Amnesty Journal Philippinen 13. Oktober 2023

Im Schutz der Gruppe

Zwei philippinische Männer sitzen nebeneinander in einem Zimmer. Einer trgät Hemd und sein gewelltes Haar bis fast zur Schulter. Der andere trägt das Haar kurz nach hinten gegelt und ein T-Shirt.

Arbeitsteilung: Elvin Jay (l.) kritisiert mit seinen Werken die Familie Duterte, Andrei Venal den Marcos-Clan.

Seit einem Jahr regiert Ferdinand Marcos Junior die Philippinen. Der Sohn des einstigen Diktators will nicht zuletzt den Namen seiner Familie rehabilitieren. Die Künstler*innen vom Kollektiv Dakila haben damit ein Problem, doch ist ihre kritische Arbeit nicht ungefährlich.

Von Felix Lill

Hier kann man sich dann durchklicken durch alles, was so passiert ist", erklärt Andrei Venal nüchtern. Der Laptop vor ihm auf dem großen Arbeitstisch zeigt eine blutrot untermalte Landkarte, die an diversen Stellen mit Links versehen ist. Im Norden zum Beispiel, auf der philippinischen Hauptinsel Luzon, ist das "Talugtug Massacre" vom 3. Januar 1982 eingetragen: "Gegen sieben Uhr abends wurden fünf junge Männer in Talugtug zum letzten Mal gesehen, umzingelt von Militärpersonal. Am nächsten Tag wurden ihre toten Körper entdeckt. Das Militär hielt sie für Kommunismus-Sympathisanten." Das Massaker ist eines der Verbrechen, die unter Präsident Ferdinand Marcos Senior die Philippinen erschütterten. In dem von Andrei Venal mitentwickelten Online­museum "Martiallaw.ph" werden möglichst viele davon dokumentiert. "Unsere Arbeit ist nie zu Ende", sagt der 38-jährige Künstler.

Marcos Senior regierte das Land von 1965 bis 1986, die Hälfte der Zeit diktatorisch. Zehntausende Fälle, darunter Verhaftungen, Folter und Mord, die während der Diktatur bis zur demokratischen Revolution von 1986 geschahen, lassen sich kaum alle verschriftlichen. Doch stellt das Onlinemuseum des Künstlerkollektivs Dakila wenn möglich weiterführende Quellen zu Verfügung. "Nichts darf vergessen werden", findet Venal.

Etwa ein Dutzend Künstler*innen von Dakila widmen sich der Aufarbeitung der Vergangenheit. Sie haben in Quezón City, einem Ort im Zentrum der Metropolregion Manila, ein zweistöckiges Haus gemietet. Es ist eine Mischung aus WG, Bibliothek und Atelier: Hier hängen Plakate, dort stapeln sich Bücher, überall stehen verkabelte Laptops herum. Mit ­ihrer Arbeit betreiben sie nicht nur Geschichtsschreibung, sondern auch Tagespolitik, erklärt Venal: "Denn mit dem ­aktuellen Präsidenten findet eine Rein­waschung des Namen Marcos statt. Und das ist sehr, sehr beunruhigend. Schließlich regiert nun ein Mann im Land, der denselben Namen trägt wie der, der damals für all die Massaker verantwortlich war."

Wahlkampf mit Fehlinformationen

Seit Ende Juni 2022 ist Ferdinand ­Marcos Junior Präsident der Philippinen, nach ­einem von Influencern und Fehlinfor­mationen geprägten Wahlkampf. Die ­Bevölkerung des südostasiatischen 114-Millionen-Landes ist überwiegend jung und arm. Viele Menschen wissen wenig über die nationale Geschichte und haben die Diktatur nicht mehr selbst erlebt. Dennoch war der Wahlsieg von Marcos ­Junior für viele ein Schlag ins Gesicht, denn der neue Präsident hat sich nie von seinem Vater distanziert. Und es gibt Befürchtungen, dass die Demokratie in den Philippinnen einmal mehr demontiert wird.

"Wir müssen immer noch austarieren, was unter Marcos Junior möglich ist und was nicht", sagt Andrei Venal. Dessen größtes Vorhaben sei schließlich, ­seinen Nachnamen zu rehabilitieren, den Schmutz all der Menschenrechts­verletzungen seines Vaters abzuschütteln, damit der Name Marcos nicht mehr mit Morden, sondern mit Fortschritt ­verbunden werde. Künstler*innen, die in ihren Werken die Erinnerungen an die Morde und Verhaftungen wachhalten wollen, könnten in Schwierigkeiten ­geraten.

Die Befürchtungen sind berechtigt. Im Mai 2023 wurde Bambi Beltran fest­genommen, eine der prominentesten Dichterinnen und Filmemacherinnen des Landes, weil sie die Regierung wiederholt kritisiert hatte. Unbequeme Stimmen werden auf den Philippinen häufig diskreditiert, indem man sie öffentlich als "kommunistisch" bezeichnet. Da die Kommunistische Partei der Philippinen bewaffnet und als Terrorgruppe eingestuft ist, erlaubt ein Anti-Terror-Gesetz, Personen festzunehmen, die des Kommunismus verdächtigt werden. Häufig ist der Kommunismus-Vorwurf jedoch Teil gezielter Rufmordkampagnen.

Cartoonist erschossen

Diese als "Red-tagging" bezeichnete Taktik richtet sich immer wieder auch ­gegen Personen aus der Kunstszene. So wurde im November 2022 der Lehrer und Cartoonkünstler Sultan Kudarat erschossen, nachdem er zuvor Opfer von Red-tagging geworden war. Er hatte mit Karikaturen auf Desinformationskampagnen hingewiesen und damit auch die Regierung kritisiert. "Wir beobachten das sehr genau", sagt Andrei Venal. "Deshalb gibt es auch viel Selbstzensur."
Kollektive wie Dakila können darauf gut reagieren. So machten zuletzt bedruckte Postkarten die Runde, auf denen die Forderung prangte: "Free all political prisoners!" Wer sie produziert hatte, ­wurde nicht angegeben. Dies diene dem Schutz der Künstler*innen, sagt Venal, ­außerdem würden sich die Karten auch in anderen Ländern der Region nutzen lassen wie Kambodscha oder Myanmar.

Obwohl sich auf den Philippinen in den 1980er Jahren formal die Demokratie durchgesetzt hat, haben es Andersdenkende bis heute schwer. "Sogar unter ­Präsident Aquino, dem Sohn des demokratischen Revolutionärs, wurden Aktivisten getötet", sagt Elvin Jay, der ebenfalls bei Dakila aktiv ist. Und unter Rodrigo Duterte, der von 2016 bis 2022 das Land regierte, waren außergerichtliche Hinrichtungen Teil der offiziellen Regierungspolitik: Rund 30.000 Personen, die mutmaßlich im Zusammenhang mit Drogen standen, wurden im Namen der "öffentlichen Sicherheit" getötet. Doch während die Opfer der brutalen Politik von Rodrigo Duterte noch immer um Gerechtigkeit kämpfen, ist mit Sara Duterte die Tochter des Ex-Präsidenten nun Vizepräsidentin.

Unheilige Familienallianz

Kritiker*innen bezeichnen das Tandem aus Duterte und Marcos Junior als "unheilige Allianz", die versucht, ihre Familien vor juristischer Verfolgung und einem schlechten Ruf zu schützen. "Leider sind sie dabei ziemlich erfolgreich", sagt der 25-jährige Elvin Jay. Die von Influencer*innen geprägte Welt der Online-Netzwerke haben die Familien Marcos und Duterte bereits weitgehend auf ihre Seite gebracht. Menschenrechtler*innen werden Opfer von Red-tagging, und die Geschichte wird beschönigt: Influencer*innen stellen Marcos Senior als einen Präsidenten dar, unter dem die Volkswirtschaft boomte und soziale Ordnung herrschte.

Dass dies eine verkürzte Darstellung ist, ließe sich zwar nachlesen. Aber diese Mühe machen sich allenfalls gebildete Eliten. Und auch die sollen offenbar nicht ständig an staatliche Brutalität erinnert werden. So entfernten die Kurator*innen einer öffentlich finanzierten Ausstellung kürzlich ein Werk von Elvin Jay unmittelbar nach der Vernissage. "Ich hatte eine Wanduhr entworfen, deren Zeiger eine Pistole ist", erzählt der Künstler. "Wenn die Uhr zwölf schlug, hörte man Schüsse aus der Pistole. Es war eine Erinnerung an die Erschießungen vermeintlicher Drogenabhängiger unter Duterte, die meistens nachts stattfanden, wenn keine Zeugen zugegen waren." Jay grinst, als er die Geschichte erzählt, doch hat ihn diese Erfahrung auch beunruhigt: "Man weiß nie, was zu viel ist." Sein Kollege Andrei Venal schwört daher auf Arbeitsteilung: "Elvin kritisiert mit seiner Kunst Duterte, andere von uns kritisieren Marcos." So habe man bessere Chancen, ab und zu noch öffentliches Geld für Projekte einzuwerben. "Aber sobald sie uns als Gruppe angehen, sind wir erledigt."

Felix Lill ist freier Südostasien-Korrespondent. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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