Aktuell Israel und besetztes palästinensisches Gebiet 30. September 2025

Israel/Gaza: Hamas und andere bewaffnete Gruppen müssen Geiseln sofort freilassen!

Das Bild zeigt viele Menschen mit Protestschildern, im Vordergrund brennt ein Feuer

Demonstration in Tel Aviv für die Freilassung von Tal Shoham und allen anderen israelischen Geiseln, die von der Hamas nach Gaza entführt wurden (15. Juni 2024)

Fast zwei Jahre sind seit dem Angriff vom 7. Oktober 2023 durch die Hamas und andere bewaffnete palästinensische Gruppen vergangen. Die in Gaza verbliebenen Geiseln müssen sofort und bedingungslos freigelassen werden. Die anhaltende Geiselnahme ist eine unerträgliche Qual für die Verschleppten, die Familien und Angehörigen. Noch etwa 20 Männer schweben in Lebensgefahr. Um ihr Leid sowie den Völkermord an den Palästinenser*innen zu beenden und weiteres Blutvergießen zu verhindern, ist ein sofortiger und dauerhafter Waffenstillstand unabdingbar. 

Körperliche und psychische Folter und Misshandlung, Isolationshaft und Mangelernährung sowie entmenschlichende Demütigungen und Zurschaustellung auf Social Media: Seit fast zwei Jahren werden die Geiseln, die von der Hamas und anderen palästinensischen Gruppen verschleppt wurden, unter unmenschlichen Bedingungen im Gazastreifen festgehalten. 

Sie müssen unverzüglich und bedingungslos freigelassen werden. Das fordert Amnesty International fast zwei Jahre nach ihrer Entführung durch die Hamas am 7. Oktober 2023 erneut.  

"Die Hamas darf die Geiseln und ihre Angehörigen nicht noch länger quälen und als Faustpfand missbrauchen. Alle noch lebenden Geiseln müssen bis zu ihrer Freilassung human behandelt werden, Zugang zu internationalen Beobachter*innen erhalten und regelmäßig in Würde mit ihren Familien und Angehörigen kommunizieren dürfen", sagte Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland."  

Das Foto zeigt eine Frau inmitten eines Demonstrationszuges. Sie hält ein Schid hoch, auf dem steht: Release hostages now.

"Geiseln sofort freilassen": Amnesty-Aktivistin bei einer Demonstration in Belgien im November 2023.

"Die Hamas und andere bewaffnete palästinensische Gruppen müssen außerdem unverzüglich und bedingungslos die Leichen aller am 7. Oktober 2023 verschleppten Personen zurückgeben. Alles andere stellt weiterhin schwere Verbrechen nach internationalem Recht dar und ist eine fortgesetzte Tortur für Familien, die verzweifelt auf die sichere Rückkehr oder zumindest Nachrichten von ihren Angehörigen warten." 

Wie viele Geiseln werden noch von der Hamas festgehalten? 

Insgesamt 47 Personen werden weiterhin unrechtmäßig im Gazastreifen festgehalten. Von ihnen sollen noch etwa 20, allesamt Männer, am Leben sein. Sie sind in Gefahr, gefoltert, anderweitig misshandelt und getötet zu werden. Sie sind die letzten noch lebenden Geiseln von insgesamt 251 Menschen, die während der brutalen, von der Hamas geführten Angriffe am 7. Oktober 2023 gefangen genommen und nach Gaza verschleppt wurden. Die meisten von ihnen wurden lebend entführt. In 36 Fällen sollen palästinensische Angreifer jedoch die Leichen von Menschen mitgenommen haben, die bei den Angriffen getötet worden waren. Geiselnahme ist eine schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts und ein Kriegsverbrechen.

Plakatwand in Jerusalem mit Fotos von Geiseln, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas und anderen palästinensischen Gruppen aus Israel in den Gazastreifen verschleppt wurden.

Plakatwand in Jerusalem mit Fotos von Geiseln, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas und anderen palästinensischen Gruppen aus Israel in den Gazastreifen verschleppt wurden (Aufnahme vom Juli 2025).

Verschleppung, Misshandlung und sexualisierte Gewalt durch Hamas und andere Gruppen 

Die Hamas und der Palästinensische Islamische Dschihad setzten alle Geiseln, die sie festhielten, sowie deren Familienangehörige psychischen Misshandlungen aus. Sie hielten alle Geiseln ohne Kontakt zur Außenwelt gefangen. Sie verweigerten allen Geiseln den Kontakt zu ihren Familien und den Zugang zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bis zu ihrer Freilassung. 

Sie legten weder eine Liste der Geiseln vor, die sie festhielten, noch teilten sie Einzelheiten und aktuelle Informationen über den Verbleib oder den Zustand der Geiseln mit. Sie verweigerten damit den Familien Informationen über ihre Angehörigen, die als Geiseln festgehalten wurden. 

Familienangehörige von Geiseln, mit denen Amnesty International gesprochen hat, berichteten, dass sie monatelang oder länger kein Lebenszeichen erhalten haben, sowie von dem unerträglichen Schmerz und der Angst, nicht zu wissen, wie es ihren Angehörigen geht, wo sie festgehalten werden oder ob und wann sie zurückkehren werden. 

Bewaffnete palästinensische Gruppen trennten Familienmitglieder, die als Geiseln gehalten wurden, voneinander und hielten einige Kinder völlig allein, so die Aussagen von freigelassenen Geiseln gegenüber medizinischen Fachkräften.  

Ein Beispiel ist Erez Calderon, der zum Zeitpunkt seiner Entführung aus dem Kibbuz Nir Oz im Süden Israels 11 Jahre alt war. Seine Entführung wurde auf einem von Amnesty International verifizierten Video festgehalten. Er sagte gegenüber israelischen Medien, dass er getrennt von seinem Vater und seiner Schwester festgehalten wurde. Dies wurde von Familienmitgliedern des entführen Jungen in verschiedenen Medienberichten bestätigt. 

Das Foto zeigt drei mit Sturmgewehren bewaffnete maskierte Männer in Tarnuniform.

Hamas-Kämpfer in Rafah im Gazastreifen (22. Februar 2025)

Wer wurde beim Angriff am 7. Oktober 2023 verschleppt? 

Eine Datenbank, die von der israelischen Zeitung Haaretz mit anderen Datensätzen abgeglichen wurde, gibt genauen Aufschluss über die verschleppten Personen: 

  • Insgesamt 251 Personen wurden bei den von der Hamas geführten Angriffen im Süden Israels verschleppt.
  • Davon waren 27 Personen Soldat*innen im aktiven Dienst.
  • Die überwiegende Mehrheit der Personen, 224 Menschen waren Zivilpersonen und wurden als Geiseln genommen. Es handelte sich um 124 Männer, 64 Frauen und 36 Kinder.
  • Unter den aus Israel entführten Personen befanden sich 16 Kinder unter 10 Jahren und neun Personen im Alter von über 80 Jahren.
  • Die meisten der Entführten waren jüdische Israel*innen, darunter auch einige mit doppelter Staatsangehörigkeit.
  • Sieben von ihnen waren Beduin*innen aus Israel.
  • Mindestens 35 von ihnen waren ausländische Staatsangehörige.
  • In 36 Fällen waren die Opfer bereits tot, als sie nach Gaza gebracht wurden. 

Physischer, sexualisierter und psychologischer Missbrauch von Geiseln in Gefangenschaft 

Alle israelischen Staatsbürger*innen und andere Staatsangehörige, die als Geiseln genommen wurden, sind seit dem 7. Oktober 2023 einer qualvollen Tortur ausgesetzt. Sie wurden in Isolationshaft gehalten, so dass sie bis zu ihrer Freilassung keinen Kontakt zu ihrer Familie und keinen Zugang zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hatten. 

Viele Familien haben monatelang oder länger kein Lebenszeichen erhalten, um zu erfahren, ob ihre Angehörigen noch leben oder schon tot sind – was ihr Leid noch vergrößert hat. In Berichten an Amnesty International, an die Medien oder an medizinisches Fachpersonal haben freigelassene Geiseln berichtet, dass sie während ihrer Gefangenschaft misshandelt wurden: 

  • Eine freigelassene Geisel berichtete Amnesty International, dass er und vier weitere Männer nach ihrer Entführung mehrere Tage lang geschlagen wurden. Er beschrieb, dass sie in einem Tunnel festgehalten und ihnen angemessene Nahrung und Wasser verweigert wurde.
  • Mindestens fünf weitere Männer und eine Frau haben öffentlich berichtet, dass sie geschlagen und anderweitig körperlich misshandelt wurden.
  • Vier Frauen, zwei Mädchen und zwei Männer haben öffentlich berichtet, dass sie sexualisierten Misshandlungen, erzwungener Nacktheit oder Drohungen mit Zwangsheirat ausgesetzt waren. Dabei handelt es sich um Formen körperlicher und sexualisierter Gewalt, die nach dem Völkerrecht als Folter oder andere Misshandlung gelten.
  • Eine medizinische Fachkraft, die an der Behandlung von im November 2023 freigelassenen Geiseln beteiligt war, berichtete Amnesty International ebenfalls von Misshandlungen. Ihren Schilderungen zufolge berichteten die Geiseln, dass sie geschlagen wurden und dazu gezwungen, Gewalttaten mitanzusehen oder daran teilzunehmen. Sie wurden in Isolation oder völliger Dunkelheit gehalten. Ihnen wurden die grundlegenden Bedürfnisse vorenthalten, was zu schwerwiegenden und langfristigen Auswirkungen auf ihre psychische und physische Gesundheit führte. Die Fachkraft berichtete zudem, dass einige der zurückgekehrten Geiseln sexualisierte Gewalt, einschließlich erzwungener Nacktheit und sexueller Übergriffe, erlebt haben. 
Luftaufnahme von mehr als einem Dutzend Autos auf einem Feldweg. Die meisten Türen stehen offen. Mehrere Fahrzeuge sind ausgebrannt.

Ausgebrannte Autos, in denen Menschen versucht hatten zu fliehen vor den Angreifern der Hamas auf das Nova-Musikfestival im Süden Israels am 7. Oktober 2023.

Waffenstillstand ist notwendig, um das Leid der verbleibenden Geiseln und den Völkermord an den Palästinser*innen zu beenden 

Die derzeitige militärische Eskalation Israels im Gazastreifen, insbesondere in Gaza-Stadt, hat nicht nur katastrophale Folgen für die Palästinenser*innen, die einer herbeigeführten Hungersnot und Vertreibung ausgesetzt sind. Sie gefährdet auch das Leben der Israel*innen und anderer Menschen, die von bewaffneten palästinensischen Gruppen als Geiseln gehalten werden.

Am 20. September 2025 veröffentlichten die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, ein so genanntes "Abschiedsbild" mit Fotos von Menschen, die noch immer als Geiseln gehalten werden, und schürten damit die Angst vor ihrem Schicksal. 

Amnesty International fordert erneut einen sofortigen Waffenstillstand und die Beendigung des Völkermords an den Palästinenser*innen im Gazastreifen durch Israel. In den vergangenen Monaten hat Israel seinen Genozid gegen die Palästinenser*innen im Gazastreifen intensiviert. 

Die Zahl der Todesopfer hat sich um Hunderte erhöht, die zivile Infrastruktur wurde absichtlich zerstört und Hunderttausende von Palästinenser*innen wurden gewaltsam vertrieben. Die israelische Regierung hat damit ihre Entschlossenheit demonstriert, sie physisch zu zerstören.  

Geiselnahme ist eine schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts und ein Kriegsverbrechen. 

"Jede Sekunde der Untätigkeit kostet mehr Menschenleben und verschlimmert das Grauen, dem die Zivilbevölkerung ausgesetzt ist", sagte Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International. "Ein sofortiger Waffenstillstand ist nicht nur ein moralischer Imperativ, sondern eine globale Verantwortung. 

Israel muss seinen Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen sofort beenden, einschließlich seiner vorsätzlichen Politik des Aushungerns und der Massenvertreibung. Die bewaffneten palästinensischen Gruppen müssen unverzüglich alle zivilen Geiseln freilassen." 

Erklärungen und Aktionen der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad haben deutlich gemacht, dass sie sowohl Zivilpersonen als auch Soldat*innen als Druckmittel einsetzen. So sollen die israelischen Behörden gezwungen werden, ihre militärischen Angriffe einzustellen, alle willkürlich inhaftierten palästinensischen Gefangenen freizulassen und die Blockade des Gazastreifens sowie die rechtswidrige Besetzung des palästinensischen Gebiets zu beenden. Dieses Vorgehen entspricht der Definition von Geiselnahme im Völkerrecht. 

Die Luftaufnahme zeigt einen großen Platz, vollgestellt mit leeren und Krippen.

Im Rahmen der Kunstaktion "Empty Beds" wurden auf dem Jerusalemer Safra-Platz mehr als 200 leere Betten und Krippen aufgestellt in Solidarität mit den Geiseln, die von der Hamas und anderen bewaffneten palästinensischen Gruppen aus Israel entführt wurden (30. Oktober 2023).

Glaubhafte Berichte über sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt 

Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission für das besetzte palästinensische Gebiet, einschließlich Ost-Jerusalem, und Israel (UN-Untersuchungskommission) erklärte im September 2024: Man habe "glaubwürdige Informationen darüber erhalten, dass einige Geiseln während ihrer Gefangenschaft sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt waren", darunter eine weibliche Geisel, die berichtete, dass sie vergewaltigt worden sei.  

Das Büro des UN-Sonderbeauftragten des Generalsekretärs für sexuelle Gewalt in Konflikten und das Büro des Anklägers des Internationalen Strafgerichtshofs berichteten ebenfalls, dass sie Beweise für sexualisierte Gewalt, einschließlich Vergewaltigung, gegen Geiseln gefunden haben. 

Die Vorverfahrenskammer des IStGH stellte bei der Annahme des Antrags des Anklägers auf Erlass eines Haftbefehls gegen Mohammed Diab Ibrahim Al-Masri (bekannt als Mohammed Deif), den Befehlshaber des militärischen Flügels der Hamas, fest, dass "einige Geiseln, vor allem Frauen, während ihrer Gefangenschaft im Gazastreifen sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt waren, einschließlich erzwungener Penetration, erzwungener Nacktheit und demütigender und erniedrigender Behandlung". 

Öffentliche Demütigung bei "Freilassungszeremonien"

Die Hamas und bewaffnete palästinensische Gruppen haben Fotos und Videos veröffentlicht, auf denen oft Geiseln zu sehen sind, die verletzt sind, Schmerzen haben, Angst haben oder um ihr Leben oder ihre Freilassung flehen. Außerdem haben sie Geiseln während ihrer Entführung und bei demütigenden "Freilassungszeremonien" öffentlich vorgeführt. 

Die Unterwerfung von Geiseln unter eine derart erniedrigende und entwürdigende Behandlung stellt eine Verletzung der persönlichen Würde dar, die nach dem humanitären Völkerrecht verboten ist und ein Kriegsverbrechen darstellt. 

Ende Juli und Anfang August 2025 stellten bewaffnete palästinensische Gruppen Videos von zwei Geiseln ins Internet, aus denen hervorging, dass sie schwer misshandelt wurden. Eine der Geiseln, Rom Braslavski, ist in einem Video mit dem Logo der Al-Quds-Brigaden, dem militärischen Flügel des palästinensischen Islamischen Dschihad, auf dem Boden eines Tunnels zu sehen, abgemagert und weinend. 

Er sagt, er sei zu schwach, um zu stehen, und stehe kurz vor dem Tod. Zum Entsetzen der Familie behauptete der Palästinensische Islamische Dschihad, dass sie seit der Aufnahme des Videos den Kontakt zu Roms Entführern verloren hätten.  

Eine Frau mit einem Mikrofon und einem Plakat, darauf zu sehen ein junge Mann und der Name Rom Braslavski

Angehörige des in den Gazastreifen verschleppten 21-jährigen Rom Braslavski fordern bei einer Veranstaltung am 20. Februar 2024 in Brüssel seine Freilassung.

Evyatar David musste sein eigenes Grab schaufeln 

Ein am 2. August 2025 von den Al-Qassam-Brigaden veröffentlichtes Video von Evyatar David zeigt, wie er abgemagert in einem Tunnel liegt und gezwungen wird, ein Grab zu schaufeln, von dem er sagt, er glaube es sei sein eigenes.  

Er beschreibt detailliert und mit Verweis auf einen kommentierten Kalender, dass er mehrere Tage hintereinander keine Nahrung erhält. Unter diesen Umständen gezwungen zu werden, sein eigenes Grab zu schaufeln, kommt ebenso einer Folter gleich wie die absichtliche Verweigerung von Nahrung über längere Zeiträume in Gefangenschaft und psychische Misshandlung.  

Die Entführung von Geiseln und die Ausstrahlung von Videos, die ihr Leiden zeigen, ist nicht nur ein Verbrechen an den unmittelbaren Opfern. Die Ungewissheit und die Ängste, die die Angehörigen der Geiseln erleiden, stellen zudem Folter oder andere Misshandlungen dar.  

Amnesty International hat anhand von Videoaufnahmen und Aussagen von Zeug*innen dokumentiert, wie Einzelpersonen, Paare und Familien am 7. Oktober 2023 aus ihren Häusern in mehreren zivilen Gemeinden vertrieben und nach Gaza verschleppt wurden – unter anderem von Mitgliedern der Al-Qassam-Brigaden. Sie hat auch die Entführung junger Menschen vom Gelände des Nova-Musikfestivals und den umliegenden Gebieten dokumentiert, von denen einige aus den Raketenbunkern, in denen sie sich versteckt hielten, geholt wurden. 

Eine Frau steht hinter einem Mikrofon und hält eine Plakat in der Hand, darauf zu sehen ist einer junger Mann

Shoshan Haran bei einer Veranstaltung am 29. Mai 2024 in New York – sie wurde 50 Tage nach ihrer Entführung in den Gazastreifen wieder freigelassen. Sie hält ein Plakat mit einem Foto ihres Schwiegersohns Tal Shoham, der nach 505 Tagen Geiselhaft freigelassen wurde. 

Überlebende berichten von Folter, Misshandlung und dem Massaker 

Shoshan Haran ist Gründerin und Präsidentin von Fair Planet, einer israelischen NGO für Entwicklungshilfe, und Mitglied der Friedensbewegung Women Wage Peace. Sie wurde zusammen mit sechs weiteren Familienmitgliedern, darunter drei Kindern, entführt und von der Hamas als Geisel genommen. Shoshan lebte in Be'eri, einem Kibbuz, der sich etwa 4 km vom Zaun um den Gazastreifen befindet. Zum Zeitpunkt ihrer Entführung war sie 67 Jahre alt. Amnesty International berichtete sie davon: Nach Erhalt einer Warnung über WhatsApp hatten sie und ihre Familie sich in ihren Schutzraum zurückgezogen.  

Shoshan berichtete Amnesty International, dass bewaffnete Männer sie gezwungen hätten, aus dem Schutzraum zu kommen. Einer von ihnen rief ihnen auf Englisch zu: "Frauen, Kinder kommen mit, Männer bumm bumm [werden erschossen]." Dann wurden sie aus dem Kibbuz nach Gaza verschleppt. Als sie und fünf Mitglieder ihrer Familie aus der, wie sie es nannte, "entsetzlichen 50-tägigen Gefangenschaft" entlassen wurden, erfuhr sie, dass ihr Ehemann, Avshalom Haran, getötet worden war. Ihr Schwiegersohn Tal Shoham, der zusammen mit ihr entführt worden war, musste über 500 Tage in Gefangenschaft ausharren, bevor er freigelassen wurde.  

Shoshans Schwester Lilach Kipnis, der Ehemann ihrer Schwester, Eviatar Kipnis, und Paul Castelvi, ein philippinischer Staatsangehöriger, der als Pfleger bei der Familie arbeitete, wurden bei dem Angriff auf den Kibbuz ebenfalls getötet.  

Das Bild zeigt das Porträtbild einer Frau

Die 49-jährige Lehrerin Liat Atzili wurde in den Gazastreifen entführt, als bewaffnete Männer am 7. Oktober 2023 den Kibbuz Nir Oz angriffen. Ihre traumatische Geschichte wurde in dem Dokumentarfilm "Holding Liat" thematisiert. 

Die 49-jährige Lehrerin Liat Atzili schilderte Amnesty International ihre Geiselnahme in Nir Oz, einem anderen Kibbuz in der Nähe des Zauns um Gaza. Sie sagte, sie habe sich in ihrem Schutzraum versteckt, während der Kibbuz angegriffen wurde. Einige Personen kamen zunächst in Zivilkleidung und öffneten die Tür des Schutzraums. 

Sie fragten nach Geld und gingen wieder, als sie sagte, dass sie keins habe. Ihnen folgten jedoch bald bewaffnete Männern. Sie sagte: "Zwei bewaffnete, uniformierte Personen kamen und öffneten die Tür. Sie haben mich entführt." Sie sagte, sie sei in einem Fahrzeug mit einer anderen Person aus dem Kibbuz transportiert worden, sei aber bei der Ankunft in Gaza von dieser Person getrennt worden.  

Sie erzählte Amnesty International, dass die Wärter, die sie festhielten, ihr sagten, dass sie Mitglieder der Hamas seien. Sie berichtete, dass sie während ihrer Gefangenschaft von anderen Hamas-Mitgliedern aufgesucht wurde, die sie für ranghöher hielt und die "ihre Runden zwischen den Wohnungen" drehten, in denen die Geiseln festgehalten wurden.  

Viele Menschen mit Protestplakaten

Protest am 2. September 2024 in Jerusalem in Erinnerung an Hersh Goldberg-Polin, der nach fast einem Jahr Geiselhaft im Gazastreifen nur noch tot geborgen werden konnte.

Unter den am 7. Oktober 2023 Entführten befanden sich auch Personen, die offenkundig sehr schwer verletzt waren, wie von Amnesty International überprüfte Videos zeigen. Darunter war auch der 22-jährige Hersh Goldberg-Polin, der von der Straße 232 in der Nähe des Nova-Festivals entführt wurde, nachdem er vor dem Angriff auf das Festival geflohen war und in einem Raketenbunker Zuflucht gesucht hatte.  

Amnesty International hat auch dokumentiert, dass palästinensische Kämpfer, darunter wahrscheinlich auch Kämpfer der Al-Qassam-Brigaden und der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, die Leichen von Menschen, die bei Angriffen im Süden Israels getötet oder tödlich verwundet worden waren, nach Gaza gebracht haben. Durch diese Praxis wurde den Familien die Möglichkeit verwehrt, ihre Angehörigen zu bestatten, und in vielen Fällen wussten sie monatelang oder länger nicht, ob ihre Angehörigen noch lebten oder getötet worden waren. 

Mindestens 48 Geiseln, die lebend gefangen genommen wurden, sind Berichten zufolge im Gazastreifen gestorben. Andere wurden im Rahmen von Verhandlungen freigelassen oder bei israelischen Militäraktionen gerettet, von denen eine zur Tötung von Hunderten von Palästinenser*innen führte.  

Tötung von Geiseln als Druckmittel 

Die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, und die Al-Quds-Brigaden, der militärische Flügel des Palästinensischen Islamischen Dschihad, haben in öffentlichen Erklärungen damit gedroht, die von ihnen festgehaltenen israelischen Geiseln als Vergeltung für israelische Aktionen zu töten oder Rettungsaktionen des israelischen Militärs zu verhindern.  

Das Bild zeigt mehrere Menschen mit Protestplakaten

Aktion der Amnesty-Hochschulgruppe Tübingen für die Einhaltung der Menschenrechte im Nahostkonflikt zwischen Israel und den Palästinenser*innen (Mai 2024)

Am 1. September 2024 gab das israelische Militär bekannt, dass es am Vortag die Leichen von sechs israelischen Geiseln aus einem unterirdischen Tunnel in Rafah geborgen hatte. Dies geschah in der Nähe der Stelle, an der die israelischen Streitkräfte im August 2024 eine andere Geisel, den 52-jährigen Qaid Farhan Alkadi, allein, aber lebendig, in einem Tunnel gefunden hatten. 

Der Sprecher der Al-Qassam-Brigaden, Abu Obaida, veröffentlichte am 2. September 2024 in den sozialen Medien drei Erklärungen. Sie stellen eine Reaktion auf die Ankündigung des israelischen Militärs dar und deuten darauf hin, dass die sechs getötet wurden, um ihre Rettung zu verhindern. Im Jahr 2025 verstärkten die Al-Qassam-Brigaden ihre Drohungen, die verbleibenden israelischen Geiseln zu töten.  

Ein von Amnesty International analysiertes Video vom 15. Februar 2025 dokumentiert einen Vorfall im Zusammenhang mit einem Geiselaustausch. Eine von drei israelischen Geiseln, deren Freilassung anstand, wurde zu einer demütigenden Handlung gezwungen: Sie musste eine Sanduhr über ein Foto von Matan Zangauker halten. Zangauker gehört zu den Geiseln, die weiterhin in Gaza festgehalten werden. Diese Geste sollte als Drohung dienen, um zu verdeutlichen, dass die Zeit für die verbleibenden Geiseln abläuft. 

Am 24. März 2025 veröffentlichten die Al-Qassam-Brigaden ein weiteres Video, auf dem zwei Geiseln zu sehen sind, die für einen Austausch von Geiseln und Gefangenen plädieren, da dies ihre einzige Überlebenschance sei. 

Austausch von Geiseln, Rückgabe von Leichen an die Angehörigen

Die Leichen von drei der bekanntesten am 7. Oktober 2023 entführten Geiseln, der argentinisch-israelischen Shiri Bibas und ihrer beiden Söhne – des neun Monate alten Kfir Bibas und des vierjährigen Ariel Bibas – wurden schließlich am 21. Februar 2025 im Rahmen eines ausgehandelten Austauschs von Geiseln und palästinensischen Gefangenen an ihre Familie zurückgegeben.  

Drei Wochen zuvor hatten die Al-Qassam-Brigaden Yarden Bibas, den Ehemann von Shiri und Vater der Kinder, freigelassen, der getrennt von seiner Frau und seinen Kindern festgehalten worden war.  

Shiri und ihre beiden Söhne lebten und waren unverletzt, als sie am 7. Oktober 2023 aus Nir Oz entführt wurden. In einem Video, das auf den 20. Dezember 2024 datiert ist, erklärte ein Sprecher der Mudschaheddin-Brigaden, des militärischen Flügels der palästinensischen Mudschaheddin-Bewegung, in einem Medieninterview, dass sie zusammen mit ihren Entführern bei einem israelischen Luftangriff getötet worden seien.  

Die Al-Qassam-Brigaden gaben eine Erklärung in diesem Sinne ab, und die israelische Armee erklärte, sie werde den Vorwurf untersuchen. Weder die Mudschaheddin-Brigaden noch die Al-Qassam-Brigaden legten Beweise vor, um ihre Behauptungen zu belegen. Die israelischen Behörden gaben an, die Opfer seien von ihren Entführern getötet worden, legten aber ebenfalls keine Beweise vor. 

Manchen Geiseln wurden durch das israelische Militär selbst getötet 

Einige Geiseln wurden durch das israelische Militär getötet. Der bekannteste Fall ist der von Yotam Haim, 28 Jahre, Samer Talalka, 22 Jahre, und Alon Shamriz, 26 Jahre, die alle am 15. Dezember 2023 im Stadtteil Shuja'iya in Gaza-Stadt erschossen wurden, wo die israelischen Streitkräfte zuvor auf erheblichen Widerstand der örtlichen bewaffneten palästinensischen Gruppen gestoßen waren. . Das israelische Militär übernahm umgehend die Verantwortung für diese Tötungen. Im Fall der drei anderen Geiseln – Nik Beizer, Ron Sherman und Elia Toledano – dauerte es zehn Monate, bis die Armee bekannt gab, dass sie bei einem Luftangriff im November 2023 getötet worden waren. 

Demonstrierende Menschen mit Schildern und Plakaten.

Die ehemalige Hamas-Geisel Yocheved Lifshitz (2. v.r.) nimmt in der israelischen Hauptstadt Tel Aviv an einer Demonstration teil für die Freilassung der anderen Geiseln und für einen Waffenstillstand (6. August 2025).

Hintergrund 

Bei den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 im Süden Israels wurden rund 1.200 Menschen getötet. Mehr als 800 von ihnen waren Zivilpersonen, darunter mindestens 36 Kinder. Bei den Opfern handelte es sich in erster Linie um jüdische Israel*innen, aber auch um beduinische Bürger*innen Israels sowie um zahlreiche ausländische Arbeitsmigrant*innen, Student*innen und Asylsuchende.  

Mehr als 4.000 Menschen wurden verletzt, und Hunderte von Häusern und zivilen Einrichtungen wurden zerstört oder unbewohnbar gemacht. Amnesty International ist zu dem Schluss gekommen, dass die bewaffneten palästinensischen Gruppen während der Angriffe Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und Kriegsverbrechen begangen haben und weiterhin Verbrechen nach dem Völkerrecht begehen, indem sie weiterhin Geiseln festhalten und misshandeln und die  Leichen zurückhalten.  

Im Mai 2024 beantragte die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs Haftbefehle gegen die Hamas-Führer Ismail Haniyeh, Mohammed Deif und Yahya Sinwar wegen ihrer mutmaßlichen Verantwortung für die folgenden Kriegsverbrechen und/oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ab dem 7. Oktober 2023 begangen wurden: Ausrottung, Mord, Vergewaltigung und andere sexuelle Gewalt, Geiselnahme, Folter, andere unmenschliche Handlungen, grausame Behandlung und Verletzung der persönlichen Würde. Im November 2024 erließ die Vorverfahrenskammer des Gerichtshofs einen Haftbefehl gegen Mohammed Deif. Die Kammer stellte das Verfahren gegen jeden der drei verdächtigen Palästinenser ein, nachdem bestätigt worden war, dass sie bei israelischen Militäroperationen getötet worden waren. 

Collage mit den drei Porträtbildern von Benjamin Netanyahu, Yoav Gallant und Mohammed Deif.

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat im November 2024 Haftbefehle erlassen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, den ehemalige israelischen Verteidgungsminister Yoav Gallant und den Hamas-Führer Mohammed Deif (Archivaufnahmen).

Israelische Militäroffensive forderte bisher mehr als 65.000 Menschenleben 

Die Militäroffensive, die Israel nach den Angriffen vom 7. Oktober 2023 startete, hat nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums im Gazastreifen mehr als 65.000 Menschen getötet, darunter über 18.000 Kinder, und mehr als 200.000 verletzt. Viele wurden bei direkten Angriffen auf die Zivilbevölkerung oder bei wahllosen Angriffen, die oft ganze Mehrgenerationenfamilien auslöschten, getötet oder verletzt.  

Zehntausende Palästinenser*innen im Gazastreifen sind nach wie vor unauffindbar. Man vermutet ihre Leichen unter den Trümmern zerstörter Gebäude oder in Gebieten, die aufgrund israelischer Militäroperationen unzugänglich sind. Nach Angaben des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) wurden 78 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen durch die israelischen Militäroperationen zerstört oder beschädigt.  

Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant 

Im November 2024 erließ die Vorverfahrenskammer des Internationalen Strafgerichtshofs Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und den damaligen israelischen Verteidigungsminister Yoav Gallant wegen des Kriegsverbrechens des Aushungerns von Zivilpersonen und der vorsätzlichen Leitung eines Angriffs gegen die Zivilbevölkerung sowie wegen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit des Mordes, der Verfolgung und anderer unmenschlicher Handlungen.  

Amnesty-Posting auf Instagram:

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Im Dezember 2024 kam Amnesty International zu dem Schluss, dass Israel Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen begeht, indem es sie tötet, ihnen schwere körperliche oder seelische Schäden zufügt und ihnen vorsätzlich Lebensbedingungen auferlegt, die auf ihre physische Zerstörung abzielen.  

Tausende von Palästinenser*innen aus dem Gazastreifen, zumeist Zivilpersonen, wurden während der israelischen Militäroperationen festgenommen, viele von ihnen wurden öffentlich zur Nacktheit gezwungen und gefoltert, bevor sie in Gefangenenlager und Gefängnisse innerhalb Israels gebracht wurden. 

Während ihrer Inhaftierung haben die israelischen Behörden sie systematisch gefoltert oder anderweitig misshandelt, unter anderem durch Aushungern, körperliche und sexualisierte Gewalt, und ihnen den Zugang zu unabhängigen Beobachtern*innen und humanitären Organisationen verwehrt. Seit dem 7. Oktober 2023 sind nach Angaben der palästinensischen Gefangenenkommission mindestens 76 Palästinenser*innen in israelischem Gewahrsam gestorben. Man geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der palästinensischen Todesopfer in Gewahrsam höher ist.

Israel nimmt immer mehr Palästinser*innen fest – 11.040 Menschen in Haft  

Seit Oktober 2023 haben die israelischen Behörden die Zahl der Inhaftierungen von Palästinenser*innen im gesamten besetzten palästinensischen Gebiet drastisch erhöht. Nach Angaben der Organisation Hamoked befanden sich mit Stand vom 1. September 2025 insgesamt 11.040 Palästinenser*innen im Gewahrsam der israelischen Behörden – einige sind bereits seit Jahrzehnten inhaftiert. 

Mehr als die Hälfte – ca. 57 Prozent von ihnen – werden ohne Anklage oder Gerichtsverfahren entweder in Verwaltungshaft oder auf der Grundlage des Gesetzes über ungesetzliche Kombattanten, das gegen das Völkerrecht verstößt, in Israel festgehalten. Nach Angaben der Organisation Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center (JLAC) werden die Leichen von mindestens 730 Palästinenser*innen von Israel als Faustpfand  gehalten, einige davon seit Jahrzehnten. 

Amnesty International fordert, dass Israel die Tausenden von Palästinenser*innen, die willkürlich festgehalten werden, unverzüglich freilässt, die Misshandlungen palästinensischer Gefangener, zu denen Folter, Hunger und sexualisierte Gewalt gehören, beendet und die seit langem bestehende illegale Praxis einstellt, palästinensische Leichen als Faustpfand festzuhalten. 

Die Anschläge vom 7. Oktober 2023 fanden vor dem Hintergrund der anhaltenden israelischen Besatzung der besetzten Gebiete und der weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen statt, die von den israelischen Streitkräften gegen die Palästinenser*innen begangen werden, einschließlich der Auferlegung eines Apartheidsystems gegen die Palästinenser*innen und der seit 2007 bestehenden illegalen Blockade des Gazastreifens. 

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