Amnesty Journal Indien 13. Juli 2020

Die Stimme der Frauen

Eine mittelalte Frau mit schwarzgrauem Haar, es ist die indische Verlegerin Urvashi Butalia, steht in einem Treppenaufgang.

Seit 40 Jahren für Frauenrechte aktiv: Die Schriftstellerin und Historikerin Urvashi Butalia führt ein feministisches Verlagshaus in Neu-Delhi (2020).

In Indien droht Corona außer Kontrolle zu geraten. Am härtesten trifft es die Ärmsten der Gesellschaft und die Frauen. Sie könnten mühsam erkämpfte Rechte in der Isolation wieder verlieren, warnt die Verlegerin Urvashi Butalia.

von Urvashi Butalia

Am 22. März, um acht Uhr abends, kündigte der indische Premierminister als Reaktion auf die Ausbreitung des Corona-Virus einen ausgedehnten Lockdown an. Die Ausgangssperre werde in vier Stunden beginnen.

Die Mitteilung verbreitete Panik. Die Menschen stürzten los, um Vorräte zu kaufen und vergaßen dabei alle Abstandsregeln. Aber es war später Abend, die meisten Geschäfte hatten bereits geschlossen. Am nächsten Morgen sah sich Indiens gewaltige informelle Arbeiterschaft ausgesperrt – mehr als 70 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Millionen Menschen, die meisten von ihnen Migranten aus ländlichen Gegenden, durften nicht mehr an ihre Arbeitsplätze und hatten keinerlei Information, was ihre Jobs und ihre Löhne betraf.

Bald schon hatten sie kein Geld mehr. Die Vermieter warfen sie hinaus. Ihre Ersparnisse waren aufgebraucht. Zunächst schliefen sie auf den Straßen, noch in der Hoffnung, die Regierung würde sie versorgen. Als dies nicht geschah, beschlossen sie, in ihre Heimatorte zu fahren. Aber es gab keine Verkehrsmittel mehr. Millionen Menschen begannen, zu Fuß zu gehen, Tausende von Kilometern, ohne Nahrung und Wasser. Viele starben.

Das Herzstück dessen, was wir tun, ist Feminismus.

Urvashi
Butalia
Indische Historikerin, Schriftstellerin, Verlegerin

In unserem kleinen, unabhängigen feministischen Verlagshaus in Neu-Delhi hatten wir bereits vor der offiziellen Ausgangssperre beschlossen, von zu Hause aus zu arbeiten. Wir hatten gedacht, wir könnten die Zeit nutzen, um vieles nachzuholen, und dann wieder zur Arbeit zurückkehren. Doch der Lockdown wurde verlängert und verlängert, und unsere Lage verschlechterte sich zusehends. Denn wie die meisten kleinen Unternehmen haben wir keine Ersparnisse und keinen Puffer. Wie würden wir überleben?

Feministischen Stimmen Gehör verschaffen

Es dauerte eine Weile, aber dann setzte sich das Gefühl durch, doch eine Perspektive zu haben. Schließlich sind wir politische Verlegerinnen. Das Herzstück dessen, was wir tun, ist Feminismus. Bei unseren Veröffentlichungen geht es nicht um Gewinne – obwohl Gewinn hilft –, sondern es geht darum, feministischen Stimmen Gehör zu verschaffen, und insbesondere die Stimmen zu verstärken, die an den Rändern der Gesellschaft vernehmbar sind. Also begannen wir das zu tun, was Feministinnen tun: kreativ denken.

Wir baten Frauen, die wegen der Pandemie zu Hause eingesperrt sind, ihre Handys einzusetzen und mit Fotos und Berichten zu dokumentieren, wie sich der Lockdown auf ihr Leben auswirkt. Wir haben dieses Projekt "Reframing the Domestic" genannt, daraus ist eine Serie fortlaufender Fotoaustellungen entstanden.

Häusliche Gewalt und gesundheitliche Notfälle

Rund um die Uhr in beengte Wohnungen gesperrt, sahen sich Frauen in zunehmendem Maß mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Die gesundheitliche Notfallsituation hat dazu geführt, dass andere notwendige medizinische Dienste, die sich zum Beispiel mit Familienplanung und sexueller Gesundheit befassen, zu kurz kommen. Notruf-Angebote der Gemeinden und der Polizei wurden eingestellt. Die Lebensgrundlage von Frauen wurde zerstört. Besonders verwundbar sind unsere Pflegekräfte, von denen mehr als 75 Prozent Frauen sind. Über all diese Dinge muss gesprochen werden. Und als wir damit anfingen, stellten wir fest, wie bereit die Frauen waren, für sich selbst zu sprechen. Das hat uns wiederum veranlasst, über die Schaffung eines Archivs für die Stimmen der Frauen nachzudenken.

Werden daraus Bücher? Wir wissen es nicht. Werden wir überhaupt wieder Bücher verlegen können? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist: Als Produzentinnen feministischen Wissens im Süden werden wir alles tun, um dieses Wissen lebendig und reich zu erhalten.

Übersetzung aus dem Englischen: Cornelia Wegerhoff

Zur Person

Urvashi Butalia

Die 1952 im indischen Ambala geborene Urvashi Butalia ist Schriftstellerin, Historikerin und Verlegerin und engagiert sich seit mehr als 40 Jahren für Frauenrechte. Die Aktivistin war 1984 Mitbegründerin von "Kali for Women", dem ersten feministischen Verlagshaus in Indien, aus dem 2003 "Zubaan" (zu Deutsch: Zunge, Sprache, Stimme) entstand. Der Verlag mit Sitz in Neu-Delhi publiziert Bücher von und über Frauen, um deren Stimme am Rande des globalen Südens zu stärken. Die Verlegerin erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise. Das deutsche Goethe-Institut zeichnete Urvashi Butalia 2017 mit der Goethe-Medaille aus. Mehr Infos: zubaanbooks.com

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