Amnesty Journal Mexiko 01. April 2015

Zweifelhafte Untersuchung

Zweifelhafte Untersuchung

"Ich warte hier, bis er zurückkommt." Protestaktion von Angehörigen der verschwundenen Studenten aus Iguala.

Während die mexikanischen Behörden den Fall der 43 ­verschwundenen Studenten abschließen wollen, fragen sich deren Angehörige, ob das Militär in das Verbrechen verwickelt ist. Nun soll ein internationales Expertenteam für Aufklärung sorgen.

Von Wolf-Dieter Vogel

Sie sind immer dabei: Bernardo Flores, Abel García, Mauricio Ortega und all die anderen, die vor wenigen Monaten noch hier an der pädagogischen Fachschule Ayotzinapa studiert haben. Denn für jeden der insgesamt 43 jungen Männer, die seit einem halben Jahr verschwunden sind, haben die Eltern und Geschwister auf dem Internatsgelände einen Stuhl aufgestellt. Fotos und Namensschilder machen deutlich, dass die aneinandergereihten Stühle für ihre Angehörigen reserviert sind. »Wir wissen, dass sie noch leben«, sagt Metoria Carrillo, die Mutter des 18-jährigen Luis Ángel Abarca Carlo.

Längst ist das Internat im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero zum sozialen Zentrum geworden. Hier treffen sich alle, die endlich Klarheit wollen: Menschenrechtsaktivisten, ­Linke, Angehörige. Sie wollen wissen, was mit den Studenten passiert ist, die am 26. September 2014 in der Stadt Iguala verschwunden sind.

Deshalb organisieren sie Demonstrationen, Pressekonferenzen und Diskussionen. An der Wand hängt ein Transparent, das ihre wichtigste Forderung zum Ausdruck bringt: »Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück!« Aber woher nehmen sie die Hoffnung, die Männer lebend weiterzusehen?

Für die Strafverfolger steht außer Zweifel, was in jener Herbstnacht passiert ist: Etwa hundert der als rebellisch bekannten Studenten waren damals in Iguala von bewaffneten lokalen Polizisten angegriffen worden. Die Anweisung hatte Bürgermeister José Luis Abarca gegeben. Sechs Menschen starben, 43 wurden festgenommen und Killern der Mafiaorganisation »Guerreros Unidos« (Vereinigte Krieger) übergeben.

Die Kriminellen sollen die Studenten in der Nacht auf einer Müllkippe der nahe gelegenen Stadt Cocula erschossen und verbrannt haben. Die Asche hätten die Täter in einen Fluss geworfen, erklärte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam. So hatten es drei festgenommene Mitglieder der Mafiaorganisation ausgesagt, die allerdings nach ihren Vernehmungen Folterspuren aufwiesen. Auch der Bandenchef Felipe Rodríguez Salgado bestätigte die Darstellung. »El Cepillo«, wie der Mann genannt wird, hatte im Januar eingeräumt, mindestens 15 Studenten ermordet zu haben.

Oracio Lagunas kann diese Darstellung der Tatnacht nicht nachvollziehen. Der Journalist ist in einem Dorf oberhalb von Cocula aufgewachsen. Wie kann es sein, dass niemand Flammen und Rauch gesehen hat, fragt er sich und zeigt auf das ausladende Tal, in dem die Müllhalde liegt. »Hier von den Bergen aus sieht man das kleinste Feuer«, sagt er.

Skeptisch ist auch der Rechtsanwalt Alejandro Ramos Gallegos, der einige der Angehörigen vertritt. Die Version der Staatsanwaltschaft basiere lediglich auf Aussagen von Tatverdächtigen. »Es gab keine vernünftige ballistische Untersuchung der Waffen und keine gute Spurensicherung«, kritisiert er.

Der Müllplatz war nach der ersten Untersuchung drei Wochen lang nicht abgesperrt, also für jeden zugänglich. Dadurch sei der mutmaßliche Tatort von Politikern, Journalisten und anderen Personen kontaminiert worden, erklärte die Gruppe Argentinischer Anthropologischer Forensiker (EAAF). Die unabhängigen Wissenschaftler waren auf Bitten der Angehörigen ­zugezogen worden, weil diese den staatlichen Ermittlern kein Vertrauen schenken. Bis jetzt habe die EAAF »noch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sich auf der Müllhalde von Cocula menschliche Überreste befanden, die den Studenten zugeordnet werden konnten«, resümierten die Forensiker Anfang Februar in einem ersten Zwischenbericht.

Das sei realitätsfremd, meinten Mexikos Strafverfolger. Bereits zwei Wochen vorher wollte Generalstaatsanwalt Karam den Fall für abgeschlossen erklären. Doch für die Angehörigen und andere Aktivisten ist bis heute noch nichts geklärt, stellte der Student Omar García klar, der den Angriff überlebte. Zwar säßen nun knapp hundert mutmaßliche Täter im Gefängnis, unter ihnen Bürgermeister Abarca sowie dessen Frau Maria de los Angeles Pineda, die als eine Chefin der »Guerreros Unidos« gilt.

»Aber viele Beteiligte sind noch immer auf freiem Fuß«, kritisiert García. Vor allem wisse man immer noch nicht, welche ­Rolle das Militär in jener Nacht gespielt habe.
Schon im Dezember 2014 hatte das Nachrichtenmagazin »Proceso« aufgedeckt, dass Bundespolizisten und die Armee über ein gemeinsames Funksystem genau über das Vorgehen der lokalen Beamten informiert waren. Fotos und Berichte bestätigen zudem, dass Soldaten des in Iguala stationierten Bataillons 27 nicht eingriffen, als die Schüsse fielen. Wollten sie die Söldner der Mafia schützen?

Ein General im Ruhestand hat ausgesagt, dass einige seiner ehemaligen Untergebenen Verbindungen zu den »Guerreros Unidos« hätten. Dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft bis heute nicht gegen die Streitkräfte. Und die Militärs verweigern den Angehörigen der Opfer den Zutritt zur Kaserne. Das hat die Skepsis noch gesteigert.

Im Januar versuchten Aktivisten, mit Gewalt auf das Militärgelände vorzudringen. Das Misstrauen ist nicht verwunderlich. In Guerrero sind während des »Schmutzigen Kriegs« in den siebziger Jahren viele Oppositionelle in den Händen des Militärs verschwunden. Noch immer häufen sich Berichte, nach denen Soldaten für die Taten verantwortlich sind.

Der Verdacht der Beteiligung von Armeeangehörigen mache es umso wichtiger, in alle Richtungen gründlich zu ermitteln, erklärte die Amnesty-Expertin für die Region Erika Guevara Rosas. »Diese Tragödie hat die verzerrte Wahrnehmung korrigiert, dass sich die Menschenrechtslage in Mexiko seit der Amtsübernahme durch Präsident Peña Nieto verbessert habe«, sagte sie.

Die Zahlen geben ihr Recht: Durchschnittlich 13 Personen verschwinden jeden Tag, seit der Staatschef im Dezember 2012 sein Amt übernommen hat. Unter seinem Vorgänger waren es halb so viele. Nach offiziellen Angaben gelten etwa 23.000 Menschen als vermisst, kaum einer der Fälle wird aufgeklärt.

Auch die Angehörigen der 43 Studenten rechnen nicht damit, dass die mexikanischen Behörden die Wahrheit ans Licht bringen. Nun soll ein fünfköpfiges internationales Expertenteam, das von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission ernannt wurde, für Aufklärung sorgen. Für Menschen wie Metoria Carrillo ist das eine große Hoffnung. Obwohl ihr auch die Experten nicht versprechen werden, dass ihr Sohn Luis Ángel eines Tages auf dem Stuhl sitzt, den sie für ihn aufgestellt hat. Trotzdem bleibt die Mutter dabei: »Ich warte hier, bis er zurückkommt.«

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

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