Serbien: Unabhängiger TV-Sender unter Druck
Redaktionsraum des Fernsehsenders N1 in Belgrad
© Tobias Kruse
N1 ist der wichtigste unabhängige TV-Sender Serbiens. Wegen seiner kritischen Berichterstattung über die Regierung von Aleksandar Vučić droht dem Sender die Übernahme.
Aus Belgrad von Tobias Asmuth (Text) und Tobias Kruse (Fotos)
Danica Vučenić sitzt im grellen Licht der Scheinwerfer und wird verkabelt. "Noch eine Minute", sagt der Kameramann. Ein Schluck Wasser, ein letzter Blick auf die Notizen, noch zehn Sekunden, noch fünf, dann
erscheint auf dem Screen der Vorspann der Abendnachrichten N1 Direktno. Moderatorin Vučenić begrüßt die Zuschauer*innen und schaltet in die Stadt Loznica. Dort berichtet eine Reporterin live von einer Demonstration gegen eine geplante Lithiummine. Ein solcher Bericht ist im serbischen Fernsehen fast nur beim Sender N1 zu sehen.
Für viele ist N1 zur wichtigsten Informationsquelle geworden. Seine Journalist*innen berichten frei von politischer Einflussnahme – was in Serbien die absolute Ausnahme ist – auch über den Präsidenten Aleksandar Vučić, der die Demokratie aushöhlt, den Staat als Selbstbedienungsladen für Parteifreunde zu betrachten scheint, ein System von Korruption aufgebaut und Wahlen manipuliert hat.
Verweigerte Sendelizenzen, eingeschüchterte Reporter
Der serbische Präsident wiederum macht dem Nachrichtensender das Überleben so schwer, wie er nur kann: Seine Behörden verweigern Sendelizenzen, setzen Werbekund*innen unter Druck und schüchtern Reporter*innen ein. Die Pressefreiheit gilt in Serbien nur für Journalist*innen, die Vučićs Sicht auf die Welt teilen. Alle anderen bezeichnen der Präsident und seine Anhängerschaft gern als Agent*innen, Terrorist*innen und Verräter*innen.
Wie lange das Team von N1 noch frei recherchieren und senden kann, ist unter diesen Umständen unklar. Anfang April wurde Igor Božić, der erfolgreiche und beliebte Chefredakteur des Senders, freigestellt. "Er war der ideale Mann für den Job", sagt der Jurist Igor Bandović vom Belgrader Zentrum für Sicherheitspolitik, einem unabhängigen Thinktank, der seit Jahren die Lage der Demokratie in Serbien im Blick hat. "Igor Božić ist einer der bekanntesten Journalisten aus der Schule von B92." Die Mitarbeitenden des legendären Radiosenders hatten den Mut, sich in den 1990er Jahren den Sicherheitsdiensten des Autokraten Slobodan Milošević zu widersetzen. "Nun widerstehen sie Aleksandar Vučićs Machtapparat", sagt Bandović. N1-Chefredakteur Božić habe versucht, journalistische Standards von Objektivität und Fairness zu verteidigen. "Dafür wurde er herumgeschubst und sein Sender unter Druck gesetzt."
Ex-Chefredakteur Igor Božić
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Auch der Europäische Journalistenverband kritisiert die Entlassung von Božić, der sich trotz politischen Drucks unermüdlich für eine unabhängige Berichterstattung einsetzte. Und ein Sprecher der Europäischen Kommission erklärte, man verfolge die Entwicklungen rund um den Sender N1 genau. Man habe den serbischen Behörden deutlich gemacht, dass die redaktionelle Unabhängigkeit zum Kern der Medienfreiheit gehöre.
Freistellung von Chefredakteur
Für den Juristen Bandović ist klar: Die Geschäftsführung von N1 ist vor dem Machtapparat von Präsident Vučić eingeknickt. Der Konzern United Group, dem N1 und andere kritische Medien in Serbien gehören, hat diese Mitte Februar unter das Dach des neu gegründeten Adria News Networks geschoben. Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Managements war die Freistellung von N1-Chefredakteur Božić.
Igor Bandović fürchtet, dass Präsident Vučić vor der nächsten Parlamentswahl, die spätestens im Frühjahr 2027 stattfinden muss, die Medienlandschaft auf Linie bringen und dafür sorgen will, dass N1 an einen seiner Vertrauten verkauft wird. "N1 arbeitet hochprofessionell, ist unabhängig und formt sehr stark die öffentliche Meinung in Serbien", sagt Bandović. Alle anderen Sender, selbst kleine Radiostationen in der Provinz, seien bereits mehr oder weniger unter direkter Kontrolle von Vučićs Serbischer Fortschrittspartei.
Regierung fürchtet Machtverlust
Der serbische Präsident könnte bei der anstehenden Parlamentswahl erstmals seit zehn Jahren seine Macht verlieren. Die Student*innenproteste im vergangenen Jahr haben die politische Landschaft in Bewegung versetzt ("Wie man der Macht die Stirn bietet", Amnesty Journal 04/25). Auslöser der Proteste war der Einsturz des Bahnhofsdachs in Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Ursache des Unglücks war Schlamperei am Bau – eine Folge der weit verbreiteten Korruption. Die simple Forderung der Studierenden "Haltet euch endlich an die Gesetze!" führte zu den größten Demonstrationen in der jüngeren Geschichte Serbiens.
Die Journalist*innen von N1 berichteten damals stundenlang live von den Protesten und erzielten hohe Einschaltquoten. Und das, obwohl nur etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung das Programm über Kabel überhaupt empfangen kann. Eine nationale Sendelizenz über Satellit hatten die staatlichen Regulierungsbehörden verweigert.
Bei der kommenden Parlamentswahl wollen die Studierenden mit einer eigenen Liste bekannter Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen antreten, die in Umfragen gut abschneidet. Zusätzlich sorgt die Abwahl von Victor Orbán in Ungarn bei der zunehmend autoritär handelnden serbischen Regierung für Nervosität.
Reporter Mladen Savatović
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"Ich erwarte, dass der Druck auf uns steigen wird", sagt N1-Reporter Mladen Savatović. Seit vergangenem Jahr werden er und seine Kolleg*innen immer wieder bedroht und bei Demonstrationen von Vučić-Anhänger*innen attackiert. "Unser Sender ist eine der wenigen Anstalten, die Wahrheit und Fakten verbreiten. Und das ist etwas, was sie nicht mögen. Sie werden versuchen, uns in unserer Arbeit zu stoppen." Savatović wurde bereits zweimal bei der Berichterstattung körperlich angegriffen. Regelmäßig erhält er Drohungen, man werde ihn vergewaltigen und umbringen. Savatović hat Journalismus studiert, Reporter ist sein Traumberuf. Sollte der Sender verkauft werden, will er sofort kündigen. "Dann steht nämlich bald jemand vor meinem Tisch und sagt: 'Ich will genau diesen Beitrag so und so von dir. Die Fakten sind mir egal.'" Aber, fügt er hinzu, "Journalist zu sein ist nicht nur mein Beruf, es ist meine Art zu leben".
Nachrichtenmoderatorin Danica Vučenić
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"Der kommende Wahlkampf wird für uns und die Demokratie zur Überlebensfrage", sagt N1-Moderatorin Vučenić. "Vučić ist bereit, alles für seinen Machterhalt einzusetzen. Wenn er die Wahl verlieren sollte, bedeutet das für ihn wahrscheinlich Gefängnis." Es habe für unabhängigen Journalismus in Serbien nie wirklich gute Zeiten gegeben, sagt Vučenić, die auch schon für B92 gearbeitet hat. "Wir sind auf uns gestellt und können nur uns selbst vertrauen."
Einer der wenigen Medienverantwortlichen, die sich öffentlich hinter N1 stellen, ist Filip Švarm, Chefredakteur der unabhängigen Wochenzeitschrift Vreme. "Auf ihre Arbeit kann die Redaktion von N1 stolz sein", sagt er. Die Entwicklungen rund um den Sender und seine Journalist*innen machen Švarm Sorgen. Aber, sagt er: "Wenn sie morgen nicht mehr arbeiten können, wird ihr Vermächtnis bleiben."
Ob es so weit kommt? Am Tag der Entlassung ihres Chefredakteurs standen Moderatorin Vučenić und Reporter Savatović vor dem Sender – zusammen mit Demonstrierenden, die spontan dazu gekommen waren. Immer wieder rief die Menge: "Wir lassen uns N1 nicht wegnehmen!"
Tobias Asmuth ist freier Reporter, Tobias Kruse freier Fotograf. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.