Amnesty Journal Kenia 21. August 2025

Kenia: Widerstand der Frauen gegen Femizide

Demonstrantinnen auf einer Demo in Nairobi schreien, eine Frau trägt eine Baseballmütze.

Wie in Kenia eine erfolgreiche soziale Bewegung zur Eindämmung von Femiziden entstand.

Aus Nairobi von Bettina Rühl

Ein Mordanschlag, der in Kenia am 1. September 2024 verübt wurde, machte in kurzer Zeit international Schlagzeilen: Die Olympia-Marathonläuferin ­Rebecca Cheptegei wurde von ihrem Lebensgefährten mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt. Die 33-Jährige starb wenige Tage später im Krankenhaus. Der Fall erschütterte Kenia und die Welt wegen der Prominenz des Opfers und der Brutalität des Mordes. Aber auch, weil der Mord in einer langen Reihe stand: Es handelte sich um den dritten Femizid an einer Spitzenläuferin in Kenia seit 2021. 

Schon vor dem Mord an der Top-Athletin hatten Menschenrechtsaktivist*innen in Kenia auf die steigende Zahl von Femiziden hingewiesen und staatliches Handeln gefordert. Rachael Mwikali Mueni ist eine der Initiatorinnen und Organisatorinnen der breiten kenianischen Bewegung gegen Frauenmorde. Die 33-Jährige ist nationale Koordinatorin und Mitgründerin der Coalition for Grassroots Human Rights Defenders Kenya, in der auch viele feministische Gruppen vertreten sind. Aus ihrer Sicht war der Zeitpunkt zum Handeln schon im September 2018 gekommen. Damals war die 26-jährige Studentin Sharon Otieno mutmaßlich von einem hochrangigen Politiker ermordet worden – das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

"Jede hatte damals das Gefühl: Ich kann die nächste sein", ­erinnert sich Mwikali. Sie brachte diverse Basisaktivistinnen, Feministinnen und Frauen zusammen und fragte: "Warum sollten wir nicht auf nationaler Ebene ­Widerstand gegen solche Morde leisten, die mehrheitlich von Männern begangen werden und deren Opfer Frauen und Mädchen sind?" Das war der Ausgangspunkt der kenianischen #EndFemicide-Bewegung, an der sich derzeit mehr als tausend Organisationen beteiligen, darunter feministische, queere, kirchliche und Bürger*innenrechtsorganisationen. 

Zehn Femizide innerhalb von 25 Tagen

Trotz der öffentlichen Präsenz des Themas gingen die Morde weiter. Am 26. Januar 2024 gab Amnesty International in Kenia eine Pressemitteilung heraus, in der die Organisation "die Profil­erstellung, Folter und Tötung von Frauen und anderen Personen aufgrund ihrer Identität" auf "das Schärfste" verurteilte. Anlass der Erklärung: Seit dem 1. Januar 2024 – also innerhalb von nur 25 ­Tagen – waren in Kenia landesweit mehr als zehn Femizide gemeldet worden. "Das bedeutet, dass jeden zweiten Tag eine Frau aufgrund ihrer Identität misshandelt und ­getötet wurde", sagt Zaina Kombo von Amnesty Kenia. Am Tag darauf gingen nach Medienberichten landesweit bis zu 20.000 Menschen gegen Femizide auf die Straße – laut dem Sender Al-Jazeera hatte es in Kenia bis dahin noch nie eine größere Protestveranstaltung gegen Morde an Frauen gegeben. 

"Ich genieße das Gefühl der Solidarität in dieser großen Bewegung", sagt ­Zaina Kombo. Seit der zentralen Protestaktion im Januar 2024 fanden ein halbes Dutzend weitere große Demonstrationen in mehreren Städten statt und etliche Mahnwachen und Proteste in kleineren Städten. Die Sicherheitskräfte reagierten auf den Protest immer wieder mit brutaler Gewalt und unrechtmäßigen Festnahmen, wie Amnesty Kenia kritisiert. 

Regierung beauftragt Task Force

Amtliche Zahlen zu Femiziden in Kenia gibt es nicht, sie werden von den Behörden schlicht als Morde klassifiziert, sagt Zaina Kombo. Um dennoch eine Vorstellung vom Ausmaß der Verbrechen zu bekommen, werteten Datenjournalist*innen mehrerer Organisationen seit 2022 die Berichte in den englischsprachigen kenianischen Zeitungen aus und pflegten sie in eine Datenbank ein. Sie nannten ihre Sammlung "Silencing Women", "Frauen zum Schweigen bringen." Das Team verbrachte nach eigenen Angaben ein Jahr damit, mit Stichwörtern wie "Frau", "Freundin" und "Mord" in der erweiterten Google-Suche nach Artikeln über Morde an kenianischen Frauen und Mädchen zu suchen. Sie lasen Tausende von Such­ergebnissen, um zu entscheiden, welche Fälle als Femizide einzustufen sind. 

Das Ergebnis ihrer Recherche: In Kenia wurden zwischen 2016 und 2024 mindestens 628 Femizide verübt. Mindestens, weil sie nur englischsprachige Berichte nutzten, und weil womöglich nicht jeder Fall in den Medien auftauchte. Allein im Jahr 2024 wurden der Datenauswertung zufolge 127 Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet – ein Anstieg von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Analyse der Medienberichte zeigt auch, dass verheiratete oder in einer Beziehung lebende Frauen am stärksten gefährdet sind. Mehr als 70 Prozent der Morde wurden demnach zu Hause begangen, und die Täter waren meist Ehemänner (40 Prozent) oder Lebenspartner (23 Prozent). Dies widerspricht der gesellschaftlichen Überzeugung, dass Frauen zu Hause vor gefährlichen Übergriffen sicher seien.

Unabhänige Frauen als Bedrohung wahrgenommen

Die Ursachen der vielfachen, oft tödlichen Gewalt gegen Frauen in Kenia sind vielschichtig. Dazu gehören patriarchale Überzeugungen, die vor allem in ländlichen Regionen noch weit verbreitet sind. Wenn Frauen selbstbewusst und finanziell unabhängig sind, werden sie von vielen Männern als Bedrohung empfunden – vor allem, wenn die Männer selbst unter Armut oder Arbeitslosigkeit leiden. Und beides hat zuletzt in der Wirtschaftskrise zugenommen. 

Ende Oktober 2024 sprach angesichts der weiter steigenden Zahl an geschlechtsspezifischen Morden und unter dem Eindruck der starken Widerstandsbewegung dann sogar der stellvertretende kenianische Polizeichef Eliud Kipkoech Lagat von einer "Welle an Verbrechen". In nur drei Monaten waren seinen Angaben nach mindestens 97 Frauen getötet worden. "Dieser beunruhigende Trend unterstreicht die dringende Notwendigkeit ­gezielter Maßnahmen und Zusammen­arbeit, um das weit verbreitete Problem der geschlechtsspezifischen Gewalt in unserer Gesellschaft anzugehen", forderte der stellvertretende Polizeichef.

Unter dem Druck weiterer Proteste und angesichts der allgemeinen Empörung reagierte schließlich auch Präsident William Ruto. Ende Dezember 2024 – also fast ein Jahr nach den breiten Protesten – richtete er eine 42-köpfige Task Force "zu geschlechtsspezifischer Gewalt einschließlich Femizid" ein. 

Die Einrichtung dieser Gruppe sei ­einer der Erfolge der Widerstandsbewegung, betont Kombo von Amnesty Kenia. Sie kritisiert jedoch, dass die Gruppe bislang – Stand Mitte Mai – noch keine Ergebnisse vorgelegt habe. Die ursprüngliche Frist von 90 Tagen habe Präsident Ruto um 60 Tage verlängert. "In dieser Zeit werden weitere Frauen getötet", fürchtet Kombo, und sie fordert: Um Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt einzudämmen, müssten diese als eigene Straftatbestände anerkannt, die Taten schnell und konsequent verfolgt und die Täter mit harten Urteilen belegt werden.

Weiterlesen kannst Du hier: www.africadatahub.org, "Alle zehn Minuten ein Femizid", "Wie sich geschlechtsspezifische Gewalt verhindern lässt". Zum Amnesty Journal mit dem Titel "Frauenkampf und Männermacht – Wie Antifeminismus und Femizide zusammenhängen" gelangst Du über diesen Link.

Weitere Artikel