Ammar Yassir: Auf der Suche nach Heimat
Der Fotograf und Künstler Ammar Yassir musste 2023 vor dem Krieg im Sudan fliehen – teils mit, teils ohne Familie. Sein Weg führte über den Süden des Landes und den Südsudan nach Uganda. Yassirs Bilder und Texte zeigen eindrücklich, was der Verlust von Heimat bedeutet.
Ich habe schon lange ein unklares Verhältnis zu den Begriffen Heimat und Zuhause. Geboren wurde ich 2005 in Omdurman, nahe der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Meine Eltern zogen 2006 nach Katar, wo ich zusammen mit sechs Geschwistern aufwuchs. In meiner Kindheit war ich mit Rassismus konfrontiert. Es war eine niederschmetternde Erfahrung, in der Schule Ärger mit Mitschüler*innen zu bekommen, die mich schikanierten, nur weil ich nicht aus Katar kam. Als ich dachte, meine Eltern würden mich verteidigen, sagte mein Vater: "Wenn du dich nicht benimmst, schicke ich dich in den Sudan." In Katar führte ich ein glückliches Leben, litt aber auch unter einem Gefühl der Entfremdung.
2016 beschloss mein Vater, zurück in den Sudan zu ziehen. Wir mussten uns an neue Schulen und an eine neue Umgebung gewöhnen. Und die Schikane in der Schule ging weiter – diesmal, weil ich das "Kind aus Katar" war. Ich konnte mich verteidigen, das gab mir Halt. Die Jahre vergingen, und so wie sich der Sudan im Zuge der Revolution von 2019 und des Staatsstreichs von 2021 unter der Führung von General Abdel Fattah al-Burhan veränderte, so veränderte auch ich mich. 2022 war das Jahr, in dem ich mein Studium begann und Khartum besser kennenlernte. Dabei half mir die Fotografie. Ich begann, Khartum als mein Zuhause zu bezeichnen – bis zum 15. April 2023, als der Konflikt zwischen der Armee und der Miliz Rapid Support Forces (RSF) ausbrach, dem bis heute weit mehr als 100.000 Menschen zum Opfer fielen; Millionen Sudanes*innen mussten fliehen.
Kurz nach Kriegsbeginn fiel der Strom aus, Lebensmittel und Wasser wurden knapp, man lebte in ständiger Angst, in einen Schusswechsel zu geraten. Ich suchte Zufluchtsorte – zuerst im Sudan, dann im Südsudan und schließlich in Uganda, wo ich ein Jahr lang lebte. Mittlerweile bin ich als Artist in Residence an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg untergekommen.
Meine Fotos zeigen die Reise von Khartum nach Kampala. Nach drei Jahren Arbeit mit diesen Bildern und Texten wurde mir klar, dass ich vielleicht nie ein Zuhause finden werde. Dennoch suche ich weiter: in meinen Gedanken und Gefühlen, und in Gesprächen mit meiner Familie und Freunden.
Mein Vater
Dieses Foto vom 31. Mai 2023 zeigt meinen Vater, Yassir Mohammed Salih, in Umm Ruwaba im Bundesstaat Nord-Kordofan. Nachdem wir in Khartum einen Monat lang unter Beschuss gelebt hatten, flohen wir nach Umm Ruwaba. Viele Mitglieder meiner Familie versammelten sich dort im Haus meiner Großeltern. Die Inschrift an der Wand habe ich eingefügt, es ist ein Zitat meines Vaters: "Brüder und Schwestern, auch wenn uns die Tage auseinanderbringen, werden wir uns schließlich an den Kreuzungen von Glück und Hoffnung wieder finden." Er schrieb dies Ende der 1990er Jahre, aber auf der Flucht passten diese Worte sehr gut. Mein Vater verlor im Krieg alles, bleibt aber optimistisch – er vertraut auf Allah und glaubt daran, dass eines Tages alles besser werden wird. Das Foto zeigt ihn in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist, in der Stadt, in der er seine Kindheit verbrachte. Obwohl er nach Khartum ging, bedeutet Umm Ruwaba für meinen Vater Heimat.
Dasselbe Haus, eine andere Zeit
Dieses Foto zeigt die Mauer unseres Vorgartens in Umm Ruwaba. Vorne rechts sind der Stuhl meines Großvaters, seine Schuhe und ein Hocker zu sehen. An der Mauer habe ich ein zweites Bild einmontiert, das mein Vater 2014 im Wohnzimmer des Hauses aufnahm, als dort noch Besucher*innen saßen, sich unterhielten und Kaffee tranken. Beide Fotos zeigen denselben Ort, dasselbe Haus, jedoch zu unterschiedlichen Zeiten. Sie zeigen, wie sich die Atmosphäre des Hauses verändert hat, wie das Leben dort nachgelassen hat.
Ein zerstörter Zufluchtsort
Dieses Foto eines Hauses entstand in Umm Ruwaba auf dem Weg zum Markt. Ich fragte die Leute, was passiert sei, aber niemand antwortete – wahrscheinlich, weil es Mitglieder der RSF waren. Sie marschierten im Juli 2023 ein und stellten sich als Helden dar, die Schutz bieten würden, nachdem Polizei und Armee die Stadt verlassen hatten. Doch schon bald raubten und mordeten sie und verwandelten unseren Zufluchtsort in einen Ort der Angst. Die Geschäftigkeit auf dem Markt ließ schnell nach, was uns sehr traf. Zusammen mit meinem Bruder und meinen Cousins hatte ich dort Seife verkauft, um Geld zu verdienen und die Familie zu unterstützen. Am 23. September 2023 beschloss ich, Umm Ruwaba zu verlassen. Ich verkaufte meine Fotoausrüstung, um mir eine Fahrkarte nach Wad Madani leisten zu können – eine Stadt, weiter östlich gelegen, in die zahlreiche Menschen aus Khartum geflohen waren, in der Hoffnung, Arbeit zu finden oder einen Neuanfang zu wagen. Die Flucht aus Umm Ruwaba war beunruhigend und traumatisierend. Die RSF-Soldaten fragten mich: "Zu welcher Ethnie gehörst du?" Ich sollte ihnen mein Handy aushändigen, dann durchsuchten sie mich gewaltsam. Ich fühlte mich schwach und machtlos.
Hoffnung auf einer Stoßstange
Das ist ein Screenshot aus einem Video, das ich im November 2023 in Wad Madani aufnahm. Auf der Stoßstange des Gefährts steht: "Wir werden auf jeden Fall zurückkehren." Das ist die Hoffnung vieler Sudanes*innen. Die Botschaft unterschied sich von meinen Gefühlen. In den ersten Monaten des Konflikts dachte ich: "Ja, wir werden nach Hause gehen, das wird nur eine kurze Sache sein." Wir hatten kaum Kleidung und Habseligkeiten mitgenommen, als wir Khartum verließen. Aber Ende 2023 betrachtete ich Khartum als Vergangenheit und dachte, ich würde nie wieder dorthin zurückkehren.
Reise ins Ungewisse
Ich nenne dieses Selbstporträt "Eine Familienreise ins Unbekannte". Es entstand in Rabak, als meine Familie in ein Fahrzeug stieg, das nach Renk fuhr. Rabak wirkt sehr karg, das tägliche Leben dort ist hart. Ich posiere ungern für Gruppenfotos, also machte ich diesen Schnappschuss. Meine Mutter, links im Bild, stritt sich mit meinem jüngeren Bruder, der stand, und meinen kleinen Schwestern, die neben ihr saßen. Alle waren unsicher, was auf sie zukommt, aber es gab ein Gefühl der Hoffnung. Ich stehe abseits und schaue zu. Renk, eine Grenzstadt im Norden des Südsudans, ist für viele Flüchtlinge eine erste Anlaufstelle, daher hatte ich nicht damit gerechnet, dort lange zu bleiben. Während der Reise dachte ich: "Wie soll es weitergehen? Soll ich nach Juba fahren, die Hauptstadt des Südsudans? Soll ich in den Sudan zurückkehren? Wäre Ägypten die bessere Wahl gewesen?"
Ein neues Khartum
Dieses Foto entstand in Wad Madani. Ich sah Mustafa und andere Freunde wieder. Wir alle waren aus Khartum geflohen, und nun tauschten wir Neuigkeiten aus und spielten Karten im Schein einer Lampe, die an einem Lastwagen befestigt war. Hunderttausende waren aus Khartum gekommen, und Madani war ein einladender Ort. Dort bildete sich ein neues Khartum, und Mustafa beschrieb solche Momente. Gleichzeitig fühlte ich mich nicht heimisch. Ich wohnte bei einem Verwandten, der mich oft fragte, ob ich nicht in Rabak arbeiten wolle, drei Stunden südlich. Er erwartete, dass ich nicht lange bleiben würde. Im Dezember sprach mein Vater davon, mit der Familie nach Rabak zu fahren, um von dort nach Renk im Südsudan weiterzureisen und Asyl zu beantragen. Ich lehnte ab, änderte aber meine Meinung. Es war eine gute Entscheidung, denn nur wenige Tage später hinterließen RSF-Kämpfer in Wad Madani eine Spur der Verwüstung.
An alles gleichzeitig denken
Am Tag nach der Ankunft in Renk mussten wir warten, bis wir uns als Flüchtlinge registrieren lassen konnten – das ist auf diesem Foto zu sehen. Ich weiß nicht, wer der Mann im Hintergrund ist, aber man sieht ihm an, dass ihm gerade tausend Gedanken durch den Kopf gehen. Im Vordergrund ist mein Bruder Mujtaba zu sehen, der zwei Jahre jünger ist als ich; er war völlig erschöpft. Wir hatten es satt, in der Sonne zu warten. Der Schatten eines Zeltes kam uns wie eine Erlösung vor. Mujtaba hätte sich zu diesem Zeitpunkt für die Universität bewerben sollen, stattdessen beantragten wir Asyl in Renk.
So etwas wie Zuhause
In Renk lebte ich mit meiner Familie drei Tage lang in diesem kleinen Zelt, bis das Asylverfahren abgeschlossen war. Seltsamerweise fühlte ich mich dort mehr zu Hause als jemals zuvor seit Kriegsbeginn. Nur meine engsten Angehörigen waren bei mir, das ständige Reden und die kleinen Streitereien erinnerten mich an unser Zuhause. Deshalb habe ich dieses Foto zusammen mit einem Bild aus dem Archiv meines Vaters, das unser Haus in Omdurman zeigt, doppelbelichtet. Schließlich teilten uns die Behörden mit, dass wir von Renk in ein abgelegenes Flüchtlingslager auf dem Land umziehen müssten. Meine Familie beschloss deshalb, nach Rabak zurückzukehren. Sie wollten nicht an einem weit entfernten Ort leben. Ich entschied hingegen, weiter nach Juba zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt war die RSF bereits in Wad Madani einmarschiert. Ich brauchte einen Neuanfang und hoffte, dass Juba mir eine neue Chance bieten würde.
Zerrissen
Dieses Foto nahm ich in Juba auf und nannte es "Zerrissen", um meine
widersprüchlichen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Ich wollte zurück in den Sudan, weil mir Juba nicht gefiel, doch gleichzeitig wusste ich, dass ich dort sicher war und sich Freiräume
boten. Ich fing an, als Fotograf und Kameramann bei einer Produktions-firma zu arbeiten, es war jedoch die schlimmste Arbeitserfahrung, die ich je machte. Die Firma bezahlte nur pro Auftrag, und es gab viele Wochen ohne Arbeit. An Juba gefielen mir die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, aber Juba war hart. Ich ging oft früh morgens zu Fuß zur Arbeit und kam spät abends zurück.
Eine verkehrte Welt
Diese Montage zeigt unten das letzte Foto, das ich in Khartum aufgenommen habe, zusammen mit einem Bild von Juba aus dem August 2024. Ich war bereits seit sieben Monaten in Juba, fühlte mich aber noch immer fremd. Ich sehnte mich nach meiner Familie, nach fotografischer Arbeit jenseits meines Jobs und nach Möglichkeiten, um mich aus einer Situation zu befreien, die sich wie ein Käfig anfühlte. Mit diesem Foto wollte ich zum Ausdruck bringen, dass Juba auf mich wie eine andere Welt wirkte.
Verschwommene Erinnerungen
Am 13. September 2024 verließ ich Juba und machte mich auf den Weg nach Kampala, die Hauptstadt Ugandas. Ich hatte acht Monate in Juba verbracht, und damit länger als an jedem anderen Ort, seit ich Khartum verlassen hatte. Juba war mir zwar keine Heimat geworden, doch bedeutet mir die Zeit dort viel. Ich nahm dieses Foto vom Bus aus auf. Es zeigt den Nil im Regen. Die Tropfen am Fenster waren in gewisser Weise symbolisch – als würden sie meine Erinnerung an Juba verschwimmen lassen.
Eine verpasste Kindheit
Ich nenne dieses Selbstporträt "Obdachlos". Es entstand, kurz nachdem ich das Haus verlassen musste, in dem ich in Kampala wohnte. Ich habe es mit einem Foto aus meiner Kindheit in Katar aus dem Jahr 2013 kombiniert, um zwei unterschiedliche Momente zu kontrastieren. In meiner Kindheit war das Zuhause ein Ort der Erholung, frei von Sorgen. Aber als Erwachsener gilt das nicht mehr. Kampala war weniger hart als Juba, weil es hier eine größere sudanesische Gemeinschaft gab, ich freier fotografieren konnte und mehr Arbeitsmöglichkeiten hatte. Neben der Unsicherheit, vorübergehend obdachlos zu sein, musste ich den Verlust meiner kleinen Schwester Ruba Yassir verkraften, die am 16. Dezember 2024 im Alter von nur 15 Jahren starb.
Zuhause?
Ich wohnte in einem Viertel in Kampala, das voller Sudanes*innen war, doch ich konnte mich dort nicht richtig einfinden. Meine Geschichte ist nur eine von Millionen sudanesischer Geschichten – unerzählte Geschichten von Menschen, die ihre Familien verloren haben und gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen. Tausende starben an Hunger, Tausende weitere, weil sie sich keine medizinische Versorgung leisten konnten. Der Konflikt dauert immer noch an und verschärft sich. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass er ein Ende findet. Das Wort Zuhause verwende ich schon lange nicht mehr. Ich habe fast vergessen, was es bedeutet, aber ich werde weiter nach einer Bedeutung suchen.
Ammar Yassir ist ein sudanesischer Dokumentarfotograf und Filmemacher, spezialisiert auf die Dokumentation des anhaltenden Konflikts im Sudan, insbesondere auf die Schicksale sudanesischer Flüchtlinge.
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