Amnesty Journal Pakistan 21. März 2018

Verschleppt in Karatschi

Drei junge Frauen in Gewändern und Kopftüchern sitzen im Schneidersitz auf dem Boden und blicken in die Kamera

Da für den Bruder. Sagheer Balochs Schwester Hamida und die Menschenrechtlerin Tayyaba Baloch im Februar 2018 in Karatschi.

Tausende Belutschen sind in den vergangenen Jahren von pakistanischen Sicherheitskräften entführt worden. Die Täter gehen straffrei aus.

Von Andrzej Rybak (Text und Fotos), Karatschi

Sagheer Baloch saß mit Freunden in der Kantine der Universität Karatschi, als Männer in Zivilkleidung die Räume stürmten. Sie packten die Tasche und den Laptop des 21-jährigen Politikwissenschaftlers und warfen ihn samt seinen Sachen in einen weißen Toyota, der vor der Tür wartete. Das war am 20. November 2017 gegen 17 Uhr.

Dutzende Kommilitonen sahen den Vorfall, doch aus Angst mischte sich niemand ein. Denn jeder wusste: Die Männer ge­hören zu den Pakistan Rangers, der berüchtigten paramilitärischen Truppe des Innenministeriums. Nur sie dürfen einfach so mit Autos und Motorrädern auf dem abgesperrten Unigelände fahren.

Die Menschenrechtslage in Pakistan ist bedrückend: Religiöse und ethnische Minderheiten werden diskriminiert, Frauen zwangsverheiratet und aus Gründen der "Ehre" ermordet. Bewaffnete Konflikte und politisch motivierte Gewalt spielen vor allem in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa, Belutschistan und Sindh sowie in den Stammesgebieten im Nordwesten des Landes eine große Rolle.

Jeden Tag werden irgendwo im Land Menschen von Angehörigen der Geheimdienste oder der Armee verschleppt: Aktivisten von Minderheiten, die nach Autonomie streben, regimekritische Journalisten und Menschenrechtler, oppositionelle Politiker und Studenten. Doch am schlimmsten trifft es die Belutschen. In den vergangenen Jahrzehnten sind nach Angaben von Menschenrechtlern bis zu 20.000 Personen aus Belutschistan von Sicherheitskräften entführt worden. Die meisten tauchten nie wieder auf. "Es gibt heute kaum noch eine intakte Familie in Belutschistan, jede hat Angehörige verloren", klagt Tayyaba Baloch, die stellvertretende Vorsitzende der belutschischen Organisation für Menschenrechte (BHRO). "Jeden Tag führt die Armee Säuberungen durch, zündet Häuser und Dörfer an."

Auch Sagheer Baloch, der verschleppte Student, ist Belutsche. Seine Schwester Hamida hat deshalb kein gutes Gefühl. "Seit seinem Verschwinden haben wir kein Lebenszeichen von ihm", sagt sie unter Tränen. Die Polizei habe zwar die Aussagen der Zeugen aufgenommen, doch sowohl Ranger als auch andere Wachleute bestritten später, an der Aktion beteiligt gewesen zu sein. "Er gehört keiner politischen Organisation an", betont die Schwester. "Seine einzige Sünde ist wohl, dass er aus Awaran stammt." Die Region gilt als Hochburg der belutschischen ­Nationalisten.

Belutschistan im Südwesten des Landes ist die größte ­Provinz Pakistans. Es ist etwa so groß wie Deutschland, doch ­leben hier nur gut zwölf Millionen Menschen, viele davon in ­Armut. Nach dem Rückzug der Briten 1947 strebte der mehr­heitlich von Belutschen bewohnte Landstrich nach Unabhän­gigkeit, wurde aber 1948 vom neu gegründeten Pakistan ­annektiert. Eine zunächst gewährte Teilautonomie schaffte die ­Regierung in Isla­ma­bad 1955 ab. Das führte zu immer neuen Aufständen gegen die pakistanische Herrschaft. Bereits bei den Kämpfen in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren wurden ­Tausende Unabhängigkeitskämpfer von der pakistanischen ­Armee getötet.

Die Belutschen haben ein ähnliches Problem wie die Kurden. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich über mehrere Staaten: Iran, Afghanistan und Pakistan. Der Khan von Kalat gründete 1666 den ersten unabhängigen Belutschen-Staat, im 19. Jahrhundert kam die Region unter britische Herrschaft. Mit dem Autonomiesonderstatus im kolonialen Britisch-Indien begründen die Belutschen bis heute ihr Recht auf Unabhängigkeit.

Davon will Pakistan aber nichts wissen. Forderungen der ­Belutschen nach mehr Rechten werden von der Armee niedergeschlagen, der letzte Aufstand begann 2004 und dauerte acht Jahre. Zudem wirft die pakistanische Regierung den Belutschen vor, mit Indien zu paktieren und von indischen Geheimdiens­ten finanziert und unterstützt zu werden. Die Belutschen bestreiten das. Auch habe die pakistanische Regierung nie entsprechende Beweise vorgelegt.

All das führt zu einem Klima der Unterdrückung. Viele Belutschen fühlen sich als Feinde im eigenen Land. Wer sich in ­Pakistan für Belutschistan einsetzt, egal ob friedlich oder mit der Waffe, gilt als Terrorist. Im Kampf gegen die "Terroristen" ist der Armee jedes Mittel recht: Menschen werden verschleppt, gefoltert, getötet – ohne offizielle Anklage, ohne Gerichtsurteil. Die Armee soll sogar Brunnen und Wasserstellen vergiften, um den Belutschen ihre Lebensgrundlagen zu nehmen. Verifizieren lassen sich solche Berichte kaum – für Ausländer ist Belutschistan schwer zugänglich.

"Allein im vergangenen Jahr wurden 2.114 Belutschen bei Strafaktionen der Armee und des paramilitärischen Frontier Corps verschleppt", sagt die Menschenrechtlerin Tayyaba Baloch. "545 wurden gefoltert und getötet. Wir haben viele Leichen gefunden. Von den meisten fehlt aber jede Spur." Ihre Organisation versucht, alle Nachrichten über Menschenrechtsverstöße gegen die Belutschen zu sammeln und zu dokumentieren. Die Aktivisten besuchen die Familien der Verschleppten, spenden Trost und leisten Beistand. "Wir werden bei unserer Arbeit immer wieder von Armee und Polizei behindert und belästigt", schimpft die 20-Jährige. Auch sie riskiert bei ihrem Einsatz ihr Leben: "Früher haben sie nur belutschische Männer entführt, jetzt werden auch Frauen verschleppt."

Tayyaba Baloch sitzt unter einem Zeltdach an der Außenmauer des Internationalen Presseclubs in Karatschi. Das ist der letzte Ort in der Hafenmetropole, an dem die Belutschen demonstrieren dürfen, ohne von der Polizei abgeführt zu werden. Regelmäßig versammeln sich hier die Familien der Verschleppten, um auf ihre Angehörigen aufmerksam zu machen. "Wenn unsere Brüder Terroristen sind oder etwas verbrochen haben, dann soll man sie doch vor Gericht stellen und sie verurteilen", sagt Hamida Baloch, die Schwester des verschwundenen Studenten.

Die Unsicherheit über ihren Bruder ist für sie das Schlimms­te. Denn meist erfahren die Familien der Verschleppten nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen, die Ehefrauen wissen nicht, ob sie noch verheiratet sind oder bereits Witwen. Wenn die Vermissten wieder auftauchen, sind sie meist tot und tragen Spuren von Folter. Viele Leichen sind so stark verunstaltet, dass man sie kaum noch erkennen kann.

Wie Noor Achmad. Am 2. Januar 2018 wurde seine verstümmelte Leiche auf einem Feld bei Mirabad gefunden, etwa 200 ­Kilometer nordöstlich von Karatschi. Die Folterer hatten seine Augen herausgerissen, im Bauch klafften mehrere Wunden. "Es war das Militär", sagt seine Nichte Zahra, die bei der Festnahme von Noor Achmad dabei war. "Unser Auto wurde vor einem Armee­stützpunkt angehalten. Sie führten meinen Onkel ab, um ihn zu verhören und befahlen uns, nach Hause zu fahren." Das war am 28. Juli 2016.

Die 26-jährige Zahra protestierte lautstark, bis die Soldaten drohten, sie ebenfalls einzusperren. Sie meldete den Vorfall bei der Polizei. Noor Achmad war Lehrer und hoch angesehen. Dennoch hat die Polizei bis heute eine Untersuchung verweigert. "Sie sagten uns, sie riskierten ihr Leben, wenn sie gegen die Armee ermitteln", erzählt Zahra. Die Familie reichte dann in der belutschischen Provinzhauptstadt Quetta eine Klage gegen das Frontier Corps ein – und wurde umgehend von Soldaten bedroht.

"Früher trugen sie immer Zivilkleidung, wenn sie Leute verschleppten", sagt Asad Butt, Vorsitzender der Human Rights Commission of Pakistan in Karatschi. Inzwischen agierten die Killer immer unverblümter. "Jetzt fahren sie in Armeeautos vor, in ihren Uniformen." Manchmal werde die örtliche Polizei sogar gezwungen, bei den Aktionen zu assistieren. Wenn Butt die Ranger um eine Stellungnahme für die Behörden bittet, streiten sie alles ab. "Ich habe einmal vor Gericht Filmaufnahmen vorgelegt, die eine Beteiligung des Militärs belegten. Selbst das hat nichts gebracht", sagt er kopfschüttelnd.

Derzeit wird der vergessene Konflikt mit den Belutschen ­zusätzlich von einem milliardenschweren Infrastrukturprojekt belastet: Dem Bau des chinesisch-pakistanischen Korridors, der über 3.000 Kilometer von der chinesischen Grenze im Norden des Landes quer durch Belutschistan zum Hafen Gwardar am Indischen Ozean verlaufen soll. Das Vorhaben ist Teil von Chinas Plänen für eine "Neue Seidenstraße". Eine Schnellstraße und mehrere Kraftwerke sollen gebaut werden, Rohstoffe gefördert und verarbeitet. Belutschistan ist die an Bodenschätzen reichste Region Pakistans. In der Erde lagern Erdgas, Kohle, Zink und Gold.

Für das Projekt wurden bereits Tausende Familien enteignet. "Die Chinesen stehlen unser Land und unsere Rohstoffe", klagt Jamila Baloch, die Schwester des getöteten Noor Achmad. Und verbittert fügt sie hinzu: "Syrien hat Glück, die ganze Welt weiß, was dort passiert. Die Verbrechen der pakistanischen Armee in Belutschistan sind hingegen kaum bekannt." Weder die Opposition noch die Medien noch die Regierung wollten sich für die Belutschen mit der Armee anlegen. "Nur Druck aus dem Westen kann uns helfen", sagt sie. Und: "Wenn die USA keine Waffen und keine Munition mehr liefern würden, wäre die Menschenrechtssituation wahrscheinlich besser." 

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