Amnesty Journal Deutschland 17. November 2016

Vorgaben, Widersprüche, Selbstzensur

Vorgaben, Widersprüche, Selbstzensur

Ehemalige Stasi-Zentrale der DDR in der Normannenstraße in Berlin

Drei Jahrhunderte, drei Modelle: Der US-Historiker Robert Darnton untersucht unterschiedliche Modelle der Zensur von Literatur. Im Mittelpunkt seiner Analyse stehen die Zensoren.

Von Maik Söhler

Was hat der Königshof der Bourbonen in Versailles mit Erich Honecker zu tun? Beide leisteten sich Institutionen, die auf die Sichtung, Überprüfung und Zensur literarischer Werke spezialisiert waren. Robert Darnton, Professor für Geschichte an der Harvard University, hat mit "Die Zensoren" ein Sachbuch vorgelegt, das dem Wirken von Zensoren nachgeht. Vom vorrevolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts über das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert im britisch beherrschten Indien bis zu den letzten Tagen der DDR reicht seine Untersuchung.

"Zensur kennt kein allgemeingültiges Modell", schreibt Darnton. In seinen Schlussfolgerungen heißt es, das Buch wolle "erklären, wie Zensoren ihre Aufgabe erfüllten, wie Zensur konkret vonstattenging und wie sie innerhalb des jeweiligen autoritären Systems funktionierte". Das gelingt ihm gut.

Frankreich während des Ancien Régime

Unter dem Ancien Régime wachte eine von Jahr zu Jahr größer werdende Schar an Beauftragten des Königshauses über das "Druckprivileg", meist schrieben sie eine "königliche Empfehlung" für ein Buch und gaben damit ihre Genehmigung zum Druck. Die meisten Autoren erhielten die Approbation.

Verbote gab es zumeist wegen zotiger oder pornografischer Inhalte, selten wegen Kritik am Hof oder Seitenhieben auf den Klerus. Denn die Zensoren standen als Angehörige der Universitäten philosophisch-aufklärerischen Gedanken oft wohlwollend gegenüber.

Wurde ein Werk einmal nicht freigegeben, so gelangte es in der Schweiz oder in den Niederlanden in den Druck und kam von dort nach Frankreich. Staatliche Repression im Frankreich des 18. Jahrhunderts setzte genau an dieser Stelle an: Drucker und Händler mussten teils lange Kerkerstrafen in der Bastille verbüßen.

Britisch-Indien

In Britisch-Indien dauerte es jahrelang, bis bengalische Werke der Literatur überhaupt erfasst wurden. Zum britischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts gehörte ein liberaler Geist, der von Zensur nur wenig wissen wollte. Allein nach Aufständen oder Terrorakten versuchten die britischen Statthalter, indische Druckerzeugnisse zu kontrollieren.

Statt Verbote auszusprechen, wurden Gerichtsverfahren angestrengt, denen beim Verdacht der "Aufwiegelung" auch Repression folgen konnte. Als Zensoren fungierten anfangs nur Briten, später Briten und Inder, die mehr daran interessiert waren, die indische Literatur zu fördern, anstatt sie zu hemmen.

Selbstzensur in der DDR

In der DDR wiederum etablierte sich schnell ein Zensursystem, das dem Kulturministerium unterstand, aber auch kulturpolitischen Abteilungen der SED Rechenschaft ablegen musste.

Da die DDR-Verfassung Zensur verbot, sprachen die Zensoren, die Darnton nach dem Fall der Mauer befragte, davon, es sei ihnen darum gegangen, "den Prozess zu überwachen, durch den aus Ideen Bücher würden". Es herrschte ein komplexes System der Zensur zwischen Staat, Partei, Verlagsleitern, Lektoren und Autoren, das überwiegend von der Selbstzensur der Autoren gekennzeichnet war.

Darntons Buch hat den Mangel, dass es unter Zensur allein staatliche Akte fasst, der Zensurbegriff zu eng gesteckt ist. Dennoch: Der vergleichende Ansatz, das gründliche Quellenstudium und der soziologische Blick auf Funktionen und Beschränkungen der Kontrolle von Literatur ­machen aus "Die Zensoren" ein mehr als nur ­lesenswertes Werk.

Robert Darnton: Die Zensoren. Wie staat­liche Kontrolle die Literatur beeinflusst
hat. Aus dem Englischen von Enrico ­Heinemann. Siedler, München 2016. 368 Seiten, 24,99 Euro.

Dieser Artikel ist in der Oktober/November-Ausgabe 2016 des Amnesty Journal erschienen

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