Amnesty Journal Deutschland 20. Januar 2026

NSU-Dokumentationszentrum in Chemnitz: Die Opfer beim Namen nennen

Menschen stehen in einer Ausstellung vor einer Wand, an der gezeichnete Porträts von Menschen aufgehängt sind

Zuhören, Aufarbeiten, Zusammentun: Eröffnungsausstellung in Chemnitz, 2025

Im Mai 2025 eröffnete in Chemnitz das NSU-Dokumentationszentrum "Offener Prozess". Die Betreiber*innen wollen aus der Perspektive der Betroffenen über die rassistische Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe aufklären – und dazu beitragen, dass sich solche Taten nicht wiederholen.

Von Hannah El-Hitami

In der Glasvitrine liegt eine Gebetskette aus türkisblau gemaserten Perlen, dahinter ein Klapphandy im schwarzen Lederetui, wie es Anfang der 2000er Jahre gebräuchlich war. Auch ein Stempel ist hinter der Scheibe ausgestellt. "SIMSEK" steht darauf, und "Blumengroßhandel". Die Gegenstände erinnern an eines der dunkelsten Kapitel Deutschlands seit der Wiedervereinigung. Zehn Todesopfer forderte die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zwischen 2000 und 2007 in verschiedenen deutschen Großstädten.

Das erste Mordopfer war Enver Şim­şek, dem die Gegenstände in der Vitrine gehörten. Die Gebetskette, das Handy, der Stempel: ihre scheinbare Alltäglichkeit verdeutlicht einen besonders perfiden ­Aspekt der NSU-Morde. Die Getöteten ­waren keine einflussreichen Persönlichkeiten, keine politischen Aktivist*innen oder kontroversen Figuren. Sie waren Inhaber eines Blumengroßhandels oder einer Änderungsschneiderei, hatten gerade ein Café oder einen Schlüsseldienst eröffnet. Allein die Tatsache, dass sie Migran­t*innen waren oder einen Migrations­hintergrund hatten, genügte, um sie zur Zielscheibe der rechtsextremen Mör­der*innen zu machen.

Akt der Anerkennung

Die Vitrine mit Şimşeks persönlichen Sachen ist Teil der Dauerausstellung im NSU-Dokumentationszentrum "Offener Prozess", das im Mai in Chemnitz eröffnet wurde. Das in einem umgebauten Bettenlager eingerichtete Zentrum ist das erste seiner Art in Deutschland und hat mehrere Ziele: Es setzt den Opfern ein Denkmal und schafft einen Raum, in dem die Angehörigen und andere von Rassismus Betroffene zusammenkommen können. Zudem klärt es über den NSU-Komplex auf. Dabei geht es den Betreiber*innen nicht nur um die historische Dokumentation, sondern um einen gesamt­gesellschaftlichen Lernprozess, denn ­viele der rassistischen Strukturen und Denkmuster, die die Taten ermöglichten, bestehen bis heute fort.

Es ist 16 Uhr an einem grauen Nachmittag im September. Im hellen Empfangsbereich des NSU-Dokumentationszentrums steht eine Gruppe älterer Männer und sagt im Chor die Namen der ­Opfer auf: "Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, ­Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter." Die richtige Aussprache der Namen macht eine Frau in einem Video vor, die Männer sprechen ihr nach. Ein symbolischer Akt der Anerkennung von Menschen, die viel zu lange ignoriert wurden.

Denn an den NSU zu erinnern, bedeutet nicht nur die Auseinandersetzung mit den Morden. Es bedeutet auch, das Versagen des Staates, der Medien und der Gesellschaft aufzuarbeiten. Lange Zeit nahmen sie die Opfer aufgrund ihrer Herkunft nicht ernst. Obwohl die Ange­hörigen schon früh von rechtsextremen Taten ausgingen, wurden sie selbst als Täter*innen verdächtigt. "Den Angehörigen wurde elf Jahre lang nicht geglaubt, vom ersten Mord bis zur Selbstenttarnung des NSU", sagt Adam Harfouch. Auftrag des Dokumentationszentrums sei daher, die Perspektive der Angehörigen und Opfer hervorzuheben und zu dokumentieren. Der Fokus liegt aber nicht nur auf der ­Vergangenheitsbewältigung: "Indem wir verstehen, was passiert ist, entwickeln wir eine Haltung, mit der wir in der Gegenwart aktiv werden können."

Kunst kann helfen, Ohnmacht in Handlung umzusetzen.

Adam
Harfouch

Adam Harfouch leitet im Doku-Zentrum die sogenannte "Assembly", den Treffpunkt für Angehörige und andere von Rassismus Betroffene. Die Assembly ist nicht nur ein physischer Raum, sondern auch eine Programmreihe. Seit der Eröffnung gab es bereits mehrere Workshops, von Hip-Hop bis Buchbinden. Die künstlerischen Ansätze sollen den Betroffenen helfen, neue Ausdrucksformen zu finden, sagt Adam Harfouch. "Manchmal kann man sich nicht mit Worten ausdrücken. Dann hilft Kunst dabei, Ohnmacht und Sprachlosigkeit in Handlung umzusetzen."

Von Künstler*innen gestaltet

Der künstlerische Ansatz zieht sich durch das gesamte Programm des Zentrums. Alle Elemente der Ausstellung wurden von Künstler*innen gestaltet. Und auch das vielfältige Abendprogramm ist von künstlerischen Perspektiven geprägt. An jenem Tag im September sprechen bei einer Podiumsdiskussion der Schriftsteller Max Czollek, die vietnamesisch-ostdeutsche Filmemacherin Claudia Tuyêt Scheffel und die Leiterin des Zentrums, Lydia Lierke, über die verschiedenen ­Bedeutungen von Heimat. Etwa 50 Besucher*innen verschiedener Altersgruppen sind im Eingangsbereich des Zentrums zusammengekommen, der auch als ­Begegnungsort fungiert. Das war der Wunsch der Angehörigen, die die Räume mitgestaltet haben. Der Empfangs­bereich, der direkt in den Ausstellungs­bereich übergeht, ist hell und offen, die Wände sind in knalligen Farben gestrichen. Auf einer Theke steht eine massive messingfarbene Chai-Maschine. Darüber ist an die Wand ein Spruch geschrieben, auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch und anderen Sprachen: "Zuhören, Auf­arbeiten, Zusammentun". 

Doch auch wer das Dokumentationszentrum nicht betritt, kommt an seiner Botschaft nicht vorbei. "WIR FORDERN" steht in großen gelben Buchstaben auf der langen Fensterfront. Auf kleinen Bildschirmen werden die Forderungen in digitalen Lettern konkretisiert: "Wir fordern die aktuelle Bundesregierung dazu auf, Angela Merkels Versprechen zu halten und 'alles zu tun, um die Morde aufzuklären'." Oder: "Wir fordern, dass gegen alle Unterstützer*innen des NSU ermittelt und sie zur Rechenschaft gezogen werden." Die Angehörigen der Opfer wollten, dass ihre Forderungen auch von außen sichtbar sind. So werden sie direkt in die Innenstadt von Chemnitz getragen, einer Stadt, die für den NSU von zentraler Bedeutung war.

Rechte Mehrheit im Stadtrat

Viele Jahre lebten die NSU-Grün­der*in­nen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unbehelligt in Chemnitz und wurden von der rechtsextremen Szene vor Ort unterstützt. In Chemnitz führten sie Raubüberfälle durch, um ihre Taten zu finanzieren, von dort aus planten sie die Anschläge und Morde. Einige Unterstützer*innen des NSU leben bis heute dort. Zudem sind rechte Einstellungen in der Bevölkerung weit verbreitet. Die AfD ist die größte Partei im Stadtrat und gewann bei der Bundestagswahl das Direktmandat. "Gleichzeitig sieht man, wenn man durch die Innenstadt läuft, dass Chemnitz eine sehr migrantisch geprägte Stadt ist", sagt Lydia Lierke. Das Zentrum soll diese Vielfalt sichtbar machen, ein Ort sein, wo Menschen mit Migrationsgeschichte politisch aktiv werden können.

Zu tun gibt es noch viel. Der NSU-Komplex stehe für eine Kontinuität rassistischer Gewalt in Deutschland, die bis heute Opfer fordere, sagt Lydia Lierke. "Wenn man über den NSU-Komplex spricht, muss man auch über die Ermordung von Oury Jalloh sprechen, über die Anschläge in Hanau oder in Halle." Dass die jahrelangen Kämpfe der Betroffenen nicht umsonst sind, zeige sich an kleinen Veränderungen. "Nach dem Terroranschlag in Hanau wurden in den Medien sehr schnell die Namen der Opfer genannt", sagt Lydia Lierke. Mit Namen ­genannt zu werden, bedeutet, von der ­Gesellschaft als Mensch gesehen und ­betrauert zu werden. Was nach dem ab­soluten Minimum klingt, wurde den NSU-Opfern Anfang der 2000er Jahre noch verweigert.

Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Weitere Informationen zum Thema Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und zum NSU-Prozess.

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