Amnesty Journal Ungarn 28. August 2019

Klick in eine andere Welt

Eine gemalte Karte von Europa, übersät mit Gesichtern.

 Karte des britischen Künstlers und Roma Damian Le Bas.  

Die digitale Plattform RomArchive macht die Kultur und Geschichte der europäischen Sinti und Roma erstmals öffentlich zugänglich.

Von Tanja Dückers

Ob Fotos des ungarischen Stocktanzes Botoló, Tuschezeichnungen der österreichischen Holocaust-Überlebendenden Ceija Stojka, zart-poetische Drucke des jungen Künstlers Robert Gabris oder die Hymne der Roma "Gelem Gelem" – hat man sich erst einmal in das neu geschaffene, einzigartige digitale Archiv zur Kunst und Kultur der Sinti und Roma hineinbegeben, kann man sich seiner Sogwirkung kaum entziehen. Mit einer Vielzahl an historischen und zeitgenössischen Ton- und Filmaufnahmen, Texten, Fotos, Briefen und Bildern tut sich im RomArchive ein anderes Europa auf.

Unser Wissen über Leben, Kultur und Geschichte der Sinti und Roma ist in der Regel sehr begrenzt, da es so gut wie keine eigenen Schriftquellen gibt. Fast alle Informationen wurden jahrhundertelang von Nicht-Sinti und -Roma gesammelt und weitergegeben, zum Teil auch nur abgeschrieben. Nun ist es jedem möglich, sich über den kulturellen Reichtum der Sinti und Roma aus erster Hand zu informieren. So etwas hat es bislang nicht gegeben. Für den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat das RomArchive daher "historische Bedeutung".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte das ­Archiv als "großartiges Pionierprojekt". Und in der Tat haben die beiden Initiatorinnen Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey für die Sammlung mit mehr als 150 Kuratoren und Künstlern aus 15 verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Disziplinen sowie mit Sozialwissenschaftlern und Historikern zusammengearbeitet. Das Archiv enthält Objekte aus zehn Bereichen: Bildende Kunst, Film, Flamenco, Literatur, Musik, Tanz, Theater & Drama, Bilderpolitik, Bürgerrechtsbewegung der ­Sinti und Roma sowie Holocaust. "Alle Inhalte wurden von denKuratorinnen und Kuratoren bestimmt", sagt Sauerbrey. "Exemplarisch beleuchten sie so eine enorme Bandbreite von kulturellen Beiträgen, anstatt ein völlig realitätsfremdes Bild ­einer homogenen 'Roma-Kultur' zu vermitteln." Unterstützt wurde der Aufbau des Archivs von der Kulturstiftung des Bundes mit 3,7 Millionen Euro.

Die Idee für das RomArchive entstand im Jahr 2012 nach der Einweihung des Berliner Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Sauerbrey und Raabe organisierten damals das Rahmenprogramm. Sie waren fasziniert von der Vielfalt der Romakulturen und erschüttert, wie wenig in Deutschland über diese bekannt ist. Sinti und Roma werden kaum mit hochrangiger Kultur in Verbindung gebracht, stattdessen herrschen Abwehrreflexe, Stereotype und Mythen vor. Die beiden Kulturmanagerinnen besuchten zwei Jahre lang Sinti- und Roma-Gemeinschaften in ganz Europa zwischen Andalusien und der Vojvodina. "In den Gesprächen wurde immer wieder eine Forderung artikuliert: 'Wir brauchen einen Ort, an dem unsere Kulturen und unsere Künste sichtbar werden'", sagt Sauerbrey. So entstand die Idee eines digitalen Archivs.

Das RomArchive funktioniert wie ein Museum – nur virtuell. 14 Kuratorinnen und Kuratoren betreuen die verschiedenen Abteilungen. Rund 5.000 Objekte stehen bereits online, die multimedialen Möglichkeiten erweisen sich als große Stärke der digitalen Datenbank. Ein Glossar erläutert die Begriffe, das Archiv schließt niemanden aus. Es soll weiterwachsen.

Ein eindrucksvolles Kapitel stellt die von Karola Fings kuratierte Abteilung "Voices of the Victims" dar. Die Historikerin hat Briefe, Kassiber und Notizen gesammelt, die Sinti und Roma im Nationalsozialismus geschrieben haben. Die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord, den Porajmos, ist für viele Sinti und Roma als kollektives Trauma von größter Bedeutung. Etwa 70 Prozent aller deutschen Sinti und Roma wurden ermordet, insgesamt liegt die Opferzahl der europäischen Sinti und Roma bei etwa einer halben Million Menschen. Seit Beginn der 1970er Jahre organisieren sich Roma und Sinti weltweit, um die Verbrechen des Nationalsozialismus bekannt zu machen, Entschädigungen zu fordern, einander für Diskriminierungen zu sensibilisieren sowie ihre Kultur zu fördern und zu schützen.

Von den acht bis zwölf Millionen Roma, die heute in Europa leben, sind die meisten im Osten und Südosten Europas, insbesondere auf dem Balkan, zu Hause. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaftssysteme verloren Roma dort häufiger als andere Menschen ihre Arbeit und gerieten dadurch noch stärker in Armut als große Teile der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung.

Der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zufolge sind Roma die am stärksten diskriminierte Gruppe in Europa. Etwa die Hälfte der Befragten berichtete in einer Studie 2009 von Diskriminierungserfahrungen. So werden etwa 50 Prozent der Romakinder unabhängig von ihrer Intelligenz in Sonderschulen eingewiesen. Diese Praxis verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2007 als diskriminierend. Der Begriff "Nichtanpassungsfähige" wird hierbei oft als Codewort verwendet, um Roma auszugrenzen. Nicht wenige Sinti und Roma haben auch physische Gewalt erfahren – bei gezielten Angriffen in Tschechien, Ungarn, Bulgarien, der Ukraine, in Italien und Griechenland kamen seit der Jahrtausendwende um die 20 Roma ums Leben. Hunderte weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Die meisten Europäerinnen und Europäer haben aufgrund der De-facto-Ghettoisierung der Sinti und Roma so wenig Kontakt zu ihnen, dass sie ihre Sprache, Kunst und Kultur schlicht nicht kennen. Diese Lücke versucht das RomArchive zu schließen. Den beiden Initiatorinnen und Projektleiterinnen war es daher sehr wichtig, von Anfang an Sinti und Roma in den Aufbau des Archivs und die Auswahl der Werke einzubeziehen. Es sollte nicht wieder etwas über die Minderheit zusammengetragen werden, anstatt mit ihr zu arbeiten. Nach dem offiziellen Start des RomArchives im Januar wurde das Projekt nun vom ­Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma übernommen. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat für die nächsten fünf Jahre Fördermittel zugesagt, um den zusammengetragenen Schatz zu hüten und zu mehren. Da kommt die Auszeichnung mit dem Europäischen Kulturerbepreis 2019 gerade richtig.

Arbeiten einiger Künstler des RomArchive sind bis zum 24. November 2019 auf der 58. Biennale von Venedig zu sehen.

Zwei Männer, Rücken an Rücken, auf einer Wiese, einer hält einen Stock.

 Stocktanz Botoló, Ungarn 1955.  

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