Amnesty Journal Korea (Süd) Korea (Nord) 20. April 2022

Datenbanken gegen Erschießungen

Zwei Frauen stehen an einem Geländer, hinter dem sich eine weite hügelige Landschaft erstreckt; öffentliche Ferngläser stehen vor dem Geländer.

Zwei Frauen auf der südkoreanischen Seite der Grenze zu Nordkorea (Paju, 5.01.2022)

Die Organisation Transitional Justice Working Group aus dem südkoreanischen Seoul dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea. Es geht vor allem um öffentliche Hinrichtungen und Fälle von Verschwindenlassen.

Von Felix Lill

Ende Dezember war in der deutschsprachigen Presse ein verstörender Bericht über Nordkorea zu lesen. In einem Text zum zehnjährigen Jubiläum der Regentschaft von Kim Jong-un, der in mehreren Zeitungen erschien, beschrieb der auf Ostasien spezialisierte freie Journalist Fabian Kretschmer, wie Hinrichtungen in Nordkorea vor sich gehen: "Oftmals müssen den Erschießungen nicht nur die Angehörigen der Verurteilten beiwohnen, sondern die gesamte Nachbarschaft." In dem Einparteienstaat dienten Hinrichtungen nicht nur dazu, unbequeme Stimmen zum Schweigen zu bringen, sie fungierten auch als Abschreckung für alle, die zusehen müssen.

Kretschmer beruft sich in seinem Text auf Informationen der Nichtregierungsorganisation Transitional Justice Working Group (TJWG) in Seoul, die mehr als sechs Jahre lang fast 700 nordkoreanische Flüchtlinge interviewt hat. "Wir wollen eine große Datenbank schaffen, die die Hinrichtungen durch den nordkoreanischen Staat offenlegt und systematisiert", sagt Scott Stevens, der für TJWG arbeitet. Zwar werde man es kaum schaffen, jeden Fall zu dokumentieren, räumt der gebürtige Kanadier ein, aber deshalb erst gar nicht damit anzufangen, sei kein Argument: "Jede einzelne Hinrichtung ist schlimm und verdient Beachtung und Verachtung."

Vor dem Vergessen bewahren

Weltweit steht kaum ein Staat derart in Verruf, was Menschenrechtsverletzungen betrifft, wie Nordkorea. Auch Amnesty International prangert seit Jahrzehnten unter anderem Straflager für politische Gefangene, Folter, Willkürjustiz und Hinrichtungen an. UN-Institutionen und viele Staaten weltweit üben ebenfalls seit Jahrzehnten scharfe Kritik am Regime in Pjöngjang. Die Kim-Dynastie hat all das genauso überlebt wie den Kalten Krieg und Hungersnöte mit möglicherweise Millionen Toten. "Wer heute noch behauptet, Nordkoreas Regime würde bald verschwinden, redet Unsinn", sagt Vladimir Tikhonov, Professor für Koreanistik an der Universität Oslo.

Das zehnköpfige Team der Transitional Justice Working Group in Seoul will verhindern, dass die Menschenrechtsverletzungen nördlich der Grenze in Vergessenheit geraten. Die Mitarbeiter_innen interviewen systematisch Zeug_innen und verknüpfen deren Aussagen mit Satellitendaten, um den Tatort der geschilderten Verbrechen möglichst genau zu bestimmen. Auf dieser Basis verfasst TJWG regelmäßig Berichte, die die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea detailliert belegen sollen.

Das grundsätzliche methodische Problem dabei ist, dass die Daten nur auf Aussagen von Zeug_innen beruhen. "Wir sprechen mit Menschen, die geflohen sind", sagt Scott Stevens. Also Menschen, die in ihrem Heimatland so stark unter Druck waren, dass sie ihr Leben riskierten, um anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Solche Personen dürften tendenziell negativer über Nordkorea berichten als jene, die keinen Anlass zur Flucht sahen.

Mehr Frauen als Männer

Dennoch glaubt Stevens, dass die ­dokumentierten Fälle nicht nur akkurat überliefert und wahr sind, sondern auch generelle Aussagen über das nordkoreanische Justizsystem zulassen. "Vor einem Interview verwenden wir viel Zeit darauf, die Geflüchteten kennenzulernen. Die Interviews werden auch nur von Personen durchgeführt, die sich mit der Situation im Land schon längere Zeit beschäftigt haben." Bisher wurden auf diese Weise mehrere Hundert Gespräche mit Menschen geführt, die seit Ende 2011 geflohen sind, also jenem Zeitpunkt, als Kim Jong-un die Macht übernahm.

Die Daten seien auch deshalb belastbar, weil die Geflüchteten unterschiedliche Hintergründe hätten. Zwar sind fast alle über die weniger abgesicherte Grenze Nordkoreas nach China geflohen. Zudem sind unter den Geflüchteten mehr Frauen als Männer, weil Frauen häufiger auf den Getreidemärkten beschäftigt sind und ihnen deswegen mehr Bewegungsfreiheit zugestanden wird. Doch gehören die Geflüchteten ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen an – vom ehemaligen Häftling bis zum Gefängnisaufseher, von der einfachen Arbeiterin bis zum einstigen Regierungsvertreter.

Jede Hinrichtung ist schlimm und verdient Beachtung.

Scott
Stevens
TJWG

Ihre Geschichten machen eine enorme Brutalität deutlich. Der jüngste Bericht von TJWG, der Mitte Dezember 2021 veröffentlicht wurde, schildert Fälle, in denen Menschen allein dafür hingerichtet wurden, weil sie Videos mit Popmusik aus Südkorea angesehen und weiterverbreitet hatten. In anderen Fällen erfolgten die Exekutionen wegen Drogendelikten, Prostitution oder Menschenhandel. Auch für Mord, versuchten Mord und sexuelle Vergehen wurde die Todesstrafe verhängt. "Einen richtigen Prozess erhalten die Beschuldigten nicht", sagt Stevens. "Die Anklage wird vorgelegt, dann wird das Urteil gefällt, und dann werden sie ­erschossen."

Finanziert wird die Arbeit von Scott Stevens und seinen Mitarbeiter_innen von der US-amerikanischen Stiftung National Endowment for Democracy. Das Budget reicht mittlerweile auch dafür, die Tätigkeiten auszuweiten. "Wir haben ein sogenanntes Footprint-Projekt ins Leben gerufen", sagt Stevens. "Damit wollen wir Fälle von Verschwindenlassen seit Beginn des Koreakriegs im Jahr 1950 dokumentieren."

Datenbank der Verschwundenen

Gemeinsam mit anderen Organisationen hat TJWG eine Datenbank aufgebaut, die Menschen erfasst, die in Nordkorea willkürlich inhaftiert, verschleppt und dem Verschwindenlassen zum Opfer gefallen sind. Informationen über etwa 20.000 Fälle sind bereits im Internet unter nkfootprints.info verfügbar. Vermerkt sind jeweils die Namen und die Orte des Verschwindens. Bis das ganze gesammelte Material online zur Verfügung steht, könnten aber noch Jahre vergehen. "Oft ist die Information handgeschrieben und schwer lesbar, manchmal sind es alte, beschriftete Fotos", sagt Stevens. Ziel sei es, an diese Fälle zu erinnern und sie dem Vergessen zu entreißen. Sollte es irgendwann einmal möglich werden, die nordkoreanischen Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und die Opfer rechtlich anzuerkennen, dann dürften die Datenbanken der Transitional Justice Working Group ihren Beitrag dazu geleistet haben.

Zuletzt hat TJWG noch ein drittes Projekt in Angriff genommen. "Wir bilden jetzt Teams in anderen Ländern aus, die etwas Ähnliches machen wollen." Sowohl in Mexiko, wo zahlreiche Menschen Opfer des Drogenkriegs werden, als auch in Myanmar, wo die Rohingya vertrieben und unterdrückt werden, arbeiten Gruppen mittlerweile mit dem Team aus Seoul zusammen.

Felix Lill ist freier Südostasien-Korrespondent. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Zur Website der Transitional Justice Working Group.

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