Amnesty Journal Deutschland 28. Juli 2026

Digitaler Frauenhass: Den Trollen trotzen

Eine Frau in Lederjacke sitzt auf einem Stuhl im Deutschen Bundestag und stützt ihr Kinn auf der linken Hand ab, vor ihr zwei Tischmikrofone.

Zielscheibe des Hasses: Die damalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Yvonne Magwas bei einer Sitzung (Berlin, Februar 2024)

Ingrid Brodnig stellt in "Feindbild Frau" dar, wie Politikerinnen im Netz bedroht werden. Sie kennt aber auch Strategien gegen digitalen Frauenhass.

Von Nina Apin

Als die CDU-Politikerin Yvonne Magwas 2024 im sächsischen ­Auerbach eine Rede auf einer Kundgebung hielt, explodierte neben der Bühne ein Sprengkörper. Wenig ­später wurde an ihr Wahlkreisbüro eine Deutschlandflagge voller Sperma geschickt. Irgendwann war für Magwas das Maß voll: Sie zog sich aus der Politik zurück. Die Vor­fälle waren der Höhepunkt einer Entwicklung, an deren Anfang eine Auseinandersetzung mit dem AfD-Abgeordneten Stephan Brandner im Internet stand. Wütend über die Einstufung der AfD Sachsen als "gesichert rechtsextremistisch" beleidigte er Magwas auf X und hetzte seine zahlreiche Followerschaft gegen sie auf. Die Beleidigungen und sexistischen Witze steigerten sich – bis hin zu Drohungen, dass eine "Volksmörderin" wie sie "an den Galgen" gehöre. Magwas erstattete Anzeige, doch die Identität des Users konnte nicht ermittelt werden.

Yvonne Magwas ist kein Einzelfall. Die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig, Expertin für Hass im Netz, stellt in ihrem neuen Buch "Feindbild Frau" fest, dass besonders weibliche Politikerinnen im Netz bedroht und beleidigt werden. Das beweisen Erfahrungen der Grünen Renate Künast, der liberalen österreichischen Außenministerin Beate Meinl-Reisinger oder der linken Netzpolitikerin Anke Domscheit-Berg. Brodnig untersucht, warum es für Betroffene oft schwer ist, sich erfolgreich gegen sexistische Gewaltdrohungen zu wehren, und warum das Problem gesellschaftlich wie juristisch nicht ernst genug genommen wird. Es geht, betont sie, nicht um Dinge, die robuste Politiker*innen möglicherweise aushalten müssen, sondern um gezielt eingesetzte Frauenfeindlichkeit, die er­reichen will, dass sich Frauen aus öffentlichen Ämtern und Debatten zurückziehen.

"Rhetorik der 1.000 Nadelstiche"

Brodnigs Blick ist differenziert: So ­betont sie, dass digitale Gewalt alle ­Geschlechter betrifft. Sie zitiert Studien, ­wonach Männern häufiger körperliche Gewalt wie Schläge oder Mord angedroht wird, Frauen hingegen sexualisierte Gewalt wie Vergewaltigung. Oft beginnt es mit als "Humor" getarnten Gehässigkeiten und mündet in misogynen Herabsetzungen. Etwa, indem einer Politikerin gesagt wird, sie sei fett, sexuell ­abstoßend oder solle, wenn sie schon den Mund aufmache, damit doch andere Dinge tun. ­Solche Äußerungen sind meist unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, zeigen aber dennoch Wirkung, die Brodnig "Rhetorik der 1.000 Nadelstiche" nennt.

Die Autorin erklärt, wie Online-Netzwerke Hass befördern, obwohl sich die Mehrzahl der User*innen einen respektvolleren Umgangston wünscht, und wie Medien Empörung inszenieren. Von einfachen Lösungen hält sie wenig. Sie betont vielmehr, dass das Recht auf anonyme ­digitale Kommunikation auch Menschen schützt, die sich zivilgesellschaftlich engagieren. Ganz praktisch erklärt Brodnig, wie sich Betroffene wehren können, wann eine Anzeige lohnt, wie sich erfolgreiche Gegenwehr organisieren lässt. Ein Anhang, der juristische Straftatbestände erklärt und Anlaufstellen in Deutschland und Österreich auflistet, rundet dieses gut lesbare, konstruktive Buch ab.

Nina Apin ist freie Journalistin und Autorin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Ingrid Brodnig: Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können. Brandstätter Verlag, Wien 2026, 208 Seiten, 25 Euro.

Mehr zu den Themen "Digitaler Hass gegen Politikerinnen" und "Antifeminismus in der Politik" findest Du in den Artikeln "To-Dos gegen den Hass" und "Der Wahn vom Volkskörper".

WEITERE BUCHEMPFEHLUNGEN

Weltrettung mit Esel

von Marlene Zöhrer

Einsame Inseln sind immer für ein Abenteuer gut – dafür muss man nicht mal wie Robinson Crusoe oder nach ihm zahlreiche andere Held*innen der Literatur als Schiffbrüchige dort stranden. Obwohl, ganz freiwillig ist auch Akis Aufenthalt auf der Holzinsel nicht: Seine Eltern haben zwei Wochen auf der unbewohnten Insel gebucht, und nun soll er ganz ohne Mobilfunknetz und Internet hier die Ferien verbringen. Was nicht gerade vielversprechend beginnt, wird zu nichts weniger als der Rettung der Welt beziehungsweise ihrer menschlichen Bewohner*innen. Denn die Holzinsel wird nicht nur von Wildeseln und anderen Tieren bewohnt, sondern auch von einer Wissenschaftlerin, die der Zivilisation abgeschworen hat. "Ich glaube, die Tiere sind im Grunde viel schlauer als wir Menschen", erklärt sie Aki, als sich die beiden zufällig am Strand bebegnen. Als der Junge wissen will, was Tiere denn Großes erfunden haben, äußert sie ihre Meinung über die Menschen: "Oh, erfunden haben wir sehr viel, aber was hat es uns gebracht? Die Welt ist voller Müll, und immer mehr Arten sterben aus. Die Menschen streiten über die albernsten Dinge – nennst du das Fortschritt?" Da hat die schrullige Einsiedlerin einen Punkt, findet Aki. Aber rechtfertigt das tatsächlich ihren Plan, mithilfe geheimer Forschungen an Giftpilzen das Ende der gesamten Menschheit herbeizuführen?

In ihrem Comic für Kinder erzählen Zuni und Christopher Fellehner ein actiongeladenes Inselabenteuer, das die Frage aufwirft, ob der Zweck tatsächlich die Mittel heiligt und ob die Auslöschung der Menschen tatsächlich ein probates Mittel ist, um die Tier- und Pflanzenwelt zu schützen. Für Aki geht der Plan der Wissenschaftlerin, die an klassische Bond-Bösewichte ­erinnert, jedenfalls eindeutig zu weit. Mit Hilfe eines 
jungen Wildesels, mit dem er sich ­angefreundet hat, kann er die Durch­führung vereiteln.

Zuni Fellehner / ­Christopher ­Fellehner, : Holzinsel. Kibitz Verlag, Hamburg 2026, 96 Seiten, 20 Euro, ab 8 Jahren.

Kreuzberg in Moll

von Tanja Dückers-Landgraf

"Cold War, Hot Autumn" ist ein eindrucksvoller Tagebuchroman, in dem die tunesischstämmige Schriftstellerin und Journalistin Najet Adouani einen Herbst und Winter in Berlin-Kreuzberg Revue passieren lässt. 

Najet Adouani beschreibt ihren Exil-Alltag im multikulturellen Wrangelkiez, einem der ärmsten Viertel Berlins. Sie geht mit offenen Augen durch ihre Nachbarschaft, kritisiert Ausgrenzung und Verrohung, Müll und Vandalismus im Alltag und Ungleichheit. Dabei interessiert sie sich besonders für die Lebensrealitäten von Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch für die Protestkultur in ihrem Viertel. Immer wieder fängt Adouani dabei Momente von großer Solidarität und Mitmenschlichkeit ein. Passagenweise lässt sie Erinnerungen an ihr Leben in Tunesien einfließen, berichtet von ihrem Engagement gegen Diktatur, Korruption und für Menschenrechte sowie von Erfahrungen mit Spitzeln, mit Verrat. Patriarchale Zwänge wirken auch in Berlin fort: Eine junge Bekannte bittet die Autorin um Hilfe, weil ihr die Zwangsverheiratung droht.

Najet Adouani hat schon als Kind im Schreiben Zuflucht gefunden, um sich gegenüber ihrem Vater zu behaupten, der sie schlug und von der Schulbildung abhalten wollte. Behaupten musste sie sich auch gegenüber der Großmutter, die zwar als liebevoll beschrieben wird, aber eine Prinzessin aus ihr machen wollte. Gegen alle Widerstände wählte Adouani einen Lebensweg als Journalistin und Dichterin, der sie in Konflikt mit der Staatsmacht brachte. Zweimal emigrierte sie, nachdem sie für oppositionelle Medien geschrieben hatte. Der sogenannte Arabische Frühling brachte ihr ein Publikationsverbot ein. Über ein Stipendium kam sie 2015 nach Berlin – eine Stadt, die sie lieben gelernt hat, wie sie schreibt, auch wenn ihre Aufzeichnungen in Moll-Tonlage nichts beschönigen.

Najet Adouani: Cold War, Hot ­Autumn. Aus dem Englischen von Christa Schwenke. Sujet Verlag, Bremen 2025, 550 Seiten, 29,80 Euro.

Wohltuend nüchtern

von Ulrich Gutmair

Schon der Untertitelmacht klar, wie sich die Autorin ihrem Gegenstand widmet: "Mein Ringen um eine Haltung im Nahostkonflikt". Um eine Haltung zu ringen, bedeutet, sich selbst infrage zu stellen, den eigenen Annahmen und Emotionen skeptisch gegenüberzustehen. Steffi Hentschke nimmt ihre Leser*innen mit auf eine Reise, die recht ahnungslos beginnt, ihr aber immer mehr Erkenntnisse bringt über die Komplexität dieses Konflikts. 

2012 reist die Politikwissenschaftsstudentin zum ersten Mal nach Israel – aus Neugier. Später arbeitet sie dort erst für die Friedensorganisation IPCRI, dann als Journalistin. Sie beginnt zu verstehen, wie sehr die völkerrechtswidrige Besatzung ein eigenständiges Palästina einschränkt. "Jeder Grenzübergang ist ein Nadelöhr, das Israel nutzt, um individuelle Tagesabläufe und existenzielle Bedürfnisse der Palästinenser zu kontrollieren." Es gelingt ihr anhand vieler Beispiele und Begegnungen an Orten wie Dschenin zu zeigen, dass die israelische Besatzung zu den "wesentlichen Hindernissen für einen Friedensprozess" gehört, warum es aber "falsch ist, palästinensischen Terror als legitimen Widerstand gegen die Besatzung zu sehen". Sie weist darauf hin, dass die Radikalisierung der Palästinenser*innen auch das Ergebnis externer Einmischung vor allem Irans ist. Die Korruption der Palästinensischen Autonomiebehörde thematisiert sie genauso wie die Politik von radikalen jüdischen Siedlern und von Rechtsextremisten in der amtierenden israelischen Regierung. ­Außerhalb des Landes eher unbemerkt bleibt die folgende Beobachtung der Reporterin: "Die jüdisch-arabische Zusammenarbeit funktioniert, solange der israelisch-palästinensische Konflikt außen vor bleibt." Hentschkes Buch liest sich wie eine jüngere Chronik dieses Konflikts, erhellt aber auch dessen vielfältige Ursachen. Es bringt auf wohltuende Weise Nüchternheit in die Debatte.

Steffi Hentschke: Manchmal würde ich gern schreien. Mein Ringen um eine Haltung im Nahostkonflikt. Aufbau Verlag, Berlin 2026, 240 Seiten, 16,99 Euro.

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