Amnesty Journal Frankreich 30. Januar 2026

Frankreichs koloniales Erbe: Rückgaben geraubter Kulturgüter

Ein Mann in Sakko trägt einem von einem gestreiften Tuch verhüllten Gegenstand durch einen Raum mit Säulen.

Übergabezeremonie für drei Schädel, die Frankreich während der kolonialen Besatzung raubte (Frankreich, Paris, August 2025)

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron verfolgt eine neue kulturpolitische Linie im Umgang mit den ehemaligen Kolonien. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Rückgabe geraubter Kulturgüter.

Von Frédéric Valin

Im ausgehenden 19. Jahrhundert begann in Madagaskar die Kolonialisierung. Nachdem Frankreich ein Protektorat über die ganze Insel ­errichtet hatte, der madegassische Widerstand aber nicht abebbte, organisierte Paris eine Militärexpedition: Die Truppen des Königs Toera, der den Westen der Insel beherrschte, wurden 1897 geschlagen; kurz ­darauf tauchte das ­französische Heer vor Ambiky auf, der Hauptstadt des Königs.

Bis heute kursieren verschiedene Versionen darüber, was Ende August 1897 in Ambiky geschah. Einige – auch französische – Augenzeug*innen berichten, Toera habe die Tore öffnen lassen und Frieden angeboten. Daraufhin seien die französischen Soldaten in die Stadt eingezogen, doch nicht etwa in friedlicher ­Absicht, sondern um zu plündern und die 5.000 Einwoh­ner*in­nen zu massakrieren. König Toera wurde enthauptet und sein Schädel sowie die zweier Getreuer nach Paris gebracht. Dort lagerten sie im Keller des Museums für Naturgeschichte, bis sie im August 2025 an Madagaskar zurückgegeben wurden.

Bis zu 90 Prozent afrikanischer Kulturgüter geraubt

Frankreich hat unter Emmanuel ­Macron eine neue kulturpolitische Linie bezüglich geraubter Kulturgüter und menschlicher Überreste gesucht und gefunden. Die Neuausrichtung begann mit einer vielbeachteten Rede des Präsidenten vor Studierenden der Universität von Ougadougou im Jahr 2017, die unmissverständlich klarstellte, dass das geraubte kulturelle Erbe Afrikas an seine Ursprungsorte zurück müsse. 2018 legten der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy einen Bericht vor, den sie im Auftrag der französischen Regierung verfasst hatten. Darin heißt es, dass bis zu 90 Prozent der afrikanischen Kulturgüter geraubt worden seien und sich nun in ­europäischen Museen befänden.

Wie wichtig Rückgaben sind, lässt sich an der enormen Resonanz vor Ort erkennen.

Macrons Rede in Burkina Faso und seine konkrete Ankündigung, innerhalb von fünf Jahren gesetzliche Grundlagen für Restitutionen zu schaffen, fand in den ehemaligen Kolonien ein breites, überwiegend positives Echo. Doch die Rückgaben beschränken sich bislang auf Einzelfälle. Ein prominentes Beispiel sind die Königsstatuen des Königreichs Dahomey, die 2021 an Benin übergeben wurden. Doch angesichts Tausender Restitu­tionsanfragen bewegen sich die tatsäch­lichen Rückgaben im Promillebereich. ­Allein Algerien übergab der französischen Regierung 2022 eine Liste mit 100 geraubten Objekten, seither folgten weitere Anfragen. 

Für jede Restitution ein eigenes Gesetz

Frankreich befinde sich "erheblich im Rückstand", sagte die Anthropologin Saskia Cousin der Nachrichtenagentur AFP. Bénédicte Savoy zog in einem Interview mit dem Radiosender France Inter hingegen ein positiveres Zwischenfazit: Zwar habe Frankreich noch nicht viele Objekte restituiert, doch habe Macrons Rede einiges ins Rollen gebracht. So hätten sich zum Beispiel Deutschland und die USA merklich bewegt. Im Jahr 2022 übergab beispielsweise die damalige Außenministerin Annalena Baerbock 20 geraubte Benin-Bronzen an Nigeria. Im gleichen Jahr übergaben auch die National Gallery of Art und das Smithsonian National Museum of African Art 30 Benin-Bronzen, ebenfalls an Nigeria. Ein Grund für den Rückstand in Frankreich ist die bislang geltende Gesetzgebung ­bezüglich staatlich erworbener Kunst: Für jede Restitution muss ein eigenes Gesetz verabschiedet werden. Eine Neuregelung soll das Rückgabeverfahren nun vereinfachen und erheblich beschleunigen. Über ein entsprechendes Gesetz diskutierte die Nationalversammlung im Juli 2025 in erster Lesung, im Herbst sollte es eigentlich verabschiedet werden.

Doch gibt es noch einige Kontroversen, etwa darüber, ob einzelne Länder von dem neuen Verfahren ausgeschlossen werden können. Besonders Algerien ist hier im Blick:  Die Beziehungen ­zwischen Frankreich und dem nordafrikanischen Staat haben derzeit einen Tiefpunkt erreicht. Frankreich blockiert Visa hochrangiger algerischer Regierungsvertreter*innen, während die algerische Justiz den 80-jährigen franko-algerischen Schriftsteller Boualem Sansal und den französischen Journalisten Christophe Gleizes zu langjährigen Haftstrafen verurteilte.

Senegal baut Museen

Emmanuel Macron hatte in seiner Rede in Ougadougou auch der Hoffnung Ausdruck verliehen, die Rückgaben könnten die Beziehungen Frankreichs zu den ehemaligen Kolonien verbessern. Dieser Wunsch hat sich bislang nicht erfüllt: In den meisten betroffenen Ländern, und nicht nur in Algerien, ist das Ansehen der einstigen Kolonialmacht heute so schlecht wie noch nie seit den 1960er Jahren. Angesichts der Wunden aus der Vergangenheit ist die Restitution geraubter Kulturgüter das absolute Minimum. "Es geht vor allem um eine materielle und ideelle Wiedergutmachung der Verbrechen, die Frankreich während der Kolonialzeit beging", stellt der Historiker Jeannot Rasoloarison fest, der an der Universität von Antananarivo in Madagaskar lehrt. Er bezieht sich dabei nicht nur auf das Unrecht von 1897, sondern auch auf das Jahr 1947, als sich die madegassische Bevölkerung gegen die französischen Kolonialherren erhob. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, man geht heute von bis zu 100.000 Opfern aus. Unbestritten sind Massenexekutionen, systematische Folter und die Vernichtung ganzer Dörfer.

Im Senegal hat bereits die Ankündigung von Rückgaben zu einem kulturellen Boom geführt. 2018 wurde das Musée des Civilisations noires eröffnet, das Museum Bët-bi steht kurz vor der Fertigstellung, mehrere weitere Bauprojekte sind im Gang. Das Land kann hier seine kulturelle Vergangenheit finden und erforschen, gleichzeitig sind die Museen auch Orte für zeitgenössische afrikanische Kultur. Die Restitution verändert aber auch den Umgang europäischer Museen mit afrikanischer Kunst. Darauf hat Bénédicte Savoy in den vergangenen Jahren immer wieder hingewiesen. Denn trotz der Rückgaben bleiben viele Kulturgüter in Europa, doch ist es kaum noch möglich, sie rein exotisierend auszustellen und den historischen Kontext ihrer Erwerbung und die gewaltvolle Geschichte des Kolonialismus zu verschweigen.

Wie wichtig die Rückgaben sind, lässt sich auch an der enormen Resonanz der Bevölkerung vor Ort erkennen: So versammelten sich Zehntausende Menschen, als die menschlichen Überreste von König Toera und seinen beiden Begleitern auf dem madegassischen Flughafen Ivato ­eintrafen. Der Schädel Toeras soll nun im königlichen Grab in der Region Menabe beigesetzt werden. Eine staatliche Gedenkveranstaltung gab es auch im Mausoleum Ambohitsaina, jenem Ort, an dem unter anderem die Opfer des Aufstands von 1947 beerdigt wurden.

Frédéric Valin ist freier Autor und Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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