Balkanroute: Ein Wiener Rapper handelt, wo Europa versagt
Er baut soziale Brücken: Petar Rosandić, auch bekannt als Rapper Kid Pex (Wien, Herbst 2025)
© Alex Stanić
Ein Wiener Rapper organisiert seit Jahren Hilfsgüter für Geflüchtete, kämpft gegen Rechtsextreme und legt sich vor Gericht mit politischen Institutionen an: Petar "Pero" Rosandić setzt mit seinem Aktivismus da an, wo die EU versagt.
Von Alex Stanić
Es war heiß im Wiener Handelsgericht, als Petar "Pero" Rosandić alias Kid Pex im Juli 2023 vor Gericht stand. Auf seinem T-Shirt prangte der Spruch "Österreich kann tödlich sein". Diese Aussage passt zum Image von Kid Pex: Er rappt über Rassismus, über Rechtsextreme, über das Wegsehen. Bei der Urteilsverkündung war der Saal bis auf den letzten Platz belegt, es herrschte Stille. Als der Richter die Klage gegen Rosandić abwies, waren Jubel und Erleichterung groß. Der Rapper streckte die Faust in die Luft, umgeben von Menschen, die nicht nur seinen juristischen Triumph gegen das International Center for Migration Policy Development feierten, sondern – wie er sagt – einen Sieg der Gerechtigkeit.
Der Aktivist musste sich verantworten, weil er ein in Bosnien-Herzegowina illegal erbautes und von Österreich mitfinanziertes Gefängnis für Geflüchtete als "österreichisches Guantánamo" bezeichnet hatte. Das International Center for Migration Policy Development, eine der Regierungspartei ÖVP nahestehende Organisation, war für die Errichtung des Gefängnisses mitverantwortlich. Nach dem Urteil erließ die Baubehörde in Bihać einen Abrissbescheid; das Gefängnis ging nie in Betrieb. Angetrieben von seinem Gerechtigkeitssinn und unbeirrt von Einschüchterungsversuchen sieht Rosandić hin, wenn die EU wegschaut. Seit 2019 versorgt sein Verein SOS Balkanroute Geflüchtete mit Lebensmitteln, Kleidung, medizinischer Hilfe – und mit etwas, das man nur schwer beschaffen kann: Aufmerksamkeit. Die Organisation dokumentiert Polizeigewalt, vernetzt lokale und überregionale Initiativen und organisiert Pressereisen, um sichtbar zu machen, was keine 500 Kilometer von Wien entfernt geschieht.
Mobbing in katholischer Privatschule
Rosandić wurde 1984 in Zagreb geboren und floh zu Beginn des Kriegs in den 1990er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Wien. "Ich wurde aus meinem Umfeld gerissen und brauchte lange, um mich von diesem Schock zu erholen", erklärt er. Seine Eltern schickten ihn in eine katholische Privatschule, wo er als Flüchtlingskind auf verschiedene Weise gemobbt wurde: Dazu zählten abfällige Kommentare des Lehrpersonals über "Jugos", die Bevorzugung österreichischer Mitschüler*innen und ein Klassenvorstand, der ihm nicht zutraute, seinen Abschluss auf Deutsch zu machen. Später fand er Freunde – serbische, türkische, albanische – und begriff, wie ungerecht das Bildungssystem ist. Er verstand auch, dass man verliert, wenn man still bleibt. Heute schreibt er Reden, Pressetexte und Songs. Wegducken ist für ihn keine Option.
"2000 engagierte ich mich das erste Mal politisch, als ich zu den Demos gegen Schwarz-Blau ging", erinnert sich Rosandić, Schwarz und Blau sind die Farben der konservativen ÖVP und der rechtsextremen FPÖ. 2013 war er beim Refugee Protest Camp Vienna in der Votivkirche, als Geflüchtete dort in den Hungerstreik traten. "Damals wurde ich für die menschenunwürdigen Dinge, die Geflüchtete erleben, so richtig sensibilisiert." Kurz darauf brachte er Spenden an die ungarisch-serbische Grenze. 2019, nach einem Besuch im Flüchtlingscamp Vučjak in Bosnien, gründete er SOS Balkanroute. "Vučjak hat mich für immer verändert", sagt er. Keine Toiletten, keine medizinische Versorgung, kein Wasser, kein Strom, keine Empathie. "Das war das Schlimmste, was ich je gesehen habe." Während sich Sebastian Kurz damit brüstete, als Außenminister 2016 "die Balkanroute geschlossen zu haben", verbrachte Rosandić Wochen in Bosnien, um Geflüchteten zu helfen.
Worte als Waffen
Anfang der 2000er Jahre begann der Aktivist, Musik als politisches Sprachrohr zu nutzen. Als Kid Pex machte er sich in der Wiener Hip-Hop-Szene einen Namen. Musik schafft Brücken – und Rosandić ist ein Brückenbauer. In einem Lied fragt er: "Wie kalt sind eure Herzen?" Mit seinen Songs möchte er ein kollektives Verantwortungsgefühl in Menschen erwecken, die das Glück ihres Geburtsorts als Selbstverständlichkeit betrachten.
"Das politische System, in dem wir leben, gibt Geflüchteten keine Perspektive", sagt er. "Ich bin in Wahrheit nur ein humanitärer Feuerlöscher." Brandstifter seien jene Politiker*innen, die Menschen in Not Schutz und Würde verwehren. Meistens trifft man Rosandić mit einem Mobiltelefon in der Hand, es klingelt ständig. Mal ist es der Bürgermeister der bosnischen Stadt Bihać, der sich für ein von der Stadt Wien gespendetes und von Rosandić organisiertes Müllsammelfahrzeug bedankt; mal ist es eine Studierende, die ihre Diplomarbeit über SOS Balkanroute schreibt; mal ist es sein Kumpel Baba Asim, der ihm Updates zu Hilfskonvois gibt. Die Arbeit für SOS Balkanroute frisst den Großteil seiner Zeit, seine Karriere als Rapper ist in den Hintergrund gerückt. Die ersten Jahre arbeitete Rosandić ehrenamtlich für die Organisation und lebte von Ersparnissen. Er fuhr mehrmals im Jahr an die EU-Außengrenzen, hatte keinen geregelten Alltag, keine freien Wochenenden. "Das war eine belastende Zeit, in der ich mich sehr verausgabt habe und an meine Grenzen kam."
Doch spricht er lieber über andere als über sich selbst, zum Beispiel über die Frauen, die an der bosnischen Grenze helfen, über Aktivist*innen, die nicht aufgeben. Er setzt sich mit Politiker*innen an einen Tisch, oft zähneknirschend, weil "in neun von zehn Fällen nichts passiert", bleibt aber respektvoll. Heute ist er in Teilzeit bei SOS Balkanroute angestellt, kann so seine Fixkosten decken und Auszeiten einplanen. Pausen gehören zum Kampf für Gerechtigkeit, das weiß er, weil er nur knapp einem Burnout entkommen ist. Von seiner eigenen Zukunft träumt er selten – lieber von einer Zukunft, in der Geflüchtete nicht an den Grenzen Europas schikaniert und verprügelt werden. "Die EU ist eine Festung, obwohl sie ein sicherer Hafen sein müsste."
Teil eines breiten Netzwerks
Die österreichische Rechte arbeitet sich regelmäßig an Rosandić ab. Aber in zivilgesellschaftlichen Kreisen Österreichs, Deutschlands und der deutschsprachigen Schweiz genießt er viel Solidarität und Sympathie. Er hat ein breites Netzwerk an Unterstützer*innen: Amnesty International, Caritas, LeaveNoOneBehind, Volkshilfe, Omas gegen Rechts, Sea-Watch e. V., Diakonie, um nur ein paar zu nennen. Die Bezeichnung Brückenbauer ist deswegen so treffend für Rosandić, weil er Institutionen und Personen zusammenbringt, die ein gemeinsames Ziel haben: die Menschenrechte an den EU-Außengrenzen schützen.
Prominente wie die Künstlerin Toxische Pommes oder Erik Marquardt, Abgeordneter der deutschen Grünen im Europaparlament, unterstützen seine Benefizveranstaltungen und Spendenaktionen. Sein Einsatz bleibt nicht unbemerkt, er bzw. SOS Balkanroute wurden mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Weltmenschpreis, dem Ferdinand-Berger-Preis oder dem Ute-Bock-Preis. Rosandićs Engagement zeigt, dass es eine Antwort gibt auf die Frage "Was kann ich tun?".
Alex Stanić ist ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.