Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 15. August 2022

Pow-Wow-Power

Ein Mann mit Sweat-T-Shirt und Baseball-Kappe trägt eine Brille und steht in einem Hauseingang, im Hintergrund stehen Bäume.

Irritiert mit Chants und Störgeräuschen westliche Hörgewohnheiten: Joe Rainey.

Der US-amerikanische Sänger Joe Rainey mischt die traditionellen ­Gesänge der Oneida Nation mit Computersounds. "Niineta" ist ein eigenwilliges Album jenseits aller Federschmuck-Klischees.

Von Thomas Winkler

Monotone Trommeln, die klappern wie rostige Eimer. Eine Stimme, deren "He-Ha-Hejaho" aus einem verwunschenen Geisterhaus zu kommen scheint. Noch eine Stimme, viel höher, gefährlich nah am Überschnappen. Dazwischen Störgeräusche, die entschieden jeden Zweifel ausräumen: Nein, das ist nicht der Kriegstanz aus dem letzten Urlaub im Wilden Westen. Joe Rainey ist Mitglied der Oneida Nation in Wisconsin im Norden der USA. Als Pow-Wow-Sänger begleitet er die traditionellen Feste seiner indigenen Gemeinschaft, aber mit seinem ersten Album "Niineta" räumt er radikal auf mit allen Klischees, die in Umlauf sind über die Musik der sogenannten Indianer. Im Interview bezeichnet Rainey es als weit verbreitetes Missverständnis, dass die ­Gesänge einen religiösen Charakter hätten. Die erste Single-Auskopplung von "Niineta" trägt denn auch den Titel "No Chants".

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Der 35-Jährige bezeichnet sich selbst als "Pow-Wow-Aktivist und Klangpurist", der die Stammesgesänge in Minnesota und Wisconsin mit Kassettenaufnahmen dokumentiert. Trotzdem hält er nicht krampfhaft an Traditionen fest. Schon lange blickt er über den Tellerrand und hat dort die lebendige Indie-Rock-Szene rund um den Musiker Justin Vernon alias Bon Iver entdeckt. Mit dem Star der modernen Americana trat Rainey immer wieder auf, wie auch mit anderen Bands der Indie-Szene von Minneapolis.

Klänge jenseits der Klischees

In deren Rocksongs wirkt seine Stimme fast wie ein Fremdkörper. Ganz anders auf seinem Debütalbum. Obwohl sich Rainey für die Aufnahmen als Partner den Produzenten Andrew Broder geholt hat, der viel für Bon Iver oder The ­National gearbeitet hat, klingt "Niineta" nicht einmal ansatzweise wie Indie-Rock mit Volksmusik-Verzierungen. Ganz im Gegenteil: Die Gesänge stehen im Mittelpunkt, ihre Authentizität ist hörbar. Für an Pop geschulte Ohren sind die Harmonien ungewohnt, ihre Monotonie ist bisweilen schwer erträglich – das unterscheidet sie von den für Tourist*innen aufbereiteten Gesängen, die in den Shops der Reservate verkauft werden.

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"Zwischen Futurismus und Tradition"

"Ich wollte einen ganz eigenen Platz im Musikkosmos schaffen", sagt Rainey, "und Broder war genau der Richtige, die Ideen in meinem Kopf umzusetzen." Der Produzent fügt mit Sounds aus dem Computer und oft düsteren Klangschlieren den Stücken eine zusätzliche Dimension hinzu, die dafür sorgt, dass garantiert kein Federschmuck-Klischee-Verdacht aufkommt. "Niineta" klingt mitunter unzugänglich, aber jederzeit faszinierend, weil es die Diskrepanzen zwischen Tradition und Moderne in Töne übersetzt, ohne der Vergangenheit ihre Berechtigung abzusprechen. Oder, wie Rainey es formuliert: "Wir wussten sofort, dass unsere Musik nicht bloß 'Indie-Rock trifft auf Pow Wow' war. Es war etwas Eigenes. Etwas, das im kosmischen Raum zwischen Futurismus und Tradition schwebt."

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.Informationen zum Album: Joe Rainey: "Niineta" (37d03d/Cargo)

MEHR MUSIKTIPPS

Kreyolische Zeitreise

von Thomas Winkler

Ein staubiges Archiv ist gewöhnlich nicht der Ort, an dem Popmusik ihren Ausgangspunkt findet. Doch genau dort, im Audionachlass des Senders "Radio Haiti", hat Leyla McCalla, klassisch ausgebildete New Yorker Musikerin mit haitianischen Wurzeln, eine faszinierende Vergangenheit erforscht, die sie zuerst in ein Theaterstück und nun in das Album "Breaking The Thermometer" verwandelt hat. "Radio Haiti-Inter" war das Kind des Journalisten Jean Dominique, der 2000 ermordet wurde, und seiner Ehefrau Michéle Montas, die den Sender noch drei Jahre weiterführte, bevor sie von der Karibikinsel fliehen musste und später als Sprecherin von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon agierte. Die regierungskritische Bericht­erstattung des Radiosenders, dessen Geschichte Jonathan Demme in seinem Film "The Agronomist" dokumentierte, war auch deshalb so erfolgreich, weil sie in haitianischem Kreyol die gesamte Bevölkerung erreichte – im Gegensatz zu anderen, französischsprachigen Medien. Die Cellistin und Sängerin McCalla hat nun aus Zeitdokumenten, Interviewausschnitten mit Michéle Montas und eigenen Kompositionen eine Reise in die Vergangenheit des Landes geformt. Das klingt akademischer als es sich anhört: Denn die Themen, die sie streift, von Migration über Identitätsfindung und den Kampf gegen die Diktatur und für die Demokratie bis zur fürchterlichen Gewalt, die sich durch die Historie des Inselstaats zieht, stehen in einem fesselnden Kontrast zur federnd leichten musikalischen Umsetzung aus Jazz, Cajun, Folk, Blues und karibischer Musik. McCalla covert die brasilianische Ikone Caetano Veloso, die ebenfalls ins Exil gehen musste, und die haitianische Legende Manno Charlemagne, dessen wundervoll melancholisches "Pouki" typisch ist für "Breaking The Thermometer": Warum bricht uns das ­Leben, fragt die Sängerin, aber in ihrer Stimme schwingt die Hoffnung mit, die den Menschen bekanntlich zuletzt verlässt.

Leyla McCalla: "Breaking The Thermometer" (Anti/Indigo)

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