Aktuell Myanmar 15. März 2012

Mehr als ein Film

Macht des Wortes. Michelle Yeoh als Aung San Suu Kyi, Filmszene aus "The Lady".

Macht des Wortes. Michelle Yeoh als Aung San Suu Kyi, Filmszene aus "The Lady".

Menschenrechte im Großformat: Meisterregisseur Luc Besson verfilmte mit »The Lady« die Lebens­geschichte von Aung San Suu Kyi. Gespielt wird ­Myanmars bekannteste Politikerin von Actionstar ­Michelle Yeoh.

Von Jürgen Kiontke

Das ist für mich mehr als ein Film«: Die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh, bekannt aus »Tiger and Dragon« und James Bond-Filmen, ist sich sicher, dass sie das Werk ihres Lebens abgeliefert hat. »The Lady« heißt der zweistündige Film über das Leben von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die in ihrer Heimat Myanmar einfach »Daw Suu« genannt wird – eben: Lady Suu.

Yeoh, zierlich, quirlig, kämpferisch, gibt mit ihrer Hauptrolle einer der erstaunlichsten politischen Biografien unserer Zeit Gestalt. Suu Kyis Werdegang als Ikone des Widerstands gegen eines der repressivsten Militärregime der Welt verlangt wohl nach einer starken Identifikation mit dem Sujet. In »The Lady« wird Yeoh zu Suu Kyi – rein optisch wie auch im Herzen der Zuschauer: Jahrelang hat sich die Schauspielerin mit nichts anderem beschäftigt als mit ihrer Suu-Kyi-Werdung. Sogar die halsbrecherische Landessprache Myanmars hat sie gepaukt. Das überrascht nicht: »Use your feelings to promote ours« habe ihr Suu Kyi bei dem einzigen Treffen mit auf den Weg gegeben, erzählt Yeoh dem Amnesty Journal.

Der Film habe auch sonst viel mit ihr zu tun, denn, so sagt sie, ihre Heldin Suu Kyi sei in ganz Asien bekannt. Es ist relativ selten, dass Schauspieler ein Drehbuch (in diesem Fall von der Autorin Rebecca Frajn) in die Hand nehmen und sich dann einen Filmemacher suchen. Yeoh machte genau dies – und fand einen kongenialen Partner für ihr Vorhaben: den französischen Erfolgsregisseur Luc Besson. Der hatte noch kurz zuvor erklärt, er sei als Filmer am Ende. »Das fünfte Element«, »Johanna von Orléans« – Besson hat dem Blockbuster-Kino in den vergangenen Jahren entscheidende Impulse gegeben, gerade im Bezug auf starke Frauenfiguren. Dennoch hatte er genug vom Drehen und fühlte sich komplett ausgelaugt. ­Welchen Film sollte er noch machen?

Mit »The Lady« konnte er das explizit Politische für sich und für die ganz große Leinwand entdecken: »Zehn Jahre hält sich der Film auf dem Markt, per Kino, DVD und Internet. Zehn Jahre werden die Militärs in Myanmar diesen Film vor der Nase haben«, sagte Besson dem Amnesty Journal. Bei der Recherche habe sich nur wenig Material finden lassen, das Regime habe Myanmar systematisch abgeriegelt. Man habe sich auf die Berichte von Menschenrechtsorganisationen stützen müssen. Auf dieser Basis ist eine klassische Filmbiografie entstanden, die versucht, komplexe zeitgeschichtliche Rahmenbedingungen zu integrieren.

Suu Kyis Vater Aung San, selbst hoher Militär, wird nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft einer der führenden politischen Köpfe des Landes. Doch der demokratische Frühling hält nicht lange an: 1947 werden er und seine Kabinettskollegen Opfer eines Attentats, während die kleine Tochter zu Hause auf ihn wartet. Für die Bevölkerung avanciert der Hoffnungsträger zum Märtyrer, während die Generäle ihr Regime installieren.

Per Schnitt katapultiert uns der Film ins Jahr 1988: Suu Kyi begegnet uns nun als Mutter zweier Söhne wieder, die in Oxford an der Seite ihres Mannes, des Burma- und Tibetforschers Michael Aris (David Thewlis), lebt. Ein Anruf aus Rangun bringt sie aus der Routine: Ihre Mutter liegt im Sterben, sie soll kommen. Im Krankenhaus erlebt sie mit, wie der diensthabende Arzt von Militärs erschossen wird, während er zusammengeschlagene Demonstranten versorgt. Das ist der Moment ihrer Politisierung. Die Köpfe der Opposition nehmen mit ihr Kontakt auf, die »National League for Democracy« entsteht.

In der zentralen Szene des Films hält Yeoh alias Suu Kyi eine Rede vor 3.000 Statisten, tatsächlich waren es damals eine halbe Million Zuhörer. Mit diesem Auftritt sicherte sich Suu Kyi, die zuvor noch nie öffentlich gesprochen hatte, den Rückhalt in der Bevölkerung. Da sich die Militärführung ihrer nicht anders zu erwehren weiß, folgen Jahre der Haft und Verfolgung. Als dies Proteste auf internationaler Ebene zeitigt, wird Suu Kyi unter Hausarrest gestellt – im Film ist ihr Torwächter jener Soldat, der auch den Arzt erschoss.

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1991 erhält Suu Kyi den Friedensnobelpreis. Aber nur ihr Mann Michael Aris und ihre beiden Kinder, die mittlerweile in Großbritannien ­leben, können ihn abholen. Die Dankesrede hält ihr Sohn, sie ­erfährt davon erst aus dem Radio. Aris ist die treibende Kraft, die dafür sorgt, dass Myanmar nicht aus dem Bewusstsein verschwindet. Viele Länder haben ein Interesse an den Rohstoffen des Landes, da wird Kritik an den Herrschenden gern unterlassen. Die Amnesty-Berichte aus jener Zeit prangern Waffenlieferungen, insbesondere von Pistolen und G3-Gewehren aus Deutschland an. Ganze Munitionsfabriken sollen geliefert worden sein – Embargos machen so wenig Sinn.

Aris jettet durch die Welt, macht Termine mit Regierungsvertretern, spricht mit der Presse. Immer wieder versucht er, nach Myanmar einzureisen, doch wird ihm ein Visum verweigert, er wird überwacht. Dann erkrankt der geliebte Ehemann an Krebs. Das Regime stellt Suu Kyi die Möglichkeit der Ausreise in Aussicht. Wieder einreisen lassen wird man sie aber nicht. Sie bleibt in Myanmar und wird ihren Mann nicht mehr lebendig wiedersehen.

Viel Dichtung war nicht nötig bei der Vorlage. Die Beziehung zwischen der Aktivistin und ihrem Ehemann bildet das erzählerische Gerüst von »The Lady«. Bessons Film will das historische Geschehen nahebringen, ohne allzu lehrreich zu sein. »Wir haben versucht, eine Geschichte zu erzählen, ohne jedes Wort zu buchstabieren.«
Eine Geschichte, die dann sogar in den Dreharbeiten fortgeschrieben wurde, zum Beispiel in Thailand. Dort gebe es eine große Exil-Community aus Myanmar, erzählt Besson. Gecastet wurden auch Leute vor Ort, manche hatten noch nie eine Kamera gesehen. »Ich habe gefragt, ob sich jemand vorstellen könnte, einen Soldaten zu spielen. ›Ich kann es versuchen‹, hat jemand geantwortet. ›Ich kenne Soldaten. Sie haben meine Familienangehörigen ermordet.‹«

Dann das Unglaubliche: Zum Abschluss der Dreharbeiten wird Suu Kyi freigelassen. Und in jüngster Zeit überschlagen sich gar die Nachrichten – von einer Mitarbeit in der Regierung von Präsident Thein Sein, von einem Demonstrationsrecht und der Zulassung von Parteien ist die Rede. Im Oktober 2011 kamen im Zuge einer Amnestie einige Häftlinge frei, sogar der zu 35 Jahren Haft verurteilte Komiker Zarganar war darunter.

Vorsicht, sagt Besson: Immer noch ziehe das Militär die Strippen in Myanmar. Suu Kyi könne sich nicht frei bewegen: »Als Tourist darf man nicht einmal über den Fluss in Rangun.« Und immer noch sitzen Menschen wegen ihrer politischen Aktivitäten im Gefängnis. Der Ausgang von Myanmars Drama scheint demnach völlig offen.
Besson und Yeoh haben einen Liebesfilm gedreht, ebenso wie ein politisches Epos. Besson erleichtert dem Zuschauer den Einstieg in den Stoff über das Privatleben seiner Protagonistin. Manchmal scheint die Kamera etwas stark an den Hauptfiguren zu hängen: Es gibt Stellen, da wünscht man sich weniger Kammerspiel und mehr Blick auf die internationalen Verflechtungen des Regimes: Wer hat von der Repression profitiert? Wieso brachte internationaler Druck keine Ergebnisse?

Nichtsdestotrotz erhellt der Film viele Aspekte, die wenig bekannt sind.
Zuallererst erhofft sich der Regisseur denn auch von seinem Film, »dass er gesehen wird«. Einen Oscar für Yeoh fände er schön, zumal noch nie eine Frau aus Asien einen Oscar gewinnen konnte. Verdient wäre er. Denn »The Lady« ist mehr – genau wie Yeoh sagt. Vielleicht sogar mehr als Kino: Kino der Menschenrechte.

»The Lady«. F 2011. Regie: Luc Besson, Darsteller: Michelle Yeoh,
David Thewlis u.a. Kinostart: 5. April 2012

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