Montenegro 2023
© Amnesty International
- Hintergrund
- Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung
- Folter und andere Misshandlungen
- Recht auf freie Meinungsäußerung
- Gewalt gegen Frauen und Mädchen
- Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intergeschlechtlichen (LGBTI+)
- Rechte von Flüchtlingen und Migrant*innen
- Recht auf eine gesunde Umwelt
Berichtszeitraum: 1. Januar 2023 bis 31. Dezember 2023
Der UN-Menschenrechtsrat forderte Montenegro auf, Kriegsverbrechen wirksam zu verfolgen, Folterungen unverzüglich zu untersuchen und die Justiz zu stärken.
Hintergrund
Die Wahlen im April 2023 beendeten die drei Jahrzehnte währende Regierungszeit von Präsident Milo Ðukanović. Nach den im Juni durchgeführten Parlamentswahlen wurde Ende Oktober eine Koalitionsregierung gebildet, deren Fokus auf Wirtschafts- und Justizreformen lag. Im November wählte das Parlament den siebten Verfassungsrichter und beendete damit eine monatelange Blockade.
Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung
Das einzige noch aktive Strafverfahren wegen Kriegsverbrechen gegen einen ehemaligen Soldaten der bosnisch-serbischen Armee wurde 2023 fortgesetzt. Er steht wegen Vergewaltigung und Mord im Jahr 1992 in Bosnien und Herzegowina unter Anklage.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) erkannte die Familienangehörigen von mindestens 66 "verschwundenen" bosniakischen Flüchtlingen, die 1992 in die serbische Teilrepublik (Republika Srpska) deportiert und größtenteils ermordet worden waren, nicht als Opfer an. Der EGMR begründete seine Entscheidung damit, dass die Angehörigen staatliche Entschädigungen erhalten hätten. Zudem seien die neun verantwortlichen Polizisten vom Vorwurf, Kriegsverbrechen verübt zu haben, freigesprochen worden. In dem 2012 geführten Verfahren war das humanitäre Völkerrecht nicht beachtet worden.
Im Mai 2023 wurde eine Gesetzesänderung angenommen, die Entschädigungen für Kriegsopfer verweigerte, welche außerhalb der Landesgrenzen getötet oder Opfer des Verschwindenlassens geworden waren. Die Änderung wurde im Dezember jedoch zurückgezogen und stattdessen eine Änderung vorgeschlagen, die alle zivilen Kriegsopfer einschließt. Diesem Vorschlag zufolge hätten auch die Angehörigen der 20 Passagiere, die 1993 von bosnisch-serbischen Paramilitärs aus einem durch Bosnien und Herzegowina fahrenden Zug entführt und anschließend ermordet worden waren, Anspruch auf Entschädigung.
Folter und andere Misshandlungen
Im Juli 2023 forderte das Europäische Komitee zur Verhütung von Folter Montenegro nachdrücklich auf, die Kultur der Straflosigkeit für Folter und andere Misshandlungen zu beenden und sicherzustellen, dass alle diesbezüglichen Vorwürfe wirksam untersucht werden. Rund 200 Beschwerden waren nach wie vor unbearbeitet.
Nach neunmonatiger Untätigkeit suspendierte der Innenminister Polizisten, die beschuldigt wurden, Marko Boljević und Benjamin Mugoša gefoltert zu haben. Im April bzw. Mai 2023 wurden Verfahren gegen sie eröffnet. Im Oktober wurde die Entscheidung, zehn Polizisten nicht wegen der Folterung von Jovan Grujičić strafrechtlich zu verfolgen, rückgängig gemacht.
Recht auf freie Meinungsäußerung
Bei der Pressefreiheit waren im Jahr 2023 Verbesserungen festzustellen. Journalist*innen, die Zugang zu Informationen von öffentlichem Interesse beantragten, waren jedoch nur selten erfolgreich. Angriffe auf Journalist*innen blieben nach wie vor straflos. Auch die 2004 erfolgte Tötung von Duško Jovanović, dem Herausgeber der Tageszeitung Dan, war noch nicht geahndet worden.
Im Januar 2023 ordnete das Berufungsgericht an, die Anklage gegen den Investigativjournalisten Jovo Martinović fallen zu lassen. Er war zu Unrecht inhaftiert und erstinstanzlich wegen Drogenhandels verurteilt worden.
Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Die Behörden gewährten Frauen in Fällen von häuslicher Gewalt keinen angemessenen Zugang zu Schutz, Unterstützung und zur Justiz. Insbesondere Romnja und Balkan-Ägypterinnen sowie Frauen mit Behinderungen wurden diskriminiert.
Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intergeschlechtlichen (LGBTI+)
Lesbischen und bisexuellen Frauen in Lebenspartnerschaften wurden reproduktive Behandlungen verweigert, und das Gesetz von 2020 über Lebenspartnerschaften war auch 2023 noch immer nicht vollständig umgesetzt. Die Regierung legte keinen Entwurf für ein Gesetz über die Anerkennung der Geschlechtsidentität vor und verschob dies auf 2024. Politiker*innen, die für Angriffe, Drohungen im Internet oder diskriminierende Äußerungen gegen LGBTI+ verantwortlich waren, gingen weiterhin straflos aus.
Rechte von Flüchtlingen und Migrant*innen
Laut dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte (UNHCR) ging die Zahl der Flüchtlinge und Migrant*innen, die in Montenegro eintrafen, um 35 Prozent zurück. Im Februar 2023 wurden zwei montenegrinische Grenzschützer wegen Übergriffen gegen Migranten im Jahr 2022 angeklagt.
Recht auf eine gesunde Umwelt
Im Oktober 2023 wandten sich 27 NGOs an die Präsidentin der Europäischen Kommission und forderten die EU auf, den Bau eines Flüssiggasterminals in der Hafenstadt Bar nicht zu unterstützen, da dieses zu einem Anstieg des Verbrauchs fossiler Brennstoffe in der Region führen könne.