinen wie der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Dass Otoo viel Zeit und Energie in politischen Aktivismus gesteckt hat, merkt man ihrer Literatur an. Agitatorisch oder schablonenhaft sind Otoos Novellen, Kurzgeschichten und Romane dennoch nicht. Dazu liebt sie zu sehr das Spiel mit Widersprüchen, Uneindeutigkeiten und verschiedenen Perspektiven.
Otoo bei der Straßenumbenennung in Berlin-Mitte zu Ehren des aus Westafrika stammenden Anton Wilhelm Amo.
© Florian Boillot / SZ Photo / pa
Und die können mitunter auch von Objekten stammen. Die Kurzgeschichte "Herr Gröttrup setzt sich hin" bewegt sich zwischen der detaillierten Beschreibung der Frühstücksroutine eines älteren deutschen Ehepaars und den Provokationen eines Frühstückseis. Als ein sich reinkarnierendes Wesen war das Ei in seinen früheren Leben das Epizentrum eines Erdbebens in Accra, ein Teppich, über den Helmut Kohl gelaufen ist, und ein roter Lippenstift. Nun verweigert sich das Ei dem Befehl, sich hart kochen zu lassen, mit dem Ziel, den bornierten Pensionär Gröttrup, der seiner Ehefrau lieblos und kontrollierend begegnet und die Putzkraft Ada wie Luft behandelt, zu provozieren.
Multiperspektive und Sprachwitz
Die literarische Multiperspektivität ist auch eine Besonderheit von Otoos gerade erschienenem Roman "So, in etwa, ist es geschehen", der von einem fiktiven Mord handelt. Geschildert wird er aus der Perspektive der Täterin Amata Haller, die ihre Sicht auf das Verbrechen in einem Gefängnisbrief, einer Erinnerung und in ihrem offiziellen Geständnis kundtut. Haller erhält dadurch viel Raum in der Geschichte, wird von Otoo aber nicht als klassische Identifikationsfigur oder Heldin gezeichnet. "Mir ging es darum, eine ziemliche Durchschnittsperson darzustellen, jemand, die wir alle kennen könnten", erzählt Otoo.
Amata ist lethargisch, zynisch und voller Ressentiments. Die 37-Jährige glaubt weder an die Möglichkeit individuellen Lebensglücks noch an die Notwendigkeit, dafür aktiv Mitverantwortung zu übernehmen. Dass Amata Haller so geworden ist, hat auch mit ihren schmerzhaft-zermürbenden Erfahrungen als von Rassismus betroffene Frau zu tun. Hinzu kommt die Geschichte ihres Großvaters als Überlebender eines Konzentrationslagers, der sich nach der irrtümlichen Bombardierung des Schiffs "Cap Arcona" bei Hamburg durch die Briten aus dem brennenden Wrack retten konnte. "Alles, was ich mitbrachte, war der Schmerz vieler Generationen, den ich seit meiner Geburt mit mir herumschleppe", schreibt Amata Haller an einer Stelle des Romans.
Klischeehafter "alter weißer Mann"
Neben Hallers Schilderungen stellt Otoo die letzten Worte ihres Vorgesetzten, des Mordopfers Heinz Brockhaus. Dessen stets wohlmeinender, aber überheblicher und bevormundender Monolog über Politik, Alltag und Amatas Leben ist als verschriftlichte Handyaufnahme zu lesen. Mit der Strangulation durch Haller bricht die Aufnahme ab. Brockhaus’ Gerede changiert zwischen sexistischen und rassistischen Mikroaggressionen und autobiografischer Tragik. Bei manchen Lesenden mag die zugespitzte und an Slapstick grenzende Darstellung Brockhaus’, der unentwegt um sich selbst kreist, gut ankommen und Häme, Spott oder Verachtung auslösen. Doch ist diese Figur die schwächste des Romans. Otoo zeichnet das Mordopfer leider viel zu klischeehaft als "alten weißen Mann".
Die eigentliche Heldin von Otoos Geschichte ist die Anwältin Nkechi. Sie kennt Haller aus dem gemeinsamen antirassistischen Aktivismus und wird als zielorientiert, empathisch, weise und gerecht gezeichnet. Als Person, die die Tat und das Geständnis von Haller kritisch und moralisch einordnet, hat sie im Roman das letzte Wort – zum Glück. Denn für Nkechi ist es ein Skandal, dass Haller sich zur Rechtfertigung ihrer Tat ausgerechnet auf die Ikone des gewaltfreien Widerstands Martin Luther King beruft. Für Nkechi ist Amata Hallers Mord vor allem eine Tat aus Überforderung am eigenen Leben, unreflektierter Angst und dem Verlangen nach Rache.
Emanzipatorische Sprache für den Schmerz
Was genau möchte Otoo, die ihre Literatur stets auch als Form von politischem Aktivismus versteht, mit ihrer Geschichte sagen? Im Gespräch erzählt sie unter anderem von der Wut und Zermürbung, die Rassismuserfahrungen bei den Betroffenen meist auslösen. Dass diese im Alltag spürbar zugenommen und auch von hochrangigen Politiker*innen in manipulativer Absicht eingesetzt werden, habe sie zum Schreiben inspiriert. Otoos Geschichte könnte daher als Warnung vor einer fortschreitenden emotionalen Brutalisierung der Gesellschaft interpretiert werden. Oder davor, wie sich Kreisläufe von Gewalt fortschreiben können, wenn Menschen keine emanzipatorische Sprache für ihren Schmerz finden und sich von destruktiven Emotionen leiten lassen.
"In meinem literarischen Schreiben ist es mir wichtig, gesellschaftliche Strukturen in den Blick zu nehmen – auch solche, die hinter Verbrechen stecken", sagt Otoo. Zusammenhänge zu beleuchten und zu verstehen, sei natürlich nicht gleichbedeutend mit einer Rechtfertigung – erst recht nicht von Mord. Um künftiges Unrecht und Schäden zu verhindern, sei vor allem eine differenzierte kriminologische Auseinandersetzung mit individuellen Motiven und gesellschaftlichen Hintergründen nötig.
Im Gespräch hebt die Schriftstellerin auch die Kraft von Transformative-Justice-Konzepten hervor, bei denen es nicht um Repression, Strafe und Vergeltung geht, sondern um das Verstehen, Reparieren und letztlich die Überwindung von Kreisläufen aus Gewalt und manipulativer Macht. Wie genau das aussehen könnte und wie das funktionieren kann im krisenhaften 21. Jahrhundert, in dem das Recht des Stärkeren zu regieren droht, lässt Otoo offen. Als Schriftstellerin, der es vor allem darum geht, mit ästhetischen Mitteln Impulse für den gesellschaftlichen Diskurs zu geben, ist das eine legitime Strategie. Es ist zu hoffen, dass Otoos komplexer Zugang zu Gewalt und Verbrechen bereichernd sein wird für die notwendige Debatte über die Frage: Wie können wir alle möglichst gut zusammenleben?
Till Schmidt ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.