Amnesty Journal Dänemark 17. Februar 2026

Grönland: Mehr als eine Schatzinsel

Landschaft in Grönland, zerklüftete Hügelketten, die sich vom Wasser aus emporheben und bis zum Horizont erstrecken.

Karges Land, aber voller Rohstoffe: Der Kangerluarsukfjord im Nordwesten Grönlands

Grönland ist reich an Bodenschätzen, darunter Seltene Erden. Viele wollen diese Rohstoffe abbauen und verarbeiten – Unternehmen aus aller Welt, aber auch die USA und die EU. Doch Teile der Bevölkerung und die Regierung stellen sich quer.

Aus Narsaq, Nuuk und Qaqortoq von Andrzej Rybak, Fotos: Jonas Kakó

Bent Janussen steuert sein Boot vorsichtig an einen Eisberg heran, um eine Boje an Bord zu ziehen. Das metallverstärkte Seil, das am Schwimmkörper befestigt war, legt er in eine elektrische Winde am Heck und rollt es auf eine Trommel. "Na, was haben wir heute gefangen?", murmelt er und blickt ins Wasser. "So ein Mist, schon wieder haben die Haie alles aufgefressen." Er zeigt auf einige Metallringe, an denen mal Angelhaken befestigt waren. "Sie haben die Heilbutte verschluckt und sie samt Haken abgerissen."

Im Süden Grönlands, in den Fjorden rund um Narsaq, waren Haie schon immer natürliche Feinde der Fischer*innen. Doch so zahlreich wie zuletzt traten sie noch nie auf. "Ist das eine Auswirkung der Erderwärmung?", fragt der 37-Jährige. "Im Winter regnet es immer öfter, die Gletscher schmelzen, das Meer wird wärmer." Janussen blickt sich um, als suche er nach Vorboten der Apokalypse. Doch die Landschaft wirkt so wild und unberührt wie immer: Felsige Küsten, darüber ein bleigrauer Himmel, im Wasser treiben Hunderte Eisberge, abgebrochen von den Gletscherzungen im Landesinneren.

Ein Mann in Thermohose, Gummistiefeln, dicker Jacke, er trägt eine Baseballmütze und hält ein Gewehr, steht auf einem Motorboot auf See in Küstennähe.

Befürchtet eine Verseuchung von Mensch und Umwelt: Der Fischer Bent Janussen nahe Narsaq, Herbst 2025

Wir trauen Trump nicht, wir kennen das Schicksal der amerikanischen Indigenen und wissen auch, wie die Inuit in Alaska diskriminiert werden.
 

Bent
Janussen
Fischer

Es ist kalt, und der Fahrtwind verstärkt die Kälte noch. Janussen trägt eine Thermohose und eine dicke Jacke. Immer wieder greift er zum Fernglas und hält Ausschau nach Robben, deren Fleisch zu den lokalen Delikatessen zählt. "In Narsaq leben viele Menschen noch vom Fischfang und von der Jagd – wie unsere Vorfahren", sagt er und betont, dass er zum Indigenen Volk der Inuit gehört. "Nur haben die Boote heute Außenborder und Navigationsgeräte." Wichtig sei vor allem, "dass unsere Kinder in dieser intakten Umwelt aufwachsen und unsere Traditionen bewahren". Dann macht er ein Selfie und stellt es auf Facebook.

Die arktische Insel Grönland, sechs Mal so groß wie Deutschland, gehört zu den letzten weitgehend unerschlossenen Gebieten der Erde. Gerade einmal 70 Ortschaften sind dauerhaft bewohnt; sie liegen entlang der Küsten, wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Rund 80 Prozent der Insel sind von einer Eiskappe bedeckt, die langsam schmilzt. Es gibt keine Straßen zwischen den Siedlungen, sie sind – wenn das Wetter es zulässt – nur per Boot oder Hubschrauber erreichbar. Grönland zählt nur 56.000 Einwohner.

Abhängigkeit von China beenden

Doch diese vielerorts unberührte Wildnis ist auch eine Schatzkammer. In den eisfreien Regionen der Insel finden sich 25 der 34 Rohstoffe, die die Europäische Union 2023 als "kritisch" einstufte und ihnen damit eine hohe wirtschaftliche Bedeutung zumaß, darunter Seltene Erden, Graphit, Tantal, Beryllium, Zirkonium und Kobalt. Sie werden als unverzichtbar für "grüne" Technologien angesehen, finden in Elektromotoren, Batterien und Windrädern Verwendung, sind aber auch für die Hightech-, Rüstungs- und Weltraumindustrie notwendig.

Bisher kamen mehr als 80 Prozent der kritischen Rohstoffe aus China, bei Seltenen Erden hat Peking fast ein Monopol. Die chinesische Regierung subventionierte den Abbau und die Weiterverarbeitung, sodass es sich für den Rest der Welt kaum lohnte, selbst Bergwerke zu errichten. Mittlerweile führt China für mehr und mehr kritische Rohstoffe Exportkontrollen ein, andere Länder werden womöglich erpressbar. Grönlands Bodenschätze bieten eine Möglichkeit, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Doch kann im fragilen Ökosystem der Arktis Bergbau betrieben werden, ohne dass die Insel und ihre Bewohner*innen Schaden nehmen?

Hinzu kommt, dass US-Präsident Donald Trump den gesamten amerikanischen Kontinent zum Einflussgebiet der USA erklärt, und dazu zählt er auch Grönland. Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit drohte er mehrfach, Grönland übernehmen zu wollen, notfalls auch militärisch. "Wir brauchen Grönland, unbedingt", sagte er nach dem US-Angriff auf Venezuela Anfang Januar. Die Insel gehört zu Dänemark, hat aber weitgehende Autonomierechte, ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung. Die EU und viele NATO-Länder unterstützten zuletzt Dänemark und Grönland gegen Trump. Über ein Abkommen, dass allen Seiten gerecht werden soll, könnte bald verhandelt werden.

Bergbau verspricht Arbeitsplätze

Für den Fischer Janussen ist die Sache klar: "Die Amerikaner wollen unsere Rohstoffe, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Wir trauen Trump nicht, wir kennen das Schicksal der amerikanischen Indigenen und wissen auch, wie die Inuit in Alaska diskriminiert werden." Janussen muss aber gar nicht in die Zukunft schauen, um sich wegen der Rohstoffe zu sorgen. Er hat schon ein Bergbauprojekt vor der eigenen Haustür. Das australische Unternehmen Greenland Minerals will im Bergplateau Kvanefjeld am Stadtrand von Narsaq Seltene Erden abbauen. "Das wäre unser Todesurteil", sagt der Fischer. Der Staub aus dem Tagebau würde alles verseuchen – Fjorde und Fische, Weideland für Rentiere und Schafe und am Ende auch die Menschen. Denn auf dem Plateau sind die Seltenen Erden mit hochradioaktivem Uran vermischt. Man kann sie nicht abbauen, ohne zugleich das radioaktive Spaltmaterial zu heben.

Kvanefjeld ist als Lagerstätte für Rohstoffe schon lange bekannt. Dänische Geologen erkundeten das Gebiet erstmals in den 1950er Jahren und bauten Ende der 1970er Jahre einen Stollen, um Uranproben zu entnehmen. Als sich die dänische Regierung 1985 gegen die Nutzung von Atomenergie entschied, wurde der Stollen geschlossen und der Eingang zugemauert. Doch die Ruhe war trügerisch: 2007 erwarb Greenland Minerals eine Explorationslizenz für Kvanefjeld. Das Unternehmen versprach "höchste Umwelt- und Sicherheitsstandards" und bis zu 200 Arbeitsplätze.

Entschädigungsspezialisten am Werk

Doch unabhängige Expert*innen warnen vor Risiken, die mit dem Tagebau verbunden sein könnten. Radioaktiver Minen­abfall könnte die Gewässer und die Landwirtschaft kontaminieren. Viele Bewohner Narsaqs, die im Einklang mit der ­Natur leben wollen, nehmen solche Warnungen ernst. "Was würden wir tun, wenn die Tiere verschwinden und die Beeren verseucht sind?", fragt Janussen. "Wovon sollen wir leben, wenn niemand mehr fischen und jagen kann?" Aus dem Widerstand gegen die Bergbaupläne entstand die Bewegung Urani? Naamik (Uran? Nein). Ihr schlossen sich Menschen im ganzen Land an. Bei den Parlamentswahlen 2021 brachten sie die links-grüne Inuit Ataqatigiit (Gemeinschaft der Inuit) an die Macht, die ein landesweites Verbot von Uranabbau und Offshore-Ölbohrungen gesetzlich festschrieb. 

Zwei Männer stehen draussen, hügelige Landschaft, die Sonne scheint, sie tragen Arbeitskleidung.

Pavia Rohde (re.) von Greenland Minerals, Herbst 2025

Man kann den Abbau so gestalten, dass weder Mensch noch Umwelt zu Schaden kommt.

Pavia
Rohde
Greenland Minerals

Greenland Minerals, das sich inzwischen in Energy Transition Minerals umbenannt hat, klagte daraufhin vor einem Schiedsgericht in Dänemark gegen die grönländische Regierung. Das Unternehmen fordert knapp zehn Milliarden Euro Entschädigung für bereits getätigte Investitionen sowie für entgangene Profite samt Zinsen. Die Summe stellt fast das Zehnfache des grönländischen Jahreshaushalts dar, die Höhe der Forderung ist unverhältnismäßig, denn die Explorationskosten der Firma dürften nur bei knapp 90 Millionen Euro gelegen haben. Die Klage soll einschüchtern und die grönländische Regierung dazu veranlassen, ihre Politik zu ändern.

Das Unternehmen trägt dabei kein ­Risiko, denn die Rechtskosten werden von Burford Capital, einem börsennotierten Unternehmen für Prozessfinanzierung getragen. Im Erfolgsfall erhält die Kanzlei einen Anteil an der Entschädigung. Greenland Minerals nutzt das sogenannte Investor-Staat-Streitbeilegungsverfahren, das ursprünglich entwickelt wurde, um ausländische Unternehmen vor Enteignung durch die Gaststaaten zu schützen. Heute wird es zunehmend genutzt, um Regierungen zu verklagen, die nach Beginn der Explorationsarbeiten striktere Umweltgesetze erlassen – und damit Bergbau erschweren oder unmöglich machen. Die Schiedsgerichte entscheiden oft im Sinne der klagenden Investor*innen, Staaten und Steuerzahler*innen müssen häufig hohe Entschädigungen zahlen.

Schlechte Erfahrungen mit Umweltverschmutzung

So verbot Italien im Jahr 2015 aus ökologischen Gründen die Offshore-Öl- und Gasförderung innerhalb von zwölf Meilen vor seiner Küste. Der britische Ölkonzern Rockhopper musste deshalb die Ausbeutung des Ölfeldes Ombrina Mare einstellen. Das Schiedsgericht verurteilte Italiens Regierung zur Zahlung von 190 Millionen Euro zuzüglich Zinsen für entgangene Gewinne. Die Regierung versucht bis heute, das Urteil aufheben zu lassen.

Greenland Minerals kennt seine Rechte. "Wir verstehen, dass die grönländische Regierung aus politischen Gründen versprochen hat, dieses Projekt zu stoppen", sagt der Geschäftsführer Daniel Mamadou. "Das ist in Ordnung, aber in diesem Fall handelt es sich um eine Enteignung. Und wenn es sich um eine Enteignung handelt, haben wir Anspruch auf Entschädigung." Die grönländische Regierung sieht es anders: Die Firma habe zwar eine Explorationslizenz erhalten, aber keine Abbaulizenz. Lokale Gemeinden und ­Regierungen müssten das Recht haben, Bergbauprojekte abzulehnen, die Öko­systeme bedrohten oder inakzeptable ­Risiken für die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden mit sich brächten.

Das Unternehmen giert nur nach Gewinn, das Risiko ist zu hoch.

Aviaja
Jensen
Arctic Café

Hat Greenland Minerals, an dem auch der chinesische Bergbaukonzern Shenghe beteiligt ist, eine Abbaulizenz oder nicht? Mit dieser Frage soll sich nun – so befand es das Schiedsgericht in Dänemark im Oktober 2025 – ein ordentliches Gericht in Grönland befassen. Erst danach können die Richter*innen des Schiedsgerichtes über die Höhe der Entschädigung entscheiden.

Greenland Minerals unterhält nach wie vor ein Büro in Narsaq. In einer Lager- und Werkstatthalle neben dem Fußballplatz der Gemeinde liegen Hunderte von Bohrkernen, die Seltene Erden, Uran und Zink und Sodalith enthalten. "In Narsaq gibt es auch Bergbaubefürworter, die glauben, dass man den Abbau so gestalten kann, dass weder Mensch noch Umwelt zu Schaden kommt", sagt Pavia ­Rohde, der aus Narsaq stammt und für Greenland Minerals arbeitet.

"Der Ort braucht eine Zukunft, wir können nicht ewig so tun, als gäbe es keinen Fortschritt." Rohde kümmert sich um die Wissenschaftler*innen, die im Auftrag von Greenland Minerals nach Narsaq kommen. Sie studieren Windrichtungen und Windstärke, nehmen Wasserproben in den benachbarten Gewässern.

Eine Frau mittleren Alters im Rollkragenpullover sitzt an einem Fenster, die Haare hochgebunden.

Aviaja Jensen aerbeit in Narsaq im Arctic Café an der Bar, Herbst 2025 

Die Gegner der Mine beobachten sie skeptisch – und hoffen, dass ihre Regierung am längeren Hebel sitzt. "Die Mine wäre sicherlich gut fürs Geschäft", sagt Aviaja Jensen, die in Narsaq im Arctic Café an der Bar arbeitet. "Das Unternehmen aber giert nur nach Gewinn, das Risiko von Umweltschäden ist einfach zu hoch." Ihr Mann lebt von der Jagd auf Moschusochsen und Rentiere, Wale und Robben. Grönland hat bereits schlechte Erfahrungen mit Umweltverschmutzung durch Bergbau gemacht: In Maarmorilik, wo Dänemark von 1973 bis 1990 eine Bleimine betrieb, sind die Blei- und Zinkwerte in Meerwasser, Sedimenten, Seetang, Muscheln und Fischen immer noch erhöht. Auch die Kryolithmine in Ivittuut, die von 1854 bis 1987 in Betrieb war, führte zu einer Blei- und Zinkverseuchung des angrenzenden Fjords.

Wir wollen kein großes Bergbauland werden.

Naaja
Nathanielsen
Ministerin für Rohstoffe
Mittelalte Frau mit blonden Strähnen, das Haar fällt auf ihre Schultern.

Naaja Nathanielsen, Ministerin für Rohstoffe (Grönland, Herbst 2025)

Die aktuelle Regierung ist nicht grundsätzlich gegen den Bergbau, fordert aber strenge Auflagen, um die Umwelt nicht zu gefährden. Im Fall Narsaq will sie beim Abbauverbot bleiben. "Wir haben gemäß Gesetz ein öffentliches Anhörungsverfahren durchgeführt und sind dem Willen des Volkes verpflichtet", sagt Naaja Nathanielsen, Ministerin für Rohstoffe, Wirtschaft, Energie, Justiz und Gleichberechtigung. "Natürlich müssen wir Geld mit unseren Mineralressourcen verdienen, doch nicht auf Kosten der Menschen." Derzeit steuert Dänemark etwa die Hälfte des grönländischen Haushalts bei, rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Einnahmen aus dem Bergbau könnten auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit helfen. "Aber wir wollen kein großes Bergbauland werden", sagt die Ministerin. Drei bis fünf aktive Minen gleichzeitig seien genug, um "unsere Rechnungen bezahlen zu können". Zu viel Bergbau überfordere die Gesellschaft. 

Die 49-Jährige, die schon seit fünf Jahren dem Kabinett angehört, sieht den Bergbau in Grönland nüchtern. "Es ist ein langsam wachsendes Geschäft, von der Exploration bis zum Abbau vergehen meist 15 Jahre", sagt sie in ihrem Büro, aus dem man über die Hauptstadt Nuuk blickt. Der Erfolgsfall, dass der Gewinn die Investitionen übertrifft, "liegt in der Regel unter fünf Prozent." Die Regierung hat bisher 80 Explorationslizenzen ver­geben, die Ergebnisse der meisten Testbohrungen werden frühestens in zwei bis drei Jahren erwartet.

Druck auf die Regierung ausüben

Derzeit sind auf der Insel zwei Minen in Betrieb: Der Anorthosittagebau von Lumina Mining bei Kangerlussuaq, wo ab 2027 auch Seltene Erden gefördert werden sollen, und die Goldmine der kanadischen Amaroq-Gruppe bei Nalunaq, die ab 2026 sechs bis zehn Kilogramm reines Gold pro Tag produzieren will. Abbaulizenzen erhielten auch die Firma Tanbreez für Seltene Erden nahe Qaqortoq sowie eine Graphitmine von GreenRoc in Amitsoq. Sie könnten in zwei Jahren mit dem Abbau beginnen.

Bergbauarbeiter*innen stehen in einer Hügellandschaft und verladen Material.

Hoffen auf weitere Aufträge: Arbeiter der Firma 60° North, nahe Qaqortoq, Herbst 2025

Die Goldmine bei Nalunaq war schon zwischen 2004 und 2013 in Betrieb. Das Unternehmen Crew Gold verschiffte goldhaltiges Erz nach Kanada, wo es raffiniert wurde. Weil der Goldpreis damals niedrig war, waren die Kosten zu hoch, und die Mine wurde geschlossen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich der Goldpreis aber fast verdreifacht. Amaroq, der neue Besitzer, baute eine Fabrik in Nalunaq, um auch vor Ort reines Gold zu gewinnen. "Bei der Goldgewinnung werden sehr viele giftige Chemikalien eingesetzt", sagt Grethe Nielsen, eine Umweltaktivistin aus dem gut 100 Kilometer entfernten Qaqortoq, dem größten Ort in Südgrönland. "Der Bergbau ist wohl nicht zu verhindern, aber wir müssen Druck auf die Regierung ausüben, damit sie die Minen streng kontrolliert und die Natur schützt."

Nielsen steht an einem Aussichtspunkt über Qaqortoq, von dem aus man auf die eindrucksvolle Fjordlandschaft blickt. Nicht weit von der Küste entfernt jagen mehrere Boote der Inuit in einer V-Formation einem Wal nach. "Hier ist die Welt noch in Ordnung", sagt Nielsen. "Aber wie lange noch?" Die Idylle trügt ohnehin: Qaqortoq war vor 20 Jahren eine boomende Fischereistadt, dann verschwanden die Garnelen, die im Export für gute Einnahmen sorgten. Viele Leute suchten Arbeit und wanderten aus.

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Aber wie lange noch?
 

Grethe
Nielsen
Umweltaktivistin
Eine Frau in Turnschuhen, Jeans und Norwegerpullover steht draußen in einer Fjordlandschaft und lächelt.

Grethe Nielsen, Umweltaktivistin (Grönland, Herbst 2025)

"Wir brauchen den Bergbau, wenn wir von Dänemark unabhängig werden wollen", sagt Malik Rasmussen. "Fischerei und Tourismus sind nicht genug, um die hohen sozialen Standards, an die die Menschen gewöhnt sind, zu halten." Der 34-Jahrige ist Chef von 60°North, des größten Unternehmens in Südgrönland, das sich auf Dienstleistungen für Bergbaufirmen spezialisiert. Denn der Bergbau erfordert lokales Knowhow. "Die Bedingungen sind schwieriger als in den meisten anderen Ländern, jede Art von Infrastruktur muss von weit her transportiert werden, und das ist exorbitant teuer", sagt Rasmussen. Es gebe auch viele soziale Probleme, die lange kaum beachtet wurden. Viele Inuit fühlen sich ausgegrenzt und missachtet – und hegen viel Groll gegen Dänemark, die ehemalige Kolonialmacht, die erstmals 1721 auf die Insel kam und noch immer die Außenpolitik, die Justiz, die Verteidigung und die Polizei bestimmt und kontrolliert. Die Suizidrate auf Grönland ist die höchste der Welt, Alkoholmissbrauch ist ein weit verbreitetes Problem.

Ein junger Mann mit Schnurrbart trägt Arbeitskleidung und sitzt auf einem Betonblock an einem Hafen.

Malik Rasmussen, Bergbaudienstleister (Herbst 2025, Grönland)

Wie Trump auf Grönland kam

Momentan unternimmt 60°North Testbohrungen am Kangerluarsukfjord, der sich tief in die Berge von Südgrönland schneidet. Felswände ragen steil aus dem Wasser, auf der Ostseite erhebt sich eine markante Bergkette, deren Spitzen wie die Zinken eines Kamms aussehen. In dieser rauen Landschaft, 25 Kilometer nordöstlich von Qaqortoq, bereitet das US-australische Unternehmen Tanbreez den Abbau von Seltenen Erden vor. "Es ist eines der größten Vorkommen außerhalb Chinas", sagt Greg Barnes, der für Tanbreez arbeitet. "Zudem gibt es hier auch große Mengen an Tantal, Beryllium und Zirkonium."

Barnes ist Geologe, er hat überall auf der Welt gearbeitet, bevor er in den 1990er Jahren nach Grönland kam. Trotz des Mineralienreichtums der Insel war es lange nicht möglich, Investor*innen für den Bergbau zu finden. Der Durchbruch kam 2019. Damals hielt der 76-Jährige eine Rede über die Mineralschätze Grönlands vor Donald Trump im Weißen Haus. Der US-Präsident bot Dänemark daraufhin an, Grönland zu kaufen. Umweltschützer*innen geben Barnes seitdem die Schuld, die Begehrlichkeiten der USA geweckt zu haben.

Tanbreez will direkt vor der Lagerstätte im Fjord einen Anleger bauen, von dem das Erz per Schiff zu den Aufbereitungs­fabriken in den USA und der EU transportiert werden soll. "Es ist unser Glück, dass Grönland weder über die Infrastruktur noch über Fachkräfte verfügt, um solche Fabriken zu betreiben", freut sich die Umweltaktivistin Nielsen in Qaqortoq. "Damit sinkt das Risiko von Wasser- und Luftverschmutzung. Vielleicht werden unsere Kinder und Enkel immer noch hier leben können."

Andrzej Rybak ist freier Autor und Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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