Amnesty Journal Russische Föderation 25. September 2018

Maximaler Körpereinsatz

Oleg Sentsovs Auge ist auf einem Plakat zu sehen, das eine Gruppe von Menschen hält

Im Blick behalten. Oleg Sentsov-Plakat auf einer oppositionellen Kundgebung in Moskau, Juni 2018.

Der ukrainische Regisseur Oleg Sentsov befindet sich seit Mai im Hungerstreik. Er fordert die Freilassung von über 60 ukrainischen Gefangenen in Russland und stellt sich damit gegen Putin.

Von Barbara Oertel

"Ich will kein Grab. Ich will verbrannt werden. Verbrannt und die Asche im Meer verstreut. Wenn möglich im Schwarzen Meer und im Sommer, wenn die Sonne scheint und ein frischer Wind weht", schrieb Oleg Sentsov in seiner Kurzgeschichte "Testament", die 2015 erschien. Zu diesem Zeitpunkt saß der ukrainische Filmemacher schon über ein Jahr in russischer Haft. Heute ist der 42-Jährige dem Tod näher als dem ­Leben, er hungert seit dem 14. Mai.

Mit dieser Aktion will Sentsov die Freilassung von 64 ukrainischen Gefangenen erreichen – wohl wissend, dass er vielleicht nicht überleben wird. In einem offenen Brief an Sentsov schrieb der französisch-amerikanische Journalist Jonathan Littell Anfang August: "Das russische Regime versteht nur eine Sache: Macht und das Verhältnis von Macht. Das beginnt ganz oben, bei Präsident Putin, und zieht sich bis nach unten zu dem Vernehmungsoffizier des Geheimdienstes FSB, der Geständnisse ­erzwingt. Das haben Sie verstanden. Für mich erklärt das Ihre Geste, die Nahrung zu verweigern: Das ist eine Art, die Machtverhältnisse zu ändern, sie zu Ihren Gunsten zu verschieben und gegen Ihre Verfolger zu wenden."

Oleg Sentsov wurde am 13. Juli 1976 in Simferopol, der Hauptstadt der ukrainischen Halbinsel Krim, geboren. In seiner Kindheit und Jugend begeisterte er sich für Filme und Computerspiele. Vier Jahre spielte er auf professionellem Niveau und wurde in dieser Zeit sogar ukrainischer Meister. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Kiew, belegte in Moskau Regie- und Drehbuch-Kurse und eröffnete nach seiner Rückkehr nach Simferopol erst einmal einen Computerclub. Seine Geschäfte liefen immerhin so gut, dass er 20.000 US-Dollar zusammenbekam, um 2011 seinen ersten Spielfilm "The Gamer" zu produzieren. Das Stück über einen jungen Computerspieler wurde auch international, etwa beim Filmfestival in Rotterdam 2012, ein voller Erfolg.

Bereits ein Jahr später begannen die Dreharbeiten für "Nashorn" über das Leben von Kindern in den 1990er Jahren. 43 Prozent des Budgets von rund einer Million US-Dollar steuerte da schon der ukrainische Staat bei. Im November 2013 unterbrach Sentsov die Arbeit an seinem Filmprojekt, um sich auf der Krim der Protestbewegung "Automaidan" – nach dem Vorbild des "Euromaidans" in Kiew – anzuschließen. "Der Maidan ist die wichtigste Sache, die ich in meinem Leben gemacht habe. Aber das bedeutet nicht, dass ich ein Radikaler bin", sagte Sentsov später vor Gericht. Als ukrainische Truppen auf ihren Militärbasen blockiert wurden, half Sentsov bei deren Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern. Er engagierte sich in der Bewegung "Für eine einige Ukraine" und gab wiederholt – auch öffentlich – zu Protokoll, dass er die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland im März 2014 nicht anerkenne.

Am 11. Mai 2014 wurde Sentsov vom russischen Geheimdienst FSB festgenommen – und mit ihm der Historiker Alexei Chirnigo, der Fotograf Gennadiy Afanasiev und der Aktivist Aleksandr Kolchenko. Den vier Beschuldigten wird vorgeworfen, mehrere Terroranschläge in Simferopol, Jalta und Sewastopol geplant sowie Brandsätze auf das Büro der Kreml-Partei "Einiges Russland" und das Gebäude der Organisation "Russische Gemeinschaft der Krim" geworfen zu haben. Zudem sollen sie dem nationalistischen paramilitärischen ukrainischen "Rechten Sektor" angehört haben. Die russischen Ermittler behaupten, Sentsov habe die Vorbereitung der Anschläge gestanden. Dessen ­Anwalt, Dmitry Dinze, bestreitet dies. Sentsov selbst sagt, er sei geschlagen und mit Vergewaltigung bedroht worden, um ihm ein Geständnis abzupressen. Ermittlungen wegen der Foltervorwürfe wurden abgelehnt. Sentsov habe sich selbst Verletzungen zugefügt, er stehe auf Masochismus, lautete die Begründung.

Am 21. Juli 2015 begann in Rostow am Don der Prozess gegen Sentsov und seine Mitangeklagten, den Amnesty International als "Prozess wie zu Zeiten Josef Stalins" bezeichnete. Der Hauptbelastungszeuge der Anklage, Gennadiy Afanasiev, zog seine Aussage nach zehn Tagen zurück, da sie unter Folter zustande gekommen sei. Dennoch erging am 25. August das Urteil gegen Oleg Sentsov: Zwanzig Jahre Haft in einem Arbeitslager "mit verschärftem Regime". Sentsov, der auch am letzten Verhandlungstag ein T-Shirt mit volkstümlichen ukrainischen Motiven trug, quittierte den Schuldspruch mit einem Victory-Zeichen. In einer Szene des Dokumentarfilms "Der Prozess" von Askold Kurov sagt Sentsov im Gerichtssaal, die Stäbe eines Eisenkäfigs mit seinen Händen umklammernd: "Ich weiß nicht, was ein Glaube wert sein soll, wenn man nicht bereit ist, dafür zu leiden oder sogar zu sterben."

Im September 2017 wurde Sentsov in die sibirische Straf­kolonie Labytnangi am Polarkreis verlegt – fast 5.000 Kilometer von seiner Heimatstadt Simferopol entfernt. Auch das hat in Russland nach wie vor Methode: Gefangene ihre Strafe möglichst weit entfernt von ihrem Wohnort verbüßen zu lassen, um sie zu isolieren und Kontakte zu Verwandten maximal zu erschweren. Besuche möchte Sentsov ohnehin nicht. Er habe gesehen, dass Häftlinge danach noch in viel größere Depressionen verfallen seien, sagt er. Seine Frau Anna und die beiden halbwüchsigen Kinder würden die beschwerliche Reise wohl auch kaum auf sich nehmen. 2016 erklärte Anna Sentsov Journalisten der Webseite strana.ru, die Scheidung einreichen zu wollen. Als Ehefrau eines politischen Gefangenen könne sie den Unterhalt der Familie nicht sicherstellen.

Wenn es Oleg Sentsov an einem nicht mangelt, dann an Unterstützung im In- und Ausland. Neben hochrangigen Politikern wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sind es Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch sowie zahlreiche Film- und Kulturschaffende aus verschiedenen Ländern inklusive Russlands, die sich unermüdlich für ihn einsetzen. Aber auch ganz normale Bürger in Kiew und anderen ukrainischen bzw. europäischen Städten gehen immer wieder auf die Straße oder organisieren Mahnwachen für ihn. Peter Franck, Russland-Experte von Amnesty, sieht die beeindruckende internationale Solidarität als Antwort auf die Unnachgiebigkeit in dem Fall. "Der Umgang mit Sentsovs Schicksal zeigt, wie wenig Russlands Führung grundlegende Menschenrechte respektiert", sagt er. Die Hoffnung im Westen ist, dass Sentsov vielleicht über einen Gefangenenaustausch freikommen könnte. Doch bislang bleibt Russlands Präsident Wladimir Putin hart. Sentsov wird als russischer Staatsbürger behandelt, und da gilt es, wie so oft im Falle von Andersdenkenden, ein Exempel zu statuieren.

Derweil läuft ein Kampf gegen die Zeit. Laut seines Anwaltes Dmitry Dinze hat Sentsov seit Beginn seines Hungerstreiks fast 30 Kilogramm Körpergewicht verloren. Er trinke jeden Tag 3,5 Liter Wasser und bekomme regelmäßig Vitaminspritzen. Er habe Herzprobleme, und ein akutes Organversagen sei jederzeit möglich. Dennoch hat es nicht den Anschein, als wolle Sentsov aufgeben. In einem Brief, der 2016 aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde, erklärte er: "Sollten wir diejenigen sein, die die Nägel im Sarg eines Tyrannen werden, würde ich gern so ein Nagel werden. Und dieser Nagel wird sich nicht verbiegen lassen."

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