Amnesty Journal Großbritannien und Nordirland 03. Dezember 2021

Postkoloniale Melancholie

Eine Bronzestatue, Bildnis eines Mannes, ist mit roter Farbe beschmiert.

Gezeichnet: Die Statue des Bristoler Sklavenhändlers Edward Colston harrt in einem Museum der Stadt ihrer Zukunft.

Im Sommer 2020 stürzten Aktivist_innen der britischen Black Lives Matter-Bewegung die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in Bristol. Die Debatte über die koloniale Vergangenheit Großbritanniens dauert an.

Von Oliver Pohlisch

Mindestens bis Januar 2022 muss er noch liegen, gezeichnet von den Spuren seines Sturzes: Edward Colston aus Bristol, oder vielmehr die Bronzestatue, die man ihm zu Ehren 1895 in seiner Heimatstadt errichtete, ist derzeit im lokalen Museum M Shed zu besichtigen. Rings um die liegende Figur wird auf Wandtafeln der Black Lives Matter-Protest am 7. Juni 2020 rekapituliert: Damals holten Aktivist_innen die Statue vom Sockel und versenkten sie im Fluss Avon. Mit der Statue wollten die Kaufleute, die sie einst ­finanzierten, an das philanthropische Wirken Colstons erinnern. Doch das Geld für die Wohltaten stammte aus kolonialen Unternehmungen des 1721 gestorbenen Geschäftsmannes, der an der Versklavung von mehr als 84.000 Menschen beteiligt war.

Der Protestakt – ein Höhepunkt der britischen Black Lives Matter-Bewegung, die nach dem Mord an George Floyd in den USA die Welt erfasste – kam keineswegs aus heiterem Himmel. Schon in den 1920er Jahren wurde der Ursprung von Colstons Reichtum problematisiert, ab den 1990er Jahren gab es in Bristol eine Debatte über die Rolle der Stadt als Zentrum des Sklavenhandels. Das Denkmal blieb ein Stein des Anstoßes, überdauerte jedoch Bemalungen und Petitionen, die seine Entfernung forderten. Eine Plakette, die über den Sklavenhändler aufklären sollte, wurde nie angebracht. Der Ruf Colstons, den im Rest des Landes zuvor kaum jemand kannte, war also längst angeknackst, als die Aktivist_innen sein Ebenbild demontierten, um auf die Verbindung zwischen dem in der britischen Gesellschaft fortdauernden Rassismus und der fehlenden Auseinandersetzung mit kolonialen Verbrechen aufmerksam zu machen.

"Imperialismus als zivilisatorische Mission"

Die Erzählung vom "Imperialismus als zivilisatorischer Mission", die sich in Großbritannien hartnäckig hält, hat nach Ansicht des Soziologen Paul Gilroy zu einer "postkolonialen Melancholie" geführt, die das Eingeständnis von Verantwortung für das Leid und den Tod von Millionen verhindert und die Konflikte in der postkolonialen Gegenwart leugnet. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Jahr 2020 bestätigte die weite Verbreitung dieses Gefühlszustands: 32 Prozent der ­Befragten waren stolz auf die imperiale Vergangenheit Großbritanniens, 33 Prozent glaubten, die Ex-Kolonien hätten von der Fremdbestimmung profitiert, und 27 Prozent wünschten sich das Empire zurück.

Die Regierung von Boris Johnson reagierte auf die Protest­aktion ganz im Sinne der postkolonialen Melancholiker_innen. Innenministerin Priti Patel nannte den Sturz Colstons "absolut schändlich". Und der inzwischen abgesetzte Bauminister Robert Jenrick lancierte Anfang 2021 einen Gesetzentwurf, der die lokale Befugnis über strittige Denkmäler einschränken soll, um letztere vor "Militanten in den Rathäusern" zu retten. Denn tatsächlich hatte die Aktion in Bristol die Stadtverwaltungen etwa von Manchester oder Glasgow dazu veranlasst, ähnliche ­Monumente einer Neubewertung zu unterziehen.

Den Moment verewigen

Der Publizist Gary Younge plädierte dafür, alle Statuen imperialer Eroberer und Völkermörder zu beseitigen, doch will er sie nicht durch Statuen von Freiheitskämpfer_innen und Bürgerrechtler_innen ersetzt wissen. Abgesehen von ihrer ästhetischen Fragwürdigkeit würden solche figurativen Kunstwerke ­bestimmte historische Momente auf das Wirken einzelner Personen reduzieren, schrieb Younge im Guardian. Doch genau dies tat die Figur, die der Bildhauer Marc Quinn einen Monat nach Colstons Fall bei Nacht und Nebel auf den verwaisten Sockel setzte. Naturgetreu zeigte sie, wie die Aktivistin Jen Reid während des Black Lives Matter-Protests auf der just entstandenen Leerstelle mit gereckter Faust verharrte. Ihr Partner schoss dabei das Foto, das Quinn als Vorlage diente.

Hätte die Stadt Bristol die Plastik nicht am nächsten Tag wieder entfernt, wäre sie erst die dritte Statue einer schwarzen Frau im öffentlichen Raum in Großbritannien gewesen. Dieser Rang fiel daraufhin der 2,70 Meter hohen Skulptur "Reaching Out" zu, die im August 2020 im Londoner Bezirk Stratford enthüllt wurde. Sie zeigt eine ganz gewöhnliche Frau, die in relaxter Pose auf ihr Smartphone schaut. Ausgerechnet der Schöpfer dieser Skulptur, der schwarze Bildhauer Thomas J. Price, übte scharfe Kritik an Quinn und warf seinem weißen Kollegen vor, einen PR-Stunt veranstaltet zu haben. Aufgrund seines privilegierten Zugangs zu Ressourcen habe dieser Reids Geste "kolonialisiert". Quinns Vorgehen sei kein solidarischer Denkanstoß, so Price, sondern würde vielmehr die Diskussion um die Zukunft von ­Sockel und Colston-Statue sabotieren, in der vor allem die Nachfahren der Kolonialisierten zu Wort kommen sollten.

Banksy äußert sich

Inzwischen prangt in der Street-Art-Hochburg Bristol ein Mural mit Reids Konterfei direkt gegenüber vom ersten großen Graffiti Banksys. Der prominenteste Künstler der Stadt hat sich ebenfalls zur künftigen Gestaltung des Sockels geäußert. Auf ­Instagram postete er eine Skizze, die festhält, wie die Demons­trant_innen den Sklavenhändler kippen. Mit der Verewigung des Moments, so Banksy, könnten beide Seiten glücklich sein: jene, die die Rückkehr Colstons wünschten, und jene, die ein neues Denkmal wollten.

Bristols Stadtverwaltung unter Marvin Rees, dem ersten schwarzen Bürgermeister einer britischen Großstadt, zeigte sich von der prominenten Intervention unbeirrt. Sie berief eine Expert_innenkommission ein, die eine Empfehlung zum Umgang mit den heiklen Artefakten abgeben soll. In Kooperation mit M Shed machte die Kommission die nach vier Tagen Tauchgang geborgene Colston-Statue wieder öffentlich zugänglich, um das Gespräch in Sachen Denkmal möglichst inklusiv zu gestalten. Die Museumsbesucher_innen waren aufgefordert, bis Anfang Oktober vor Ort oder online ein Votum zum postkolonialen Schicksal von Statue und Sockel abzugeben. Das Ergebnis der Umfrage wird in die Empfehlung einfließen.

Oliver Pohlisch ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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