Amnesty Journal Deutschland 20. Februar 2026

Deutschpunk-Comeback: Raus aus dem Kellerloch

Eine Musikband, drei Männer und eine Frau, posieren für ein Foto.

Kritisiert linken Eskapismus: Die Band Pogendroblem aus Köln

Deutschpunk feiert derzeit ein Comeback – und kommt mitunter sogar staatstragend daher.

Von Thomas Winkler

Wie alt ist das Kind denn nun? Niemand weiß es so genau, denn es hat viele Mütter und Väter – und viele verschiedene Geburts­tage: Ist es die Gründung der Ramones 1974 in New York? Der erste Auftritt der Sex Pistols in London ein Jahr später? Oder erst die große Punk-Explosion 1977? Eins immerhin lässt sich sagen: Nun, da hier und dort ein halbes Jahrhundert Punk begangen wird, feiert das fast schon mumifizierte Genre eine erstaunliche Wiederauferstehung – gerade in Deutschland.

Natürlich war Punk nie weg. Seine ­Ästhetik hat in der Mode überlebt und im Do-it-yourself-Ethos. Auch die letzten großen deutschen Rockbands, Die Toten Hosen und Die Ärzte, haben ihre Wurzeln im Punk. Als Jugendkultur fristete Punk allerdings jahrzehntelang ein Nischen­dasein, nun aber verlässt er Jugendzentren und Kellerlöcher und tritt hinaus ins Licht. 

"Wir kommen in Frieden"

Feine Sahne Fischfilet, vor ein paar Jahren noch vom Verfassungsschutz beobachtet, stiegen im Frühjahr mit ihrem neuen Album "Wir kommen in Frieden" auf Platz eins der Charts ein. "Feuer & ­Papier", das letzte Album von ZSK aus Berlin, erreichte immerhin den fünften Platz. Die aus Bremen stammenden Team Scheisse wurden mit Beiträgen in öffentlich-rechtlichen Kultursendungen gewürdigt und durften bei Jan Böhmermanns "ZDF Magazin Royale" das ­Publikum verstören. In ihrem Windschatten finden Bands wie Akne Kid Joe, Ana Morts, Pogendroblem, Pisse, Misstand, Sondaschule, Braunkohlebagger oder Kochkraft durch KMA ein immer größeres Publikum.

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Grundsätzliches Dilemma

Und nicht zuletzt sind Slime zurück: Die legendäre Hamburg Politpunkband hat den Abgang ihres langjährigen Frontmanns überlebt und arbeitet sich mit neuem Sänger weiter tapfer an Deutschland ab. Etwas milder ist man aber geworden. Früher hieß es: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können." Heute wird auf dem neuen Album "3!+7hoch1" ein "Armes Deutschland" zwar bedauert, aber dann doch weiter verantwortlich gemacht für alles, was schiefläuft. 

Dabei verleugnen die alten Kämpen, dass die Welt sehr viel komplizierter geworden ist – und Punk mit einem grundsätzlichen Dilemma zu kämpfen hat. Der Kampf gegen das System ist von Rechtsaußen übernommen worden. Gegen das Establishment wenden sich heute vor allem die AfD und die mit ihr verbundenen rechten Kulturkämpfer*innen. Links zu sein bedeutet heute stattdessen manchmal, genau die Institutionen der Staatsmacht wertzuschätzen, die der anarchische Punk einst infrage stellte.

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Jüngere Punkbands suchen einen ­Ausweg aus diesem Dilemma. Beispiel: Pogendroblem. Die Band aus Köln schrammelt zwar, als schriebe man noch das Jahr 1977, aber versucht gar nicht erst, die Komplexität der Moderne in griffige Slogans zu verkürzen. Auf ihrem neuen Album "Great Resignation" beschäftigen sie sich mit dem Thema Lohnarbeit, entlarven linke Lebensentwürfe als selbstsüchtigen Eskapismus und stellen fest: "Von gar nichts haben wir uns befreit."

Wenn Pogendroblem die aktuelle politische Lage analysieren wollen, sehen sie sich erst einmal eine Liebesbeziehung an und finden so zu der simplen wie schwerwiegenden Erkenntnis: "Es kann nicht immer so weitergeh’n." Das klingt eher resignativ als wütend, fängt aber die Stimmung in der Gen Z eher ein als das verzweifelte Fäusteschütteln von Slime. ­Beides aber hat seine ­Berechtigung. Und es zeigt: In fortgeschrittenem Alter hat Punk wieder einen neuen Lebenssinn gefunden.

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Pogendroblem: "Great ­Resignation" (Kidnap ­Music/Cargo)
ZSK: "Feuer & Papier" (Hamburg/Kontor)
Slime: "3!+7hoch1"  (Slime Tonträger/Edel)

MEHR MUSIK

Adekunle Gold: »Fuji« – Spagat zwischen den Welten

von Thomas Winkler

Es knistert und knackt – wir haben es offensichtlich mit einer alten Aufnahme zu tun, doch die Stimme von "Lefty" Salami Balogun dringt schwerelos durch das ­Vinylrauschen. Adekunle Gold hat diese legendäre Stimme des Sakara-Musikers aus der Vergangenheit der nigerianischen Musik an den Anfang seines neuen Albums "Fuji" gestellt. Demonstrativ verweist er auf die Traditionen, dabei ist er selbst ganz auf der Höhe der Zeit – und so zum heißesten Popstar Nigerias geworden. Der 1987 als Adekunle Almoruf Kosoko geborene Musiker ist zwar in seiner Heimat nicht ganz so groß wie der mittlerweile auch global bekannte Burna Boy, doch werden die Alben von Adekunle Gold millionenfach gestreamt, er räumt regelmäßig die einschlägigen Musikpreise ab und bildet zusammen mit seiner Frau Simi, einer bekannten Sängerin und Schauspielerin, ein Glamourpaar, das die Klatschspalten dominiert. 

Auch auf seinem sechsten Album "Fuji" schafft der Musiker scheinbar ohne Anstrengung einen Spagat zwischen den Welten. Grundlage des bereits vorab als Single erschienenen Songs "Bobo" sind die in Westafrika traditionellen Talking Drums, für eine andere Single zitiert er einen globalen Popsuperstar: Aus Rihannas "Bitch Better Have My Money" wird in Golds Version "Coco Money". Im Song "Believe" finden die beiden Welten in inniger Umarmung zusammen: Der Soulklassiker "Just the Two of Us" von Bill Withers ist geschickt verwoben mit Rapeinlagen, die eher traditionellen afrikanischen Melodiebögen folgen.

Dieser Brückenschlag war von Anfang an das Erfolgsrezept des Musikers, der Kunst und Design studiert hat: Für "Sade", seinen allerersten Chartstürmer vor zehn Jahren, adaptierte Gold einen Hit der irischen Boyband One Direction im Stil des ghanaischen Popgenres Highlife. Es ist globalisierte Popmusik, die aber niemals ihre Wurzeln verleugnet – und gerade deshalb weltweit immer beliebter wird.

Adekunle Gold: "Fuji" (Somtin Different/Believe Records)

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