Amnesty Journal Algerien 19. Februar 2020

Sanfte Stimme aus dem Exil

Schwarzhaarige Frau mit braunen Augen blickt leicht lächelnd in die Kamera.

Warme Songs, politische Botschaft: Folksängerin Souad Massi unterstützt die Demokratiebewegung in Algerien.

Die algerische Liedermacherin Souad Massi singt auf ihrem neuen Album von Verrat und Korruption, aber auch von Freiheit, Menschenrechten und Emanzipation

Von Daniel Bax

Als im Frühjahr 2019 in ganz Algerien die Menschen auf die Straßen strömten, um gegen den politischen Stillstand in ihrem Land zu protestieren, zeigte sich Souad Massi in Paris solidarisch. Allein in Algier protestierten bis zu eine Million Menschen dagegen, dass sich Langzeit-Präsident Abdelaziz Bouteflika nach 20 Jahren im Amt ein weiteres Mal zur Wahl stellen wollte. Souad Massi organisierte am 3. April ein Benefizkonzert in Paris, um die Demokratiebewegung in ihrem Geburtsland zu unterstützen. Der Termin war glücklich gewählt: Einen Tag zuvor war der greise Bouteflika nach wochenlangen Protesten zurückgetreten.

Auf ihrem neuen Album "Oumniya" handelt ein Song von Bouteflika, Souad Massi schrieb ihn vor seinem Rücktritt. In "Fi Bali" beschreibt sie ihn als Kapitän auf einem langsam sinkenden Schiff. "Oumniya" (auf Deutsch: »Mein Wunsch«) ist das sechste Studioalbum der 47-jährigen Sängerin und Songwriterin und eines ihrer besten. Persönliches mischt sich mit Politischem. "Ich gab dir meine Hand", singt sie im Opener, "und du erstachst mich, obwohl ich gerade einem Krieg entronnen war".

Aufgewachsen im Arbeiterviertel Algiers
Souad Massi hat Algeriens dunkelste Jahre miterlebt, den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren und die Zeit danach. Sie wuchs als Tochter kabylischer Eltern in einem Arbeiterviertel von Algier auf. Mit Hilfe ihres Bruders nahm sie Gitarrenunterricht, während des Studiums schloss sie sich einer Flamenco-Gruppe und später einer Hardrock-Band an. Als sie Ende der 1990er Jahre eine erste Kassette mit volkstümlichen Balladen veröffentlichte, erlangte sie bescheidenen Ruhm: Die Lieder wurden im Radio gespielt, Auftritte waren zu jener Zeit aber viel zu gefährlich.

Durchbruch auf französischem Festival
Eine Einladung zu einem Festival nach Frankreich brachte die Erlösung. Ihre Ausstrahlung und ihr sparsamer Stil – eine nordafrikanische Songschreiberin, die mit warmer Stimme sanfte Folk-Balladen in arabischer Sprache sang – machten Eindruck und bescherten ihr einen Plattenvertrag. 2001 erschien ihr Debütalbum "Raoui", das viel Aufmerksamkeit fand. Seitdem tritt sie nicht nur in Europa und Japan, sondern auch in Kairo oder Amman auf. Ihrem intimen Stil ist Souad Massi treu geblieben, ihr musikalisches Vokabular hat sich erweitert. Ihre Balladen sind zwischen algerischer Chaabi-Musik, den sehnsuchtsvollen Volksliedern der 1930er Jahre, kabylischem Folk und akustischer Flamenco-Gitarre anzusiedeln. Inzwischen gesellen sich arabisch-andalusische Geige, kabylische Mandole, Darbouka- und Latin-Rhythmen dazu.

Stimme gegen patriarchale Traditionen
Auf "Oumniya" singt sie drei Lieder auf Französisch, zwei davon stammen aus fremder Feder. In "Je veux apprendre" ("Ich will lernen") leiht sie jungen Mädchen, deren Wissensdurst durch patriarchale Traditionen gebremst wird, ihre Stimme. Von Magyd Cherfi, dem Ex-Sänger der französischen Polit-Band Zebda, borgte sie dessen Signature-Hymne "Je chante". Und von einem franko-belgischen Autorinnenpaar stammt "Pays Natal" – eine Meditation über das Exil, die Souad Massi wie auf den Leib geschrieben ist. "Um den Geruch von frischem Brot mit Sesam oder Kreuzkümmel zu spüren, musste man in diesem Lande lange in der Schlange stehen", heißt es darin wehmütig. "Es gab nichts zu bedauern, also bin ich von zu Hause fortgegangen. Aber Erinnerungen sind geblieben."

Souad Massi: Oumniya (believe / naive)

Weitere Musik- und Filmrezensionen

Politische Botschaft, perfekter Groove

von Daniel Bax

Nachdem in seiner Nachbarschaft in Ottawa ein Mann von der Polizei mutmaßlich zu Tode geprügelt wurde, schrieb Pierre Chrétien, der kompositorische Kopf des Souljazz Orchestra, ein Stück, um unkontrollierte Polizeigewalt anzuprangern. Abdirahman Abdi, ein psychisch kranker Somali-Amerikaner, war im Juli 2016 an den Folgen der Verletzungen, die er sich bei seiner Verhaftung zuzog, gestorben; sein Fall erregte in Kanada Aufsehen. Ein Gerichtsurteil gegen die beiden verantwortlichen Beamten steht noch aus. Das Stück »Police the Police« ist ein Schlüsselsong auf dem neuen Album des kanadischen Funk-Orchesters. Die Band, die seit 2002 besteht, ist für ihre sozialkritischen und politischen Botschaften bekannt, die sie unter ihre knackigen Bläsersätze und Beats mischt. Die vergangenen acht Alben trugen sprechende Titel wie »Manifesto« (2008), »Solidarity« (2012) oder »Resistance« (2015). Ihr neues Album trägt den Titel »Chaos Theories« und klingt eine Spur wütender als bisher, was angesichts der weltpolitischen Entwicklungen nicht verwunderlich ist, aber immer noch extrem tanzbar. Die Fusion aus Soul, Jazz, nigerianischem Afrobeat und karibischen Latin-Rhythmen hat das Souljazz Orchestra zur Meisterschaft gebracht. Weitere Songs heißen »House of Cards«, »War Games« oder »General Strike«. Die politische Botschaft lenkt nie vom Willen zum perfekten Groove ab. Sie verleiht ihm vielmehr zusätzlichen Nachdruck.

The Souljazz Orchestra: Chaos Theories (Strut)

Stimmen der Emanzipation

von Daniel Bax

Die Amazones d’Afrique sind eine weibliche All-Star-Band, die einige der prominentesten Sängerinnen Westafrikas vereint. Ihr Debütalbum »République Amazone« sorgte 2017 für Furore. Im vergangenen Jahr folgte der Song »Amazones Power«, ein vielstimmiges Manifest gegen die noch immer verbreitete Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung. Nun erscheint ein ganzes Album mit diesem Titel. Von der ursprünglichen Besetzung ist nur noch die malische Sängerin Mamani Keita geblieben, sie ist auf dem neuen Album gleich mit mehreren Songs vertreten. Eine weitere tragende Stimme ist Rokia Koné, die »Rose von Bamako«, deren Soul drei weitere Tracks prägt. Neu dazu gestoßen ist eine ganze Reihe junger Talente, die den anderen Stücken ihre jeweils spezielle Note verleihen, darunter die Sängerin Niariu aus Guinea und die Rapperin Ami Yerewolo aus Mali (auf der Single »Smile«), die Soul-Sängerin Fafa Ruffino aus Benin sowie die Chaabi-Interpretin Nacera Ouali Mesbah aus Algerien. In ihren Stücken prangern sie Zwangsheiraten, sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen an. Doctor L alias Liam Farell sorgte als Produzent für satten Sound und voluminöse Beats. Das Album ist eine Feier der Vielfalt weiblicher Stimmen, der Emanzipation und der Lebensfreude. Mit weltweiten Konzerten stellen die Amazonen zudem unter Beweis, dass sie kein reines Studioprojekt, sondern ein echtes All-Star-Ensemble sind.

Les Amazones d’Afrique: Amazones Power (Real World)

Selbst ist die Frau

von Jürgen Kiontke

Maryam ist sauer: Nicht nur, dass sich die männlichen Patienten der kleinen Privatklinik in der saudi-arabischen Provinz lautstark abfällig über sie äußern – sie wollen auch lieber von einem unfähigen Krankenpfleger behandelt werden als von einer Frau. Zusätzlich versinkt auch noch die Zufahrt zur Notaufnahme im Schlamm, sodass die Krankenwagen darin steckenbleiben. Ihr Chef? Hat keine Zeit für solche Probleme. Eine andere Stelle kann sie nicht antreten, weil sie ohne Mann reist. Das ist Frauen in Saudi-Arabien zwar seit dem vergangenen Jahr erlaubt, an der praktischen Umsetzung hapert es aber noch gewaltig. Maryam beschließt deshalb, in die Politik zu gehen und kandidiert für einen Sitz im Gemeinderat. Regisseurin Haifaa Al Mansour, die mit »Das Mädchen Wadjda« den ersten Spielfilm in Saudi-Arabien überhaupt gedreht hat, legt mit ihrem mittlerweile dritten Werk ordentlich nach. Die dicht gestrickte, hervorragend besetzte Erzählung von der Ärztin, die gegen immense Vorurteile und Schwierigkeiten im Job und darüber hinaus ankämpft, ist ein äußerst sehenswerter Film über eine junge Frau in einer von archaischen Regeln bestimmten Gesellschaft. Zwischen den Welten steht ihr Vater, ein Hochzeitssänger, der auf seine aufmüpfige Tochter angesprochen wird und dennoch zu ihr hält. Doch Maryam lässt sich ohnehin nicht beirren. Ein wunderbarer Film zum Frauentag!

»Die perfekte Kandidatin«. SAU/D 2019. Regie: Haifaa
Al Mansour, mit Mila Al Zahrani, Dhay, Khalid Abdulraheem,
Kinostart: 12. März 2020

Tanz in die Freiheit

von Jürgen Kiontke

Merab trainiert mit seiner Tanzpartnerin Mary in der Nachwuchsakademie. Beide hoffen, in das weltberühmte Georgische Nationalensemble aufgenommen zu werden. Ultramännlich soll der georgische Tanz sein – und asexuell, erklärt ihm der Trainer. Schön und gut, aber schwer umzusetzen. Als Irakli zu der Gruppe stößt, gerät Merab ins Zweifeln. Er fühlt sich von dem jungen Mann angezogen, fürchtet sich aber zugleich vor einem Coming-out. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Teil des Nationalheiligtums zu werden, und individueller Entwicklung wird es für Merab immer schwieriger, sein Leben im Griff zu halten. Denn Schwulsein kann in Georgien zum Problem werden. Homosexualität darf es nicht geben: Wer sich outet, wird verprügelt. Und Prügel bezieht irgendwann auch Merab. »Als wir tanzten« ist der erste Film über Homosexualität in Georgien. Schon allein wegen seiner Ästhetik und seiner brillanten Schauspieler ist er ein Meisterwerk. Und er hat politische Relevanz: Die Problematik, die der Film verarbeitet, zeigte sich im vergangenen Winter, als er in Georgien uraufgeführt wurde – in den Städten Batumi und Tiflis kam es bei Protesten rechtsextremer Nationalisten zu massiven Ausschreitungen. Die Vorstellungen mussten unter Polizeischutz stattfinden. Ein Film mit drastischer politischer Wirkung, der nicht nur die Welt seiner Figuren wanken lässt.

»Als wir tanzten«. SE/GE 2019. Regie: Levan Akin, mit Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili. Kinostart: 26. März 2020

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