Amnesty Journal Libyen 05. Februar 2018

Soundtrack der Politik

Ein Mann mit Megaphon und hochgereckter Faust

Verstärker: Protest gegen Sklavenhandel in Libyen. Toulouse, November 2017

Tausende Menschen folgten dem Protest des ivorischen Reggae-Stars Alpha Blondy gegen den Sklavenhandel in Libyen. Musik, gesellschaftliches Engagement und Politik sind in Afrika eng verwoben.

Von Daniel Bax

Dass in Libyen unsägliche Verhältnisse herrschen, war lange bekannt. Aber als der US-Sender CNN im November 2017 die Videoaufnahmen einer mutmaßlichen Sklavenauktion ausstrahlte, bei der junge, schwarze Männer ab 400 US-Dollar pro Kopf als Feldarbeiter versteigert worden sein sollen, sorgten diese Bilder insbesondere in den sozialen Medien für Empörung. Zwölf Männer aus Niger sollen auf diese Art und Weise verkauft worden sein.

Auf Facebook meldete sich der ivorische Reggae-Star Alpha Blondy zu Wort. Der 64-Jährige wandte sich an die Präsidenten der Länder der Afrikanischen Union und der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS. Er warf ihnen Untätigkeit vor und forderte sie zum Handeln auf. Und er rief alle Afrikaner dazu auf, so lange vor den libyschen Botschaften zu demonstrieren, bis alle als Sklaven gefangenen Menschen in Libyen befreit seien.

Sein Video wurde mehr als 1,5 Millionen Mal aufgerufen und verfehlte seine Wirkung nicht. Andere Prominente schlossen sich seinem Appell an, darunter sein Reggae-Kollege Tiken Jah Fakoly aus Côte d’Ivoire, der Superstar Youssou N’Dour aus dem Senegal, Fußballstars wie Paul Pogba oder Schauspieler wie Omar Sy. Mehrere tausend Menschen folgten dem Aufruf und demonstrierten vor libyschen Botschaften – in Abuja und Bamako, aber auch in Paris, London und Berlin. Einige westafrikanische Länder zogen ihre Botschafter aus Tripolis ab, darunter Mali, Burkina Faso und Niger. Auch beim EU-Afrika-Gipfel in der Elfenbeinküste kam das Thema kurz darauf auf die Tagesordnung.

Musiker wie Alpha Blondy besitzen in Afrika oft mehr moralische Autorität als viele Politiker. Und Musik hat hier noch immer eine politische Kraft, die sie anderswo längst verloren hat. In Südafrika spielten Musikstars wie Miriam Makeba und Hugh Masekela beim Kampf gegen das Apartheidregime eine wichtige Rolle und halfen, es zu Fall zu bringen. Ebenso legendär ist, wie sich der nigerianische Afrobeatbegründer Fela Kuti, der 1997 mit 59 Jahren starb, sein Leben lang mit den Militärregimen in seinem Land anlegte.

Auch heute noch verstehen sich viele Musiker als soziales Gewissen. Sie engagieren sich gegen Landminen, Kindersoldaten oder Malaria. In Liberia, wo über 50 Prozent der Menschen Analphabeten sind, erklären Musiker mit Songs, wie man sich vor Ebola schützen kann. Popstars wie der Senegalese Baaba Maal leisten einen wichtigen Beitrag, um die Ausbreitung von HIV und Aids einzudämmen. Und populäre Sängerinnen wie Oumou Sangaré aus Mali setzen sich gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen ein. Internationale Hilfsorganisationen, lokale NGOs und Basisbewegungen setzen gern auf Musiker, weil diese mit ihren Auftritten auf freiem Feld oder in Schul­aulen ein breites Publikum erreichen.

Aber viele Musiker setzen ihre Stimme auch dafür ein, um bei Wahlen bestimmte Politiker zu unterstützen. Denn auch politische Patronage hat hier Tradition. In der Demokratischen Republik Kongo etwa sind Musik und Politik seit jeher eng verwoben. Der zweitgrößte Staat des Kontinents ist auch musikalisch ein Schwergewicht: Sein Exportschlager, die kubanisch inspirierte Rumba Lingala, ist von Abidjan bis Dar Es Salaam beliebt. Doch weil viele kongolesische Musiker trotz ihrer Popularität nicht allein von ihren Einkünften aus Auftritten und dem Verkauf von Tonträgern leben können, sind sie darauf angewiesen, Politikern und Geschäftsleuten ihre Stimme zu leihen. Schon Diktator Mobuto Sese Seko, der 1997 starb, setzte auf die Popularität von Rumbastars wie Franco Luambo. Mobutos Nachfolger Joseph Kabila vergewisserte sich der Unterstützung der populären Sängerin Tshala Muana. Aber auch Mobilfunkanbieter und Brauereien kaufen sich die Gunst von Musikern. Werrason, einer der populärsten Musiker des Landes, veröffentlichte einmal einen Song, in dem er über hundert Namen von Personen aufzählte, die ihn dafür bezahlt hatten, sie zu erwähnen.

Das Radio ist in weiten Teilen des Kontinents immer noch das wichtigste Medium. Auch wenn inzwischen immer mehr Menschen Zugang zum Internet haben und die Alphabetisierungsrate steigt, reicht nur wenig an die Beliebtheit von Radiosendungen und Radiotalkshows heran.

Es sind die jungen, aufstrebenden Politiker und die Oppositionsparteien, die sich der neuen Medien und hipper Musik zu bedienen wissen. Der Jungpolitiker Patrick Muyaya aus der Demokratischen Republik Kongo etwa setzte in seiner Kampagne 2011 ganz auf junge Musiker. In seinem Wahlkampfvideo "Azala Zala" treten DJs und Rapper auf, und er ließ seine Wahlkampfhelfer in choreografierten Tanzszenen die Hüften schwingen. Mit nur 29 Jahren schaffte er damit bei den bislang letzten Wahlen im Kongo den Einzug ins Parlament.

Auch in Uganda setzte Kizza Besigye, der mehrmalige He­rausforderer von Präsident Yoweri Museweni, 2016 auf die Kraft der Musik. Im Video zu seinem Wahlkampfhit "Besigye Songs Mbere" ("Vorwärts mit Besigye") inszenierte sich der heute 61-Jährige wie ein Popstar, der bei seinen Reisen durchs Land die Massen – und damit auch die Verhältnisse? – zum Tanzen bringt. Der rund zehn Jahre ältere Museweni, der seit 1986 als Präsident amtiert, griff daraufhin selbst zum Mikrofon. In seinem Song "Yengoma" besang er die Viehzucht, Instrumente wie die titelgebende Trommel und die Tugend der Ausdauer. Seine Wiederwahl sicherte er aber wohl eher durch Unregelmäßigkeiten, viel Geld und indem er seinen Herausforderer unter Hausarrest stellen ließ.

Erfolgreicher waren die Bemühungen der Opposition im Senegal, eine umstrittene dritte Amtszeit des damals 85-jährigen Präsidenten Abdoulaye Wade zu verhindern. Der international bekannte Popstar Youssou N’Dour setzte sich dort 2012 an die Spitze einer Jugendbewegung, die von Rappern angeführt wurde, nachdem seine eigene Kandidatur für die Präsidentschaft vom Verfassungsgericht abgelehnt worden war: Angeblich hatte er zu wenig gültige Stimmen gesammelt.

Youssou N’Dour unterstützte daraufhin den ehemaligen Ministerpräsidenten Macky Sall, der ihn wiederum nach seinem Wahlsieg zum Minister für Kultur und Tourismus ernannte. Diesen Posten musste Youssou N’Dour allerdings schon zwei Jahre später räumen. Seitdem hat er als Sonderberater von Präsident Sall die Aufgabe, den Senegal im Ausland zu repräsentieren. Das macht Youssou N’Dour wieder wie gewohnt, indem er rund um den Globus Konzerte gibt.

Auch in Südafrika mussten nach dem Ende des Apartheid­regimes viele Musiker erkennen, dass ihr politischer Einfluss ­begrenzt blieb. Der umstrittene Präsident Jacob Zuma tritt zwar gern selbst wie ein Entertainer auf, singt und tanzt in der Öffentlichkeit und umgibt sich mit Stars wie der Kwaito-Sängerin Chomee. Die Regierungspartei ANC zählt heute zu den wichtigs­ten Konzertveranstaltern und Sponsoren von Musik­festivals im Land. Und so entscheiden manchmal Regierungs­beamte darüber, welche Musiker wo auftreten dürfen. Entsprechend vorsichtig sind viele Künstler geworden, sich kritisch gegenüber der Regierung oder dem ANC zu äußern. 

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