Amnesty Journal Mexiko 04. Dezember 2017

Mama und das Militär

Die drei Schwestern Citlali, Deisy und Paola Alvarado sitzen lächelnd  nebeneinander an einem Tisch, zwei von ihnen sind eineiige Zwillinge

Wahrheit, Erinnerung, Gerechtigkeit. Citlali, Deisy und Paola Alvarado in Ciudad Juárez, Oktober 2017.

In Mexiko haben Drogenkartelle, Polizei und Armee Zehntausende Menschen verschleppt – auch die Mutter der drei Schwestern Alvarado. Vom Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof in Costa Rica erhoffen sie sich nun Gerechtigkeit.

Von Kathrin Zeiske (Text) und Carolina Rosas Heimpel (Fotos)

Es war zwischen Weihnachten und Silvester, als die Soldaten Nitza Alvarado mitnahmen. Acht Jahre ist das her. Damals waren ihre Töchter Citlali, Paola und Deisy fast noch Kinder. Heute sind sie junge Frauen auf der Suche nach der Wahrheit. Die Alvarado-Schwestern beten dafür, dass ihre Mutter am Leben sein möge – auch wenn die Situation in Mexiko ihnen keine große Hoffnung erlaubt.

Drei akkurat geschminkte junge Frauen mit diskreten Zahnspangen und hüftlangen braunen Haaren sitzen auf dem Sofa. Sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich, Citlali und Paola sind sogar Zwillinge. "Nicht einmal unsere Mutter konnte uns auseinanderhalten", sagen sie. Und lächeln stolz – wie immer, wenn sie ihre Mutter erwähnen. Die drei sind selbstbewusst, aufgeweckt und politisch engagiert. Jetzt fiebern sie dem Jahres­ende entgegen, denn dann soll der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof über ihren Fall urteilen. Nach all den Jahren des Stillstands erwarten die Alvarados von diesem Gericht endlich Gerechtigkeit.

Bei der Klage geht es nicht nur um das gewaltsame Verschwinden ihrer Mutter Nitza, ihrer Cousine Rocío und ihres ­Patenonkels José Ángel durch das Militär, sondern auch um die erzwungene Flucht eines Großteils der Familie. "Weil wir die Verschleppung unserer Angehörigen öffentlich gemacht haben und nicht müde geworden sind, vom Staat eine Aufklärung zu verlangen, mussten wir fliehen", sagt Citlali. Nach Ansicht von Prozessbeobachtern spricht die Beweislage eindeutig gegen den mexikanischen Staat. Dieser kann nur noch technische Einwände anführen, um einen Schuldspruch hinauszuzögern. Es wäre das erste Urteil gegen Mexiko wegen gewaltsamer Verschleppung durch die Armee.

Citlali erinnert sich genau an jenen Abend im Dezember 2009, als ihr Patenonkel José ihre Mutter bat, sie zum Haus seiner Schwiegermutter zu fahren. Dort wurden beide vom Militär verschleppt. Wenig später entführten Soldaten auch ihre Cousine Rocío im Schlafanzug aus dem Haus.

Citlali und Paola waren damals 14, Deisy 11. In ihrer Gemeinde Benito Juárez im Norden Mexikos tobte der Drogenkrieg, der im gesamten Land seit 2006 Hunderttausende Menschen das Leben gekostet hat. Der Ort war komplett vom Militär besetzt. Drei Monate zuvor hatten Mitglieder des Drogenkartells von ­Juárez eine Einsatztruppe der Bundespolizei angegriffen und dabei Beamte getötet. Der damalige Präsident Felipe Calderón schickte das Militär, um die Macht des Kartells zu zerschlagen. Der von ihm ausgerufene "Krieg gegen die Drogen" sollte bald seinen blutigen Höhepunkt erreichen.

In Benito Juárez wurden viele Menschen festgenommen. Die landwirtschaftliche Gemeinde im Bundesstaat Chihuahua wurde, wie die benachbarte Grenzstadt Ciudad Juárez, zum Schauplatz einer Art innerstaatlichen Krieges. Dabei griff das Militär wahllos Menschen auf, verschleppte und folterte sie. Die meisten kamen irgendwann wieder frei, viele mit eingetretener Nase oder gebrochenen Händen. Manche tauchten nie wieder auf.

Folterkammer und Massengrab

Die Familie Alvarado reagierte entschlossen auf den Verlust ihrer Angehörigen: Sie erstattete sofort Anzeige, wenige Tage nach den Festnahmen hatte sie bereits einen Termin mit führenden Militärs in der Kaserne von Ciudad Juárez. Diese gilt damals als Folterkammer und geheimes Massengrab. "Nur wir Frauen gingen hin, um zu vermeiden, dass sie unseren Männern etwas ­antun", erzählt María de Jesús Alvarado, die Schwester der verschwundenen Nitza. "Wir hofften, auf Oberst Élfego Luján zu treffen, der unsere Gemeinde besetzt hielt. Und auf General ­Felipe de Jesús Espitia, der den Heereseinsatz im Bundesstaat Chihuahua befehligte." Diese gingen in die Offensive, betitelten die Familie als Kriminelle. "Wir waren sehr wütend und sagten laut unsere Meinung. Später lagen unsere Nerven blank vor Angst."

Der Rücken einer Frau, auf deren weißem T-Shirt steht "Verdad, Memoria, Justicia!", ihr Schatten mit hochgestreckter Faust ist auf der Mauer daneben zu sehen

Wahrheit, Erinnerung, Gerechtigkeit. Der Kampf der Alvarado-Schwestern.

Oberst Luján, der damals den Einsatz in Benito Juárez anführte, sitzt mittlerweile in Haft, wegen eines anderen Falls: Im Oktober 2009 war ein Zivilist unter seiner Aufsicht an Folter gestorben. Einen Mitgefangenen, der Zeuge der Tat war, ließ er umbringen. Im Jahr 2010 ordnete Luján an, zwei Soldaten hinzurichten, die angeblich zum Juárez-Kartell übergelaufen waren.

Es wäre relativ leicht, den verurteilten Luján nach dem Verbleib der Familie Alvarado zu befragen. Doch wahrscheinlich würde er nicht die Wahrheit sagen, um sich nicht zu belasten. Menschenrechtsorganisationen im Bundesstaat Chihuahua hoffen, dass der Interamerikanische Gerichtshof die Aushebung von Massengräbern und die Identifizierung von Leichen anordnen wird. Fast 2.000 Menschen gelten allein in Chihuahua als vermisst. Und dennoch hat die mexikanische Regierung gerade dem UN-Ausschuss über das Verschwindenlassen die Einreise ins Land verweigert.

María de Jesús Alvarado hat die Ereignisse der vergangenen acht Jahre in einem roten Ringbuch aufgezeichnet: Namen, Institutionen, Paragrafen, juristische Termini. Inzwischen weiß sie alles über Menschenrechtsverletzungen und die Verschwundenen des Drogenkriegs. Schon im Januar 2010, einen Monat nach den Vorfällen in Benito Juárez, startete Amnesty International eine Eilaktion zum Fall Alvarado. María hat alle Briefe aufgehoben, die sie damals erreichten, unter anderem aus Nürnberg und Neuseeland. Es sind zwei Schuhkartons voll.

Damals überschlugen sich die Ereignisse. Die verschleppte Nitza schaffte es nämlich, anzurufen: "Sucht mich, findet mich, die Soldaten haben mich!", konnte sie gerade noch sagen, dann brach das Telefonat ab. Obwohl es bis in ein Frauengefängnis in Mexiko-Stadt zurückverfolgt werden konnte, stellte die Bundespolizei die Ermittlungen ein.

María gelang es, beim damaligen Präsidenten Felipe Calderón vorstellig zu werden, als dieser nach einem Massaker ­Angehörige in Ciudad Juárez besuchte. Eine surreale Situation. Er blickte María de Jesús Alvarado ernst an: "Du willst einen Krieg anfangen", sagte Calderón. "Das Militär beschützt diese Nation, es begeht keine Verbrechen. Ich werde nicht akzeptieren, dass jemand es in den Schmutz zieht", warnte er sie. "Wenn der Präsident selbst das sagt, wie kann ich dann in Mexiko Gerechtigkeit erwarten?", fragt María.

Tausende Anzeigen

Die Familie Alvarado ist nicht die einzige, die Verschleppungen und andere Menschenrechtsverletzungen durch das Militär angezeigt hat. Seit 2006 sind bei der mexikanischen Menschenrechtskommission mehr als 9.000 Anzeigen gegen Armee­angehörige eingegangen. Doch der Fall Alvarado ist sehr gut ­dokumentiert, die Verantwortlichen klar benannt. An der ersten Anhörung vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof nahmen sowohl die Familie als auch hohe mexikanische Beamte und Militärs teil. Ein ranghoher General geriet in Wut, warf einen Stuhl um und schrie: "Das hier ist eine Katastrophe!"

Die Regierung reagierte mit Drohungen Die Angst wurde zum ständigen Begleiter der Familie, die deshalb immer wieder den Bundesstaat wechselte. Die Mädchen fürchteten sich damals selbst auf dem Weg zur Schule. "Immer waren irgendwo Soldaten", berichtet Paola. "Uns klopfte das Herz bis zum Hals, auch wenn wir nur zum Kiosk gingen."

Ein älterer Mann mit Cowboy-Hut blickt an der Kamera vorbei, im Hintergrund seine Frau

Ein Kampf der ganzen Familie. Die Großeltern der drei Schwestern, María de Jesús Espinoza und Concepción Alvarado.

Und doch lassen sie sich nicht einschüchtern. Weder vom Militär, noch von ihrer eigenen Trauer. "Für Citlali, Deisy und mich war es ein Schock, als wir begriffen, dass unsere Mutter morgens nie wieder in der Tür stehen würde", sagt Paola. Ihre Tante María kümmerte sich damals um die Mädchen. Sie nahmen an Therapiesitzungen teil, in denen sie Kinder mit dem gleichen Schicksal kennenlernten. Und sie trafen Mitglieder des UN-Ausschusses über das Verschwindenlassen. "Wir begriffen allmählich, dass es Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern könnte, etwas über den Verbleib unserer Mutter zu erfahren", erzählt Paola. Gleichzeitig wurden die Schwestern zu Aktivistinnen: Sie waren bei Demonstrationen von Angehörigen Verschwundener in der ersten Reihe dabei, schrieben Nummernschilder von Militärautos auf und fotografierten Polizisten in Zivil.

Doch im Mai 2013 wurde die Situation extrem bedrohlich. Ein Unbekannter sprach María de Jesús Alvarado an, nachdem sie in der Stadt Chihuahua eine flammende Rede gehalten hatte. Er erzählte vom Juárez-Kartell und von "nächtlicher Drecksarbeit", die es für den Gouverneur erledigen würde. Was wie ein Ratschlag klang, war in Wahrheit eine Drohung. María bekam Angst. "Ich ging nach Hause und sagte: ›Packt eure Sachen, wir müssen Mexiko verlassen.‹"

Verfolgte Nachbarn im Exil

Von einer schmucklosen Mietwohnung im ersten Stock schauen sie nun über freie Felder bis zur Grenze. Die umstrittene Mauer zwischen Mexiko und den USA erscheint den Alvarado-Schwestern derzeit wie ein Schutzwall. Hier zwischen Ciudad ­Juárez und dem texanischen El Paso ist Donald Trumps Traum längst Realität. "Seit wir in den USA leben, fühlen wir uns viel ruhiger", sagt Deisy und streichelt ihren kleinen Hund. "Hier laufen uns keine Soldaten über den Weg. Wir können in Frieden leben."

Mit zwölf Familienangehörigen gingen sie 2013 ins Exil. Kein leichtes Unterfangen. Direkt beim Grenzübertritt wurden sie getrennt und inhaftiert. Die drei Mädchen kamen in Abschiebehaft nach Phoenix. "Niemand sagte uns, wohin es geht. Die Beamten machten sich über uns lustig und drohten uns mit Handschellen", erzählt Citlali. Zwei Monate lang waren sie in Haft, gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen aus Mittelamerika. "Ich hatte Angst, alleine zu bleiben, denn meine Zwillingsschwestern wurden bald volljährig und wären dann in den regulären Haftbetrieb gekommen", sagt Deisy. Ein beherzter Anwalt aus El Paso kämpfte den Asylstatus für die Mädchen als "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" durch.

Das Leben in El Paso ist einsam, ganz anders als auf dem Land in Mexiko. Die einzigen Verbündeten hier sind die anderen Exilierten aus Chihuahua: Journalisten, die sich nicht haben kaufen lassen, Aktivistinnen gegen Frauenmorde und Vertriebene aus dem Juárez-Tal, wo der Kampf um die Drogen noch heute tobt. Die drei Alvarado-Schwestern gehen zur Schule oder zur Universität und arbeiten abends als Kellnerinnen in einem Restaurant. Freitags ist Karaokeabend. Die mittlerweile 19-jährige Deisy singt dann leidenschaftlich und gut mexikanische Schlager.

Eine der Alvarado-Schwestern blickt auf einen Computer-Bildschirm, im Hintergrund sieht man einen Kühlschrank und eine Speisetafel

Angehende Anwältin. Paola Alvarado.

Nur manchmal fahren Citlali, Paola und Deisy über die Grenze in das Haus ihrer Mutter zurück. Viel Zeit verbringen sie dort nicht. Es ist wie der Besuch in einem Mausoleum. Sie huschen durch die Räume, in denen seit acht Jahren alles unberührt geblieben ist. Wegwerfen wollen sie nichts. Bis letztes Jahr haben sie ihrer Mutter sogar manchmal noch kleine Geschenke gekauft.

Auf einem internationalen Treffen von Menschenrechtlern fragte jüngst jemand, ob sie noch stolz sein könnten auf ihr Land. Paola sagte, nein, denn es hat uns unsere Mutter genommen. Im August haben sie und ihre Zwillingsschwester an der Universität von El Paso ein Jurastudium begonnen. Die Verteidigung der Menschenrechte ist nun ihr erklärtes Lebensziel.

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