Aktuell Angola 26. August 2020

Angola: Schockierende Tötungen von Jugendlichen durch die Polizei

Menschen mit Gesichtsmasken (aufgrund von Covid-19) demonstrieren, sie halten Schilder gegen Polizeigewalt, eine Frau hält das Foto eines getöteten Jugendlichen

Demonstration gegen Polizeigewalt in der angolanischen Stadt Benguela am 20. Juni 2020. Unter den Teilnehmenden war auch die Mutter des 14-jährigen Marito, der von der Polizei getötet wurde.

Polizeikräfte in Angola haben bei der Durchsetzung von Corona-Ausgangsbeschränkungen zwischen Mai und Juli 2020 mindestens sieben Menschen getötet. Das zeigt eine gemeinsame Untersuchung von Amnesty International und der angolanischen Menschenrechtsorganisation OMUNGA.

Fußball spielen, singen und einige Tanzschritte einüben – das waren die Pläne von Kilson, als er sich mit weiteren Jugendlichen an einem Freitagmorgen auf den Weg zum Sportplatz machte. Plötzlich erschienen Polizeikräfte, sie schossen ohne Vorwarnung. Eine Kugel traf den 15-jährigen Kilson tödlich. Doch anstatt den Jugendlichen zu versorgen, ließ die Polizei ihn einfach am Tatort liegen.

Die Behörden nutzen die Notstandsmaßnahmen, um willkürlich die Menschenrechte einzuschränken.

João
Malavindele
geschäftsführender Direktor von OMUNGA

Kilson ist einer von sieben Jugendlichen, den angolanische Polizeikräfte zwischen Mai und Juli 2020 bei der Durchsetzung von COVID-19-Ausgangsbeschränkungen getötet haben. Dies zeigen Recherchen von Amnesty International und der und der angolanischen Menschenrechtsorganisation OMUNGA. Die Opfer waren Jungen und junge Männer, der jüngste war erst 14 Jahre alt. Die Organisationen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Getöteten noch viel höher ist.

"Die Berichte von Angehörigen und Augenzeug_innen sind erschütternd: Einem Teenager wurde ins Gesicht geschossen, als er verletzt am Boden lag; ein anderer wurde getötet, als die Polizei auf eine Gruppe von Freund_innen feuerte, die auf einem Sportplatz übten. Ein Ausnahmezustand ist keine Rechtfertigung für derart skandalöse Menschenrechtsverletzungen", sagt Deprose Muchena, Regionaldirektor für das südliche Afrika bei Amnesty International.

YouTube-Video über die Polizeigewalt in Angola:

YouTube freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu YouTube her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

Mithilfe von Interviews mit Freund_innen und Angehörigen sowie Augenzeug_innen konnten Amnesty International und OMUNGA Details der Tötungen rekonstruieren. Die angolanischen Sicherheitskräfte setzen immer wieder exzessive und rechtswidrige Gewalt ein, um die Ausgangsbeschränkungen durchzusetzen, die zur Eindämmung von COVID-19 verhängt wurden. So setzt die Polizei Schusswaffen ein, um Ansammlungen aufzulösen oder bei Personen keine Maske aufhaben.

"Es muss eine umfassende, unabhängige, unparteiische, transparente und wirksame Untersuchung der Tötungen durchgeführt werden. Die verantwortlichen Polizeikräfte müssen in fairen Verfahren vor Gericht gestellt werden", fordert Deprose Muchena.

Fünf schwer bewaffnete Polizisten posieren für ein Foto

"Gemeinsam im Kampf gegen COVID-19": Das angolanische Innenministerium veröffentlichte dieses Foto am 30. Juni 2020 über Facebook. Drei Tage zuvor war ein landesweiter Ausnahmezustand aufgrund der COVID-19-Pandemie verhängt worden.

 

Amnesty International und OMUNGA haben vielfältige Berichte von Augenzeug_innen über den Einsatz von exzessiver Gewalt und Schusswaffen erhalten. Dieser richtet sich häufig gegen marginalisierte Gemeinschaften. Alle Tötungen ereigneten sich in ärmeren Vierteln. Sowohl die Polizei (Polícia Nacional de Angola – PNA) als auch die angolanischen Streitkräfte (Forças Armadas Angola – FAA) sind mutmaßlich für die Taten verantwortlich.

"Die Behörden nutzen die Notstandsmaßnahmen, um willkürlich die Menschenrechte einzuschränken. Der Einsatz von Gewalt durch Sicherheitskräfte sollte immer eine Ausnahme sein und muss mit den internationalen menschenrechtlichen Verpflichtungen des Landes in Einklang stehen – insbesondere die Verpflichtung, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu achten und zu schützen", sagt João Malavindele, geschäftsführender Direktor von OMUNGA.

 

Mário Palma Romeu

Porträtfoto eines Jungedlichem vor weißem Hintergrund, er schaut in die Kamera

Der 14-jährige Marito wurde am Morgen des 13. Mai 2020 von der angolanischen Polizei in Benguela erschossen.

Das jüngste Opfer der Recherchen von Amnesty International und OMUNGA ist der 14-jährige Mário Palma Romeu, bekannt als Marito. Er wurde am Morgen des 13. Mai von der Polizei erschossen. Marito war unterwegs auf dem Tombasstrandplatz in der Stadt Benguela in der gleichnamigen Provinz Benguela, um Zucker für seine Mutter zu kaufen. An dem Morgen hatten junge Männer, die auf den Fischerbooten desselben Strandes arbeiteten einen Aufstand begonnen und die Polizei war gerufen worden, um einzugreifen. Ein Polizeibeamter schoss zweimal in die Luft, um die jungen Männer auseinanderzutreiben. Der zweite Schuss traf Marito. Er war sofort tot.

 

José Quiocama Manuel

Porträtfoto eines Jugendlichen, er trägt Kopfhörer, schaut direkt in die Kamera

José Quiocama Manuel, auch Cleide gennant, wurde am 13. Juli 2020 im Stadtviertel Prenda in Luanda von der Polizei erschossen.

Am Abend des 13. Juli wurde José Quiocama Manuel, ein Motorradtaxifahrer bekannt unter dem Namen Cleide, von der Polizei erschossen, als er auf dem Weg zum Haus eines Freundes im Viertel Prenda in Luanda unterwegs war. Nach Berichten von Augenzeug_innen riefen gegen Mitternacht im Viertel Leute, dass die Polizei käme. Cleide und der 16-jährige Maurício versuchten sich zu verstecken, doch die Polizei schoss auf sie. Maurício wurde in die Schulter geschossen und überlebte, doch Cleide war sofort tot.

 

Clinton Dongala Carlos

Familienfoto, vier Kinder sitzen und stehen zwischen den Eltern, alle schauen traurig in die Kamera

Die Angehörigen des 16-jährigen Clinton, der am 16. April von der angolanischen Polizei im Stadtviertel Prenda in Luanda erschossen wurde.

Am 4. Juli schoss die Polizei den 16-jährigen Clinton Dongala Carlos in den Rücken. Clinton Dongala war auf dem Heimweg vom Abendessen bei seiner Tante in der Cacuaco in der Provinz Luanda, die nur 300 Meter entfernt von seinem Zuhause wohnt. Berichten von Augenzeug_innen zufolge wurde Clinton Dongala von einer Gruppe von Sicherheitskräften gejagt, von zwei Soldat_innen und drei Polizist_innen, und ein Beamter schoss Clinton in den Rücken, während er versuchte, sein Elternhaus zu erreichen. Laut den Augenzeug_innen fragten die Uniformierten die Bewohner_innen nach Wasser und schütteten es Clinton Dongala ins Gesicht, als er verletzt am Boden lag. Dann hörten die Nachbar_innen, die sich in Todesangst versteckten, einen zweiten Schuss. Als die Uniformierten abzogen, sahen sie, dass Clinton Dongala ins Gesicht geschossen worden war.

 

Mabiala Rogério Ferreira Mienandi

Porträtfoto eines Jugendlichen vor einem roten Hintergrund, er trägt ein rotes T-Shirt und hält einen Baseball-Schläger in der Hand

Der 15-jährige Mabiala Rogério Ferreira Mienandi, den seine Familie Kilson nennt, wurde am 3. Juli 2020 inin Cazenga in der Provinz Luanda von der angolanischen Polizei erschossen.

Am 3. Juli gegen 7 Uhr erschoss die Polizei Mabiala Rogério Ferreira Mienandi, den seine Familie Kilson nennt. Kilson war mit einer Gruppe Freund_innen auf einem Sportplatz in Cazenga in der Provinz Luanda. Sie spielten Fußball und tanzten. Laut Augenzeug_innen näherte sich ein Polizeifahrzeug und die Beamt_innen fingen ohne jede Vorwarnung an, auf die Jugendlichen zu schießen, die in alle Richtungen flüchteten, um sich in Sicherheit zu bringen. Kilson wurde getroffen. Die Augenzeug_innen berichten, dass dann drei Polizisten aus dem Auto stiegen und sich Kilson näherten. Sie traten ihn dreimal und fuhren dann wieder davon.

 

João de Assunção

Porträtfoto eines Jungedlichem vor weißem Hintergrund, er schaut in die Kamera

João de Assunção verstarb nach einem brutalen Polizeieinsatz am 17. Juni 2020 in einem Krankenhaus in der Provinz Luanda.

Ein junger Mann mit Vorerkrankungen starb bei einem Vorfall, bei dem ihn die Polizei einschüchterte und erniedrigte: Am Morgen des 17. Juni war der 20-jährige João de Assunção auf dem Weg zu einem öffentlichen Badehaus  in der Provinz Luanda, als ihn Angehörige der Nationalpolizei anhielten. João de Assunção sagte, er würde seine Maske holen, doch die Polizeikräfte forderten ihn auf einen Salto zu machen, während sie mit Waffen auf sein Gesicht zielten. João de Assunção erwiderte, er sei müde und krank und könne das nicht tun. Daraufhin schoss ein Polizist neben seinen Kopf in die Luft, um ihn einzuschüchtern. João de Assunção fiel zu Boden. Die Nachbar_innen sagten den Beamt_innen, dass João de Assunção Probleme mit dem Herzen und Bluthochdruck habe. Er wurde in das Hospital Cajueiros gebracht und starb dort. Die Ergebnisse der Autopsie wurden nicht veröffentlicht.

 

Altino Holandês Afonso

Zwei Personen sitzen auf Stühlen und schauen traurig an der Kamera vorbei, im Hintergrund steht ein großes Foto eines jugendlichen Fußballspielers. Es ist das Foto von Hernani.

Die Eltern des 15-jährigen des Altino Holandês Afonso, der am 5. Juni von einem Polizeibeamten erschossen wurde. 

Am Abend des 5. Juni ging der 15-jährige Altino Holandês Afonso seine Großmutter und Tante besuchen. Kurz nach seiner Ankunft fing die Polizei an, auf der Straße zu schießen, vermutlich, um Leute auseinanderzutreiben. Augenzeug_innen berichteten Amnesty International und OMUNGA, dass ein Beamter Altino Holandês Afonso jagte, der versuchte, in das Haus seiner Tante zu laufen, und ihn unmittelbar vor der Tür in den Bauch schoss. Die Augenzeug_innen vermuteten, dass der Beamte betrunken gewesen war.

 

António Vulola

Porträtfoto eines Jugendlichen vor einem roten Hintergrund

Der 21-jährige António Vulola, auch bekannt als Toni Pi, wurde am 9. Mai 2020 von Polizeikräften erschossen.

Am 9. Mai schossen Polizeikräfte auf den 21-jährigen António Vulola, bekannt als Toni Pi, der Freund_innen zu Besuch hatte, um die Geburt seines ersten Kindes zu feiern. Laut Augenzeug_innen begleiteten Toni Pi und sein Freund André andere Freund_innen gegen 22 Uhr zur Bushaltestelle. Auf dem Weg zurück, sahen sie wie fünf Beamt_innen der Nationalpolizei ein Treffen von jungen Leuten mit Schlägen auflösten. Sie rannten nach Hause, da sie keine Masken trugen. Die Polizeibeamt_innen schossen auf sie und trafen Toni Pi tödlich am Kopf.

Gegen die Sicherheitskräfte, die mutmaßlich für den Tod von Mário, Altino, Clinton, Mabiala Kilson, João, António und Cleide verantwortlich sind, wird ermittelt. Der Verein Mãos Livres leistet Rechtsberatung, um sicherzustellen, dass die Menschenrechtsverletzungen und Misshandlungen umgehend, umfassend, unabhängig und unparteiisch untersucht werden, die mutmaßlich Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden und die Familien Gerechtigkeit erfahren und wirksame Rechtsbehelfe, einschließlich Entschädigungen, erhalten.

Weitere Artikel