Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 23. Januar 2023

Epidemische Ausmaße

Indigene Frauen demonstrieren vor einer Ampel auf einer Straße in den USA.

Eine Aktivistin fordert das Ende der Gewalt gegen indigene Frauen. Yuma, Arizona, im Mai 2022.

Die US-Regierung schützt indigene Frauen und Mädchen nicht ausreichend vor sexualisierter Gewalt.

Von Uta von Schrenk

Wir sagen unseren Kindern: Macht einen Bogen um dieses Haus. Wir sagen unseren Frauen: Geht nicht im Dunkeln raus." Mit diesen Worten weist Tami Truett Jerue, Geschäftsführerin des Alaska Native Women’s Resources Center, auf die Gefahr indigener Frauen und Kinder in den USA hin, sexuell belästigt oder gar missbraucht zu werden. Daten der US-Regierung zeigen, dass mehr als die Hälfte der indigenen Frauen in Alaska und im US-Kernland sexualisierte Gewalt erlebt haben – das übertrifft den nationalen Durchschnitt um mehr als das Doppelte. Amnesty USA spricht von "epidemischen Ausmaßen".

Expert*innen gehen darüber hinaus von einer hohen Dunkelziffer aus. Viele Frauen zeigen die erlebte sexualisierte Gewalt gar nicht erst an, denn die komplexe Gesetzeslage macht es ihnen fast unmöglich, dagegen vorzugehen. Hinzu kommt, dass die US-Regierung keine eindeutigen und einheitlichen Daten über Gewalttaten an indigenen Frauen erhebt. So bleibt unklar, ob Betroffene und/oder Beschuldigte Angehörige einer ethnischen Gruppe sind. Auch wird nicht erhoben, ob die Straftat in Gebieten indigener Bevölkerungsgruppen begangen wurde. Häufig verhindern auch unklare Zuständigkeiten, dass die Strafverfolgungsbehörden die notwendigen Maßnahmen ergreifen.

Jahrhundertealte systematische Diskriminierung

Auch angemessene und rechtzeitige gerichtsmedizinische Untersuchungen im Falle eines sexualisierten Übergriffs sind bei Weitem nicht garantiert. Die zuständige Behörde des Indian Health Service (IHS) erhält von der US-Regierung nur wenig Geld und ist chronisch unter­finanziert. "Die Einrichtung des IHS ist nicht rund um die Uhr besetzt", berichtet Charon Asetoyer, Geschäftsführerin des Native American Women’s Health Education Resource Center. "Die nicht-indigenen Krankenhäuser in der Nähe der Reservate wollen aber mit diesen Fällen nicht behelligt werden, weil sie sich Sorgen machen, dass niemand für die Untersuchung der Vergewaltigung aufkommt."

Gerechtigkeit zu erlangen, ist für die überlebenden Frauen nahezu unmöglich. Bereits im Jahr 2007 hatte Amnesty International moniert, dass die US-Regierung ihrer Verpflichtung zur Wahrung der Menschenrechte indigener Frauen nicht nachkommt. Ein Amnesty-Bericht vom Mai 2022 zeigt, dass sich an den Missständen auch 15 Jahre später nichts geändert hat.

Die nicht-indigenen Krankenhäuser in der Nähe der Reservate wollen mit diesen Fällen nicht behelligt werden, weil sie sich Sorgen machen, dass niemand für die Untersuchung der Vergewaltigung aufkommt.

Charon
Asetoyer
Geschäftsführerin des Native American Women’s Health Education Resource Center

Amnesty betrachtet das fortdauernde Unrecht an indigenen Frauen als eine unmittelbare Folge des nordamerikanischen Siedler*innenkolonialismus. Die jahrhundertealte systematische Diskriminierung, die tief verwurzelte Marginalisierung und Voreingenommenheit gegenüber der indigenen US-Bevölkerung setzt sich hier fort.

Amnesty fordert von der US-Regierung Maßnahmen, um die sexualisierte Gewalt gegen indigene Frauen zu beenden. Dazu gehört die vollständige Anerkennung der indigenen Gerichtsbarkeit bei Verbrechen, die in ihren Gebieten begangen werden. Die Regierung muss die entsprechenden Bundesmittel aufstocken, um sicherzustellen, dass Strafverfolgung und Gerichtsverfahren unverzüglich erfolgen und zu Gerechtigkeit führen. Außerdem muss sie die indigenen Gemeinschaften mit angemessenen Mitteln und Ressourcen ausstatten, damit sie die Strafverfolgung, die Gesundheitsversorgung und die Datenerhebung zu sexualisierter Gewalt gegen indigene Frauen sicherstellen können.

Uta von Schrenk ist Redakteurin des Amnesty Journals.

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