Amnesty Journal 19. Februar 2020

Fiktion gegen Fake News

Autos auf amerikanischem Highway, der durch eine karge Hügellandschaft führt, im Hintergrund moderne Windkrafträder.

Wo Lüge und Wahrheit kaum noch zu unterscheiden sind, da weist die Fantasie den Weg zur Wirklichkeit: Salman Rushdies Roman "Quichotte" ist ein literarisches und politisches Meisterwerk.

Von Maik Söhler

Wenn die politische Macht dazu übergegangen ist, ein zwangloses und spielerisches Verhältnis zu Wahrheit und Lüge oder auch zu News und Fake News zu entwickeln, um auf diesem Weg dem Falschen Raum zu verschaffen, da steht es um die Wirklichkeit schlecht. So schlecht sogar, dass es der politischen Opposition, Teilen der Medien und der Zivilgesellschaft kaum noch gelingt, geradezurücken, was, etwa im Weißen Haus, zuvor verrückt worden ist.

Warum dann nicht einen Spezialisten hinzuziehen, wenn es darum geht, die Wahrheit wieder genauso erkennbar zu machen wie ihr Gegenteil? Jemanden, der sich auf den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion versteht: Einen Schriftsteller. Und unter den Schriftstellern einen, der die Vielfalt der Realität und die Vielfalt der Fiktion meisterhaft beschreiben kann; der den politisch-gesellschaftlichen Essay genauso beherrscht wie die Belletristik. Salman Rushdie also.

Sein neuer Roman heißt "Quichotte" und ist eine mehr als 450 Seiten starke Auseinandersetzung mit Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass, Individualität und Gemeinsamkeit, mit den USA von heute und der Welt von morgen. Und "Quichotte" ist nicht nur reinste Fiktion, sondern als Schelmenroman auch besonders geeignet, der Wirklichkeit und ihren Interpretationen mit viel Humor dichterisch den Spiegel vorzuhalten.

Genau das gelingt Rushdie von der ersten Seite an. Er nimmt seine Leser mit auf eine literarische Reise durch die USA und manchmal auch in andere Länder, etwa nach Indien und Großbritannien. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich in einen Fernsehstar verliebt und versucht, ihm nahezukommen. Nicht nur das Fernsehen wird so zum Zentrum der Wirklichkeit, mehr Zentren entstehen und konkurrieren um Aufmerksamkeit: Ein eigenmächtiger Erzähler, der sich schnell von Rushdie löst, eine Gesellschaft, die süchtig nach Opioiden ist, digitale Spione und Gegenspione, Vater-Sohn- und Bruder-Schwester-Gespinste und das drohende Ende der Welt. Dazu Eskapismus, wohin man auch schaut.

Zwischen all dem spielt Rushdie virtuos mit Fiktion und Realität. Keine Fiktion ist, dass die Ayatollahs in der Islamischen Republik Iran seit nunmehr 30 Jahren eine Fatwa aufrechterhalten und ihm mit dem Tode drohen. Nicht erfunden ist auch die deutliche Zunahme des Rassismus im US-Alltag, der aus dem Roman herausragt wie ein großer hässlicher Monolith. Selbst das Reich der Fantasie wird vom Rassismus durchbohrt.

Die Fantasie aber wehrt sich, indem sie, also Rushdie, jede Menge Erinnerung an seine Protagonisten verteilt. Die Hysterie einer von schnellen Medien und noch schnellerem Internet beschleunigten Gesellschaft trifft auf Bewusstsein, auf Geschichte. "Das Gewissen stirbt nie", sagt eine Figur und bereitet den Boden für eine Welt, in der die Lüge und der Rassismus automatisch in den Hintergrund gedrängt werden, weil die Wahrheit und ein menschliches Miteinander wieder mehr Raum beanspruchen.
"Quichotte" ist ein Meisterwerk.

Salman Rushdie: Quichotte. Aus dem Englischen von Sabine Herting. Bertelsmann, München 2019. 464 Seiten, 25 Euro.

Weitere Buchrezensionen

Ein Riss geht durch Polen

Von Maik Söhler

Für alle, die sich seit Jahren ärgern, das Nachbarland Polen so wenig zu kennen, gibt es nun einen weiteren Grund, das zu ändern: "Rückkehr nach Polen" heißt ein neues Buch, geschrieben von der deutsch-polnischen Journalistin Emilia Smechowski, das die polnische Gesellschaft in ihrer Vielfalt und Zerrissenheit zugleich zeigt. Smechowski verdichtet ihre Erfahrungen aus einem Jahr, in dem sie in Danzig gelebt und von dort aus große Teile Polens bereist hat. Von der politischen Öffentlichkeit über Medien bis zur katholischen Kirche reichen ihre Betrachtungen, auch das Geschlechterverhältnis, der polnische Blick auf Deutschland und das Gedenken in Auschwitz kommen vor. Vor allem aber steht der "Riss" im Vordergrund, der "Riss" zwischen der eher rückwärtsgewandten Landbevölkerung, die die nationalkonservative PiS wählt, und dem eher urbanen Liberalismus der aufsteigenden Mittelschicht. Mit ehemaligen Solidarność-Funktionären spricht Smechowski, mit Schriftstellerinnen, Babysitterinnen und Studentinnen; manchmal fallen die Gespräche nüchtern aus, und manchmal ist die Autorin zu pathetisch. Doch stets wendet sich Smechowskis Blick auf Polen dahin, wo es wehtut. Die Autorin arbeitet häufig mit den Mitteln der Reportage, geht also möglichst ideologiefrei nahe an die Menschen heran und gibt Situationen wieder, die für sich sprechen. An Kritik am autoritären Staat mangelt es dem Buch nicht. Und doch wirbt es für Polen.

Emilia Smechowski: Rückkehr nach Polen. Hanser ­Berlin, Berlin 2019. 256 Seiten, 23 Euro.

Geraubtes in Glasvitrinen

Von Maik Söhler

"Eine neue Beziehungsgeschichte" ist nach Ansicht des Kulturjournalisten Moritz Holfelder nötig, um in postkolonialen Zeiten die Konsequenzen aus dem europäischen Kolonialismus zu ziehen. "Unser Raubgut", heißt der Titel seines Buchs, das sich kenntnisreich mit afrikanischer Kunst in europäischen Museen auseinandersetzt und vom Autor bewusst als "Streitschrift zur kolonialen Debatte" konzipiert wurde. Der Autor geht weit über das Thema "Raubkunst" hinaus und verweist auf die vielen Asymmetrien im europäisch-afrikanischen Verhältnis – denn politisch und ökonomisch gab und gibt es viele Abhängigkeiten. Diese Zusammenhänge kenntlich zu machen, gelingt Holfelder gut. Fatal, dass sich auch in der Kulturpolitik wieder Kräfte breitmachen, die ein eher positives Verhältnis zum Kolonialismus propagieren. Umso wichtiger ist daher, dass der Autor den Mythos widerlegt, das Deutsche Reich habe im Vergleich zu den Gräueln der britischen, französischen und niederländischen Kolonialmächte eher harmlos in den Kolonien agiert. "Unser Raubgut" sammelt viele gute Argumente für einen besseren Umgang mit Kunst und Ausstellungsgegenständen, die aus kolonialistischen Raubzügen und politisch-militärischer Erpressung stammen. Das Buch ist aber auch für all jene interessant, die jenseits der Kulturdebatte Antworten hören wollen.

Moritz Holfelder: Unser Raubgut. Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte. Ch. Links Verlag, Berlin 2019. 224 Seiten, 18 Euro.

Hart gegen Rechts

Von Maik Söhler

Auf vielen Seiten ist es ein Genuss, den Gedanken Philipp Ruchs in seinem Buch "Schluss mit der Geduld" zu folgen. Ruch ist Gründer und künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit, das zuletzt wegen einer pietätlosen Politaktion, bei der angeblich die Asche von Holocaustopfern verwendet wurde, in die Kritik geraten war. In diesem Buch beleuchtet Ruch konsequent jene Politiker, die die Demokratie einschränken oder abschaffen könnten, wenn sie dank demokratischer Wahlen an die Macht kämen. Dass Ruch dem AfDler Björn Höcke ein nachgebautes Holocaustmahnmal vor dessen Haus gesetzt hat, ist eine künstlerische Intervention in jenem Bereich, in dem einst Unsagbares ("Denkmal der Schande" nannte Höcke das Mahnmal) zum Standardvokabular unter AfDlern, Pegidisten und anderen extrem Rechten geworden ist. Ruchs Buch sagt: Schluss damit! "Schließen wir uns zusammen. Verteidigen wir die Menschheit." "Aggressiver Humanismus" sei gefragt, um den Vormarsch der Rechtsextremen zu stoppen. Das Buch versteht sich als "Anleitung für kompromisslose Demokraten". Anleitungen sind nicht dafür bekannt, verfeinerte Gesellschaftskritik hervorzubringen, und das gilt auch für "Schluss mit der Geduld", das mehr Pamphlet als Essay ist. Man kann es auch so sehen: Die extreme Rechte ist mit allerlei Vereinfachungen und kompromissloser Härte angetreten; sie darf sich nicht wundern, wenn es ihr jemand in ähnlicher Münze heimzahlt.

Philipp Ruch: Schluss mit der Geduld. Ludwig,
München 2019. 192 Seiten, 12 Euro.

Die Macht der Stimme

Von Marlene Zöhrer

Eine junge Frau aus Harlem erhebt ihre Stimme. Ihre Sprache sind Gedichte, freie Verse, manchmal Haikus. Rhythmisch, wortgewandt und voller Kraft setzt sie Worte und Leerstellen, bringt sie ihre Sorgen und Wünsche zu Papier. Ihr Notizbuch ist ihr Zufluchtsort – ihm vertraut sie sich an. Im wahren Leben aber schweigt Xiomara oder lässt ihre Fäuste sprechen, um sich zu verteidigen. Xiomara bedeutet "eine, die zum Kämpfen bereit ist". Und kämpfen, das muss die gerade mal 16-Jährige tatsächlich: um ihren Platz in der Familie, gegen sexuelle und rassistische Übergriffe in Schule und Alltag. Dabei möchte Xiomara doch nur sie selbst sein. Sie möchte sich nicht mehr verstecken müssen, nicht mehr nur auf ihre üppigen Kurven oder ihre Hautfarbe reduziert werden. Sie möchte sich verlieben dürfen. Doch das entspricht nicht den Erwartungen ihrer Mutter, einer strenggläubigen Katholikin aus der Dominikanischen Republik. Die deutsche Poetry-Slammerin Leticia Wahl hat das vielfach ausgezeichnete Debüt von Elizabeth Acevedo, die ebenfalls Poetry-Slammerin ist, aus dem Amerikanischen übersetzt. Die Sprache, die sie für die Gedanken, die Wut, aber auch die Hoffnung der Ich-Erzählerin gefunden hat, lässt keinen Zweifel daran, dass Xiomara am Ende tatsächlich ihren Weg auf die Poetry-Slam-Bühne findet und ihre Stimme erhebt.

Elizabeth Acevedo: Poet X. Aus dem Amerikanischen von Leticia Wahl. rororo rotfuchs, 2019. 352 Seiten, 15 Euro. Ab 14 Jahren

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