Amnesty Journal Tunesien 01. November 2019

Die Fischer von Zarzis

Ein Mann mit einer Schaufel steht in einem wüstenartigen Gelände.

Der Fischer Chamseddine Marzoug 2017 in Zarzis, Tunesien.

Vom tunesischen Zarzis bis zu den Ablegestellen der Schlepperboote über das Mittelmeer in Libyen ist es nicht weit. Die Fischer hier haben schon viele Ertrunkene gesehen.

Von Hannah El-Hitami, Zarzis

Den ersten Toten sah Mohamed Belhiba, als er 14 war. Er war um sechs Uhr morgens zum Garnelenfischen auf das Mittelmeer hinausgefahren. Als er und die anderen Fischer das Netz einholten, entdeckten sie den Körper des Mannes. Belhiba macht einen Buckel und streckt beide Arme leicht gebeugt nach vorne, wie jemand, der gleich einen Kopfsprung macht. "So hing er im Netz", sagt der heute 32-Jährige und fügt hinzu: "Man sieht hier ständig Tote. Wen das nicht berührt, der ist kein Mensch."

Belhiba kommt aus Zarzis, einer Kleinstadt mit gut 75.000 Einwohnern im Osten Tunesiens. Fünfzig Kilometer sind es bis zur libyschen Landgrenze im Südosten, und 250 Kilometer Seeweg zur italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa im Nordosten. Die zentrale Mittelmeerroute, der meistgenutzte Weg für die irreguläre Migration nach Europa, fängt in Zarzis an. Es ist auch die tödlichste: Von 24.211 Menschen, die 2018 die Überfahrt versuchten, starben laut UN-Flüchtlingshilfswerk 1.276. Bis Ende September 2019 kamen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration bereits 2.344 Menschen zwischen Libyen und Europa ums Leben.

Die Fischer von Zarzis stoßen nicht erst seit Beginn des Kriegs in Syrien 2011, sondern seit Jahrzehnten auf Flüchtlingsboote und ihre Passagiere. Manchmal können sie Menschen retten, manchmal nur noch die Leichen bergen. Doch seit die Europäische Union die Seenotrettung zunehmend kriminalisiert, begeben sie sich dadurch selbst in Gefahr.

Es ist sieben Uhr morgens am Fischereihafen von Zarzis. Die Kutter haben gerade angelegt und wippen sanft auf den morgendlichen Wellen hin und her, sodass es aussieht, als würde der ganze Steg schwanken. Der Fang der letzten Nacht wird in Kisten auf Fahrrädern, Rollern, in Autos und Lieferwagen abtransportiert. Auch Salaheddine M’Charek, Vorsitzender des örtlichen Fischereikollektivs, ist gerade vom Meer zurückgekommen. 40 Kilometer vor Lampedusa haben er und seine Mannschaft in der vergangenen Nacht ihre Netze ausgeworfen. Der 51-Jährige hat während seiner Arbeit schon Hunderte von Menschen gerettet – Begegnungen, die er nicht vergessen wird.

"Einmal haben wir drei Schlauchboote mit 160 Personen gefunden", erzählt er. "Wir waren mit sechs Booten unterwegs und konnten die Menschen unter uns aufteilen. Wir haben sie versorgt und dann die ganze Nacht mit ihnen an Bord gefischt." Das Meer sei sehr unruhig gewesen, erinnert sich M’Charek. Viele hätten sich übergeben müssen, und die Fischer fürchteten, sich das Ebola-Virus an Bord geholt zu haben. Doch zum Glück sei niemand krank geworden. M’Charek deutet mit seinem Zeigefinger gen Himmel. "Wir vertrauen auf Gott", sagt er, und fügt hinzu: "Wenn Menschen in Gefahr sind, dann retten wir sie."

Obwohl der Sonnenaufgang noch keine Stunde her ist, ist es schon warm an diesem Frühlingstag. Seit April wagen wieder mehr Menschen die Überfahrt nach Europa. Auch Chamseddine Bourassine ist an diesem Morgen im Hafen unterwegs. Er ist der Kapitän eines Schiffs, dessen siebenköpfige Besatzung im August 2018 in italienischen Gewässern festgenommen wurde. Sie hatten versucht, einem Flüchtlingsboot zu helfen, dessen Motor ausgefallen war. Man warf ihnen vor, sie hätten das Boot dabei in italienische Gewässer gezogen. 25 Tage blieben die Männer inhaftiert. Nach Protesten des Fischereikollektivs in Zarzis und in Tunis, begleitet von Solidaritätskundgebungen in Italien, wurden sie schließlich freigelassen. "Die meisten Fischer sind schockiert, dass sie für eine humanitäre Tat bestraft werden können", sagt M’Charek. Sein Bruder half, das beschlagnahmte Schiff in Italien abzuholen, denn Kapitän Bourassine hat seit seiner Freilassung ein fünfjähriges Einreiseverbot.

Die Fischer von Zarzis sind nicht die Einzigen, gegen die ermittelt wurde, weil sie Menschen in Not geholfen haben. Auch zehn Crewmitgliedern des deutschen NGO-Rettungsschiffes "Iuventa" wird in Italien der Prozess gemacht. Ihr Schiff wurde vor mehr als zwei Jahren beschlagnahmt. Die syrische Leistungsschwimmerin Sarah Mardini und vier ihrer Mitstreiter saßen 100 Tage in Griechenland in Untersuchungshaft, weil sie Menschen aus dem Wasser gezogen hatten. Ihnen wird Spionage, Geldwäsche und Schlepperei vorgeworfen. Und "Lifeline"-Kapitän Claus-Peter Reisch wurde im Mai auf Malta zu 10.000 Euro Strafe verurteilt, weil er ein nicht registriertes Boot in maltesische Gewässer gebracht haben soll.

Dies sind nur wenige Beispiele eines europaweiten Trends, die Seenotrettung zu kriminalisieren. Nur in vier EU-Ländern, darunter Deutschland, ist Profit eine Voraussetzung für den Vorwurf, Schlepper zu sein. In allen anderen Staaten kann auch als Schlepper angeklagt werden, wer aus humanitären Gründen einen Menschen über eine Grenze transportiert hat – so wie die Fischer von Zarzis, die das Flüchtlingsboot in italienische Gewässer gezogen haben sollen. Obwohl bisher nur sehr wenige Menschen für ihren Einsatz für Geflüchtete verurteilt wurden, schüren die europäischen Behörden mit diesen Verfahren ein Misstrauen gegenüber Menschen auf der Flucht und all diejenigen, die sich mit ihnen solidarisch zeigen. Außerdem schränken die Gerichtsprozesse, die sich lange hinziehen und sehr teuer sind, die Aktivistinnen und Aktivisten stark in ihrem Alltag ein und legen ihre Arbeit auf dem Mittelmeer lahm.

Die Folgen dieser Maßnahmen sind am Stadtrand von Zarzis, ein Stück weiter landeinwärts, zu sehen. Ein unbefestigter Weg führt zwischen Olivenfeldern und gelb leuchtenden Chrysanthemen zum Friedhof der Unbekannten. Ganz ruhig ist es auf der kleinen Fläche inmitten von Feldern. Die unscheinbaren Gräber sind Sandhügel mit Blumen darauf. Hier hat Chamseddine Marzoug seit 2011 etwa 400 Menschen beerdigt, die aus Ländern südlich der Sahara stammen. "Wir konnten einfach keine Toten mehr in Müllwagen sehen", sagt er, während er langsam zwischen den Gräbern umhergeht, zwischendurch kurz innehält und sie betrachtet. Er weiß nichts über die anonymen Toten, die an der Küste seiner Heimatstadt gefunden wurden. "Die Einzige, deren Namen wir kennen, ist Rosemary", sagt er und zeigt auf ein Grab mit einem richtigen Grabstein. Eine Cousine und der Freund der Frau waren aus dem Meer gerettet worden, Rosemary jedoch hatte nicht überlebt.

"Die Menschen haben keine Familie", sagt Marzoug ruhig, mit ernstem Blick. "Ich erlaube mir, ihre Familie zu sein." Der 53-Jährige war früher selbst Fischer. Seit einem Unfall fährt er nur noch gelegentlich aufs Meer. Heute ist er für das Rote Kreuz tätig und reist um die Welt, um sich mit Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bereich der Seenotrettung zu vernetzen. Wenn Marzoug über die EU redet, wird klar: Für ihn ist sie gleichbedeutend mit Abschottung und Ertrinkenlassen. "Die EU will zivilisierter sein als alle anderen, dabei besitzt sie kein bisschen Menschlichkeit", sagt er. "Für sie sind diese Toten nur Zahlen, keine Menschen." Das Schlimmste aber sei für ihn, dass die EU-Staaten nun auch die Seenotrettung kriminalisieren wollen. "Das ist, als würden sie direkt zu den Menschen sagen: 'Ertrinkt doch'."

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