Aktuell Bericht Myanmar 12. März 2018

Niedergebrannte Rohingya-Dörfer werden zu Militärstützpunkten

Menschen mit Gepäck und Wasserflaschen laufen in einer Reihe vor blauem Himmel mit weißen Wolken

Rohingya aus dem myanmarischen Bundesstaat Rakhine erreichen im November 2017 Bangladesch nahe der Stadt Cox's Bazar

Auf den Flächen niedergebrannter Rohingya-Dörfer entstehen in Myanmar neue Straßen und Gebäude, auch für das Militär. Das macht die Rückkehr für Rohingya unmöglich.

Wo in Myanmar noch vor wenigen Monaten Angehörige der ethnischen Gruppe der Rohingya aus ihren Dörfern vertrieben wurden, errichten Sicherheitskräfte Stützpunkte und planieren ganze Landstriche. Im myanmarischen Bundesstaat Rakhine schreitet die Militarisierung mit alarmierender Geschwindigkeit voran, wie der aktuelle Amnesty-Bericht "Remaking Rakhine State" dokumentiert.

Der Bericht belegt mit Augenzeugenberichten und Satellitenbildern, dass seit Januar vermehrt Rohingya-Dörfer abgerissen und neue Bauprojekte begonnen werden. Dies betrifft Gegenden, aus denen im vergangenen Jahr Hunderttausende Menschen vor einer brutalen Militäroperation fliehen mussten. Auf den Flächen niedergebrannter Rohingya-Dörfer werden nun neue Straßen und Gebäude errichtet. Dadurch wird die Aussicht auf Rückkehr für die Geflüchteten noch geringer.

Im Bundesstaat Rakhine findet militärischer Landraub im großen Stil statt. Dieselben Sicherheitskräfte, die für Verbrechen gegen die Menschlichkeit an den Rohingya verantwortlich sind, werden nun dort in neuen Stützpunkten untergebracht.

Tirana
Hassan
Direktorin des Krisenreaktionsteams von Amnesty International

"Zu dem Verlust ihrer Häuser kommt noch die Tatsache, dass die neuen Bauprojekte die ohnehin bereits entmenschlichende Diskriminierung weiter verschärfen, der sie in Myanmar ausgesetzt sind", sagt Tirana Hassan, Direktorin des Krisenreaktionsteams von Amnesty International.

Abriss und Zerstörung

Am 25. August 2017 starteten die myanmarischen Behörden eine brutale Militäraktion gegen Angehörige der ethnischen Gruppe der Rohingya. Dies war eine Reaktion auf Anschläge der bewaffneten Rohingya-Gruppe "Arakan Rohingya Salvation Army".

Militärangehörige töteten Frauen, Männer und Kinder und waren für Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen verantwortlich. Hunderte Dörfer wurden systematisch niedergebrannt. Es handelte sich dabei eindeutig um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mehr als 670.000 Menschen sind seitdem nach Bangladesch geflohen.

Die Gewalt im Bundesstaat Rakhine mag seither zurückgegangen sein; doch die Vertreibung der Rohingya geht in veränderter Form weiter. 

Der aktuelle Bericht von Amnesty International zeigt auf, wie seit Januar ganze Dörfer abgerissen wurden, die zuvor von Rohingya bewohnt waren. Auch Bäume wurden entfernt, wodurch die Landschaft kaum wiedererkennbar ist. 

Das Abreißen ganzer Dörfer ist äußerst alarmierend. Die myanmarischen Behörden beseitigen damit Beweise für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, was zukünftige Versuche, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, stark erschweren könnte.

Tirana
Hassan
Direktorin des Krisenreaktionsteams von Amnesty International

Amnesty International dokumentiert mit dem Bericht auch, wie kürzlich im Norden des Bundesstaates Rakhine verlassene Häuser und Moscheen der Rohingya geplündert, zerstört und niedergebrannt wurden. 

Neue Infrastruktur für Sicherheitskräfte

Schlimmer noch als die Zerstörung ist die Errichtung neuer Infrastruktur auf diesen Flächen. Die Behörden bauen ihre Sicherheitsinfrastruktur im Bundesstaat Rakhine rapide aus; so werden beispielsweise Stützpunkte zur Unterbringung von Angehörigen des Militärs und der Grenzpolizei errichtet und Hubschrauberlandeplätze gebaut.

Die Geschwindigkeit, mit der diese Bauprojekte vorangetrieben werden, ist alarmierend. Satellitenaufnahmen zeigen, dass innerhalb weniger Monate neue Stützpunkte auf dem Gelände niedergebrannter Rohingya-Dörfer errichtet wurden. Nicht nur ganze Dörfer, sondern auch nahegelegene Wälder mussten den Bauprojekten weichen.

Die von Amnesty International durchgeführte Satellitenanalyse hat ergeben, dass im Norden des Bundesstaates Rakhine derzeit mindestens drei neue militärische Stützpunkte gebaut werden: zwei im Township Maungdaw und einer im Township Buthidaung. 

Der größte Stützpunkt befindet sich in der Ortschaft Ah Lel Chaung im Township Buthidaung. Augenzeugenberichten zufolge hat das Militär dort Angehörige der Rohingya vertrieben, um das Bauprojekt voranzutreiben.

Satellitenaufnahmen mit grüner Landschaft, verbranntem Land und neu errichteten Gebäuden

Drei Satelliten-Fotos, die die Veränderungen in der myanmarischen Ortschaft Inn Din bis Februar 2018 zeigen 

Die Menschen sind panisch. Niemand will bleiben, weil alle Angst vor weiterer Gewalt haben.

31-jähriger
Mann
der im Januar nach Bangladesch floh, als das Militär in der Nähe seines Dorfes einen neuen Zaun und Kontrollpunkt einrichtete

In der Ortschaft Inn Din lebten verschiedene ethnische Gruppen nebeneinander, bevor Ende August und Anfang September 2017 vor allem Sicherheitskräfte Angehörige der Rohingya töteten und ihre Häuser niederbrannten. Satellitenaufnahmen belegen, dass in dem Teil von Inn Din, der einst von Rohingya bewohnt war, ein neuer Stützpunkt entsteht.

Unterkünfte und Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete

Aus den Satellitenaufnahmen geht außerdem hervor, dass neue Aufnahmezentren für aus Bangladesch zurückgekehrte Rohingya von Sicherheitszäunen umgeben sind und in Gegenden mit hoher Militär- und Grenzpolizei-Präsenz liegen. 

Amnesty International befürchtet, dass die myanmarischen Behörden beabsichtigen, Rohingya für längere Zeit in den Zentren unterzubringen und ihr Recht auf Freizügigkeit einzuschränken. Zehntausende Rohingya, die im Jahr 2012 gewaltsam aus ihren Heimatorten vertrieben worden waren, leben bereits seit Jahren unter haftähnlichen Bedingungen.

Augenzeuginnen und Augenzeugen berichteten Amnesty International auch, dass auf dem Gelände niedergebrannter Rohingya-Dörfer in den vergangenen Monaten neue Dörfer errichtet wurden, in denen nun Menschen leben, die keine Rohingya sind. Schon in der Vergangenheit haben Behörden Angehörige anderer ethnischer Gruppen im Bundesstaat Rakhine angesiedelt, um dort Entwicklungsprojekte voranzutreiben.

"Der Bundesstaat Rakhine ist eines der ärmsten Gebiete in Myanmar und benötigt dringend Investitionen und Entwicklungschancen. Doch entsprechende Maßnahmen müssen zum Wohl aller dort lebenden Menschen und ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit erfolgen, statt das existierende System der Apartheid noch zu verschärfen, unter dem die Rohingya de facto leben", sagt Tirana Hassan.

Die Behörden müssen ihre Kampagne der sogenannten ethnischen Säuberung im Namen der 'Entwicklung' umgehend einstellen. Die internationale Gemeinschaft, und insbesondere die Geberländer, müssen dringend sicherstellen, dass von ihnen bereitgestellte Investitionen oder Hilfen nicht zu Menschenrechtsverletzungen beitragen.

Tirana
Hassan
Direktorin des Krisenreaktionsteams von Amnesty International

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