Amnesty Journal Mexiko 09. Mai 2019

Den Hinter­männern auf der Spur

Eine Frau steht vor großen Steinbrocken und blickt in die Kamera

Isela González Díaz setzt sich in Chihuahua für Land- und Umweltrechte ein. Im Frühjahr 2019 kam sie für eine Konferenz nach Berlin. 

Die Anthropologin Isela González Díaz kämpft in Mexiko an der Seite von Indigenen für Land- und Umweltrechte – unter großer Gefahr. 

Von Lea De Gregorio 

Ohne Polizeischutz fährt Isela González Díaz nicht mehr in die Dörfer, in denen sie seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet. Meist hält sie sich in Chihuahua auf, der Hauptstadt des gleichnamigen nordmexikanischen Bundesstaats. Aber auch dort ist die Gefahr allgegenwärtig: In ihrem Büro gibt es einen Alarmknopf, um die Sicherheitskräfte zu rufen.

Geboren wurde die Anthropologin und Krankenschwester 1954. Seit vielen Jahren leitet sie die Organisation Alianza Sierra Madre AC, die sich in Chihuahua für Land- und Umweltrechte einsetzt. Sie begleitet Menschen, die von Vertreibung betroffen sind, leistet Indigenen juristischen Beistand. 

In Mexiko reicht das bereits, um bedroht zu werden. In kaum einem anderen Land der Welt werden so viele Morde an Menschenrechtsverteidigern verübt – allein 2018 kamen nach Angaben der Organisation Front Line Defenders 48 Personen aufgrund ihres menschenrechtlichen Engagements ums Leben. Umwelt- und Landrechtsverteidiger seien am stärksten gefährdet, sagt González.

Die Gemeinschaften, die sie unterstützt, wehren sich gegen Rodungen, Drogenanbau und Bergbau. Vorangetrieben wird der Raubbau an der Natur von mächtigen lokalen Größen, die erbost darüber sind, dass Organisationen wie Alianza Sierra ­Madre und andere zivilgesellschaftliche Gruppen mit rechtlichen Mitteln gegen sie vorgehen. González ist keine Indigene, sie kennt die Gemeinschaften, die sie unterstützt, jedoch sehr gut. Sie will ihnen helfen, die biologische Vielfalt in ihrem ­Umfeld zu schützen. Denn die Natur ist nicht nur ihr Lebensraum, sondern essenzieller Bestandteil ihres spirituellen ­Weltbilds. 

Wir wollen wissen, wer die Täter sind

Isela
González Díaz

Dem steht die neoliberale Vision der lokalen Machthaber gegenüber, die auf Profit aus ist und die Natur nicht bewahren, sondern zerstören will. "Für sie ist alles ein Gut, eine Ware, aus der man Gewinn schöpfen kann", kritisiert González. Bei einer Veranstaltung in Berlin sitzt sie im April mit anderen Frauen auf dem Podium. Ihre Ohren ziert Holzschmuck mit pinken Schmetterlingen. Sie lacht gern, doch wenn sie von Verbrechen an Landrechtsaktivisten spricht, wird sie wütend, spricht laut und gestikuliert wild mit den Händen. Bei der Veranstaltung geht es um Menschenrechtsverteidiger, die in ihrem Land ermordet wurden, um willkürliche Haft ohne Gerichtsprozess.

Unermüdlich kämpft die Anthropologin um Aufklärung, ist auf der Suche nach Wahrheit und Klarheit über das, was geschehen ist. "Wir wollen wissen, wer die Täter sind", sagt sie und meint damit nicht nur diejenigen, die Landrechtsaktivisten umbrachten, die Unbekannten, die abgedrückt haben, sondern auch ihre Hintermänner. Sie vermutet finanzielle Interessen, Verstrickungen in andere Verbrechen.

Den Landrechtsverteidiger Julián Carrillo etwa hat Isela González im Oktober vergangenen Jahres bei einem Workshop ihrer NGO zum letzten Mal gesehen: Wenige Tage, nachdem er in sein Dorf zurückkehrte, wurde er erschossen. Und das, obwohl er unter staatlichem Schutz stand – so wie sie. Dennoch, so González in Berlin, werde sie den gefährlichen Kampf nicht aufgeben, "egal um welchen Preis". 

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