Carolin Emcke: "Wichtig ist, was wir für richtig und nötig halten"
Gesicht zeigen gegen Autoritarismus: Carolin Emcke auf einer Kundgebung in Berlin, Mai 2024
© Jörg Carstensen / dpa / pa
Welche Mittel haben Menschenrechtsverteidiger*innen gegen die vielen autoritären Angriffe weltweit? Die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke über autoritäre Bewegungen früher und heute, Herausforderungen für Konservative, linke Identitätspolitik und ein gutes Gewissen.
Interview: Tanja Dückers
Wir erleben derzeit eine globale autoritäre Welle. Diese Entwicklung ist in Ländern wie der Türkei, Indien, den USA und Argentinien zu beobachten, die politisch, ökonomisch und soziokulturell unterschiedlich sind. Auch in Deutschland gibt es solche Tendenzen. Was ist da los?
Die autoritären Bewegungen und Regime eint ihre Abwehr der Ideen der Aufklärung. Aber sie leben auch von Widersprüchen: Sie geben sich anti-modernistisch, sind aber tech-affin. Sie attackieren die Wissenschaften, aber behaupten eigene Dogmen als wissenschaftlich. Und sie alle träumen von einem fiktiven Früher, in dem angeblich alles besser gewesen sei.
Was sind denn die störenden Dinge, die "früher" noch nicht vorhanden waren?
Die Prinzipien des Rechtsstaats. Die neuen Autoritäten wünschen sich eine Abkehr von der Gewaltenteilung, von Freiheits- und Bürgerrechten. Das Früher, das sie herbeisehnen, ist auch eines voller traditioneller Männlichkeit. Gender-Normen und Familienbilder werden wieder mit "Natur" verkoppelt. Vielfalt und alles Hybride werden verachtet und als "pervers" markiert. Es zeigt sich leider, dass die allmähliche Entmenschlichung von Migrant*innen, Frauen, Trans* und Queeren Menschen einer der großen Transmissionsriemen ist, mit denen rechtsradikale, postfaschistische Bewegungen in die Mitte der Gesellschaft hineinreichen und dort Anschluss finden. Das ist anscheinend der kleinste, schäbigste Nenner. Das reicht dann von Spott bis Ausgrenzung und Entrechtung.
Wir haben es nicht mit neuen Phänomenen zu tun.
Ja, der systematische Versuch, die Gesellschaft in der Breite mit diesen rechtsextremen Dogmen zu erobern, ist nichts, das überraschen sollte. Es gab immer eine rassistische Kontinuität. Es gab immer ein stabiles antisemitisches Sediment in dieser Gesellschaft. Was sich verändert hat, ist die Allianz aus rechtsradikalen Milieus, die vorher eher separat operierten, mit einer gewaltaffinen, eher hooliganartigen Skinheadszene, einer intellektuellen, publizistischen Szene und einem parlamentarischen Arm, einer Partei, die sich als demokratisch geriert. Die Gefahr besteht in der Verzahnung dieser Gruppen.
Wie beurteilen Sie den Umgang der deutschen Regierung mit Rechtsextremen? Sie haben 2015 in der Süddeutschen Zeitung geschrieben: "Da wurden fremdenfeindliche Ressentiments umgedeutet in Sorge, die es ernst zu nehmen gelte und präzise konturierte rechtsextreme Motive als unscharfe Politikverdrossenheit verniedlicht" und "wo aus wahltaktischen Überlegungen heraus die Rechte von Asylbewerbern lieber angezweifelt als vertreten werden (…), nisten sich schnell rechte Populisten in jenem moralischen Vakuum ein, das die Politik absichtlich oder unabsichtlich erzeugt hat".
Alle Parteien, die sich als Mitte verstehen, haben diese Gefahr nicht ernst genug genommen. Die Liberalen haben versäumt zu begreifen, dass Bürgerrechte einmal zu ihrer ureigentlichen Agenda gehörten. Sie haben vergessen, dass eine liberale Gesellschaft eine ist, in der Vielfalt und Individualität gelebt werden können. Liberale haben es vernachlässigt, einen substanziellen Freiheitsbegriff zu verteidigen.
Solidaritätskundgebung für einen überfallenen SPD-Wahlkämpfer in Berlin, Mai 2024.Foto:
Ist an dem Vorwurf etwas dran, eine zu wenig sozial orientierte Politik hätte die autoritäre Wende begünstigt?
Die Sozialdemokrat*innen haben nicht verstanden, dass es die soziale Frage nicht nur im Singular gibt. Da sind die ökonomischen Nöte und Sorgen; aber wir haben es auch mit Ohnmachtsgefühlen gegenüber einem entgrenzten Kapitalismus und einer immer weniger verstehbaren Welt zu tun. Und es gibt existenzielle Ängste bei Migrant*innen und anders Marginalisierten, für die Sozialdemokrat*innen keine Ansprache gefunden haben.
Und die Konservativen?
Die Frage, wie erfolgreich rechtsextreme Parteien sind, steht und fällt mit der Frage, ob Konservative eine klare Grenze ziehen zwischen einem konservativen und einem menschenverachtenden Menschenbild. Im Moment sehen wir europaweit einen Zerfall der konservativen Parteien. Es gibt Teile der Union, die sich auf jene Form des Ressentiment-Krawalls einlassen wollen, der in den USA, wahrscheinlich seit der Tea Party, auf jeden Fall seit Donald Trump, zur Selbstauflösung des Konservativismus geführt hat. Teile der CDU und CSU höhlen den Begriff des Konservativen aus. Sie lassen sich von Rechtsextremen am Nasenring durch die Manege der Selbstradikalisierung führen. Wir haben bei der Kampagne gegen die Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf …
… die Verfassungsrichterin werden sollte …
… gesehen, wie die Union die Kontrolle verlor. Wenn es solche Kampagnen gibt, scheint diese Partei nicht mehr in der Lage zu sein, sich gegen Verschwörungen, Lügen, Desinformationen und Hass zu stellen. Das ist sehr beunruhigend.
Hat die außerparlamentarische emanzipatorische Bewegung auch Fehler gemacht? Außerhalb linker und linksliberaler Kreise gelten Diversität und Wokeness mittlerweile als Schimpfwörter.
Natürlich haben wir auch Fehler gemacht. Jeden Tag. Aber doch nicht im inhaltlichen Kern dessen, wofür argumentiert und gestritten wurde. All jene, die schlicht und ergreifend Menschen- und Bürgerrechte, das Asylrecht und die Grundrechte verteidigen, sind wieder und wieder als "elitär" oder "moralistisch" diskreditiert worden, als ob sie für Luxusgüter eintreten würden. Als ob es Hysterie wäre, vor Rassismus Angst zu haben, wohingegen die mutmaßlichen Sorgen der Rechtsextremen permanent als legitim geadelt werden. Für Menschenrechte einzutreten, kann und darf nicht als irrig gelten – ganz gleich, wie sehr man dafür angegriffen wird.
Hat der identitätspolitische Ansatz junger kritischer Menschen dazu beigetragen, dass nun Identitätskonzepte von rechts massentauglich geworden sind? Oder ist diese Behauptung schon ein Teil der rechten Agenda?
Was Identitätspolitik ist oder sein kann, wird völlig verzerrt dargestellt. Die CDU/CSU, die sich als christlich versteht, betreibt doch auch Identitätspolitik. Eine linke Partei, die die Partei der Arbeiterklasse sein will, ebenso. Es wird permanent unterstellt: Identitätspolitik sei das Gegenstück zu universalistischen Positionen. Das ist Unsinn. Angehörige von marginalisierten, diskriminierten Gruppen bestreiten universalistische Begriffe wie Freiheit und Gleichheit nicht. Im Gegenteil, sie berufen sich auf Freiheit und Gleichheit, Menschen- und Bürgerrechte. Aber um konkret nachzuweisen, wie sie in unserer Gesellschaft ausgeschlossen werden, müssen sie Aspekte wie Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Sexualität erwähnen. Weil genau das die Merkmale sind, aufgrund derer sie ausgegrenzt werden.
Wie ist nun aus der Defensive gegen Rechtspopulismus und Rechtsextreme Empowerment noch möglich?
Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Wir müssen ausprobieren, was gelingen könnte, um eine soziale Bewegung und eine andere politische Sehnsucht zu formulieren, die mobilisiert und Mut macht. Im Moment sind viele entweder erschöpft oder in wirklich blanker Angst vor Diskriminierung, vor Ausgrenzung, vor Gewalt. Ein paar Gewissheiten habe ich aber. Eine ist: Dieser gesellschaftliche Konflikt lässt sich defensiv nicht gewinnen. Man kann nicht mit schlechtem Gewissen für die eigenen Überzeugungen mobilisieren, nicht beschämt für Menschenrechte und das Völkerrecht argumentieren.
Sollte man die Rechtsextremen einfach weniger beachten?
Eine weitere Gewissheit, die ich habe, ist, dass sich die Debatte über den Aufstieg der Autoritären und Rechtsextremen zu 90 Prozent an ihnen misst. Es werden endlose Diskussionen geführt: Was motiviert sie? Warum sind ihre Ressentiments so erfolgreich? Warum stimmen denn Leute für Rassismus? Permanent sind sie im Fokus. Wir haben die vergangenen zehn Jahre darüber nachgedacht, warum Leute rechtsextrem wählen. Ich will mich jetzt nicht mehr damit beschäftigen.
Womit möchten Sie sich lieber befassen?
Ich möchte die Gegenvision, die Gegenerzählung stark machen. Wir dürfen nicht mit schlechtem Gewissen Menschen- und Bürgerrechte und den Rechtsstaat verteidigen. Wir sollten uns an dem orientieren, was wir für richtig und nötig halten, und nicht daran, ob dies auch eine*n rechte*n Wähler*in überzeugt. Und: Wir sollten den Blick wieder auf jene richten, die betroffen sind, wenn Rechtsstaat und Menschenrechte ausgehöhlt werden. Und wir müssen eigene Sehnsüchte formulieren, wir müssen laut und leidenschaftlich Fantasien eines solidarischen Miteinanders formulieren. Wir wollen eine inklusivere, eine gerechtere, eine lustvollere Gesellschaft – und diese Fantasie ist real, sie ist konkret und sie lädt ein, sich daran zu beteiligen.
Die "vierte Gewalt" ist geschwächt, klassische Medien erreichen immer weniger Menschen. Ein Medium wie TikTok hingegen wurde von der AfD effektiv benutzt, um junge Wähler*innen zu mobilisieren. Obwohl Millionen Menschen wissen, was Propaganda ist und wie sie funktioniert, ist die Partei so mächtig, Aufklärung hilft nur bedingt. Wie beurteilen Sie diese Situation?
Ich sehe die Gefahr, dass wir keinerlei Garantien mehr für gute Recherchen haben, und auch, dass das Herausfiltern von Falschinformationen und Lügen schwierig wird. Die Angriffe auf öffentlich-rechtliche Sendeanstalten weltweit sehe ich mit großer Sorge. Es ist eine klare rechtsextreme Agenda, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auszuschalten. Gleichzeitig glaubt fast eine ganze Generation, es lohne sich nicht, für Informationen Geld zu bezahlen. Die Recherche, die Suche nach Informationen und Wissen ist Arbeit. In Redaktionen wird leidenschaftlich und genau gearbeitet. Sie verdienen Anerkennung, aber auch Lohn. Wer sich über Hass und Hetze, Lügen und Verschwörung echauffiert, sollte auch bereit sein, unabhängigen Journalismus zu unterstützen. Es braucht wieder ein Bewusstsein, dafür genau so viel Geld auszugeben wie für den zweiten oder dritten Kaffee am Tag.
Wie stark sollte der Staat bei Fake News und Täuschungen regulieren?
Eine Demokratie kann nicht bestehen ohne Schutz von Wissen und Information. Eine Demokratie kann nicht bestehen ohne eine informierte Gesellschaft, die sich miteinander darüber verständigt, wie sie leben will, welche Gesetze, welche Regeln sie sich geben will. Eine Demokratie, in der es keinen Begriff von Wahrheit, keine Vorstellung von richtig oder falsch gibt, ist blanker Nihilismus. Dann zählt nichts mehr. Das muss verhindert werden. Wir brauchen Standards und Kriterien, mit denen gefiltert und korrigiert wird, was an Lügen und Verschwörung verbreitet wird.
Tanja Dückers ist Autorin und Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
ZUR PERSON
Geboren 1967, Publizistin, Philosophin und politische Theoretikerin.
Sie studierte u. a. an der Harvard University Philosophie, Politik und Geschichte. Ihr Studium schloss sie 1993 bei Jürgen Habermas mit einer Magisterarbeit über das Recht auf Widerstand ab. 1998 wurde sie bei Axel Honneth in Philosophie promoviert.
Emcke lehrte als Gastdozentin Politische Theorie an der Yale University, ihre Seminare behandelten "Theorien der Gewalt" und "Zeugenschaft von Kriegsverbrechen".
Für den Spiegel berichtete sie aus Kriegs- und Krisengebieten.
Seit 2004 moderiert Emcke die gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltete monatliche Diskussionsreihe "Streitraum" an der Berliner Schaubühne.
Für ihr Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Theodor-Wolff-Preis (2008) und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2016). Emckes neues Buch "Respekt ist zumutbar" (2025) versammelt ihre von 2014 bis 2024 für die Süddeutsche Zeitung verfassten Analysen des Zeitgeschehens.