Amnesty Journal Ungarn 22. November 2018

Ein falsches Wort zu viel

Ein Mann steht vor einer dunklen Holzwand

Kritiker des Postfaschismus. Gáspár Miklós Tamás.

Der ungarische Philosoph Gáspár Miklós Tamás ist eine Ikone der friedlichen Revolution von 1989 – und ein scharfsinniger Beobachter der politischen Entwicklung seines Landes.

Von Keno Verseck

In seiner kleinen Wohnung im Budapester Stadtzentrum sitzt Gáspár Miklós Tamás im Sessel seines Arbeits- und Lesezimmers, umgeben von Regalen voller philosophischer Werke, zwischen Bücher- und Manuskriptstapeln. Eingehüllt in den Rauch seines unvermeidlichen Zigarillos erzählt er lächelnd, aber auch kopfschüttelnd, von seinen inzwischen nur noch ausländischen Hipster-Nachbarn, was dann schnell in einen spontanen und unterhaltsamen Exkurs über die Geschichte seines Wohnbezirks seit 1848 mündet. Typisch Tamás: Seine Bildung und seine Belesenheit sind in Ungarn legendär.

Wie Adam Michnik oder Václav Havel gehörte Tamás einst zu jenen osteuropäischen Intellektuellen, die als Bürgerrechtler und Oppositionelle in ihren Ländern jahrelang gegen die kommunistischen Diktaturen kämpften, dann die friedlichen Revolutionen des Jahres 1989 anführten und schließlich zu Architekten ihrer neuen, demokratischen Republiken wurden. Doch anders als die meisten von ihnen wandelte Tamás sich schon bald nach 1989 zu einem der schärfsten osteuropäischen Kritiker jenes Systemwechsels, den er selbst mitgestaltet hatte.

Es war, in gewisser Weise, eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Tamás wurde 1948 im siebenbürgischen Klausenburg (rum. Cluj, ung. Kolozsvár) geboren und stammt aus einer ungarisch-jüdischen Familie. Seine Eltern – der Vater Journalist, die Mutter Krankenschwester – waren in der illegalen kommunistischen Partei aktiv und saßen jahrelang im Gefängnis. Nach dem Krieg lehnten sie Funktionärskarrieren ab, lebten in bescheidenen Verhältnissen und waren vom Regime bald enttäuscht. "Von meinen kommunistischen Eltern bekam ich eine tadellose antikommunistische Erziehung", erzählt Tamás lachend.

Früh fing er an zu lesen, verblüffte Lehrer mit seinen Kenntnissen, studierte Philosophie und arbeitete danach als Redakteur einer Klausenburger Wochenzeitung für Literatur und Kunst. Auf einer Redaktionssitzung im Februar 1974 begann, halb zufällig, halb zwangsläufig, sein Weg als öffentlicher Re­gimegegner: mit einem falschen Wort. Gefragt, welchen Beitrag er in einer Sondernummer zum Lob des Diktators Nicolae Ceaușescu schreiben würde, antwortete er: "Keinen." Eine instinktive Entscheidung, anständig und ehrlich zu bleiben. Am nächsten Morgen nahm ihn die Geheimpolizei Securitate fest.

Von da an wurde Tamás monatelang regelmäßig verhört, bekam Schreibverbot und durfte nur noch als Korrektor arbeiten. Nach Jahren der Perspektivlosigkeit und einer drohenden Gefängnisstrafe verließ er Rumänien 1978 schließlich. Weil er nicht in den Westen ausreisen wollte, ging er nach Ungarn, wo ein etwas freieres Klima herrschte. Er bekam eine Stelle an der Budapester Eötvös-Loránd-Universität, doch schon nach zwei Jahren erhielt er auch hier Berufsverbot, diesmal wegen seiner ­Essays in Untergrundzeitschriften, unter anderem in dem von ihm mitbegründeten Beszélö (Sprecher), der bekanntesten ungarischen Samisdat-Publikation. "In Rumänien wurde ich verfolgt für das, was ich nicht tat, in Ungarn für das, was ich tat", fasst ­Tamás seinen Weg als Regimegegner zusammen.

Er lebte fortan von Übersetzungen, arbeitete als Gastdozent an Universitäten in Frankreich, Großbritannien und den USA – und schrieb weiter gegen das System an. Ursprünglich ein libertärer Linker, wandelte er sich damals zum rechtsliberalen Konservativen, auch aus der verlorenen Hoffnung heraus, dass ein authentischer Sozialismus nicht möglich sei. Anfang 1989 wurde sein vielbeachteter Essay "Abschied von der Linken" zu einem Manifest des neuen ungarischen Konservatismus. Zugleich war Tamás in Ungarn längst eines der Symbole des Kampfes gegen die Diktatur: Im März 1988 etwa hatte er auf einer illegalen Demonstration in einer Rede als Erster öffentlich freie Wahlen gefordert – einer der Meilensteine der Wendezeit.

Tamás wurde 1990 ins Parlament gewählt und war Geschäftsführer des von ihm 1988 mitbegründeten liberalen Bundes Freier Demokraten, der führenden Oppositionspartei der Wendezeit. Bald aber kamen ihm Zweifel an dem Wie des Systemwechsels. Hunderttausende Ungarn wurden arbeitslos, ganze Landstriche verelendeten, die alte Funktionärselite bereicherte sich, seine eigene Partei ging ab 1994 eine Koalition mit den Wendekommunisten ein. In jenem Jahr schrieb Tamás erneut ­einen berühmten Essay. Der Titel: "Abschied von der Rechten".

Ausgehend von seiner Kritik am osteuropäischen Systemwechsel, aber auch an der Globalisierung verfasste er im Jahr 2000 die theoretische Schrift "Postfaschismus", in der er beschrieb, wie moderne demokratische Gesellschaften mit universalistischen Prinzipien der Aufklärung brechen. Zu einer Zeit, in der viele Politologen den weltweiten Siegeszug der liberalen Demokratie noch als unwiderruflich betrachteten, sah Tamás als einer der ersten Intellektuellen gesellschaftliche Entwicklungen voraus, wie sie seit 2010 in Orbáns Ungarn stattfinden. "Mit dem Begriff ›Postfaschismus‹ möchte ich nicht behaupten, dass die SS noch einmal durch Europa marschieren wird", schrieb Tamás damals, "sondern, dass alle Ziele der rechten totalitären Maschinerie der Vorkriegszeit heute durch parlamentarische und demokratische Prozesse erreicht werden."

Zur Ironie der Geschichte gehört dabei, dass Tamás 2011 selbst einer politisch motivierten Säuberung des rechtsnationalistischen Orbán-Regimes zum Opfer fiel, die formal als Verrentung getarnt war: Er wurde, zusammen mit einigen anderen Kollegen, aus dem Philosophischen Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften entlassen – eine Aktion mit Billigung Viktor Orbáns, der einst einer der größten Bewunderer von Tamás gewesen war. Er hatte sogar seinen 1992 geborenen Sohn nach ihm benannt: Gáspár.

Tamás, der nach der Jahrtausendwende lange in verschiedenen linken Initiativen und Parteien, wie Attac und Grün-Links, mitarbeitete, hat sich aus der aktiven Politik inzwischen zurückgezogen. Dennoch mischt er sich, inzwischen 70 Jahre alt, immer noch fast täglich in das ungarische Geschehen ein – mit ­politischen Kommentaren und sozialkritischen Essays. Sie gehören zum Lehrreichsten, was über das heutige Ungarn zu lesen ist. Vor allem, weil Tamás immer wieder mit Klischees und Begrifflichkeiten aufräumt, wie etwa mit der Sprachregelung, dass Orbán Rechtspopulist sei. Aber auch, weil er nicht mit Kritik an der Opposition spart.

Eine progressive, humanistische Alternative zur aktuellen Entwicklung in Ungarn und in Europa sieht er derzeit nicht. "Unsere Gesellschaften stehen irgendwo zwischen Wurzellosigkeit, Barbarei und Untergang", sagt Tamás. "Das heißt natürlich nicht, dass moralisch begründeter Protest nicht notwendig wäre oder dass es nicht Gesellschaften gibt, die ein kleineres Übel sind. Aber wir müssen uns darauf einrichten, dass Systeme wie das von Putin, Erdoğan oder Orbán für Jahre oder vielleicht Jahrzehnte bleiben werden."

Wie ist das eigentlich – zurückzublicken auf die Ideale von einst? Auf einen Systemwechsel, der völlig anders verlief als ­erhofft? "Es ist sehr schmerzhaft, wie immer, wenn man aufrichtig an etwas geglaubt hat, was schieflief", sagt Tamás mit großer Melancholie. "In gewisser Weise bin ich aber auf genau das, wofür ich mich schäme, auch stolz. Viele Politologen sprechen davon, dass der Systemwechsel von außen und von oben kam. Unsinn. Den Systemwechsel hat zwar nicht das ganze Volk gemacht, aber wir waren damals zwei, drei Millionen Menschen, es gab Klubs, Debatten, Versammlungen, Demonstrationen, es gärte unglaublich in der Gesellschaft. Dieser unbändige Freiheitswille von 1989, dieses Freiheitspathos, das war ein Augenblick von sehr großer Schönheit. Das bleibt."

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