Spielerisch erinnern: Games gegen das Vergessen und für Menschenrechte
Szene aus dem Computerspiel "Erinnern. Die Kinder vom Bullenhuser Damm"
© 11 Bit Studios
Serious Games sind Computerspiele, die versuchen, mit dem Schlechten in der Welt umzugehen. Sie bringen vergangene und aktuelle Verbrechen ins Bewusstein und motivieren uns, an die Machbarkeit einer besseren Welt zu glauben. Vier ausgewählte Spiele im Selbsttest.
Von Klaus Ungerer
Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig
Wen möchtest du spielen, fragt dich das Spiel. Es könnte auch fragen: Aus welcher Richtung möchtest du dich aufs Pulverfass zubewegen?
"Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig" ist ein kostenlos downloadbares Projekt des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Das Spiel führt auseinanderstrebende Teile einer Gesellschaft unter dem Druck einer extrem aufgeladenen historischen Situation zusammen: am 9. Oktober 1989, als die berühmte Großdemonstration auf den Straßen von Leipzig jeden mitriss und auch überforderte. Die Tragweite, den Verlauf und die Konsequenzen dieser zivilgesellschaftlichen Kundgebung konnte niemand kennen. Wenige Wochen zuvor waren ähnliche Proteste in Peking blutig niedergewalzt worden.
Wen also möchte man spielen? "Kurt M.", den Leipziger Kapellmeister? Egon K.", den hochrangigen SED-Politiker? Will man die Bürgerrechtlerin Sabine sein oder die linientreue Lehrerin Frauke oder der bewaffnete junge Bereitschaftspolizist Thomas? Jede der Figuren kann Einfluss haben auf die Geschehnisse des Tages, die sich in jede denkbare Richtung entwickeln können. Das Spiel ist im Graphic-Novel-Stil gehalten und liefert neben erlebnishaften Passagen auch kurze Informationen über den Alltag in der DDR.
Das Spiel hat den Grimme-Online-Award 2025 erhalten, und kürzlich hat es die Leipziger Zeitzeugin und Autorin Sanne Krug für die Tageszeitung nd (ehemals Neues Deutschland) gespielt. Am tiefsten trafen sie die O-Ton-Mitschnitte des Polizeifunks im Leipziger Demo-Herbst. Da werden Anweisungen ins Funkgerät gebellt wie "Druck machen! Immer weiter drücken" oder "Entfalten zur Räumkette und räumen das Zeug in Richtung Thomaskirche …" Krug ist noch Jahrzehnte später entsetzt über "diese Dummheit, diese Brutalität, diese Menschenverachtung." Ihr Fazit: "Wer derart über Menschen redet, hat den Finger schon am Abzug. Es hätte auch anders kommen können."
Szene aus dem Computerspiel "Herbst 89 – Auf den Straßen von Leipzig"
© 11 Bit Studios
This War of Mine
Wann wird dieses Spiel endlich aufhören, aktuell zu sein? Das Survival-Game "This War of Mine" stammt aus dem Jahr 2014 und ist nach wie vor für wenig Geld auf "Steam" erhältlich. Es basiert auf den Erfahrungen der Menschen in Sarajevo während des Jugoslawienkriegs: Die bekannte Welt ist kaputt und zerstört, die Zivilisation weitestgehend zusammengebrochen und ersetzt worden durch Gewalterfahrungen und den täglichen Kampf ums Überleben.
Als Spieler kontrolliert man eine Gruppe von bis zu vier Menschen. Sie hausen in einem zerstörten Wohngebäude und sehen sich Tag für Tag vor existenzielle Aufgaben gestellt: Nahrung beschaffen, Angriffe abwehren, die Innentemperatur des Hauses über dem Gefrierpunkt halten. Jeder Ausflug in die Außenwelt kann Lebensgefahr bedeuten, jede Entscheidung tödliche Folgen haben. Ständig ist man auch mit moralischen Dilemmata konfrontiert. Die Essenskonserven, die ich gerade unter größter Gefahr requiriert habe, um die hungernde Kameradin zu retten – gebe ich davon etwas den hungernden Kindern ab, die an der Tür klingeln? Bin ich bereit, eine Schusswaffe in die Hand zu nehmen, um mein Haus gegen Angriffe zu verteidigen?
Es gibt keine einfachen Lösungen in "This War of Mine", niemand kommt unbeschadet durch. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das Spiel vor Kurzem wieder empfohlen – für den Geschichts- und Politikunterricht ab Klasse 10, aber auch für das Fach Ethik.
Szene aus dem Computerspiel "This War of Mine"
© 11 Bit Studios
Erinnern. Die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dieses kostenlos downloadbare Handyspiel soll Erinnerungen wachhalten und junge Menschen neugierig machen. Der historische Hintergrund: In den letzten Tagen des NS-Regimes war das Schulgebäude am Bullenhuser Damm in Hamburg eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme. Am 20. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende, ermordete die SS hier 20 Kinder und mindestens 28 Erwachsene. An ihnen waren Menschenversuche gemacht worden. Sie sollten ihre Geschichten nicht mehr erzählen können. Nach dem Ende des Naziregimes breitete sich auch am Bullenhuser Damm das Schweigen der Nachkriegszeit über das Grauen und die Schuld.
Das Erinnerungsspiel beginnt um 1980 herum. Das Gebäude wird wieder als Schule genutzt. Man hat die Wahl zwischen fünf Spielcharakteren: Jugendliche, die hier zur Schule gehen und so gut wie nichts über die NS-Vergangenheit wissen, weder über die Geschichte ihrer Schule noch die der eigenen Familie. So wie der junge Punkrocker Karsten: Opa war an der Ostfront, erzählt aber nie darüber. Auch mit dem Vater lässt sich über bestimmte Themen nicht gut reden. Karsten erfährt im Gespräch mit ihm nur Andeutungen über die Vergangenheit seiner Schule, etwa dass der Vater damals Trümmer räumen musste, weil "die Tommys alles zerbombt hatten". Doch wieso gibt es Stacheldraht auf dem Schulgrundstück? Wieso waren die Fenster zugemauert? Wieso gibt es im Dachgeschoss noch um 1980 alte Holzbetten, die nach und nach zersägt und im Werkunterricht verwendet werden? Karsten kommt ins Nachdenken und beginnt, Fragen zu stellen.
"Erinnern. Die Kinder vom Bullenhuser Damm" war 2025 nominiert für den Deutschen Computerspielpreis, als bestes Serious Game. Spielerisch kommt es eher schlicht daher, bietet aber für Menschen jeden Alters einen einfachen Einstieg in ein schwer auszuhaltendes Thema.
Terra Nil
"Terra Nil" ist das Aufbauspiel nach dem Aufbauspiel: Die Menschheit hat der Erde ihr Ausbeutungs- und Zerstörungswerk angetan, zurückgeblieben ist eine tote, öde Landschaft.
Gibt es nun nichts mehr, was man tun kann? Doch – uns Menschen verlässt der Gestaltungsgeist ja nie. Deswegen gibt es, seit es Computerspiele gibt, eine große Palette an Aufbausimulationen. Nur handelt "Terra Nil" (erhältlich auf "Steam") eben nicht vom Üblichen, nämlich mitten in der undefinierten Natur eine Stadt aufzubauen mit Straßen, Kraftwerken und Schloten, Kanalisation und Mülldeponien. Dieses Mal gilt es, das Grüne zurückzubringen in die Welt. Es wird fleißig rückgebaut und renaturiert.
Szene aus dem Computerspiel Terra Nil
© 11 Bit Studios
Zuletzt ist die Erweiterung "Heatwave" erschienen. Mit weiteren kaputten Landschaften bringt sie neuen Spielspaß und neue Möglichkeiten, dem Planeten zur Abwechslung etwas Gutes zu tun. Aller Fortschritt ist dabei recht einfach in die Wege zu leiten, noch die größten Umbaumaßnahmen werden per Klick erledigt, aber warum sollen wir es in unserer Freizeit nicht auch mal leicht haben?
So entfernen wir die Radioaktivität aus den Ruinenstädten, wir bringen das Wasser zurück in die ausgetrocknete Canyonwelt, wir sorgen dafür, dass das Gras wiederkommt, und allmählich reparieren wir das Klima – bis die Zikaden wieder summen, die Schwalben wieder nisten, die Zugvögel zurückkehren in ihr altes Paradies. In den blühenden Landschaften machen wir dann Schnappschüsse fürs persönliche Weltretteralbum: Hallo Krokodil. Hallo Geier. Gut seht ihr aus. Sorry für neulich! Jetzt machen wir alles wieder gut.
Klaus Ungerer ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.