Amnesty Journal 08. September 2021

Einladung zum langen Blick

Eine blonde Frau in einem kurzärmeligen Hemd mit Kragen steht am Meer, das sich bis zum Horizont erstreckt.

Michael Danner: "Migration as Avantgarde".

Die Fotokunst hat das Internet als Medium erobert. Thematisiert werden auch Flucht, Rassismus, Polizeigewalt und Frauenverachtung – ein kleiner Rundgang durch aktuelle Präsentationen.

Von Klaus Ungerer

Gemälde, Skulpturen und Performances waren auf den Höhepunkten der Pandemie nicht mehr live erlebbar, ein guter Teil ihrer Aura fiel durch die Präsentation im Internet weg. Die Fotokunst hingegen hatte ihr Medium nicht unbedingt verloren. Sie wirkt und bereichert auch im Netz. Die Fotografin Ioana Moldovan hat eines der menschlichen Dramen der Gegenwart dokumentiert: die Massenflucht nach Europa. Moldovan folgte dem Exodus derer, die aus Syrien und anderen geplagten Ländern kommend, versuchten, sich und ihre Familien in Europa in Sicherheit zu bringen. In den Medien tauchten sie meist namenlos, als amorphe Masse auf. Moldovan zeigt uns ihre Gesichter, zeigt uns die halb verglimmte Hoffnung, den unbedingten Überlebenswillen, das stoische Ausharren an den Grenzen und in den Auffanglagern, den neugierigen Blick eines Kindes inmitten der Not. Die Fotografin hat das reale Drama eingefangen, aber nirgends ausgeschlachtet, und manchmal findet sie sogar noch einen Moment des Friedens im Unfrieden der Odyssee.

Flüchtlinge warten mit ihrem Gepäck hinter einem Absperrband.

Ioana Moldovan: "Refugees’ Passage to Europe".

Was war das Ziel der heimatlos Gewordenen? Michael Danner, der auch für das Amnesty Journal fotografiert, zeigt in kühl gefundenen, wie inszeniert erscheinenden Fotos das Europa, das so vielen Menschen eine wohlgeordnete Heimat ist, da es seine Konflikte in andere Weltregionen ausgelagert hat und seine Aggressionen auf eine stille Weise im Alltag auslebt: Flure im Neonlicht, Zäune und Stacheldraht, Amtsträger_innen in Uniformen, bürokratische Vorgänge, die den ankommenden Menschen seiner Menschlichkeit berauben. Manchmal gönnt Danner sich einen trocken eingefangenen Witz, etwa wenn ein Polizeikommando in schweren Uniformen sich unter einer Litfasssäule sammelt, die groß verkündet: "Hauptsache, ihr habt Spaß." Am Ende seiner Bildreise stehen ein paar Porträts von Geflüchteten, die in der europäischen Sicherheit angekommen sind. Der große Bruch in ihrem Leben ist ihnen anzusehen und die Beklommenheit angesichts ihrer Zukunft.

Einen entschiedenen Schritt in die Inszenierung unternimmt der Fotograf Jon Henry, der die US-amerikanische Krankheit aus Rassismus und Polizeigewalt in eine ästhetisierte Sphäre überführt. Er hat schwarze Mütter gebeten, mit ihren wie leblos daliegenden Söhnen in der klassischen Trauerpose der Madonna zu posieren, ein lebendes Symbolbild: der Tod, die Trauer, das stille Leiden unter einer unberechenbaren Bedrohung. Die in diese Rollen schlüpfen, sind bis hierhin noch verschont geblieben vom tödlichen Wüten des Rassismus. Aber sie können sich auch niemals sicher fühlen vor ihm. "Stranger ­Fruit", von Jon Henry auf seiner Homepage und auch auf seiner Instagramseite präsentiert, lädt ein zu langen Blicken in eine Bildwelt, deren Inszeniertheit den Blick auf die bittere Realität nur noch schärft.

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"Ich erkannte, dass die Kamera eine Waffe sein konnte im Kampf gegen Armut, gegen Rassismus, gegen alle sozialen Missstände." Der Fotograf Gordon Parks war einer der wichtigsten amerikanischen Chronisten des 20. Jahrhunderts, und seine Schwarzweißfotografien sprechen noch heute laut und deutlich. Eine seiner großen Sozialreportagen kann man direkt auf Google anschauen, wenn man "gordon parks a harlem family 1967" in die Suchmaschine eingibt. Weitere Einblicke in sein Lebenswerk gibt es hier: www.gordonparksfoundation.org/exhibitions/gallery-exhibitions.

Wasser ist unser aller Existenzgrundlage, es wird gesucht, gefürchtet, verdreckt und verehrt. Mustafah Abdulaziz hat eine wundervolle, stetig weiter wachsende Fotoserie "Water" daraus gemacht, vom trockenen Boden des Ganges über den Duschplatz in Sierra Leone bis zu den jüngsten Fluten in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus.

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ArtActivistBarbie ist auf Twitter zu Hause, und ihre Fotos bestechen durch den klaren Blick auf Frauenfeindlichkeit in der ach so hohen Kunst. Seit 2018 sucht die Barbiepuppe sexistische Kunst in Museen auf, lässt sich davor ablichten und hält gewitzte Kommentare auf Schildern in die Höhe. Es wundert wenig, wie viele ikonische Klassiker sie auf ihrer Mission schon kommentieren durfte: Die "hohe" Kunst ist durch und durch patriarchal geprägt, ein herablassend-softpornografischer Blick auf Frauen herrscht vor. Dank ­Barbie kann man am Akt der Entzauberung sogar seinen Spaß haben.

Klaus Ungerer ist freier Journalist und Autor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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