Klima der Angst: Aufrüstung beschleunigt Klimakrise
Deutsche Soldaten verlegen Patriot-Luftabwehrsysteme an der NATO-Ostflanke in Polen (Jasionka nahe Rzeszow, Januar 2025)
© Dominika Zarzycka/NurPhoto/imago images
Die weltweite Aufrüstung beschleunigt den Klimawandel und ist verantwortlich für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen.
Von Annette Jensen
Die Klimakrise zwingt immer mehr Menschen zur Flucht, bedroht die Stabilität von Gesellschaften und schürt bewaffnete Konflikte. Zugleich rüsten viele Staaten gegenwärtig stark auf – und befeuern so die Erderwärmung weiter. Ein Teufelskreis. Wäre das Militär ein Staat, wäre es der viertgrößte Emittent klimaschädlicher Gase hinter den USA, China und Indien, hat die Organisation Conflict and Environment Observatory im Auftrag der UNO errechnet.
Es gibt zahlreiche Studien zu dem Thema, doch anders als in den Bereichen Energiewirtschaft oder Verkehr ist die Datenlage zu Rüstung und Militär schwierig. Zwar legte das Kyoto-Protokoll 1997 verbindliche Zielwerte zur Reduktion von Treibhausgasen für die Industrieländer fest. Doch bereits in der Regierungszeit von Bill Clinton betrieb das Pentagon äußerst erfolgreich Lobbyarbeit und erreichte so, dass militärisch bedingte Treibhausgasemissionen bis heute nicht erfasst werden müssen. Zur Begründung wurde auf die nationale Sicherheit verwiesen, die die Geheimhaltung entsprechender Informationen erfordere.
Deshalb muss die Wissenschaft die Zahlen mühsam recherchieren. Es geht sowohl um Emissionen, die bei der Produktion von Waffen anfallen, als auch um den Treibstoff für die Flugzeuge, Kriegsschiffe und Panzer. In vielen Fällen ist eine klare Zuordnung schwierig. Zum einen werden die CO2-Mengen, die bei der Produktion von Rüstungsgütern entstehen, dem Herstellerland angelastet. Zum anderen werden Benzin und Diesel für Panzer und Flugzeuge häufig von zivilen Schiffen oder per Bahn in Kriegsgebiete transportiert, sodass der Verbrauch der Armeen schwer zu berechnen ist.
Die Politikwissenschaftlerin Neta Crawford beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema und geht davon aus, dass allein das US-Militär zwischen 1979 und 2023 die Atmosphäre mit fast vier Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten zusätzlich belastet hat. "Die Emissionen steigen parallel zu den Militärausgaben, und gegenwärtig ist eine besonders kritische Zeit", sagte sie der Zeitung The Guardian und beschrieb die aktuelle Entwicklung als eine sich immer schneller drehende Abwärtsspirale.
Teufelskreis Krieg und Klima
Von 2021 bis 2024 sind die Verteidigungsausgaben der EU-Mitglieder bereits um mehr als 30 Prozent gestiegen. Im Juni 2025 sagten sämtliche NATO-Staaten außer Island zu, ihre Militärausgaben auf mindestens zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung zu erhöhen; im Jahr 2035 sollen es dann 3,5 Prozent sein. Die Bundesregierung will das Ziel sogar bereits in vier Jahren erreichen. Auch US-Präsident Donald Trump will den Wehretat erhöhen; im US-Haushaltsentwurf ist ein Plus von 13 Prozent vorgesehen. Insgesamt sind schon heute die Ausgaben für Waffen und Armeen so hoch wie nie zuvor, bilanziert das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI in seinem aktuellen Bericht: Mehr als 2,3 Billionen Euro hat die Welt 2024 für das Militär ausgegeben.
Die Organisation Scientists for Global Responsibility schätzt, dass die Armeen der Welt bereits heute für 5,5 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich sind – das ist etwa so viel, wie die zivilen Flugzeuge und Schiffe zusammen ausstoßen. Der Einsatz der Waffen in den aktuellen Kriegen und Konflikten vervielfacht das Problem, wie unter anderem eine Studie der Initiative zur Treibhausgasbilanzierung von Kriegen (IGGAW) zum Krieg in der Ukraine zeigt.
Aus Menschenrechtsperspektive ist all das fatal. Humanitäres Völkerrecht und Menschenrechte werden in allen bewaffneten Konflikten massiv verletzt. Zugleich sorgt die zunehmende Klimaerwärmung für weitere Wasser- und Landkonflikte und untergräbt damit sowohl das friedliche Zusammenleben als auch die Lebensgrundlagen von Menschen. Darüber hinaus stammen viele für die Rüstungsproduktion notwendige Rohstoffe aus Ländern, in denen niedrige Arbeitsrechts- und Umweltstandards gelten. Oft leiden gerade diese Länder besonders stark unter der Klimaerhitzung.
"Rüstung, Kriege und Klimakatastrophe bilden eine verhängnisvolle Eskalationsspirale, sie tragen massiv zur Verletzung von Menschenrechten bei. Anstatt Maßnahmen gegen diese gefährliche Entwicklung zu ergreifen, gießen die Staaten eher noch Öl ins Feuer", sagt Mathias John, Experte für Wirtschaft, Rüstung und Menschenrechte von Amnesty Deutschland. Außerdem ignorierten Rüstungsfirmen weitgehend ihre menschenrechtlichen sowie umwelt- und klimabezogenen Sorgfaltspflichten.
Problem Konfliktstoffe
Das zeigt eine Ende 2024 veröffentlichte Liste der NATO mit zwölf kritischen Rohstoffen für die Rüstungsindustrie. So wird Graphit aufgrund seiner hohen Festigkeit und Hitzebeständigkeit für Panzer und Kriegsschiffe gebraucht und verhilft U-Booten zu einer Tarnkappe. Hauptförderland ist China, wo es zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen kommt. Doch auch im Norden des krisengeschüttelten Mosambiks gibt es bedeutende Vorkommen.
Ebenfalls in Mosambik wird Titan abgebaut. Hightech-Branchen brauchen den Stoff, weil er nicht korrodiert, leichter ist als Stahl und zugleich sehr fest. In Mosambik extrahiert der chinesische Konzern Haiyu Titan aus Sandvorkommen. Amnesty hat dokumentiert, dass das Unternehmen durch Abraumaufschüttungen natürliche Entwässerungswege blockiert hat und so eine Sturzflut verursachte. Die Wassermassen rissen Teile eines Küstendorfs mit sich und machten fast 300 Menschen obdachlos. Der Abbau hat zudem dafür gesorgt, dass Lagunen austrocknen, damit wurden traditionelle Nahrungsquellen zerstört, und der Zugang zu Trinkwasser fehlt nun. Der mosambikanische Staat unternimmt jedoch kaum etwas dagegen, vielmehr befeuert der Rohstoffreichtum die Korruption. Mosambik zählt zu den ärmsten Ländern der Erde und ist stark vom Klimawandel betroffen, besonders durch Wirbelstürme.
Auch auf Aluminium ist die Rüstungsindustrie bei Raketen und vielen Fahrzeugen angewiesen, weil das Metall leicht und robust ist. Hergestellt wird es aus Bauxit, das beispielsweise in Guinea in großen Mengen aus dem Boden gesprengt wird. Die Anwohnenden leiden unter Atemwegserkrankungen, und die Erschütterungen destabilisieren ihre Häuser, wie eine Studie der Menschenrechtsorganisation FIAN belegt. Auf den Feldern gehen Staubwolken nieder, die die Ernten stark dezimieren. Involviert
in den Abbau ist auch Deutschland: Die deutsche Direktbank ING-DiBa finanzierte den Ausbau der Sangaredi-Mine, und die Bundesregierung sicherte den Kredit im Rahmen ihrer Außenwirtschaftsförderung ab – obwohl Expert*innen vor Menschenrechtsverletzungen warnten. Seit dem Militärputsch 2021 gibt es in Guinea willkürliche Verhaftungen und Zensur; ein bekannter Journalist ist verschwunden. Zugleich sind in dem Land bereits seit der Jahrtausendwende Klimaveränderungen in Form von höheren Temperaturen und geringeren Niederschlägen deutlich spürbar. Dabei verursachte Guinea nur 0,01 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Amnesty-Experte John warnt: "Am Ende der Aufrüstung steht immer mehr Leid für die Betroffenen von Klimaungerechtigkeit, Krieg und verantwortungsloser Rohstoffausbeutung."
Annette Jensen ist Autorin und Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Weitere Informationen zum Thema: Klimakrise und Menschenrechte.