Amnesty Journal Sudan 21. April 2026

Wo ist zu Hause? – Sudanesische Künstler*innen im Exil in Uganda

Eine junge sudanesische Frau hat die Haare zurückgebunden und trägt Kopftuch

Tanzil Adam

Kampala wird für sudanesische Künstlerinnen zum Ort zwischen Verlust und Neubeginn. Porträts von ihnen im Exil zeigen, wie sie Heimat im Schatten von Krieg und Flucht neu definieren.

Ein Fotoprojekt von Ammar Yassir

Uganda grenzt zwar nicht an den Sudan, doch ist das Land durch seine offene Flüchtlingspolitik zu einem der wichtigsten Ziele für sudanesische Geflüchtete geworden. Mehr als 90.000 leben hier, hauptsächlich in Kampala und in der Siedlung Kiryandongo. Sie sind mit dem Trauma der Vertreibung konfrontiert und mit Sprachbarrieren, denn der Sudan ist ein arabischsprachiges Land. Geflohene Künstler*innen erleben zusätzliche Herausforderungen, da Traumata oft ihre Schaffenskraft beeinträchtigen. Dennoch war und ist Kampala ein Zufluchtsort für eine Vielzahl sudanesischer Künstler*innen, mich eingeschlossen. Ugandas Kulturszene bietet uns den Raum, frei von Belästigung und Unterdrückung zu arbeiten.

Es ist jedoch nicht einfach, künstlerisch tätig zu sein, denn Heilung braucht Zeit. Für viele von uns hat der Krieg den Zugang und die Einstellung zur Kunst grundlegend verändert. Auch ist es schwieriger geworden, den Lebensunterhalt zu bestreiten, denn aufgrund der ­Kürzung der USAID-Mittel liefen viele ­Projekte aus, die geflüchteten Künst­ler*in­nen Arbeits-, Ausstellungs- und Verkaufsmöglichkeiten sicherten. Nach und nach entwickeln sich Alternativen: Die ugandische Galerie 32 degrees center vergab 2024 erstmals alle ihre vier jährlichen ­Residency-Programme an sudanesische Künstler*innen. Ich begann dieses Fotoprojekt als Teilnehmer des Workshops "Rehearsing Belonging" unter Leitung der in Großbritannien lebenden sudanesischen Künstler Maaz Salih und Ali Eisa. Sudanesische Künstler*innen in Uganda kamen zusammen, um mittels Fotografie, Theater und experimenteller Kunst über Heimat und Zugehörigkeit nachzudenken – Konzepte, die vielen Geflüchteten im Lauf der Zeit abhandenkommen. Der Workshop wurde zu einem Raum, in dem Künstler*innen Gefühle, Erinnerungen und Gedanken darüber austauschten, wie der anhaltende Konflikt im Sudan ihr Heimatgefühl verändert hat. 

Die sudanesische Künstler*innengemeinschaft ist eng verbunden; mit einigen Teilnehmer*innen hatte ich bereits zusammengearbeitet, andere kannte ich durch ihre Arbeit oder gemeinsame Bekannte. Wir waren uns einig, dass der Workshop ein sicherer Ort sein soll, in dem sich jeder frei ausdrücken kann. Nur so konnten wir Erinnerungen zulassen, Tränen vergießen und einander offen akzeptieren. Ich nutzte Polaroid-Fotos, um Künstler*innen einzuladen, ihre Gedanken über zu Hause und Zugehörigkeit aufzuschreiben. Die Beiträge zeigen, welche inneren Konflikte viele in sich tragen und dass die Gefühle widersprüchlich sind – es gibt einerseits die Sehnsucht nach Rückkehr und andererseits die Notwendigkeit, nach vorn zu blicken. 

»Akzeptiert werden«

Tanzil Adam, 28, Multimediakünstlerin

"Zu Hause kann für mich eine Person, eine Erinnerung oder eine Idee sein. Wir alle müssen einander lieben und akzeptieren. Was mich im Workshop am meisten berührte, war, unsere Geschichten zu teilen. Ich fühlte mich gehört, gesehen und verstanden. Das Zugehörigkeitsgefühl, das ich mit den Teilnehmer*innen erlebte, war größer als alles, was ich je im Sudan empfunden habe, und es stärkte meinen Glauben an die Kraft der Kunst und an sichere Orte."

Eine junge sudanesische Frau hat die Haare zurückgebunden und trägt Kopftuch

Tanzil Adam

»Frieden und Liebe«

Ziyad Fadul Alseed, 39, Sänger und Kulturschaffender

"Zu Hause ist für mich ein Gefühl, akzeptiert zu werden, ohne ­irgendetwas an mir selbst ändern zu müssen. Es ist tief mit der Sprache verbunden, die ich frei und spontan spreche. Mein Zugehörigkeitsgefühl zum Sudan ist nicht blind, sondern bewusst. Ich liebe den Sudan mit all seinen Unvollkommenheiten und träume davon, dass er eines Tages ein geheilter Ort wird, ein Ort, den ich mitgestalten, an dem ich teilhaben kann. Es wird keinen Frieden im Sudan geben, wenn wir nicht lernen, einander in all unserer Unterschiedlichkeit zu lieben."

Ein junger sudanesischer Mann mit Hemd und Baseballmütze.

Ziyad Fadul Alseed

»Gemischt«

Mukhtar Alnour "Sharara", 30, Musiker/Schauspieler

"Ich bin an einem Ort aufgewachsen, der Menschen aus dem ganzen Sudan zusammengebracht hat. Ich glaube, das Schönste am Sudan ist diese Mischung, unsere Musik und unsere Vielfalt. Gleichzeitig ist es auch das, was uns in die heutige schmerzhafte Situation geführt hat. Wir haben seit dem Abzug der Kolonisatoren keinen Frieden im Sudan erlebt. Ich habe das Gefühl, dass ich zu den Orten und den Menschen gehöre, die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin: die Stämme, denen ich begegnet bin, die Straßen, die mir meine eigene Sprache beigebracht haben, und schließlich meine Familie und meine Freunde."

Ein junger Mann aus dem Sudan mit kurzen Haaren auf einer Straße, Polaroidfoto

Mukhtar Alnour "Sharara"

»Khartum«

Beeha Alamin, 33, Sängerin

"Ich kannte den Sudan durch Khartum. Als ich aus dem Exil zurückkehrte, fühlte es sich an, als sei ich nie fortgegangen, als sei immer noch der 16. April, der Tag nach Kriegsbeginn. Ich versuche mich immer daran zu erinnern, wo ich hingehöre und zu wem, aber dieser Workshop hat mir das Gefühl gegeben, zu denen zu gehören, die ­nirgendwo dazugehören."

Eine junge sudaneische Frau, Polaroidfoto

Beeha Alamin

»In Gedanken verloren, barfuß, weit weg von zu Hause«

Sofian Salih, 37, Dichter/Schriftsteller/Kalligraph

"Exil ist für mich das Gefühl, dass dir deine Identität, deine Zugehörigkeit und alles andere genommen wird. Im Moment habe ich kein Bedürfnis, in den derzeitigen Sudan zurückzukehren. Solange es keinen Frieden gibt, bleibe ich im Exil und halte mich fern."

Ein junger sudanesischer Mann trägt T-Shirt, die Haare kurz, Polaroidfoto

Sofian Salih

»Dass das alles nicht passieren sollte«

Daleel, 26, Schriftsteller

"'Das' bezieht sich auf Rassismus, Trennung und unsere mangelnde Akzeptanz füreinander. Für mich bedeutet zu Hause Sicherheit – ein Ort, an dem all das nicht existiert. Dieser Workshop hat mir geholfen, zu erkennen, dass ich nicht allein bin, dass alle mit ähnlichen Erfahrungen zu kämpfen haben. In der Gruppe fühlte ich mich gehört und gesehen."

Ein junger Mann aus dem Sudan in langärmeligem Hemd, Polaroidfoto

Daleel

»Dazugehören«

Mahasin Ahmed, 30, ­Fotojournalistin

"Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, zum Sudan zu gehören. Für mich ist zu Hause nur mein Sohn – wo er ist, ist Heimat. Dennoch fühle ich mich Uganda näher als dem Sudan; dieses Land hat mir mehr gegeben, als mein eigenes es je tat."

 

Eine junge Frau aus dem Sudan trägt Kopftuch, Polaroidfoto

Mahasin Ahmed

»Auf den Gehwegen werden Heimatländer verkauft«

Nadine Elsir, 40, Art-Direktorin

"Meine Vorstellung von zu Hause hat sich verändert, bevor ich den Sudan verlassen habe. Zu Hause ist für mich dort, wo ich frei existieren kann, wo ich meine Ideen umsetzen und mein Leben ungestört führen kann. Ich fühle keine feste Zugehörigkeit mehr zu ­einem einzelnen Land. Meine tiefste Angst ist, meine Familie nie wiederzusehen."

Eine junge Frau aus dem Sudan, sehr kurze Haare, Polaroidfoto

Nadine Elsir

"Ich habe die Vorstellung davon verloren, was für mich zu Hause ist"

Algaddal Hassan, 34, Kulturschaffender/bildender Künstler

"Ich versuche oft, meine Erinnerungen abzulehnen. Ich habe aufgehört, mich an Menschen oder Orte zu binden, und manchmal weiß ich nicht mehr, was meine wahre Geschichte ist – was mich geprägt hat, was meine aktuellen Widersprüche hervorgebracht hat und was mich als Künstler geformt hat. Mein Verständnis von Heimat veränderte sich nach dem Krieg. Meine Vorstellung davon ist unklar geworden. Selbst jetzt weiß ich nicht, was zu Hause für mich bedeutet. Das Land? Die Menschen? Die Umgebung? Die ­Erfahrung, Flüchtling zu sein, zwingt einen dazu, ständig sein ­ursprüngliches zu Hause mit dem Ort zu vergleichen, an dem man jetzt als Flüchtling lebt."

Ein junger Mann aus dem Sudan, Haare kurz, Porträt, Polaroidfoto

Algaddal Hassan

»Zu Hause ist eine Frau«

Salih Abdallah, 33, Dichter/Rapper

"Für mich bedeutete zu Hause einst die Küche. Sie ist mit der Energie der Frauen verbunden und mit der Frau als Symbol für umfassende Fürsorge. ­Zu Hause war für mich nie ein fester Ort; ich gehöre zu meinen Liebsten. Ich fühle mich eher an die ­Gefühle gebunden, die ich für Menschen habe, als an die Menschen selbst. Ich glaube, zu Hause ist ­etwas, das man in sich trägt. Für mich waren auch die Straßen, vor, während und nach der Revolution zu Hause. Die Straßen bedeuteten Freiheit, sie ­gaben unserer Freiheit eine Stimme."

Ein junger Mann aus dem Sudan auf einem Polaroidfoto, das auf einer Tischdecke liegt und auf dem mit Filzstift geschrieben steht: home is a woman

Salih Abdallah

Mehr Infos zur Arbeit des Fotografen Ammar Yassir.
Und hier findest Du Informationen zur Menschenrechtslage im Sudan, im Südsudan und in Uganda.

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