Aktuell Ukraine 26. Juli 2019

"Weltweit unterstützt zu werden, ist ein unbeschreibliches Gefühl"

Vitalina Koval schaut frontal in die Kamera und hält ein Schild in Regenbogenfarben vor sich. Auf dem Schild steht "Protest and Parada with Pride" geschrieben.

Die ukrainische LGBTI-Aktivistin Vitalina Koval im Juli 2019 in Berlin

Vitalina Koval engagiert sich in der Ukraine für die Rechte von LGBTIQ+. Amnesty International setzte sich beim Briefmarathon 2018 für sie ein. Nun hat die Berliner Aktionsgruppe Queeramnesty sie nach Berlin eingeladen – zum CSD, der nach 50 Jahren Stonewall in diesem Jahr besonders groß gefeiert wird. Beim Interview sitzt sie in der Lobby eines Berliner Hotels. Die Gläser ihrer Sonnenbrille schimmern in Regenbogenfarben. Vitalina erzählt, wie sie in der Ukraine von Rechtsextremen angegriffen und bedroht wurde – und davon, wie sehr sie sich auf den CSD in Berlin freut.

 

Vitalina, was heißt es für dich, beim CSD in Berlin zu sein?

Ich war glücklich über die Einladung. Wenn wir Pride in der Ukraine mit Berlin vergleichen, gibt es große Unterschiede. In der Ukraine erleben wir immer wieder Attacken. Pride zu feiern, ist gefährlich. Hier ist es frei und laut, ein richtiges Fest.

In deiner Heimatstadt Uschhorod wurdest du am Frauentag wiederholt von Rechtsextremen angegriffen.

2017 begann ich mit anderen Frauen, den internationalen Frauentag zu feiern – bis uns eine Gruppe von 20 bis 30 Menschen umzingelte. Wir waren fünfzehn Frauen mit Plakaten, auf denen Forderungen zu lesen waren wie "Gleiche Löhne" und "Gleiche Rechte". Mit den Plakaten riefen wir außerdem die Regierung auf, die Istanbul-Konvention zu ratifizieren – ein umstrittenes Thema in der Ukraine. In der Konvention des Europarats geht es darum, gegen häusliche Gewalt und Gewalt an Frauen vorzugehen. In der Ukraine ist das ein sehr großes Problem.

Was geschah dann?

Die Menschen, die uns umzingelt hatten, schubsten uns. Sie entrissen mir mein Plakat mit der Aufschrift "Frauen gegen Gewalt" und warfen es mit den anderen Plakaten in den Müll. Wir wollten, dass die Polizei ermittelt. Aber es passierte nichts.

Und 2018 wurdet ihr erneut angegriffen?

Wir wurden von Rechtsextremen über Facebook und anderen Netzwerken bedroht, als wir uns wieder organisieren wollten. Sie sagten, wenn wir demonstrieren würden, passiert etwas Schlimmes. Die anderen wollten die Aktion dann nicht mehr vorbereiten. Also nahm ich das allein in die Hand. Am 8. März 2018 wurden wir von derselben rechtsextremen Gruppe attackiert, den "Karpatska Sich" – diesmal mit roter Farbe, die sie auf uns warfen. Die Polizei schützte uns nicht. Ich bekam Farbe in die Augen und musste wegen Verätzungen in ein Krankenhaus. Meine Augen sind inzwischen in Ordnung –  aber ich stand unter Schock. Für kurze Zeit dachte ich, ich sei blind.

Habt ihr euch wieder an die Polizei gewendet?

Wir haben rund zehn Stunden auf der Polizeistation verbracht und wollten, dass der Fall als Hassverbrechen anerkannt wird. Zu siebt harrten wir dort ohne Essen und Trinken aus. Leute, die uns nahe stehen und mit denen wir befreundet sind, brachten uns später Verpflegung. Der Polizei haben wir gesagt, dass wir die Station nicht verlassen, bis sie den Vorfall als Hasskriminalität anerkennen. Sie haben uns keine Verpflegung zur Verfügung gestellt. Sie wollten uns dadurch nötigen, zu gehen. Aber wir blieben.

Hattet ihr Erfolg?

Es wurde Mitternacht und wir sagten, dass wir bleiben bis wir sterben, wenn sie nichts tun. Plötzlich passierte etwas – es hieß, sie erkennen den Vorfall als Hassverbrechen an. Das dauerte genau 15 Minuten.

Wie kam es, dass Amnesty euch unterstützte?

Jemand von der ukrainischen Sektion rief an und fragte, ob wir Unterstützung benötigen. Wir sagten, wir brauchen einen Rechtsbeistand und Hilfe, um den Fall vor Gericht zu bringen. Ich hatte mich vorher in Uschgorod, meiner Heimatstadt, selbst für den Briefmarathon eingesetzt und mich bei Amnesty engagiert.

Und dann warst du selbst ein Amnesty-Fall.

Ja, unglaublich. Es ist kaum zu fassen, plötzlich solch eine Menge an Briefen zu bekommen. Es war für mich ein unbeschreibliches Gefühl, als mir klar wurde, dass ich weltweit unterstützt werde und so viel Solidarität erfahre.

Welchen Effekt hatte der Briefmarathon?

Mich persönlich machte das selbstbewusst. Ich habe gemerkt: Das, was ich tue, ist gut. Und ich realisierte, dass tausende Menschen meine Ansichten teilten. Sie wollen die Welt zu einem gerechten Ort machen wollten, an dem Menschenrechte für alle gelten. Für mich persönlich war das bewegend. Und es hatte auch praktische Auswirkungen.

Welche?

Unser damaliger Präsident Poroschenko entschied, dass die Polizei neue Untersuchungen zu Hassverbrechen anstellen sollte – mit neuen Methoden. Nur durch Amnesty wurde es letztlich möglich, dass unser Fall vor Gericht kam. Dieses Jahr konnten wir unsere Aktion am Frauentag ohne Ausschreitungen durchführen und erhielten Schutz. Es hat gezeigt: Alles ist möglich, es gibt einen Weg.

Wie ist es, als LGBTIQ+ in der Ukraine zu leben?

Es gibt viele LGBTIQ+, die häusliche Gewalt erleben. Einige begehen Selbstmord. Meine Eltern waren homophob und ich habe lange gebraucht, bis ich mein Coming out hatte. Ich dachte zuvor, ich müsse mein ganzes Leben lügen. In den allermeisten Fällen hat die Familie kein Verständnis. Aber meine Mutter hat irgendwann ein Interview mit mir im Fernsehen gesehen und plötzlich gesagt: Sie wisse nun, was ich mache – und sei stolz.

Hat sich die Lage in den vergangenen Jahren verändert?

Seit fünf Jahren erlebe ich, dass es viele Coming-Outs gibt und die Gesellschaft offener wird – toleranter. Es gibt Studien, die das belegen. Dadurch, dass wir offener und lauter werden, sind wir für Rechtsextreme aber überhaupt erst eine Zielscheibe.

Aber du bist optimistisch?

Ja! Wäre ich das nicht, würde ich das alles nicht tun.

 

Interview: Lea De Gregorio

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