Amnesty Journal Frankreich 17. Juni 2022

"Naja, normal!"

Ein athletischer Mann mit Glatze trägt ein Polo-Shirt und verschränkt die Arme vor der Brust.

Ex-Fußballprofi Lilian Thuram gründete eine Antirassismusstiftung.

Schwarze Menschen im Blick: Der ehemalige französische Fußballstar und heutige Aktivist Lilian Thuram hat ein Buch über Rassismus in Frankreich geschrieben. "Das weiße Denken" wirbt für mehr Menschlichkeit.

Von Frédéric Valin

Lilian Thuram gewann mit der französischen Nationalmannschaft 1998 die Fußballweltmeisterschaft. Diese Mannschaft sollte Ausweis eines neuen Frankreichs sein – multikulturell, weltoffen und modern. Die Farben der Republik, so sagte es auch der damalige Präsident Jacques Chirac, seien nicht länger nur Blau-Weiß-Rot, sondern Black-Blanc-Beur (als Beur werden Französ_innen maghrebinischer Abstammung bezeichnet). Von diesem Traum ist nicht sehr viel übriggeblieben: In den Umfragen vor den Präsidentschaftswahlen 2022 lagen rechtsextreme Kandidat_innen zusammengenommen stabil bei mehr als 30 Prozent.

Nach dem Ende seiner Karriere im Jahr 2008 verschrieb sich Lilian Thuram der Bildungsarbeit und gründete eine Stiftung, um über Rassismus aufzuklären. Über seine jahrelangen Erfahrungen mit Antirassismusarbeit hat er nun ein Buch geschrieben. Dabei geht es ihm um zweierlei: um eine Dekonstruktion dessen, was er "das weiße Denken" nennt, und um die Geschichte des Rassismus in Frankreich aus Schwarzer ­Perspektive.

Profunde Bildung und mehr Menschlichkeit

Ein Anstoß für dieses Buch sei ein ­Telefonat mit seinem Freund Pierre ge­wesen, schreibt Thuram. Er habe seinem Freund gesagt, dass er selbst ja Schwarz sei und ihn dann gefragt, was er eigentlich sei. Pierre habe darauf instinktiv geantwortet: "Naja, normal!" Dieses Selbstverständnis weißer Menschen, das Maß aller Dinge zu sein, ist nur ein Aspekt. Hinzu kommt, dass die Verhältnisse, insbesondere die Sklaverei, genährt und befeuert wurden von einer "habgierigen Minderheit", einer Elite, die daran verdiente und noch immer davon profitiert.

"Das weiße Denken" zeichnet deutlich die historische Kontinuität nach, angefangen von der Entdeckung der neuen Welt über den Kolonialismus und den Sklavenhandel hin zum heutigen Rassismus. Dass Thuram einen Schwerpunkt auf die französische Geschichte legt, ist für deutsche Leser_innen ein Vorteil: Denn hierzulande ist nur wenig bekannt über den "Code noir" von Ludwig XIV., der den Umgang mit Schwarzen Sklav_innen regelte, oder über die postkoloniale Ausbeutung der ehemaligen französischen Kolonien in Afrika oder die Umstürze und Morde durch europäische Geheimdienste, denen afrikanische Politiker zum Opfer fielen. Sind doch diese Geschichtskenntnisse notwendig, um aktuelle Debatten besser einordnen zu können – sei es die Diskussion über die Restitution von Kunstwerken oder die Umbenennung von Straßen, sei es die europäische Außen- und Asylpolitik.

Lilian Thuram zählt darauf, dass eine bessere und profundere Bildung mehr Menschlichkeit hervorbringt. Bisweilen scheint es, als unterziehe er die Geschichte einer Psychoanalyse, um auf Verwundungen hinzuweisen und sie sogar zu ­heilen. Sein Buch ist weniger anklagend, als es dies angesichts des beschriebenen, jahrhundertelangen Unrechts sein dürfte. Gegen Ende erzählt Thuram von einer Freundin, der er einst ein Buch lieh, das von Verbrechen an afrikanischen Menschen handelt. Die Freundin habe ihm das Buch unter Tränen zurückgegeben, sie habe es nicht lesen können, weil es so furchtbar sei. Schuldgefühle will "Das weiße Denken" nicht auslösen, denn schuldig mache sich nur, wer wissentlich andere Menschen ausbeute, schreibt Thuram, aber auch jene, die wegsehen und Unrecht ignorieren. Nicht wegzusehen, dabei hilft dieses Buch.

Frédéric Valin ist freier Autor und Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Lilian Thuram: Das weiße Denken. Aus dem Französischen von Cornelia Wend, Nautilus, Hamburg 2022, 304 Seiten, 22 Euro.

WEITERE BUCHTIPPS

EU erlaubt Pushbacks

von Hannah El-Hitami

Zehn Jahre ist es her, dass die Europäische Union für den "erfolgreichen Kampf für Frieden und Menschenrechte" mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Anlässlich dieses Jubiläums untersucht das Autorinnenkollektiv Meuterei die Gewalt und die Rechtsbrüche an den EU-Außengrenzen. Auf mehr als 300 Seiten beschreiben Aktivistinnen, Fluchthelferinnen, Anwältinnen sowie Wissenschaftlerinnen den "Krieg gegen Flüchtende" und fordern eine juristische Aufarbeitung. Dabei gehen die Autorinnen auf die verschiedenen Fluchtrouten ein und erklären deren tödliche Dynamiken: das ­Ertrinken und die Pushbacks auf der zentralen Mittelmeerroute, die Polizeigewalt entlang der Balkanroute, die Entrechtung in sogenannten Hotspots in Griechenland und die Bemühungen der EU, ihre Grenzen auszulagern, indem sie Deals mit Staaten wie der Türkei oder Libyen aushandelt. "Menschenrechtsverletzungen entlang der Binnen- und Außengrenzen der EU werden tagtäglich begangen, sind bekannt und gewollt", stellen die Autorinnen fest. Ob administrativ, juristisch oder militärisch – die EU habe ein differenziertes System entwickelt, um flüchtende Menschen zu bekämpfen. Das Buch wolle einen Überblick über dieses System und die Facetten seiner Gewalt liefern, sagt Julia Winkler von borderline-europe, eine der Autorinnen. Dabei geht es auch um indirekte Formen der Gewalt: Menschen, die Geflüchtete retten, werden vor Gericht gestellt oder Geflüchtete wegen irregulärer Einreisen inhaftiert. "Der Friedens­nobelpreis wird als Persilschein missbraucht, um wider alle Realität humane Politik und Rechtsstaatlichkeit vorzugaukeln", bilanzieren die Autorinnen. Zum Jahrestag der Verleihung im Dezember wollen sie allen Abgeordneten des EU-Parlaments eine Ausgabe des Buchs überreichen. "Damit keiner behaupten kann, er oder sie hätte es nicht gewusst", sagt Winkler.

Autorinnenkollektiv Meuterei: Grenzenlose Gewalt – Der unerklärte Krieg der EU gegen Flüchtende. Assoziation A, Berlin 2022, 312 Seiten, 18 Euro.

Armenisches Leid

von Tobias Oellig

Karla, die eigentlich Karlotta heißt, ist die Tochter einer Deutschen und eines türkischen Armeniers, aufgewachsen in Bremen. Als ihre Großmutter stirbt, kehrt die Protagonistin von Laura Cwiertnias Roman "Auf der Straße heißen wir anders" in ihren Heimatort zurück. Oma Maryams letzter Wille: eine traditionelle armenische Beerdigung in Bremen. Die Großmutter hat detaillierte Anweisungen hinterlassen und gebeten, man solle nach ihrem Tod doch mal in der Kommode nachsehen. Dort finden sich allerlei Erbstücke: Herzchenohrringe für Karla, eine abgewetzte Wärmeflasche für die Tante, eine Stange mit HB-Zigaretten für den ­Vater sowie ein Armreif aus Gold, daneben ein Zettel mit der Aufschrift "Lilit Kuyumcyan, Yerevan, Armenien".
Wer ist diese Frau? Auf der Suche nach Lilit unternehmen Karla und ihr Vater eine Reise nach Armenien. Der Tod der Großmutter und die Suche nach ihren Wurzeln führen zu einem Neubeginn: Wie ein Schatten lag das Trauma des Völkermords an den Armenier_innen über der Familie. Doch jetzt findet Karla nicht nur zu ihrem Vater, sondern füllt auch die jahrzehntelange familiäre Sprachlosigkeit nach und nach mit Worten.
Der Roman von Laura Cwiertnia erzählt einen wenig bekannten Teil deutscher Migrationsgeschichte: Hunderttausende neue Arbeitskräfte kamen ab 1961 aus der Türkei nach Deutschland, unter ihnen auch viele Armenier_innen. Sie waren auf der Suche nach einem freieren Leben als in der Türkei, wo sie ihre Herkunft leugnen mussten. Karlas Großmutter konnte diese Vorsicht ihr Leben lang nicht hinter sich lassen: "Seit ihrer Kindheit legte sie ihren Vornamen an der Türschwelle ab wie einen Mantel. Zuhause hieß sie Maryam, draußen Meryem."

Trotz schwerer Themen wie transgenerationaler Traumata, Diskriminierung und Völkermord gelingt es Laura Cwiertnia, ihrem Roman Leichtigkeit, Witz, Wärme und sogar Hoffnung zu verleihen.

Laura Cwiertnia: Auf der Straße heißen wir anders. Klett-Cotta, Stuttgart 2022, 240 Seiten, 22 Euro.

Rechte für Kinder

von Marlene Zöhrer

"Egal, wer du bist und wo du wohnst, unabhängig von deiner Hautfarbe, deiner ethnischen Zugehörigkeit, deiner Religion oder deinem Gender, egal, ob du arm oder reich bist – dein Leben ist genauso viel wert wie das Leben eines Erwachsenen und jedes anderen jungen Menschen auf dieser Welt. Niemand hat das Recht, dir wehzutun, dich zum Schweigen zu bringen, dir vorzuschreiben, was du denken oder glauben sollst, dich zu behandeln, als wärst du nichts wert, oder dich daran zu hindern, voll an der Gesellschaft teilzuhaben." Mit diesen Worten wendet sich die Schauspielerin und UN-Sondergesandte Angelina Jolie in ihrem Vorwort an die Leser_innen. Mit ebenso viel Nachdruck und Engagement erklärt die Menschenrechtsanwältin und Expertin für Kinderrechte Geraldine Van Bueren die Bedeutung der Kinderrechte.

Marlene Frucht und Maren Illinger übersetzten Van Buerens Text in klaren und starken Worten und lassen so auch in der deutschen Übersetzung keinen Zweifel an der Relevanz des Themas: Kinderrechte sind Menschenrechte und gehen jede und jeden etwas an. Nur wer seine Rechte kennt und diese auch versteht, kann Gerechtigkeit einfordern. Genau dazu möchte dieses Buch, das in Zusammenarbeit mit Amnesty International entstand, Heranwachsende ermutigen und ermächtigen. In diesem Sinn werden Hintergrundinformationen zur Geschichte der Kinderrechte und deren grundlegende Prinzipien durch anschauliche, mit Beispielen unterlegte Erklärungen ergänzt. Hierbei wird immer wieder deutlich, wie sehr Theorie und Realität voneinander abweichen, wie wichtig es ist, sich für die Wahrung der eigenen, aber auch der Rechte anderer einzusetzen. Wie es gelingt, sich selbst aktiv einzubringen, zeigt das Buch ebenfalls eindrucksvoll.

Amnesty International, Geraldine Van Bueren, Angelina Jolie: Du hast Rechte! Kinderrechte ­erklärt für Kinder und Jugend­liche. Aus dem Englischen von ­Marlene Frucht und Maren ­Illinger. Loewe Verlag, Bindlach 2022, 288 Seiten, 14,95 Euro, ab 11 Jahren.

Weitere Artikel