Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 22. April 2022

Urvater des Rap

Ein Mann mit Bart und Mütze steht mit verschränkten Armen vor Bäumen und einer Laterne und hat einen ernsten Gesichtsausdruck.

Poetisch, anschmiegsam: Abiodun Oyewole öffnet sich solo der Schwarzen Musik.

Abiodun Oyewole ist einer der Gründer der legendären Künstlergruppe The Last Poets. Sein Soloalbum "The Gratitude" setzt auf die Macht des Wortes gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Von Thomas Winkler

Der Tod stand am Beginn der Last Poets. Es war am 19. Mai 1968, dem Geburtstag des vier Jahre zuvor ermordeten Malcolm X, und wenige Wochen nach dem tödlichen Attentat auf Martin Luther King Jr., als ein paar junge, vollkommen unbekannte Dichter und ein Perkussionist im heutigen Marcus Garvey-Park in Harlem auf eine Bühne gingen, um der ihrer wichtigsten Persönlichkeiten beraubten Schwarzen Bürgerrechts­bewegung neue Stimmen zu geben.

Abiodun Oyewole, heute 74 Jahre alt, wird oft gefragt, wie das damals war, als er und die anderen The Last Poets gründeten. Er lächelt dann milde, sagt, dass das Gedicht, das er an diesem Abend vortrug, fürchterlich schlecht und sie alle ganz schön großspurig gewesen seien. Er erzählt von den Black Panthers und der Gewalt, die auf den US-amerikanischen Straßen herrschte, von Diskriminierung und vom Kampf gegen sie, der bis heute nicht beendet ist. Der bescheidene Mann, der er heute ist, sagt nicht, dass dieser Abend auch der Anfang einer stilbildenden Künstlergruppe bedeutete: The Last Poets, deren einziges verbliebenes Gründungsmitglied Oyewole ist, gelten mit ihrer mitreißenden Fusion aus Reimen und Rhythmen heute als Urväter des Rap.

Ein Jahrzehnt lang gefeilt

Selbst im Rentenalter hat Oyewole noch so viel zu sagen, dass es ihm nicht genügt, nur mit den Last Poets aufzutreten und alle paar Jahre eine neue Platte herauszubringen. Mit "Gratitude" veröffentlichte er nun endlich ein Soloalbum, an dem er knapp ein Jahrzehnt lang arbeitete. Die zwölf Tracks von "Gratitude" erweitern den puristischen Ansatz der Last Poets. Während die Band in Songs wie "Niggers Are Scared of Revolution" oder "America Is A Terrorist" vor allem auf die spartanische Kombination aus wohl formulierten Worten und frenetischen Trommeln setzte, nutzt Oyewole für seine Gedichte die ganze Palette der Black Music: Jazz, Soul, Funk, R&B, Hip­Hop und Reggae schmiegen sich wie verliebt um die Verse, der legendäre Saxofonist ­Pharoah Sanders hat einen Gastauftritt neben jüngeren Vokalist_innen und Poet_innen.

Das Album "Gratitude" auf YouTube

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So schlägt "Gratitute" weniger eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart, sondern schreitet diesen langen Weg geduldig ab – und vollzieht so die Wandlung nach vom jungen, zornigen Last Poet, der glaubte allein mit der Kraft der Worte tatsächlich eine Revolution auslösen zu können, zum ergrauten Dichter, der zwar immer noch Rassismus und Polizeigewalt beklagen muss, aber vor allem die friedensstiftende Macht von Spiritualität und Selbstbefragung feiert. "Ich wollte den Finger an den Abzug legen, die Hände um einen fremden Hals, ich wollte den Funken legen, der die Revolution auslöst", erinnert sich Oyewole, der kurz nach der Gründung der Last Poets eine längere Haftstrafe verbüßte, weil er Robin Hood spielen wollte und Ku-Klux-Klan-Mitglieder bestohlen hatte. Heute reimt er an einer Stelle: "Dies ist ein Gedicht, hör zu!" – ein Gedicht für alle Gedichte, die je geschrieben und mit denen die Poeten einen Teil ihrer Seele entblößt und ihre Gefühle mit der Welt geteilt hätten.

Auf das, was er einst mit losgetreten hat, auf den HipHop von heute, blickt ­Oyewole dagegen skeptisch. "In der Welt des Rap gibt es viel dummes Zeug", sagte er in einem Interview mit Blick auf den kommerziell erfolgreichen Gangsta-Rap, der zweifelhafte Werte transportiert. "Aber die Macht des Wortes ist immer noch groß, Worte können etwas verändern." Dieser Glaube hat Abiodun Oye­wole bis heute am Leben gehalten, vor ­allem von diesem ­Glauben lebt auch ­"Gratitude".

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Zum Album: Abiodun Oyewole: "Gratitude" (Afar)

WEITERE FILM- & MUSIKTIPPS

Ausgelassener Galgenhumor

von Thomas WInkler

Kann es einen gewöhnlicheren britischen Namen geben als James Smith – und eine typischere britische Band als Yard Act? Die eher hingespuckten als gesungenen Texte, in denen Smith auf dem Debütalbum "The Overload" dem Vereinigten ­Königreich den Puls fühlt, stehen klar in der Tradition von Legenden wie The Fall oder Sleaford Mods: Ein mosernder, vor der Zeit gealterter, weil an der Welt verzweifelnder Chronist des britischen Elends hetzt durch Alltagsbeobachtungen, während die Musik ausdauernde Dauerschleifen des Post-Punk zieht, zu denen noch der rhythmusgestörteste Revoluzzer seinen Protest auf den Dancefloor tragen kann.

Wären Yard Act ein Film, dann einer jener mit grimmigem Humor und finsterer Melancholie ausgestatteten Kitchen-Sink-Streifen, in denen die proletarischen Helden ihren Job bei der privatisierten Eisenbahn verloren haben, aber als Stripper einen Neuanfang wagen oder wenigstens die Blaskapelle der Kohlengrube retten. Nicht nur im Song "Dark Days" führt James Smith die Hörer_innen durch ein von Banken und neoliberaler Politik heruntergewirtschaftetes Großbritannien, in dem nicht erst seit dem Brexit der Lack ab ist. Ein Land, in dem die Solidarität systematisch geschleift und der Mensch zum Konsumenten degradiert wurde, dem Smith in "Payday" die letzte verbliebene Notwehr mit auf dem Weg gibt: "Take the money and run!"

Man kann sich kaum ein britischeres Gegrummel vorstellen als das des 30-jährigen Smith. Er zieht über die Faschisten von National Front und andere Ewiggestrige her, demaskiert Rassisten und Urban Gardening betreibende Hipster gleichermaßen wie die kranken Gedanken eines Neureichen. Es sind Tiraden, in denen es nur mehr Not und Hoffnungs­losigkeit gibt – und, als Rettung, einen ausgelassenen Galgenhumor. Typisch britisch eben.

Yard Act: "The Overload" (Island/Universal)

Das Schengen-Visum auf der Haut

von Jürgen Kiontke

Der junge Syrer Sam Ali gerät wegen einer Lappalie ins Visier der Geheimpolizei seines zerrütteten Landes und flieht. Wie viele Syrer landet er in Beirut und leidet unter Geldnot. Als Kunstbegeisterter geht er zu Vernissagen und macht sich dort übers Buffet her. Dabei lernt er den international bekannten belgischen Künstler Jeffrey Godefroy kennen. Als Sam seine Geschichte erzählt, will der ihn sogleich zum Kunstobjekt machen. Sam geht einen Deal ein: Godefroy wird ihm das heißbegehrte Schengen-Visum, das Bewegungsfreiheit in der Europäischen Union verheißt, auf den Rücken tätowieren und ihn in den Museen Europas ausstellen. Im Gegenzug erhält Sam einen Vertrag als Kunstgegenstand und wird prozentual an den Einnahmen beteiligt.
Als Kunst reist es sich bedeutend einfacher als als Mensch, stellt Sam schnell fest. Allerdings stundenlang halbnackt in der Ausstellungshalle herumzusitzen ist Sams Sache nicht – er will auch etwas von der Welt sehen, die ihn besichtigt.

Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania lässt in ihrem Spielfilm "Der Mann, der seine Haut verkaufte" zwei Welten aufeinanderstoßen, die zunächst unterschiedlicher nicht sein könnten: hier der mittellose Geflüchtete, dort der unfassbar finanzstarke Kunstmarkt. "Trotz aller Reden über Gleichheit und Menschenrechte sorgen die immer komplexeren historischen und geopolitischen Zusammenhänge dafür, dass es unweigerlich zwei Arten von Menschen gibt", sagt Ben Hania, "die Privilegierten und die Verdammten".
Die Figur des Sam jedoch ist ein Held mit Hang zur Komik: Mehr als einmal führt er die Gestalten des Kunstkapitalismus wie die der Asylpolitik in die Irre. Zwar oft überdreht erzählt, ist der Film doch eine sehenswerte Reflexion über die heutigen Zustände.

"Der Mann, der seine Haut ­verkaufte". Regie: Kaouther Ben ­Hania. Darsteller: Koen De Bouw, Yahya Mahayni. Kinostart: 24. Februar 2022.

Wo Frauen für ihre Rechte kämpfen

von Jürgen Kiontke

Die 19-jährige Syrerin Hala hat es satt. Die Aussicht auf eine Ehe, die ihre Familie arrangiert hat, nimmt ihr die Luft zum ­Atmen. "Ich habe 20 Jahre ohne Mann ­gelebt und kann weitere 100 ohne leben", bringt sie es auf den Punkt.

Hala flüchtet über den Euphrat und schließt sich einer Frauengemeinschaft an. Diese hat ihre eigenen Regeln – es ist die kurdische Frauenarmee. Ihr Feind: Der sogenannte Islamische Staat (IS) im Besonderen und das Patriarchat im Allgemeinen. Die Frauen haben in ihren Familien Grausamkeiten erlebt, die Ehe ist für sie eine Unterdrückungsinstitution.

Hala gibt es wirklich. "The Other Side of The River" heißt der vielfach preisgekrönte Dokumentarfilm, den die Regisseurin Antonia Kilian über sie gedreht hat. Kilian ging für Recherche und Dreharbeiten ein Jahr nach Nordostsyrien, ins kurdische Selbstverwaltungsgebiet Rojava – bekannt geworden durch seine Basisdemokratie nach feministischen Prinzipien und durch den erfolgreichen Kampf gegen islamistische Milizen. Kilians Produktion ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Filmkollektiv "Komina Film a Rojava"  – ein Werk über Frauen in einem aufgezwungenen Krieg, die für nichts auf der Welt Opfer sein wollen.

Ein leichtes Leben hat sich Hala nicht ausgesucht: Der Familiendiktatur ist sie zwar erstmal entronnen, dafür hat sie eine strenge Kommandeurin. Aber mag die Ausbildung zur Freiheitskämpferin auch hart sein, so ist sie doch gut fürs Selbstbewusstsein. Denn Halas Ziel ist es, sich und andere Frauen vor Gewalt zu schützen. Dabei schießt sie durchaus übers Ziel hinaus, wie sich zeigen wird.

Antonia Kilian hat einen fulminanten Film gedreht, der seiner Protagonistin viel Raum einräumt und den Blick auf den schwierigen Prozess der Emanzipation in einem der am meisten umkämpften Gebiete dieser Erde freigibt.

"The Other Side of The River". D/FIN 2021. Regie: Antonia Kilian. Derzeit in den Kinos.

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