"Der Schmerz schärfte meine Feder": Dichterin Stella Nyanzi über Poesie und Repression
Stella Nyanzi ist Anthropologin, Aktivistin und Dichterin aus Uganda
© Sumy Sadurni / AFP / Getty Images
Flüche sind ihr Markenzeichen: Die Dichterin Stella Nyanzi eckt mit ihrem Konzept der radikalen Unhöflichkeit an.
Interview: Josefine Rein
Ihr aktueller Gedichtband "Im Mundexil" erscheint in Deutschland, wo Sie leben. In Uganda wurden Sie wegen Ihrer Poesie verfolgt. Was macht Ihre Gedichte so gefährlich?
Sprache kann Macht stützen, aber auch zum Wanken bringen. Der Kolonialismus, der uns angeblich die sogenannte Zivilisation brachte, lehrte uns respektvoll zu sprechen. Diese Höflichkeit machte uns Ugander*innen regierbar. Bis heute bitten wir um Erlaubnis, anstatt unsere Rechte einzufordern. Anstatt unterwürfig, ehrfürchtig und dankbar zu sein, bin ich hartnäckig, trotzig und beleidigend. Auch wenn die Lebenssituation in Uganda zum Heulen ist, lache ich über unseren Präsidenten Yoweri Museveni. Mit meiner unhöflichen Sprache scheiße ich auf seine Macht. Ich schreibe, wie ich seine Frau ficke, weil das ganze Land weiß, wie homophob sie ist. Ich nenne Museveni ein Paar Arschbacken, weil er auf unser Land und seine Menschen scheißt.
Waren Sie schon immer so unhöflich?
Meine Protestpersönlichkeit ist eine Schlampe, privat bin ich eigentlich ganz nett. Das überraschte auch die Gefängniswärter*innen, die ich während meiner Haftstrafe kennenlernte. Mein Großvater war Pfarrer, zu Hause galten strenge Benimmregeln. Auf dem Missionsinternat wurde ich zu einer kultivierten Ehefrau erzogen. Frau sein bedeutete gesehen, aber nicht gehört zu werden. Lächle, aber mach den großen Mund nicht auf. Aber dann starben innerhalb eines Jahres erst mein Vater, dann meine Mutter, weil sie keine medizinische Versorgung erhielten. Ich bewältigte meine Trauer, indem ich über das Gesundheitssystem dichtete, das aufgrund von Korruption zerstört ist. Meine Sprache wurde wütender und unhöflicher, der Schmerz schärfte meine Feder. Ich verfluchte Museveni auf Facebook. Meine Posts bekamen große Aufmerksamkeit, weil ich über den alltäglichen Schmerz der Menschen in Uganda sprach. Jeder in diesem Land möchte diesen Mann beschimpfen, aber gerade die Frauen sind auf Höflichkeit konditioniert. Ich wollte sie ermutigen, das Schweigen zu durchbrechen.
Waren Sie damit erfolgreich?
Nichtregierungsorganisationen haben vergeblich versucht, mit ihrer diplomatischen Sprache den Präsidenten zur Einsicht zu bewegen. Aber dann hat das ganze Land gesehen, wie eine Frau auf Facebook den gesamten Sicherheitsapparat in Bewegung gesetzt und den Diktator zum Zittern gebracht hat. Ich wurde überwacht, vor Gericht gestellt, ins Gefängnis gesteckt und verlor meine Stelle als Universitätsdozentin. Aufmerksamkeit ist eine wichtige Währung. Doch leider haben viele Ugander*innen der staatlichen Kampagne geglaubt, die mich als geisteskrank dargestellt hat. Die Öffentlichkeit war schockierter darüber, dass ich als Mutter vulgäre Wörter in den Mund nehme, als darüber, dass die Regierung Menschen ermordet und Mütter in den erbärmlichen Krankenhäusern sterben. Diese Heuchelei habe ich sichtbar gemacht.
In der ugandischen Öffentlichkeit wird kritisiert, dass Ihre drastische Sprache "unafrikanisch" sei. Was entgegnen Sie dieser Kritik?
Ich bin eine Nalongo, eine Mutter von Zwillingen. In der Gesellschaft der Baganda wird uns Frauen mit einer weiten Vagina eine mystische Macht zugesprochen. In unserer Kultur haben wir das Recht zu fluchen und unhöflich zu sein und selbst dem König zu sagen: Fick dich! Auch meine sexualisierte Sprache ist nicht westlich. Unsere Großmütter sangen noch Lieder über die Vulva, erst die Christianisierung und Kolonisierung verbannten diese Tradition.
Sie kamen wegen Beleidigung des Präsidenten ins Gefängnis, 2022 mussten Sie nach Deutschland fliehen. Engagieren Sie sich weiterhin für Uganda?
Ich beteilige mich weiterhin an den politischen Debatten im Land – über das Internet. Es gibt nicht viele Aktivist*innen vor Ort, die den Kampf fortführen. Viele haben mir vorgeworfen, dass ich mit meiner Flucht den Kampf verraten hätte. Ich fühle mich schuldig. Aber eine tote Dichterin kann nicht mehr gegen das Regime anschreiben, also musste ich fliehen. Als ich in Deutschland ankam, war ich wütend, zerrissen und desillusioniert. Weil ich hier weit weg bin vom Hunger und der Gewalt in meiner Heimat, konnte ich langsam heilen. Manchmal vermisse ich auch den Nervenkitzel und den Schmerz. Meine Poesie verliert ihre wütende Schärfe. Die Gedichte, die ich im Exil schreibe, handeln von meiner Sehnsucht nach meinem Zuhause, von frischen Mangos und Fisch. Weit weg vom Überlebenskampf ist es leicht, nostalgisch zu werden. Weil meine Gedichte nun auch ins Deutsche übersetzt wurden, kann ich jetzt dem Publikum hier die Realität der Repression, aber auch die schönen Seiten meiner Heimat näherbringen.
Fühlen Sie sich in Deutschland als Dichterin frei?
Hier bin ich Ausländerin, ich spreche die Sprache nicht. Ich bin Schwarz in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Ich gehöre nicht mehr zur Elite, mein Doktortitel interessiert hier niemanden. Das nimmt mir Halt, aber es fühlt sich auch befreiend an. Ich kann hier über die Regierung schreiben, ohne dass mich die Polizei nachts abholt. In diesem Land gibt es viele Freiheiten, die sich Menschen durch Widerstand erkämpft haben. Dieses Land respektiert Dichterinnen mehr als meine Heimat. In Uganda wird noch sehr wenig geschrieben. Aber die Demokratie in Deutschland ist durch die erstarkende Rechte bedroht. Das macht mir Angst, weil unser Aufenthaltsstatus von der politischen Stimmung abhängt, und weil ich weiß, was es heißt, ohne Demokratie zu leben.
Ihr Gedichtband handelt auch von Ihrer Erfahrung als Mutter im Exil. Warum war Ihnen das wichtig?
Der politische Exilant in unseren Köpfen ist ein Mann. Ich wollte meine Perspektive als Mutter dreier Kinder im Exil teilen. Meine Kinder haben Verfolgung und Unterdrückung erlebt, meine Arbeit hat auch sie getroffen. Zum Glück haben sie sich hier schneller eingelebt als ich. Während ich noch meine afrikanischen Kitenge-Kleider trage, trägt meine Tochter Dirndl. Aber meine Söhne haben Dreadlocks und erleben hier immer wieder Racial Profiling durch die Polizei. Ich weine oft über mein Versagen als Mutter. Meine Kinder sind aber auch der Grund, weshalb ich das alles auf mich nehme: Ich möchte, dass sie in einem freien Uganda leben werden. Wenn sie aus dem Haus sind, werde ich nach Uganda zurückkehren, um diesen Kampf weiterzuführen.
Wie würde ein freies Uganda aussehen?
Das Problem ist nicht nur Museveni: Die ugandische Herrschaft ist ein System der Unterdrückung. Als erstes muss das Militär, das unsere gesamte Gesellschaft durchsetzt hat, in die Kasernen zurückgeschickt werden. Nicht nur die Parteien, die ugandische Bevölkerung – die Marktfrauen, Busfahrer, Bauern, die arbeitslose Jugend – müssen ein neues demokratisches System aufbauen. Wenn wir das geschafft haben, kann ich endlich über die schönen Dinge schreiben wie Liebe oder Eisessen im Park.
Stella Nyanzi ist Anthropologin, Aktivistin und Dichterin aus Uganda. Mit ihrer Forschung zu queeren Identitäten in Afrika brach sie Tabus in ihrem konservativen Heimatland. 2019 wurde sie wegen eines Gedichts über Präsident Yoweri Museveni auf Facebook zu 18 Monaten Haft verurteilt. 2022 gelang ihr mit Unterstützung der Schriftstellervereinigung PEN die Flucht mit ihren drei Kindern nach Deutschland.
Foto: Sumy Sadurni / AFP / Getty Images
ZUR PERSON
Anthropologin, Aktivistin und Dichterin aus Uganda. Mit ihrer Forschung zu queeren Identitäten in Afrika brach sie Tabus in ihrem konservativen Heimatland. 2019 wurde sie wegen eines Gedichts über Präsident Yoweri Museveni auf Facebook zu 18 Monaten Haft verurteilt. 2022 gelang ihr mit Unterstützung der Schriftstellervereinigung PEN die Flucht mit ihren drei Kindern nach Deutschland.