Amnesty Journal Irak 10. Mai 2019

Weiterleben nach der Flut

Eine Häuserfront, ein zerstörtes, davor ein Fußgänger.

Karakosch im Irak im November 2018

Der Schriftsteller Najem Wali über die Hoffnung junger Irakerinnen auf einen Neuanfang – fünf Jahre nach Beginn des Eroberungsfeldzugs der Terrororganisation Islamischer Staat.

Zuhair Barada konnte es kaum fassen, als er Ende März auf jener Bühne stand, auf der er bis vor fünf Jahren immer wieder Gedichte vorgetragen hatte. Plötzlich kamen dem irakischen Dichter die Tränen. Der 55-Jährige war von der Vereinigung der Jesiden-Bruderschaft in die einstige christliche Enklave Karakosch eingeladen worden; auch Schriftsteller und Intellektuelle anderer religiöser Minderheiten aus Hamdaniya und Mossul waren zu Gast. Die beiden Bezirke gehören zu den Gebieten im Nordirak, die die Terrororganisation Islamischer Staat im Juni 2014 innerhalb weniger Tage überrannt hatte.

Wie aus dem Nichts waren die Kämpfer des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi damals aufgetaucht – technologisch hochgerüstet, militärtaktisch versiert und auf maximale Zerstörung aus. Auch die Verteidiger des nur wenige Kilometer südöstlich von Mossul gelegenen Karakosch, in der nun an die Opfer erinnert wurde, konnten gegen den Ansturm der Al-Qaida-Nachfolgerorganisation nichts ausrichten. Die Dschihadisten zerstörten Kirchen, vergewaltigten Frauen, konfiszierten Wohnungen.

Mehr als zwei Jahre dauerte die Leidenszeit in Karakosch, ehe der irakischen Armee mithilfe von Luftangriffen der ­US-geführten Anti-IS-Koalition im Oktober 2016 die Befreiung der einstigen 50.000-Einwohnerstadt gelang. In Mossul, der selbst ernannten Hauptstadt der Gotteskrieger, endete das Martyrium erst im Juli 2017.

Wie Tausende seiner Landsleute war der Schriftsteller Zuhair Barada vor fünf Jahren mit seiner Familie nach Ainkawa geflohen, das christliche Viertel der irakisch-kurdischen Hauptstadt Erbil. Aus Sicht der IS-Terroristen zurecht, denn deren Islaminterpretation zufolge sind alle Nichtmuslime Ungläubige, die ­verdienen, was man ihnen antut.

Auch deshalb ging es emotional hoch her bei der Gedenkfeier in Karakosch, der viele Menschen beiwohnten, die nun zurückgekehrt sind in ihre Häuser in Mossul und die anderen Gemeinden der Ninive-Ebene – oder ins Sindschar-Gebirge, wo den Jesiden im Sommer 2014 ein Genozid gedroht hätte, hätte die internationale Gemeinschaft nicht militärisch eingegriffen. Auch Chaldäer, Assyrer, Katholiken, Protestanten und Schabak zählten zu den ersten Opfern der Verbrechen des Islamischen Staats.

Alaa Azad, Lingah Fattah und Asmaa Abdul Salam können es deshalb manchmal immer noch nicht glauben, dass sie noch am Leben sind – und nicht als Gefangene in Haft gehalten oder als Sklavinnen verkauft wurden. Eine gängige Praxis unter der Herrschaft des IS, ob in Mossul, Karakosch oder in den syrischen Gemeinden, in denen die Vorgängerorganisation des Islamischen Staats bereits 2014 die Macht übernommen hatte. Mehrere Monate in Flüchtlingslagern mit ihren Familien liegen hinter den drei Frauen Mitte zwanzig, die zunächst keine Universitäten besuchen konnten, weil ihnen in den Wirren der Flucht die Ausweispapiere abhanden kamen. Zudem mussten sie arbeiten, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Die drei jungen Frauen studieren heute an der Universität Salahaddin im nordirakischen Erbil – und sind überglücklich, dass der Albtraum der IS-Herrschaft vorbei ist, auch wenn sie sich immer noch schwer tun, über diese Jahre zu sprechen.

Frauen und ein Mädchen, dahinter Männer in einer Kirche.

 Christliche Hochzeit in der St.-Jakob-Kirche in Karakosch, Irak, November 2018.

Alaa Azad möchte ihr Jurastudium bald beenden. "Der Irak braucht Anwältinnen", sagt sie, "die Anzahl der Frauen, die ­diesen Beruf ausüben, ist noch gering." Der Grund dafür liege darin, dass viele Familien immer noch Angst hätten, ihre Töchter als Anwältinnen arbeiten zu lassen. Weil die staatlichen Institutionen schwach und der Einfluss krimineller Clans groß ist, werden Juristen und Juristinnen im Irak immer wieder Ziel ­bewaffneter Angriffe. Zuletzt Mitte April, als ein Mann einen ­Gerichtssaal in Bagdad betrat und die Anwältin Surra Hassan al-Rubaie in Anwesenheit des Richters und anderer Prozessteilnehmer erschoss.

Solche Fälle und das Leiden irakischer Frauen unter der IS-Herrschaft ermutigten sie dazu, Rechtsanwältin zu werden, sagt Alaa Azad. Denn auch wenn das Staatsgründungsprojekt des IS beendet sei, lebe die patriarchalische Mentalität in der Gesellschaft fort. "Eine Frau wie ich, die Glück hatte und vor gefährlicher Misshandlung gerettet wurde, muss den anderen Frauen, die unter der sozialen Ungerechtigkeit leiden, helfen."

Lingah Fattah studiert Sprachwissenschaften an der Salahaddin-Universität, um eines Tages in einem ausländischen Unternehmen in Erbil oder anderen Städten Irakisch-Kurdistans arbeiten zu können. "Da hier schon Frieden herrscht, stehen ausländischen Investoren alle Türen offen", sagt sie. Schon seit dem Sturz Saddam Husseins ist die Region zum Sprungbrett für US-amerikanische, deutsche, französische, chinesische und türkische Unternehmen auch in den Restirak geworden. Kneipen, Diskotheken und Hotels in Erbils Ausgehviertel Ainkawa sind voll von ausländischen Kunden. Außer den Mitarbeitern europäischer Investmentfirmen begegnet man hier Angestellten ­vieler Nichtregierungsorganisationen.

Diese wirtschaftliche Erholung ermutigte Asmaa Abdul ­Salam, nicht nur Fremdsprachen an der Sprachenfakultät zu ­studieren, sondern auch Management und Wirtschaft an einer Privathochschule. Zu Hause lernt sie zudem Chinesisch. Ihr Traum sei es, in Schanghai als Unternehmerin zu arbeiten, sagt sie. "Oft wird über Geschäftsmänner gesprochen", sagt sie lächelnd, "Ich möchte dieses Tabu brechen. Eines Tages wird man über die Geschäftsfrau Asmaa sprechen." Ihr Vater arbeitete als wohlhabender Geschäftsmann im syrischen Homs, ehe sein Vermögen im Krieg zerstört und die Familie zur Flucht in den Irak gezwungen wurde. "Ich werde den Verlust meines Vaters ­ersetzen", sagt Asmaa Abdul Salam zuversichtlich.

Viele Überlebende des IS-Terrors glauben, dass sie nur durch neue Herausforderungen ihre über Nacht zerstörte Welt reparieren können. Schließlich standen sie Gegnern gegenüber, die von der dschihadistischen Ideologie indoktriniert waren – unabhängig davon, ob sie aus Syrien und dem Irak oder aus Tschetschenien, Tunesien oder Usbekistan in die Fänge des ­Islamischen Staats gerieten. Gefangene ihrer Instinkte waren diese enttäuschten, ungebildeten jungen Männer, denen sich plötzlich die Möglichkeit eröffnete, ihre Taschen mit Geld zu füllen.

Auf 500 Dollar beliefen sich die Einkünfte vieler IS-Kämpfer – ein Vermögen nach Jahren der Arbeitslosigkeit, als Dieb, Drogenhändler oder Betrüger. Außerdem lockten die Kader des IS-Führers al-Bagdadi mit der fetten Beute, die ihnen winkte: Nichtislamische Frauen durften vergewaltigt und auf dem Sklavenmarkt verkauft werden. Letztlich reproduzierte der Islamische Staat damit die Lehren des Urvaters der saudi-arabischen Staatsdoktrin, Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, der im achtzehnten Jahrhundert sein rigides religiöses Gesellschaftsbild ­gefestigt hatte: Jeder, der kein Wahhabit ist, ist ein Ungläubiger, ein Polytheist. Das rechtfertigt die Beschlagnahmung von Vermögen und Immobilien ebenso wie die Versklavung und Ausbeutung nichtmuslimischer Kinder und Frauen.

Der wahhabitischen Lehre zufolge gelten die jungen Männer, die ihr Leben im Kampf gegen die Ungläubigen lassen, als Märtyrer, denen im Jenseits Belohnung winkt. Die Vorstellung von 77 Jungfrauen macht das Paradies so letztlich zu einem pornografischen Ort, voll von Orgien und zulässigem Sex. Und zum Antrieb, Rache an einer Welt zu nehmen, an deren Privilegien sie nicht partizipieren können. Der Glaube an Gott dient dabei nur als Rechtfertigung für ein Tun, das sich letztlich auch als Rebellion gegen Familie, Institutionen und Regierung interpretieren lässt und das in der Vergangenheit bereits erprobt wurde: sei es durch einen kleinen Diebstahl hier oder einen Drogendeal dort; sei es durch einen Faustkampf oder eine Messerstecherei. Der IS bot für diese stillen Wutausbrüche schließlich eine größere Bühne, großzügig bezahlt und durch religiöse Propaganda abgesichert.

Bis heute erfassen viele Überlebende nicht, dass diese Zeit nun wirklich hinter ihnen liegt. Unabhängig davon, ob sie in ihren Dörfern blieben oder nach Jahren auf der Flucht erst wieder zurückgekehrt sind wie der Schriftsteller Zuhair Barada nach Karakosch. Oder wie die drei Frauen, die heute an der Salahaddin-Universität in Erbil studieren. Denn auch wenn ihre Häuser wieder renoviert sind, bleiben viele seelische Narben, die Zeit brauchen, um zu heilen.

Jungen Menschen fällt dieser Neuanfang sicherlich leichter. Wer die über Monate und Jahre vom Islamischen Staat beherrschten Provinzen im Norden und Westen des Landes besucht, traut vielfach seinen Augen nicht: Bands werden aus dem Boden gestampft, literarische Cafés gegründet. Und der Wunsch, gemeinsam ein neues Leben aufzubauen, verbindet selbst Angehörige von Minderheiten, die sich in ihrer religiösen Lehre ansonsten nicht einig sind. Ein Leben »nach der Flut«, wie es Zuhair Barada in einem seiner Gedichte einmal beschrieben hat.

Aus dem Arabischen von Najat Isa Hasan

Najem Wali

1956 in Basra geboren, floh Najem Wali 1980 nach Beginn des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. In Hamburg studierte er Germanistik, in Madrid spanische Literatur. Für seinen Antikriegsroman "Bagdad Marlboro" erhielt er 2014 den Bruno-Kreisky-Preis. Wali ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. 2018 erschien sein Roman "Saras Stunde", der in Großbritannien und Saudi-Arabien spielt. Zurzeit unterrichtet er an der Salahaddin-Universität im nordirakischen Erbil.

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